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Ulrich Bahrke (Hrsg.): "Denk´ ich an Deutschland..."

Cover Ulrich Bahrke (Hrsg.): "Denk´ ich an Deutschland...". Sozialpsychologische Reflexionen. Brandes und Apsel (Frankfurt) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-86099-669-0.

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Die schwierige Suche nach der kollektiven Identität

Der Widerspruch ist deutlich: Während einerseits das kollektive Gedächtnis der Deutschen durch die dramatischen und katastrophalen Entwicklungen – Erster und Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Teilung Deutschlands… – eher verdrängt und das Bekenntnis zur nationalen Identität über viele Jahrzehnte hinweg gewissermaßen kleingehalten und von Schamgedanken und Schuldgefühlen überlagert wurde, ergibt eine aktuelle Umfrage der BBC, dass befragte Nichtdeutsche Deutschland mit einem überaus positiven Bild belegen. Das vielbeklagte Fehlen und Zögern der Deutschen, eine Vergangenheitsbewältigung vorzunehmen, um das Wort „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ weder rassistisch noch ideologisch, sondern ehrlich und aus Überzeugung auszusprechen, muss Ursachen haben. Die Historiker, Psychologen und Soziologen sind dabei bisher nur fragmentarisch fündig geworden.

Entstehungshintergrund

Da ist es interessant, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands, wie auch nach dem Ende des bis dahin bestimmenden, konfrontativen und (welt-)kriegsgefährlichen Ost-West-Konflikts, sozialpsychologische Reflexionen darüber vorzunehmen, wie die Deutschen diese neue Situation verkraften und welche kollektiven Identitäten sie entwickeln. Das traditionsreiche Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main hat, als Forschungsinstitut für Psychoanalyse und ihre Anwendungen mit nationaler und internationaler Vernetzung, aus Anlass des 60jährigen Bestehens der Bundesrepublik Deutschland und der 20jährigen Wiederkehr des Berliner Mauerfalls und der Wiedervereinigung, im November 2009 eine Fachtagung durchgeführt, um in einem interdisziplinären Dialog „über Deutschland und uns Deutsche nachzudenken“. Der Tagungsband wird soeben vom Brandes & Apsel-Verlag vorgelegt.

Herausgeber

Als Herausgeber fungiert Ulrich Bahrke, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychoanalytiker im Sigmund-Freud-Institut. Der Titel, Anfangsstrophe des Heinrich Heine-Gedichts „Nachtgedanken - „Denk ich an Deutschland…“ – soll deutlich machen, dass ein Nachdenken über kollektive Entwicklungen und Selbstfindungsprozesse immer auch das Ziel haben sollte, „zur Aufklärung und einem vertieften Verständnis gesellschaftlicher Phänomene“ beizutragen. Die Psychoanalyse kann, unter Berücksichtigung von soziologischen, sozialpsychologischen, historischen, erziehungswissenschaftlichen und philosophischen Sichtweisen, Denk- und Handlungsanstöße dazu leisten, die aktuelle Identitätssuche der Deutschen in die richtigen, demokratischen und globalen Bahnen zu lenken. Die sich dabei ergebenden Vergewisserungen, Irritationen und Konflikte werden in den einzelnen Beiträgen thematisiert, aufeinander bezogen und in kontroversen Positionen diskutiert. Das Ziel des interdisziplinären Dialogs in Frankfurt/M. lässt sich so formulieren: „Es geht um die Akzeptanz der begrenzten, verletzbaren, unvollkommenen Realität der Welt und unserer selbst“.

Aufbau und Inhalt

Der Tagungsband wird in drei Teile gegliedert.

Im ersten Teil geht es um „Interdisziplinäre Annäherungen“, im zweiten um „Persönliche Reflexionen“, und im dritten werden „Sozialpsychologische Studien“ zur Diskussion gestellt. Der Historiker und Autor Gerd Koenen denkt über die „Teilung Deutschlands als innere und äußere Realität“ nach. Mit dem bezeichnenden Satz einer in den Abendstunden des 9. November 1989 euphorisierten jungen Ost-Berlinerin: “Zwick mich, ick gloobs nich!“, reflektiert Koenen seine Gedanken und Analysen zu dem geschichtlich gewachsenem Phänomen: „Zwischen Sonntagsreden und Alltagsbewusstsein entstand eine solche Kluft, dass man wohl von einem chronisch gespaltenen Bewusstsein sprechen darf“. Dass diese innere Spaltung und dieses diffuse Selbstbild in der bundesdeutschen Gesellschaft noch längst nicht überwunden sind, zeigt die Analyse, dass das „latente Misstrauen der Deutschen gegeneinander und gleichsam gegen `sich selbst`“ spürbar bleibt. Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung und Lehranalytiker, Herausgeber der Zeitschrift „Psyche“, Werner Bohleber, reflektiert über „Trauma, Erinnerung und kollektive Identität“. Nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch die Psychoanalyse ist aufgefordert, „die destruktiven Potentiale, individuelle und kollektiv erzeugte Gefühle sowie Einsichten“ im Zusammenhang von kollektivem Gedächtnis und Erinnerungsbewusstsein deutlich zu machen. Die Aufgaben für einen generationalen Identitätsbildungsprozess bleiben. Die Psychologin, Germanistin und Politikwissenschaftlerin Angelika Ebrecht, setzt sich auseinander mit den schwierigen Parametern „Charakter, Persönlichkeit und soziale Beziehung“, die sich aus dem Wiederzusammenfügen der beiden deutschen gesellschaftlichen und ideologischen Systeme ergeben. Die im gesellschaftlichen Alltag spiegelnden Gegenstücke einer positiven Idealvorstellung mit negativen, destruktiven und dämonischen Objektbeziehungen erfordern eine Anstrengung, um durch gemeinsame Symbole, Sinnstrukturen und Handlungsmuster die Spaltungen im Denken und Handeln der Deutschen zu überwinden.

Den zweiten Teil beginnt der US-amerikanische Lehr- und Kontrollanalytiker Peter J. Loewenberg mit „Selbstreflexionen zur Identität eines amerikanisch-deutsch-jüdischen Psychoanalytikers und Historikers“. Er verortet sein Nachdenken über Deutschland mit den Jahresdaten 1933 – 1961 – 1989. Dabei bezieht er sowohl den erzwungenen Aufbruch von sich und seiner Eltern von Deutschland nach China, nach Kalifornien und nach den Wurzeln suchend nach Deutschland. Dabei bekennt er, dass seine „Vorliebe für richtig gedämpften Reis und das Genießen chinesischen Tees“ nicht unwesentlich dazu beitragen, seine Forschungsinteressen für Gruppenfunktionen beeinflusst und veranlasst zu haben. Annette Simon hat als Diplom-Psychologin von 1974 bis 1991 in einer Ostberliner psychiatrischen Klinik gearbeitet; sie ist als Psychoanalytikerin und Lehranalytikerin in der Berliner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie engagiert. In einem informativ reichen Vortrag stellt die Autorin einen Zusammenhang von „RAF und Stasi“ her. Ihre Bekenntnisse über Missverständnisse bei der Einschätzung der RAF in der BRD, ihre Verzweiflung beim erkenntnisleitenden Widerstand gegen die Politik und Ideologie in der DDR, bis hin zu dem zweifelnden und trotzigen Dennoch, dass es eine Alternative zur bestehenden kapitalistischen Demokratie geben könne, beeindrucken. Der Psychoanalytiker und Psychotherapeut Hans-Jürgen Wirth, Wissenschaftler an der Goethe-Universität in Frankfurt und Verleger des Psychosozial-Verlags, reflektiert in seinem Beitrag sein „emotional gefärbtes, diffiziles Verhältnis zur RAF“, indem er über „Die 68er-Bewegung und die RAF“ spricht und dabei feststellt, dass „der Terrorismus der RAF eng mit der deutschen Geschichte verknüpft und tief im kollektiven psychischen Haushalt der bundesrepublikanischen Gesellschaft verwurzelt ist“. Dabei plädiert er dafür, sich zur persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Verantwortung zu bekennen: „Die Deutschen `haften` mit oder ohne `Gnade der späten Geburt` für die Nazis, so wie die 68er für die RAF `haften`. Nur wenn man diese innere Mitverantwortung, die natürlich keine juristische ist, anerkennt, wird die Gewalt bearbeitbar“. Ulrich Bahrke taucht mit seinem Bekenntnis „Teilung, Vereinigung und weitere Zumutungen – Reflexionen eines Ostdeutschen im Westen“ tief in persönliche Befindlichkeiten, wie auch in die Beobachtungen des Ist-Zustandes im Verhältnis der „Wessis“ zu den „Ossis“ und umgekehrt ein. Da sind die Zweifel seines wohl nicht unbedingt linientreuen Deutschlehrers, und gleichzeitig seine Anpassung an die Macht: „Ich kann nur auf dem Bauche kriechend in eine halbwegs würdige Stellung gelangen“; aber auch die Kränkungen nach der Wiedervereinigung durch ungleiche Bewertungen, Dominanz und Arroganz, wie auch durch das deutliche Desinteresse der Deutschen im Westen an den Befindlichkeiten deren im Osten; und nicht zuletzt durch die allzu oberflächlichen und fehlenden Selbstauseinandersetzungen mit den diktatorischen Verhältnissen. Der Psychiater an der Universität Greifswald, Harald J. Freyberger, nimmt die Gegenposition ein, wenn er über „Teilung, Vereinigung und weitere Zumutungen – Reflexionen eines Westdeutschen im Osten“ spricht. „Es sind jene grundlegend verschiedenen, aber sich zunehmend angleichenden Entwicklungen in beiden Gesellschaften, die dazu geführt haben, dass das Fremde in einer vermeintlich gemeinsamen Sprache sowie in Handlungen und Interaktionen nur scheinbar verständlich ist und häufig einer Dechiffrierung bedarf“. Die eigenen Forschungsergebnisse zur Epidemiologie und zu Traumatisierungen lassen, mit Blick auf die jüngere Generation, allerdings lassen hoffen, dass die Verwundungen und Verdrängungen überwindbar sind.

Den dritten Teil leitet die Direktorin am Sigmund-Freud-Institut und Professorin für Psychoanalytische Psychologie der Universität Kassel, Marianne Leuzinger-Bohleber, unter Nutzung von Heines Fragment „`Denk ich an Deutschland…` und seine Aufwachsenden in Ost und West“ ein. Dabei stellt sie Fallbeispiele vor, die sich an die kulturpessimistischen Auffassungen Sigmund Freuds anlehnen – „Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen, dass bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und dass diese bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind, um ihr Verhalten in der Gesellschaft zu bestimmen“. Die Autorin fragt, inwieweit in den geschilderten Kinderschicksalen sowohl individuelle und familiäre, als vor allem auch gesellschaftliche und die unterschiedlichen frühkindlichen Erziehungs- und Bildungsformen in der ehemaligen DDR und der BRD ursächlich in Beziehung zu bringen sind und eine stärkere Sensibilisierung erfordern für den „Umgang mit den Aufwachsenden hier in Deutschland (der) … nicht in einem geschichtslosen, neutralen Raum (geschieht), sondern eben in Deutschland mit seiner spezifischen Geschichte und seinem Ringen um das Bewusstwerden unbewusster transgenerationaler Identifikationen in individuellen und kollektiven Strukturen“. Die Ärztin für Neurologie und Psychiatrie Ingrid Kerz-Rühling, die Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin Irene Misselwitz und die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie Dagmar Völker referieren über „Probleme und Chancen frühkindlicher Fremdbetreuung auf dem Hintergrund der Erfahrung in der DDR“. Dabei stellen sie die Konzepte, Organisationsformen und Auswirkungen der Krippenbetreuung in der DDR dar und diskutieren die Verläufe und Ergebnisse von wissenschaftlichen Untersuchungen bei Erwachsenen mit Krippenerziehung und die vorfindbaren emotionalen Defizite bei der Erziehung der eigenen Kinder. Daraus filtern sie Hinweise für eine moderne Krippenbetreuung heute. Der Psychologe, Germanist und Soziologe von der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Rolf Haubl und der Leipziger Elmar Brähler stellen die Ergebnisse einer repräsentativen Fragebogenuntersuchung zur Thematik „Neid und Neidbewältigung in Deutschland“ vor. Dabei ergibt sich zwar, dass „Neid“ kein speziell deutsches Phänomen ist; doch die vorfindbaren „Neid“ – Ausdrücke und Befindlichkeiten bei Ost- und Westdeutschen lassen danach fragen, „um welche Güter die Gesellschaftsmitglieder einander beneiden und wie sie mit ihrem und den Neid anderer umgehen“. Die gesellschaftlich, aufklärerisch und erzieherisch sich ergebende Herausforderung: Neidfreie Gesellschaften gibt es nicht; jedoch: „wahrgenommene soziale Gerechtigkeit (dämpft) feindselig-schädigenden Neid“.

Fazit

Die mit dem psychoanalytischen Blick vorgenommenen, interdisziplinären interessanten Reflexionen über den Zustand der Deutschen und im faktisch vereinigten Deutschland Hier und Heute sollten nicht nur als eine Momentaufnahme betrachtet werden; sie sind Aufforderung und Herausforderung für die Habhaftwerdung eines „deutschen Selbstverständnisses“ und einer Identität, die sich nicht mehr national verorten lässt, sondern europäisch und global gedacht und entwickelt werden muss. Mit der Heinesche Metapher „Denk ich an Deutschland…“ schwingt eine gesellschaftliche Aufgabe mit, die sich im empathischen Umgang der Menschen ausdrückt. So lassen sich die Frankfurter Reflexionen auch verstehen als ein gesellschaftlicher Aufruf zur intensiveren Integration der „hier lebenden Bevölkerungsgruppen hinsichtlich eines gemeinsamen Selbstverständnisses in ein (Verfassungs-)Gespräch zu bringen: die Deutschen der alten Bundesrepublik, die Flüchtlinge und Ausgereisten aus der DDR von 1949 bis 1989, die Migranten der alten Bundesrepublik, die seit 1990 nach Deutschland Eingewanderten, die seitdem in den Westen oder in den Osten Übergesiedelten und die Ostdeutschen, die gewissermaßen Migranten ohne Wohnortwechsel geworden waren“. Die Spannungen zu erkennen und abzubauen; vor allem aber die Chancen der gesellschaftsfördernden Vielfalten zu nutzen, das ist eine Aufgabe, die es lohnt, intensiver als bisher anzugehen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 31.08.2010 zu: Ulrich Bahrke (Hrsg.): "Denk´ ich an Deutschland...". Brandes und Apsel (Frankfurt) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-86099-669-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9334.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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