Figen Özsöz: Rechtsextremistische Gewalttäter im Jugendstrafvollzug

Cover Figen Özsöz: Rechtsextremistische Gewalttäter im Jugendstrafvollzug. Der Einfluss von Jugendhaft auf rechtsextremistische Orientierungsmuster jugendlicher Gewalttäter. Duncker & Humblot (Berlin) 2010. 284 Seiten. ISBN 978-3-428-13297-3. 35,00 EUR, CH: 57,00 sFr.

Max-Planck-Institut für Ausländisches und Internationales Strafrecht [Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts für Ausländisches und Internationales Strafrecht, Freiburg i. Br. / K]: Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts für Ausländisches und Internationales Strafrecht, Freiburg i. Br. - Band 148 - K, Kriminologische Forschungsberichte.

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Thema und Entstehungshintergrund

Orte wie Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hünxe und Solingen erinnern nach wie vor an außergewöhnliche Exzesse fremdenfeindlicher Gewalt. Die dort begangenen Brandanschläge, die neben Schwerverletzten auch Tote zur Folge hatten, lenkten den Blick einer aufgeschreckten Öffentlichkeit in besonderem Maße auf die Täter, bei denen es sich – wie in vielen Fällen weniger spektakulärer, von Hass auf Fremde geprägter Gewalt – zumeist um Jugendliche handelte, die durchweg über eine rechtsextremistische Orientierung verfügten. Mit dem Abscheu über die Taten und ihre Motive verband sich in der Regel die lautstark vorgetragene Forderung nach harter Bestrafung, also langandauernder Haftstrafen, die dafür sorgen sollten, diesen „verirrten“ und „verführten“ jungen Menschen die rechtsextreme Ideologie auszutreiben. Dabei ging man wie selbstverständlich davon aus, dass der lang Aufenthalt in Jugendstrafanstalten tatsächlich zu grundlegenden Einstellungs- und Verhaltensänderungen führt und am Ende „geläuterte“ Menschen in Freiheit entlassen werden. Für alle diejenigen, die sich in Wissenschaft und Praxis mit der Wirklichkeit und den Folgen von Jugendstrafvollzug intensiver beschäftigt haben, spricht eine solche Einstellung für ein ordentliches Maß an Ignoranz und Naivität. Gleichwohl müssen auch die „Experten“ zugeben, dass zu der Frage, wie Strafhaft auf jugendliche Gewalttäter mit rechtsextremistischer Orientierung eigentlich Wirkung zeigt, grundlegende Forschung schlichtweg fehlt.

So ist es zunächst als verdienstvoll zu werten, dass erstmals mit der vorliegenden Publikation im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Verbundprojekts „Recht, Norm, Kriminalisierung“ in der kriminologischen Abteilung des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht dieser Frage wissenschaftlich nachgegangen wird: welche Auswirkungen hat eine Jugendstrafe auf den Entwicklungsprozess junger Männer, die rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten begangen haben?

Aufbau und Inhalt

Ausführlich wird von der Autorin der aktuelle Stand der Forschung vorgestellt; dabei stehen die Klärung des Begriffs „Rechtsextremismus“, Statistisches zu rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten, die Herausarbeitung von Merkmalen rechtsextremistischer Gewalttäter und der Umgang mit diesen im Strafvollzug im Vordergrund.

Im Anschluss werden zunächst allgemein die Auswirkungen von Jugendhaft im Zusammenhang mit theoretischen Ansätzen zum Sozialisationsprozess im Strafvollzug, zum Autoritarismus und der sozialen Identität und sodann spezifisch die Entwicklungsbedingungen „Gefängnis“ (Abbau versus Verfestigung rechtsextremistischer Orientierungen) reflektiert.

Auf der Basis der ausgebreiteten Forschungsansätze arbeitet die Autorin die zentrale Fragestellung der Studie heraus und stellt ihren Untersuchungsansatz und die angewandten Forschungsmethoden dar. Insgesamt wurden 37 inhaftierte Jugendliche mit leitfadengestützten Einzelinterviews ein erstes Mal in der Anfangsphase ihrer Inhaftierung und ein zweites Mal sieben bis neun Monate später befragt.

Die Darstellung der Ergebnisse der Befragung, die den Schwerpunkt der Arbeit bilden, erfolgt unter den folgenden Gesichtspunkten:

  • individual-psychologische Merkmale,
  • die Straftaten,
  • sozial-institutionelle Merkmale,
  • Rechtsextremistische Orientierungen sowie
  • soziale Ressourcen und Lebensziele.

Mit der Diskussion der gewonnen Erkenntnisse und einem Ausblick für die Praxis des Jugendstrafvollzugs endet die Untersuchung.

Diskussion

Die spannende Frage, was nun mit rechtsextremistisch orientierten Jugendlichen im Strafvollzug an Veränderungen in Einstellung und Verhalten geschieht, lässt sich mit einem Zitat kurz zusammenfassend wie folgt beantworten: „Jugendliche, die wegen rechtsextremistisch motivierter Straftaten zu einer Jugendstrafe verurteilt werden, sind nach Ablauf der Jugendstrafe in der Regel nicht weniger rechtsextremistisch eingestellt, aber vermutlich in der Lage, ihre Einstellung besser zu verpacken und zu verstecken“ (S. 229). Daraus folgt letztlich, was man schon lange weiß, das nämlich durch Strafe, gleichgültig ob als Instrument von Erziehung oder Resozialisierung, eine Verhaltensänderung nur von kurzer Dauer ist, eben so lange wie der Druck und Eindruck von Freiheitsentzug unmittelbar wirkt, jedoch kein neues Verhalten mit neuen Einsichten erlernt wird sondern unerwünschtes unterdrückt wird. Diese wichtige und aufklärende Studie bestärkt von Neuem alte Erkenntnisse über die – zumeist negativen – Folgen des derzeitig praktizierten Jugendstrafvollzugs und lässt den Leser zu der Schlussfolgerung kommen, dass sich die rechtsextremistisch orientierten jungen Männer, wenn sie denn wieder in Freiheit entlassen werden, in der Regel mehr zu den traditionell vermittelten bürgerlichen Werten wie Arbeit, Familiengründung, materiellem Status hinwenden … und, vielleicht auf diese Weise brav geworden, bei der nächsten Wahl NPD wählen; dabei wird die klammheimliche Freude über all diejenigen groß sein, die mit Gewalt „ausländerfreie Zonen“ erkämpfen und gegen Fremde die Fäuste schwingen, so wie sie es früher selbst gemacht haben.

Die von der Autorin zum Schluss als Ergebnis der Studie entwickelten Vorschläge zur Verbesserung der Haftbedingungen entsprechen schon den seit Langem erhobenen Forderungen aus Wissenschaft und Praxis sowie den Postulaten des Bundesverfassungsgerichts in seiner Entscheidung vom 31. Mai 2006. Da derartige Reformen viel Geld kosten, werden wir vergeblich auf ihre Realisierung warten müssen.

Fazit

Die Publikation ist ein bedeutsame Bereicherung für die kriminologische Forschung, die die Wirkungen des Jugendstrafvollzugs differenziert nach den Insassen und ihren politischen Einstellungen in den Blick nimmt. Ich wünsche dieser verdienstvollen Studie eine weite Verbreitung, insbesondere auch unter den politischen Entscheidungsträgern, die nach mehr Härte im Umgang mit jugendlichen Straftätern – gerade auch wenn sie rechtsextremistisch orientiert sind – rufen, aber sich kaum darum scheren, was hinter den Mauern der Jugendhaftanstalten mit diesen jungen Menschen passiert.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Riekenbrauk
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Klaus Riekenbrauk. Rezension vom 02.03.2011 zu: Figen Özsöz: Rechtsextremistische Gewalttäter im Jugendstrafvollzug. Duncker & Humblot (Berlin) 2010. 284 Seiten. ISBN 978-3-428-13297-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9352.php, Datum des Zugriffs 24.10.2014.


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