Theda Borde, Matthias David (Hrsg.): Migrantinnen und Migranten im Gesundheits- und Sozialwesen
Theda Borde, Matthias David (Hrsg.): Gut versorgt? Migrantinnen und Migranten im Gesundheits- und Sozialwesen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. 296 Seiten. ISBN 978-3-935964-24-1. 23,90 EUR.
Interkulturelle Kompetenz im Migrationsbereich
"Vergiss nicht, dass die Unterschiede zwischen Menschen größer sind als zwischen Völkern". Diesen Rat können wir in einer bemerkenswerten und zukunftsweisenden Forschungsarbeit über Migrantenjugendliche im deutschsprachigen Raum (Eveline Viehböck / Ljubomir Brati?, Die zweite Generation, Österreichischer Studienverlag, Innsbruck 1994, 207 S.) lesen. Er besagt, neben weiteren 13 Empfehlungen für Migrantenjugendliche, dass Migration eine entweder selbst gewählte, oder durch politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingungen aufgezwungene räumliche Veränderung der Betroffenen ist. Es handelt sich dabei um Schicksale von "Menschen mit unterschiedlichen historischen, persönlichen und sozio-kulturellen Lebenshintergründen und -chancen" (vgl. dazu auch: Matthias David / Theda Borde / Heribert Kentenich, Hrsg., Migration und Gesundheit. Zustandsbeschreibungen und Zukunftsmodelle; Mabuse-Verlag, 3. Aufl., Frankfurt/M., 2001, 211 S.).
Entstehungshintergrund
Die Forschungsarbeiten einer interdisziplinären Arbeitsgruppe am Virchow-Klinikum in Berlin zur Thematik "Migration - Fremde - Gesundheit" haben bisher drei wissenschaftliche Symposien mit den entsprechenden Dokumentationen der Ergebnisse hervor- und in den öffentlich-gesellschaftlichen und fachbezogenen Diskurs über eine in Deutschland jahrzehntelang vernachlässigte Fragestellung gebracht: 1997 mit dem Thema "Migration und Gesundheit", 1999 "Migration - Frauen - Gesundheit: Perspektiven im europäischen Kontext", und 2002 "Migrantinnen und Migranten in verschiedenen Versorgungsstrukturen in Deutschland - Positionen, Probleme, Perspektiven". Der Tagungsband wird soeben vorgelegt:
Aufbau und Inhalte
In ihrem Vorwort zum Tagungsband weist die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Marieluise Beck, darauf hin, dass nationale und kulturelle Herkunft bei der medizinischen Versorgung in Deutschland keine Rolle spielen dürfe und Menschen mit Migrationshintergrund die gleichen Ansprüche im Gesundheitssystem hätten wie die übrige Bevölkerung. Dass es hierbei Probleme und Handlungsbedarf in unserer Gesellschaft gibt, für das Fachpersonal wie für jeden einzelnen Mitbürger, ist kein Geheimnis. Die Zuspitzung der Thematik in diesem Bereich der multikulturellen Entwicklung in unserem Land auf die Frage, ob denn Migrantinnen, Migranten, überhaupt Menschen anderer kultureller, ethnischer und nationaler Herkunft, in unserem Gesundheitssystem angekommen und aufgenommen würden, kommt nicht von Ungefähr. Im Gutachten des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen vom August 2001, wird darauf hingewiesen, dass bei der ambulanten Gesundheitsversorgung von Migrantinnen und Migranten sowohl Bedarfslücken als auch Strukturprobleme bestünden, die sich als überwiegend medikamentöse Über-, Unter- und Fehlversorgung darstellten, was die Diplom-Psychologen vom Institut für Arbeitspsychologie und Gesundheitsforschung in Oldenswort, Ursula Brucks und Wulf-Bodo Wahl als "Medikalisierung sozialer Problemlagen" bezeichnen. Die jahrelange "Krankheitskarrieren" sind besonders für Menschen mit Migrationshintergrund nicht selten in der Lücke zwischen der gesetzlich festgelegten und qua Rechtsanspruch von jedem legal in der Bundesrepublik lebenden Bewohner einzufordernden Versorgungsleistungen und der objektiven Bewertung der tatsächlich wirksam werdenden Inanspruchnahme und der qualitativen Beratung im konkreten Fall.
Mit dem eingängigen Vergleich: "Es gibt türkischen Honig und viele andere türkische Spezialitäten, aber es gibt keine türkische Diabetes" - setzt sich der Facharzt für Innere Medizin und erster Vorsitzende des Vereins "Diabetes und Migranten", Dr. Bernd Kalvelage, Hamburg, mit der "Diabetes-Schulung türkischer Patienten" auseinander; offensichtlich ein Problem, das nicht nur mit der "sozial bedingten `Taubstummheit` vieler Migranten" zu tun hat, sondern auch mit der deutlichen gesellschaftlichen Taubstummheit der Mehrheitsbevölkerung.
Eine Reihe von weiteren, spezifischen Aspekten, wie z. B. "Besonderheiten bei der Inanspruchnahme klinischer Notfallambulanzen" (Theda Borde, Tanja Braun, Matthias David), Einbeziehung der Schweizer Erfahrungen im Bereich der transkulturellen Kompetenz in der Gesundheitsversorgung (Dagmar Domenig), bei der speziellen Versorgung von Migrantinnen in der Geburtshilfe und Gynäkologie (Kentenich / David / Borde / Hemmerling / Gerstner), die schwierige Thematik "Gesundheitsversorgung illegalisierter Migrantinnen und Migranten" im europäischenVergleich (Braun / Brzank / Würflinger), dem Fall der medizinischen Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung (Adelheid Franz), Besonderheiten in der psychiatrischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten (Meryam Schouler-Ocak), die Heranziehung von Erfahrungen bei der kulturellen Kompetenz in der psychosozialen und psychiatrischen Versorgung ethnischer Minderheiten", etwa aus San Francisco / USA (Dagmar Schultz), die Diskussion des Einflusses der Familie auf die Krankheitsverarbeitung bei Spätaussiedler/innen (Wittig / Merbach / Siefen / Brähler), die Suche nach der "Mobilisierung informeller Ressourcen am Beispiel der sozialpsychiatrischen Versorgung arabischsprachiger Familien" (Jan Pasche / Mohamad Kaouk) runden den zweiten Teil der Dokumentation ab.
Schließlich geht es im dritten Teil um Fragen der Kommunikation, Information und Fortbildung bei den Berufsgruppen im Gesundheits- und Sozialwesen in unserer Gesellschaft. Ingrid Papies-Winkler berichtet über Erfahrungen des "Interkulturellen Gesundheitsnetzwerks", Berlin bei der sprachlichen Verständigung; Andrea Möllmann fordert am Beispiel des Modellprojekts "PatienteninfoBerlin" auch die Anwendung der Gesundheitsinformation auf die Versorgung von MigrantInnen; Maria Matzker schildert in anschaulicher Weise die Alltagssituation in einer Sozialstation; Theda Borde und Carla Rosendahl stellen ein Fortbildungskonzept zur interkulturellen Kompetenz für die Professionen vor.
Mit dem vierten und letzten Teil schließlich wendet sich das Autorenteam dem Forderungskatalog zur "Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitspolitik" zu: Oliver Razum mit dem Hinweis auf den Dominanzdruck, der von der Mehrheitsbevölkerung auf die Minderheiten in der Gesellschaft, auch im Gesundheits- und Sozialbereich, ausgehen; Matthias David fokussiert letztendlich die Fragestellung auf die notwendigen Konsequenzen für die Gesundheitspolitik Hier und Heute, sowohl auf die demographische Situation in Deutschland, mit der Forderung nach pragmatischen Zuwanderungspolitik und mit der Aufforderung an die Gesellschaft zur interkulturellen Öffnung, für die beruflich direkt Beteiligten genau so, wie für jeden Menschen in unserer multikulturellen Gemeinschaft.
Das Fazit der Tagungsergebnisse lässt sich allenthalben mit den "12 Sonnenberger Leitlinien" ausdrücken, das TeilnehmerInnen der Fachtagung vom 8. bis 10. 11. 2002, im Internationalen Haus Sonnenberg, St. Andreasberg / Harz, erarbeitet haben, zum Thema "Wie können Migranten in therapeutische Prozesse und psychiatrischeVersorgungssysteme integriert werden?" Sie lassen sich in wenige Stichworte zusammen fassen: Selbstverständlicherer, gleichberechtigter Umgang in den Gesundheits- und Sozialsystemen für alle Menschen in unserer Gesellschaft - Initiierung von Formen zur Integration - Verbesserung der Voraussetzungen für die sprachliche Kommunikation wischen der Mehrheitsbevölkerung und den gesellschaftlichen Minderheiten - Kompetenzerweiterung im Bereich der Gesundheits- und Sozialversorgung von MigrantInnen durch in den verschiedenen Professionen und Funktionen Tätigen - Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen - Aufklärung in den Bereichen der Gesundheits- und Sozialpolitik.
Der ehemalige tschechische Präsident V‡clav Havel hat in seiner Rede im Deutschen Bundestag am 24. 4. 1997 das vielbelastete und missverstandene Wort "Heimat", im Tschechischen "Vlast", interpretiert als eine "Struktur, die öffnet, als eine Brücke, einen Leitfaden, der vom Bekannten auf das Unbekannte, vom Sichtbaren auf das Unsichtbare, vom Verständlichen auf das Geheimnisvolle, vom Konkreten auf das Allgemeine weist". Mir scheint, dass diese Deutung auch hilfreich ist im Verhältnis von Einheimischen zu den MigrantInnen, und bei der Bewertung unseres Themas.
Fazit
Zwar sind einige der in den drei genannten Symposien-Dokumenten diskutierten Themen speziell für Fachpersonal und die direkt im Gesundheits- und Sozialbereich Tätigen bestimmt; doch die Thematik "Migration und Gesundheit" geht darüber hinaus alle Menschen in unserer Gesellschaft an; vor allem in der schulischen und Erwachsenenbildung engagierten PädagogInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, LehrerInnen. Die Arbeiten der Forschungsgruppe des Berliner Virchow-Klinikums sollten in das Netzwerk all derer eingehen, die davon überzeugt sind, dass unsere Gesellschaft nur als interkulturelle überleben kann und sich positiv weiter entwickeln wird. Migrantinnen und Migranten gehören als Bereicherung in ihrer Vielfalt dazu.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.06.2003 zu: Theda Borde, Matthias David (Hrsg.): Migrantinnen und Migranten im Gesundheits- und Sozialwesen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. 296 Seiten. ISBN 978-3-935964-24-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/936.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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