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Hartmut Radebold, Hildegard Radebold: Abwesende Väter und Kriegskindheit

Cover Hartmut Radebold, Hildegard Radebold: Abwesende Väter und Kriegskindheit. Alte Verletzungen bewältigen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. 280 Seiten. ISBN 978-3-608-94633-8. 29,90 EUR, CH: 47,90 sFr.

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Väter – doch kein aussterbendes Modell ?

Der Zweite Weltkrieg brachte Tod,Leid und Schrecken nicht nur über die damals Lebenden, sondern wirkt fort bis ins dritte und vierte Glied – überlebende (damals) Erwachsene, Jugendliche und Säuglinge und auch deren Nachfahren sind auch heute noch davon „infiziert“ . Hartmut Radebold berichtet anhand von 10 Schicksalen, die er als Psychoanalytiker kennen lernte und auf die er Einfluss nehmen, helfen konnte sowie seiner eigenen reflektierten Lebensgeschichte, wie eine Lösung gelingen kann.

Autor

Als Psychoanalytiker und einer der Begründer der Psychotherapie des höheren Erwachsenenalters ist Hartmut Radebold, geboren 1935, auch den socialnet-Lesern kein Unbekannter. Als einer der ersten in Deutschland behandelte er Zeitgenossen der Nationalsozialistischen Diktatur im eigenen Land, die als Kriegskinder den Krieg und die Nachkriegszeit zunächst unreflektiert erlebten und gestalteten, ehe sie durch Krankheit und Leiden in die Psychoanalyse kamen, einen Therapeuten fanden, der in das Thema, je länger er sich dem stellte, je tiefer und auch in die Problematik der eigenen Zunft eindrang und zur Sprache brachte.

Aufbau

Das Buch enthält 17 Kapitel, die behandeln, was in den Jahren 33 bis 45 geschah, was im Krieg, was danach, welche Kriegsfolgen auf die Seelen einwirkten, vor allem unter dem Gesichtspunkt der abwesenden, fehlenden, verlorenen oder durch den Krieg seelisch verkrüppelten Väter und deren Älter-werden sowie das der Kriegskindergeneration. Aus der Geschichte des Ersten und Zweiten Weltkrieges entsteht das Leid der Kriegskinder aber danach auch deren Behandlung und gesünderes Weiterleben\. Dieses wird anhand der 10 psychoanalysierten Patienten von H.Radebold exemplarisch für viele weitere Lebensgeschichten ausführlich dargestellt (siehe unten), bevor der Autor über seine eigene kriegsbeeinflusste Lebensgeschichte berichtet. Mögliche verletzende und mögliche schützende Einflüsse werden aufgeführt. Die biographisch verorteten Erfahrungen aus den Psychoanalysen werden in einem weiteren Kapitel systematisiert. Den Folgen des Älter-werdens nach der Therapie und den Fragen an die gegenwärtige und künftige Vätergeneration gehen weitere Kapitel nach.

Grundzüge des Buches

H.Radebold versteht Psychoanalye als historische Wissenschaft vom Menschen, nicht nur als Behandlungsmethode oder Krankheitstheorie. Deshalb stellt er die Krankengeschichten als Geschichten von Patienten, also von Leidenden, innerhalb eines geschichtlichen Rahmens vor. Er betont aber auch, daß sich viele Ereignisse erst nach langen Jahren des scheinbaren Vergessens in ihrer Virulenz enthüllen.

In unserem Zusammenhang sei da an die Einschätzung der Zeit im Konzentrationslager und im Vernichtungslagers als krankmachender Faktor bei der Begutachtung in z.B. Berentungs- oder Wiedergutmachungsverfahren bei den Verfolgten des Nazi-Regimes und bei den jüdischen Überlebenden hingewiesen.

Geht es um geschichtliche Hintergründe und um zahlenmäßiges Belegen von den Einschnitten und Veränderungen, die der Zweite (und zuvor der Erste) Weltkrieg in ganz Europa gebracht hat, so scheut sich Radebold nicht, mit Zahlenmaterial aufzuwarten. Geht es aber um die je biographische Prägung, so favorisiert der Autor aus nachvollziehbaren Gründen die Darstellung des Einzelschicksals, hier guter psychoanalytischer Tradition folgend, um seine Thesen nachvollziehbar zu machen.

Kapitel: Biografien, Behandlungen und weitere Entwicklungen der Patientinnen und Patienten

Ein gutes Drittel des vorliegenden Buches nehmen deshalb von 10 Männern und Frauen ein jeweils biographisch angelegter Anamnese- und Verlaufsbericht, betreffend den Verlauf der Analyse, Bericht über ein Interviews einige Jahre nach Beendigung der Analyse und eine aktuelle Selbsteinschätzung der damaligen Patienten/AnalysandInnen zum Zeitstand 2008/2009 ein. Geboren zwischen 1935 und 1947 decken sie die Jahrgänge der Vorkriegs-Kriegs- und Nachkriegszeit in etwa ab, in denen ihre Väter einen je spezifischen Einfluss auf die Familie, anwesend oder kriegsbedingt abwesend, haben konnten oder nach Krieg und Gefangenschaft erneut oder erstmalig hatten, sofern und wie sie den Krieg auch er- und überlebt hatten. Hier sind wir schon mitten im Verlauf der einzelnen Therapien, die natürlich nicht in allen Facetten wiedergegeben werden, aber sowohl das, was dem Analytiker wichtig war wie auch das, was den Patienten berührte, versteht der Autor verständlich herauszuarbeiten. An diesen Darstellungen wird auch die Arbeitsweise des Autors und auch die Veränderung, die durch die Arbeit mit den besonderen Patienten in ihm selber passierte, deutlich. Da diese Kapitel erstens spannend zu lesen und zweitens sehr berührend sind, sei der Leser hiermit darauf neugierig gemacht.

Kapitel: Hartmut Radebold – das (Kriegs-)Kind hinter der Couch (geb. 1935)

Selten erfahren Analysanden oder Patienten viel über ihren Analytiker, wenn er nicht gerade sehr prominent ist oder noch in anderen Bezügen in der Welt firmiert, wie zum Beispiel als Hochschulprofessor. Über die inneren Prozesse mit dem Patienten zu reden, verbietet sich nach einer bestimmten Richtung der Analyse sowieso ganz, und was der Patient an Ausdruck der Persönlichkeit des Arztes mitbekommt, ist eher zufällig und/oder eng umgrenzt (wie z.B. die Einrichtung des Behandlungszimmers). Anders bei diesem Autor: in großer Offenheit schildert er nicht nur seine bewegte Geschichte in den Jahren des Heranwachsens, sondern macht auch seine Schwierigkeiten öffentlich, sich in die ihm zunächst fremde Welt der Kriegskinder einzufühlen, ehe er erkannte, dass da von ihm selber ja die Rede war und seine Gefühlswelt von eben den Ereignissen geprägt war, denen auch seine Patienten ausgesetzt waren. Und dem Lehrsatz getreu, dass der Therapeut beim Patienten immer nur soweit kommt, wie er bei sich selber die Dinge durchdrungen hat, dürfen wir ihm auch bei der Spurensuche folgen und mitlesen und – fühlen, wie er sich durch das „Erlauben“ zunächst „störend“ empfundener Gefühle in den Behandlungen auch leiten lässt im Erkennen der vermissten, versäumten und verpassten Erfahrungen mit dem eigenen Vater und der eigenen Herkunfts- und Familie.

Kapitel: Damalige Väter

Daß die Rolle des Vaters in der und für die Entwicklung des Kindes ernster genommen wird als zu Ende des 20. Jahrhunderts beweist erst jüngst das Urteil zum Sorgerecht für nichteheliche Väter. Die An- oder Abwesenheit des Dritten in der Reifung des Kindes gewinnt neues Gewicht, wenngleich dies seitens der frauenorientierten Genderforschung nicht immer so gesehen wird. Aber es gibt nun mal zwei Geschlechter.

Gewisse Erziehungsprinzipien bedürfen sowohl einer Prinzipienfestigkeit als auch auch einer spezifischen Verkörperung. Erst diese Verkörperung macht Erfahrung möglich, aus der sich dann die eigene Person im Übereinstimmung und Abgrenzung entwickelt. Sinnvoll für dieses Lernen am Modell für Kinder sind zum Beispiel. „wie er (i.e.der Vater,W:J:) trotz der Wirrungen und Abgrenzungen infolge ihrer Pubertät und Adoleszenz die Beziehungen zu ihnen verläßlich aufrecht erhält, weiterentwickelt und schließlich erwachsenengerechter gestaltet; wie er sich die jeweils erforderlichen Lebensstrukturen schafft und sich ihnen (im Bedarfsfall) anpasst; wie er seinen Interessen und Fähigkeiten nachgeht, wie sich diese im Lauf des Lebens ändern und wie er gleichzeitig soziale Aufgaben und Verantwortung übernimmt;“ (S. 183)

Radebold hält an der Bedeutung einer lebendigen Auseinandersetzung mit einem lebenden Menschen fest, die hilfreicher sei als noch so ideale Vorbilder, die man selber nie kennenlernen konnte, geschweige denn, in Nähe oder Distanz sich an ihnen ausprobieren durfte.

Kapitel: Neue Väter – woher nehmen sie dafür ihre Kompetenz ?

Zwar glaubt jede Generation, sie erfinde sich neu, aber jede macht auch die Erfahrung, daß das Rad bereits erfunden wurde. Und richtig verstanden kann sie diese Erkenntnis auch nutzen, um über das Rad hinaus zu denken. Nur bei der Identitätsbildung geht das nicht so ohne weiteres – wir sind nun mal Produkte unserer Familien- und weiteren Geschichte und müssen damit leben. Für die „neuen Väter“ - so es sie denn tatsächlich gäbe - heißt das zum Beispiel, auch einmal zu reflektieren, was sie von ihren Vätern mitbekommen haben und was nicht. Die Überlegung Radebolds weiterführend, fragt der Rezensent, nach welchen Vorbildern sie sich innerfamiliär richten, wenn sie in Teilzeit gehen, die Vaterzeit in Anspruch nehmen, mit zur Schwangerschaftsgymnastik und in den Kreißsaal gehen, Wickelkurse machen? Welche Lücken in der Familiengeschichte werden hier plötzlich gefüllt, welche Versäumnisse transgenerational nachgeholt? Oder steckt auch eine Angst dahinter, etwa überflüssig zu sein, weil auch die Großmutter es ohne den kriegsversehrten oder gefallenen Großvater geschafft hat und ein latentes Überflüssigkeitsgefühl beschwichtigt werden muss? Und welche alleinerziehende Mutter (die dann doch nie so ganz alleinerziehend ist), die glaubt, ohne den Kindsvater auskommen zu können, macht aus der Not der Großelterngeneration eine Tugend? Und wird doch scheitern?

Diskussion

Der Rezensent studierte zu einer Zeit Psychologie, als in der mündlichen Hauptdiplomprüfung noch das Fach „Tiefenpsychologie“ geprüft wurde. Mittlerweile verlassen Diplom-Psychologen die Universität, die weder eine Vorlesung über Tiefenpsychologie gehört noch irgendetwas von Freud oder der Psychoanalyse rezipiert haben – im schlimmsten Falle nicht einmal die empiristische Kritik, sondern gar nichts. Auch Kenntnisse in der Geschichte des eigenen Faches sind nicht mehr ohne weiteres vorauszusetzen. Passen Psychologie und Geschichte zusammen? Wer diese Frage heutigen Absolventen eines Psychologiestudiums stellt, wird in große Augen sehen.

Deswegen wird dieses Buches es vermutlich schwer haben, in Psychologie-Instituts-Bibliotheken aufgenommen zu werden\. Leider. Die Erziehung eines Menschen beginnt 150 Jahre vor seiner Geburt, so die alte Meinung, davon wären dann – von heute aus gerechnet- die mittleren 50 diejenigen, über die das Buch berichtet.Also schon von daher nicht unwesentlich. Wichtiger ist dem Rezensenten aber die Möglichkeit, den Verlauf einer Geschichte in der Geschichte nachvollziehen zu können: wie sich Zeitgeschichte auf individuelle Geschichte auswirkt, wie sie die Menschen formt und verformt, wie diese damit umgehen. Erst still akzeptierend, dann leidend, dann aus der Erkenntnis eines Mangels Hilfe suchen und wie in der Behandlung diese Geschichte gesucht und aufgearbeitet wird. Daß der Arzt und Analytiker von der Geschichte seiner Patienten sich auch berühren läßt und in deren Geschichte seine eigene erkennt und durch diese Erkenntnis ebenfalls verändert wird, macht das Buch zu einer ganz persönlichen und gleichzeitig lehrreichen Mitteilung.

Fazit

Wer Patienten als Menschen, die ihre Geschichte selber machen, aber unter vorgefundenen Bedingungen, ansieht, wer der Meinung nachhängt, dass Geschichte der Boden ist, auf dem wir gehen, aber auch der Sumpf sein kann, in dem wir untergehen, der wird dieses Buch zu schätzen wissen. Wer nachvollziehen möchte, wie schwierig die persönliche Auseinandersetzung mit Vätern, die von 1933 bis 1945 (unrühmliche) Geschichte machten, ist und sein kann, wer Psychoanalyse als zeit- und patientengemäße Therapie schätzt oder schätzen lernen möchte, hat hier Gelegenheit, über alles auf einmal viel zu erfahren.


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, seit 2007 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
Homepage www.christophsbad.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 23.08.2010 zu: Hartmut Radebold, Hildegard Radebold: Abwesende Väter und Kriegskindheit. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. 280 Seiten. ISBN 978-3-608-94633-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9373.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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