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Heinz Klippert: Heterogenität im Klassenzimmer

Cover Heinz Klippert: Heterogenität im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte effektiv und zeitsparend damit umgehen können. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 318 Seiten. ISBN 978-3-407-62683-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Pädagogik - Praxis.
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Autor

Dr. Heinz Klippert ist Dozent am Erziehungswissenschaftlichen Fort- und Weiterbildungsinstitut der ev. Kirchen in Rheinland Pfalz (EFWI) und bekannt durch zahlreiche Publikationen zu Methodentraining und Schulentwicklung.

Entstehungshintergrund

Das Buch versteht sich als Beitrag aus der Praxis für die Praxis und bietet alltagstaugliche Anregungen und Hilfen zum Umgang mit Heterogenität im Klassenzimmer. Dieser, im schulischen Kontext gemeinhin als Herausforderung problematisiert, wird hier als „nicht nur machbar, sondern auch höchst chancenreich“ (S.13) präsentiert. Klippert nimmt damit ein hochaktuelles pädagogisches Themenfeld in den Blick, das zum einen kontrovers diskutiert wird und sich zum anderen im Unterrichtsalltag unweigerlich stellt. In Tradition seiner bekannten Publikationen sind konkrete Handlungsperspektiven („effektiv und zeitsparend“) für Lehrkräfte zu erwarten.

Aufbau

Das Buch ist in drei große Teile gegliedert.

  1. Unter dem Titel „Homogenität versus Heterogenität – einige Anstöße“ legt der Autor zunächst ein Bild von Heterogenität als Gegebenheit, Chance und Verpflichtung für Schule und Unterricht zugrunde.
  2. Darauf aufbauend werden im zweiten Teil „bewährte Ansätze und Methoden für die Praxis“ unter dem Schlüsselwort der „Alltagstauglichkeit“ vorgeschlagen. Nach einem einleitenden Blick auf „die neue Sicht des Lehrens und Lernens“ (1.) werden in diesem als Schwerpunkt des Buches bezeichneten Teil die Förderung individueller Wahlarbeiten (2.), die Förderung des kooperativen Lernens (3.), die Förderung vernetzter Lernaktivitäten (4.) und die Förderung basaler Lernkompetenzen (4.) unterschieden und mit zusammenfassenden Tipps für die Praxis (6.) versehen.
  3. Der dritte Teil entwickelt „Konsequenzen fürs schulpolitische Handeln“.

Das Buch beinhaltet zudem ein umfangreiches Glossar.

Teil I.

Ausgehend von der Erinnerung an seine eigene Schulzeit in einer Dorfschule, „verheißt“ (S.12) Heinz Klippert bereits im Vorwort das Lernen in heterogenen Gruppen als Gewinn, z. B. durch Lehrerentlastung und Schüleraktivierung, durch Kompetenz- und Lernerfolgssteigerung, durch fruchtbares Miteinander- und Voneinanderlernen.

Im ersten Kapitel zeigt er die „Tücken des gegliederten Schulwesens“ sowie dessen Opfer und Fehlannahmen. Er schlägt unter Verweis auf Kritik, Schwächen und Forschungsbefunde vor, „heterogene Schülergruppen als Grundphänomen von Schule ganz einfach zu akzeptieren und positiv zu nutzen“ (S.25) und zeigt als Perspektive auch in Orientierung an anderen Ländern die „vollintegrierte Gesamtschule“ auf.

„Von der Auslese zur Begabungsförderung“ heißt das zweite Kapitel, in dem eine Neuorientierung in Richtung einer neuen Lernkultur entwickelt wird und ein sich bereits abzeichnender Weg mit Alternativen zur herkömmlichen Auslese verfolgt wird. Ein neues Bildungsverständnis geht von der konsequent positiven Sicht des Schülers aus und verzichtet auf die Hierarchisierung von Entwicklungsunterschieden. Schülerinnen und Schüler müssen vielseitig und handlungsbetont angesprochen werden, um sich und ihre Stärken zu entfalten. So arbeiten z.B. das Schulische Enrichment Modell aus den USA, das kooperative Lernen oder auch ein fächerübergreifender Unterricht.

Das dritte Kapitel begründet Heterogenität und Begabungsvielfalt anthropologisch. Der konstruktive Umgang mit Vielfalt und Verschiedenheit wird als eine Form von Menschenrechtsbildung, als Respekt vor der Würde des einzelnen und als konstitutiv für Partizipation und Demokratie beschrieben. Lernerfolge heterogener Gruppen werden durch Lern- und Unterrichtsforschung untermauert, dazu bedarf es jedoch der Unterstützung der Lehrkräfte. Dem „verständlichen Wunsch der Lehrerschaft nach Machbarkeit und Alltagstauglichkeit“ (S.75) sollen vor allem die Vorschläge im zweiten (Haupt)teil des Buches Rechnung tragen.

Teil II.

Zentrale Gelingensbedingung für den Unterricht mit heterogenen Schüler/innengruppen ist die Grundeinstellung Lehrender im Sinne eines egalitären Differenzbegriffs in der Anerkennung von Verschiedenheit als gleichwertig. Darauf aufbauend sind notwendig:

  • die Differenzierung von Lernanforderungen und Aufgabenstellungen
  • Effektivierung des Lernens durch Lernaktivitäten der Schüler/innen (Arbeitsunterricht)
  • der Einsatz produktiver Arbeitsblätter (dazu werden konkrete Kriterien aufgestellt/S.85)
  • Lernzeit/ verweilendes Lernen/ Verlangsamung der Lernerfahrung
  • Lehrerlenkung als Hilfe zur Selbsthilfe bei gleichzeitiger Ergebnisverantwortung der Lernenden
  • Unterstützung von Lernkompetenz/ selbstgesteuertes Lernen

Abschließend werden vier Ansatzpunkte für das Arbeiten mit heterogenen Lerngruppen benannt:

  1. Förderung wahldifferenzierten Lernens
  2. Förderung der Schülerkooperation
  3. Förderung vernetzter Lerntätigkeiten
  4. Förderung basaler Lernkompetenzen.

Das zweite Kapitel des Hauptteils beschreibt Ansätze der Binnendifferenzierung als „eine der zentralen Stellschrauben“ (S.97) und als Wahlangebote, sowie weitere Unterrichtsformen wie die Freie Arbeit, Tages-, Wochen- und Monatspläne, das Werkstatt- und Stationenlernen, Aufgabendifferenzierung, Projektlernen, persönliche Fach-, Jahres- oder Portfolioarbeiten. Abschließend werden Selbstlernmaterialien einer kritischen Reflexion unterzogen. Dabei bleibt durchgehend der für die Lehrenden notwendige Arbeitsaufwand im Blick; es gibt immer wieder praktische Hinweise zu effektiver Vorbereitung, z.B. durch Kooperation.

Das kooperative Lernen wird durch Gruppenarbeit gefördert. Hier werden, angereichert mit Tabellen, Fahrplan- und Regelkatalog konkrete Anregungen zur Gruppenbildung, zur Teamentwicklung, sowie zu Partner- und Gruppenarrangements gegeben

Unter Förderung vernetzter Lernaktivitäten stellt Klippert dann Ansätze vor, die Schüler/innen innerhalb des Fachunterrichts vernetzen und aktivieren. Dazu zählen die Lernspirale, klare Inputs, integrierte Differenzierungsmaßnahmen, der Einsatz von Schüler/innen als Lernhelfer/innen, Regeln und Rituale, sowie regelmäßige Reflexionsaktivitäten. Das Kapitel wird abgeschlossen mit Evaluationsergebnissen, die die beschriebenen Aktivitäten als effektiv belegen.

Das anschließende Kapitel beschreibt, inwiefern basale Lernkompetenzen durch Methodentraining und -pflege gezielt gefördert werden können. Dazu gehören u.a. bewusste Rückmeldung von Lehrer/innen an Schüler/innen, die gemeinsame Erstellung von Förderplänen und andere Formen der Entwicklungsbeobachtung und -reflexion (Lernbilanzbücher, Portfoliogestützte Entwicklungsimpulse). Klippert spricht sich für die Bewertung von Kompetenzen aus und gibt Beispiele für Bewertungen, die das Leistungsspektrum von Schüler/innen breit spiegeln und sich dabei nicht auf Reproduktion fachlichen Wissens beschränken.

Der von Klippert selber als Schwerpunkt eingeordnete zweite Teil schließt ab mit zusammenfassenden Tipps für die Praxis, die Lehrer/innen ermutigen sollen, das vorgestellte Instrumentarium einzusetzen – und mit der Aufforderung, schulinterne Gestaltungsspielräume konsequent auszuloten und auszunutzen.

III. Konsequenzen fürs schulpolitische Handeln

Wirksame Innovationen müssen durch bildungspolitische und strukturelle Rahmenbedingungen unterstützt werden. Klippert beschreibt innovative Prioritäten auf innerschulischer und auf bildungspolitischer Ebene und stellt damit Rahmenforderungen für die Realisierung des vorgeschlagenen Umgangs mit Heterogenität: Konkrete Anregungen zeigen, wie Schulprogrammarbeit, Lehrertraining, Teamarbeit und Workshop-Aktivitäten der Lehrer, eine gezielte Lehrmittelbewirtschaftung, bewusste Elternarbeit und Schulmanagement die innerschulische Unterrichtsentwicklung im Sinne eines produktiven Umgangs mit Heterogenität unterstützen können. Der versprochene Blick auf Effektivität bleibt dabei stets berücksichtigt. Auch die Forderungen nach unterstützenden politischen Maßnahmen sind konkret. Sie schließen ab mit dem Fazit „gute Bildung darf etwas kosten“ und mit dem Appell, dass alle vorgeschlagenen Impulse zur Haltungs-, Unterrichts- und Schulentwicklung bildungspolitisch begleitet und unterstützt werden müssen.

Diskussion

Der Titel des Buches verspricht – vor allem in Tradition der von Klippert bekannten Publikationen –Impulse zu einer hochaktuellen schulpolitischen und unterrichtsorganisatorischen Fragestellung und wird dieser auch auf allen Ebenen gerecht: Die Gliederung in drei Hauptteile verdeutlicht Veränderungsnotwendigkeit für einen gelungenen Umgang mit Heterogenität auf den drei Ebenen Haltung (Anerkennung und Nutzung von Heterogenität als Ressource), Methoden (Unterrichts- und Schulprogrammentwicklung in konsequenter Kooperation) und Rahmenbedingungen (bildungspolitische Unterstützung, z.B. durch Finanzierung).

Dabei liefert der erste Teil einen umfassenden Einblick in den Diskurs um Heterogenität und angrenzende Diskurse wie Inklusion, Partizipation und Schulstruktur. So wird ein Verständnis zugrunde gelegt, das Begabungsförderung ebenso berücksichtigt wie Chancengerechtigkeit, Integration und Partizipation von Schüler/innen. Die Erkenntnis, dass ein breit gefächertes Lernangebot Schüler/innen zu eigenständigem „Denken und Konstruieren, Entdecken und Gestalten, Kommunizieren und Kooperieren, Planen und Entscheiden, Recherchieren und Experimentieren, Präsentieren und Reflektieren, Üben und Wiederholen des betreffenden Lernstoffs veranlasst“ (S.60) wird vielfach belegt. Das – gleichwohl überzeugende – Plädoyer für offen gestaltete und differenzierungsfreundliche Unterrichtsgestaltung lässt manche Aussagen ein wenig pauschal klingen: „Nach wie vor dominieren Lehrerdarbietungen und lehrergelenkte Unterrichtsgespräche“ (S. 54) – kann das für die Grundschule noch so gesagt werden? Einer Formulierung wie „Auch schwache Schüler haben Stärken“ (S.45) kann zwar durchaus zugestimmt werden – eine konsequent heterogenitätsfreundliche Haltung und Formulierung könnte aber darüber hinaus die Unterscheidung zwischen „schwachen“ und „starken“ Schüler/innen aufheben zugunsten einer Sichtweise von gleichwertiger Verschiedenheit im Sinne egalitärer Differenz (so wird es tatsächlich im weiteren Verlauf des Textes ausgeführt). Ungeachtet dieser (spitzfindigen) Kritik liefert dieser Teil vielfältige Informationen und eine umfassende Argumentationsgrundlage für die angestrebte veränderte Lernkultur.

Der zweite Teil hält in jeder Hinsicht, was er verspricht: Leser/innen können sich hier rüsten durch einen wahren Fundus an bewährten Methoden, die strukturiert und praxisnah vorgestellt werden und zur Erprobung einladen. Die sehr differenzierten Beschreibungen geben einen umfangreichen Einblick, häufig auch belegt an Beispielen, z.B. für Studierende und Berufsanfänger/innen, aber auch für alle Lehrenden, die den Einsatz neuer Methoden wagen.

Der darüber hinaus im dritten Teil vertretene Vorschlag, die systematische Förderung heterogener Lerngruppen zum schulischen Kernprogramm zu machen, stellt die Methoden in einen Kontext, der nicht nur durch Kooperation und Teamprozesse Effektivität und Nachhaltigkeit verspricht, sondern zudem eine breiter getragene Entwicklung neuer Lernkulturen erwarten lässt.

Fazit

Das Buch ist in jeder Hinsicht lesenswert und unterstützend als

  • Argumentationsgrundlage für Heterogenität als lernerfolgssteigernd und demokratiebildend
  • Methodenfundus für den Unterricht mit heterogenen Schülergruppen
  • Leitfaden für eine zeitgemäße, einer heterogenen Schülerschaft gerecht werdende Unterrichts- und Schulentwicklung.

Empfehlenswert ist es somit vor allem für Lehrende, die in der Praxis tätig sind, aber auch für alle, die sich oder andere darauf vorbereiten. Es ist gut zu lesen und durch Querverweise immer wieder in sich transparent. Einzelne Kapitel können durchaus auch separat studiert werden.

Vorstellbar und wünschenswert ist, dass die positive Haltung gegenüber der Verschiedenheit Lernender in Kombination mit bewährten Handlungsimpulsen – hier vertreten von einem erfahrenen und prominenten Methodentrainer und Lehrer/innenbildner – auch Skeptiker überzeugen wird.


Rezensentin
Prof. Dr. Andrea Platte
Professur für Bildungsdidaktik mit dem Schwerpunkt Didaktik der Elementarpädagogik an der Fachhochschule Köln, Leitung des Studienganges „BA Pädagogik der Kindheit und Familienbildung“
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Zitiervorschlag
Andrea Platte. Rezension vom 30.07.2010 zu: Heinz Klippert: Heterogenität im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte effektiv und zeitsparend damit umgehen können. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. ISBN 978-3-407-62683-7. Reihe: Pädagogik - Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9382.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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