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Wolfgang Frühwald: Wieviel Sprache brauchen wir?

Cover Wolfgang Frühwald: Wieviel Sprache brauchen wir? Berlin University Press (Berlin, Köln) 2010. 160 Seiten. ISBN 978-3-940432-82-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Über mögliche Definitionen des Menschen – Das Leben als Erzählung

Bei Wilhelm von Humboldt findet sich in seiner Schrift über Denken und Sprechen folgender Satz: „Die Sprache beginnt daher unmittelbar und sogleich mit dem ersten Akt der Reflexion, und so wie der Mensch aus der Dumpfheit der Begierde, in welcher das Subjekt das Objekt verschlingt, zum Selbstbewußtsein erwacht, so ist auch das Wort da – gleichsam der erste Anstoß, den sich der Mensch selbst gibt, plötzlich stillzustehen, sich umzusehen, und zu orientieren.“[1] Denken und Sprechen heben den Menschen aus seiner Unmittelbarkeit heraus, und verschaffen ihm Raum damit Raum für Welt- und damit auch Selbstvergewisserung. Diese Selbstvergewisserung ist Teil eines Prozesses, der als Selbst-Werdung beschrieben werden kann. Eine gelungene Selbst-Werdung beinhaltet für das Individuum die Gestaltung eines Reservoirs an Erzählungen – Erzählungen auf die es zurückgreift, um über sich, und sein Verhältnis zur Welt Klarheit zu bekommen. Der Philosoph Dieter Thomä hat dieser Idee folgende sprachliche Form gegeben: „Auf die Erzählung des eigenen Lebens richten sich demnach zwei einander widerstreitende Ansprüche: zu erfahren, wie ich bin, und zu entwerfen, worauf es mir dabei ankommt.“[2]

Diese Erzählleistung ist unzweifelhaft eine sprachliche Angelegenheit, die erst im Tod des Individuums ihr Ende findet – „Lesen und Schreiben haben nie ein Ende. Die beiden Wörter … bezeichnen eine Tätigkeit, die den Menschen fort und fort durchs Leben trägt. Indem sie das Selbst befähigt, die Geschichten zu schaffen, die es im fortgesetzten stummen inneren Selbst-Gespräch erzählt. Lesen und Schreiben lädt die Sprache mit der Lebendigkeit auf, die erforderlich ist, sie wandelbar zu halten. Es sorgt dafür, daß der einzelne sich nicht in einer einzigen Geschichte verfängt und in ihr eingesperrt bleibt.“[3] Es stellt sich daher auch die Frage, ob der Mensch als ein Sprachwesen definiert werden kann – die aristotelische Definition des Menschen lautet ja bekanntlich: zoon logon echon. Wolfgang Frühwald greift explizit auf diese Definition zurück (S. 7, S.42) Doch Sprache alleine trifft den Kern der Frage wohl nicht ganz. Sprache ist zuallererst ein Instrument, kein Selbstzweck – ein Mittel um Verständlichkeit zu schaffen: „Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist sein Denken [des Menschen, HGK] immer nur ein Versuch seines Geistes, vor sich selbst verständlich, sein Handeln ein Versuch seines Willens, in sich frei und unabhängig zu werden, seine ganze äußere Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müßig zu bleiben. Bloß weil beides, sein Denken und sein Handeln nicht anders, als nur vermöge eines dritten, nur vermöge des Vorstellens und des Bearbeitens von etwas möglich ist, dessen eigentlich unterscheidendes Merkmal es ist, Nichtmensch, d.i. Welt zu sein, sucht er, soviel Welt, als möglich zu ergreifen, und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden.“[4]

Das Denken ist aber keine rein sprachliche Tätigkeit – es ist eine symbolische Tätigkeit, eine Arbeit an und mit Symbolen. Der deutsche Philosoph Ernst Cassirer hat den Menschen im Gegensatz zu Aristoteles als animal symbolicum definiert – „Der Begriff der Vernunft ist höchst ungeeignet, die Formen der Kultur in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit zu erfassen. Alle diese Formen sind symbolische Formen. Deshalb sollten wir den Menschen nicht als animal rationale, sondern als animal symbolicum definieren. Auf diese Weise können wir seine spezifische Differenz bezeichnen und lernen wir begreifen, welcher neue Weg sich ihm eröffnet – der Weg der Zivilisation.“[5] Was in diesem Zitat als „Vernunft“ bezeichnet wird, muss natürlich als „Sprache“ gelesen werden – wichtig dabei ist zu erkennen, dass das Konzept der „Symbole“ einen weitaus größeren Spielraum eröffnet, als das Beharren auf Sprache als differentia specifica des Menschen – was sich später vor allem in der Diskussion des Lamentos vom Niedergang der Sprache zu sehen sein wird.

Hier genügt es Symbole als etwas Reales, keineswegs Mythisches zu verstehen – „„Symbol“ wird hier als ein sehr allgemeiner und farbloser Ausdruck gebraucht. Er umfasst Buchstaben, Wörter, Texte, Bilder, Diagramme, Karten, Modelle und mehr, aber er hat nichts Gewundenes oder Geheimnisvolles an sich.“[6]

Damit ist nun der Rahmen abgesteckt, um das Buch von Wolfgang Frühwald besser zu verstehen und einordnen zu können.

Autor

Wolfgang Frühwald (Jg. 1935) ist emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte und ausgewiesener Experte im Forschungsfeld der Sprach- und Literaturforschung. Er hat sich in seinen letzten Büchern unter anderem mit der Frage beschäftigt, was den Menschen als Menschen ausmacht („Blaupause des Menschen“) und wie viel Wissen diesem Menschen tatsächlich gut tut („Wie viel Wissen braucht der Mensch“).

Entstehungshintergrund

Bei „Wie viel Sprache brauchen wir?“ handelt es sich um eine Textsammlung, die insgesamt aus zehn Arbeiten besteht – zum Teil umgearbeitete Aufsätze, zum Teil Erstveröffentlichungen. Das Thema ist die Menschwerdung des Menschen durch die Sprache, d.h. die Explikation der aristotelischen Definition des Menschen als zoon logon echon – dem Menschen als Sprachtier. Wolfgang Frühwald verweist zu Beginn des Bandes darauf hin, dass „[d]ie Kapitel … versuchen, am Beispiel aktueller und historischer Sprachphänomene die Sprache und das Sprechen als ein Humanum zu belegen, von dessen Rückgang mehr betroffen wäre als nur die Alltagskommunikation der Menschen.“ (S.10) Anhand einzelner Studien soll belegt werden, welche gesellschaftliche Bedeutung Sprache zukommt – Sprache als Kritik, Sprache als Erkenntnisinstrument, Sprache als Politikum!

Aufbau und Inhalt des Buches

Das Buch gliedert sich in drei thematische Abschnitte, die als Rahmen für diese Aufsatzsammlung dienen.

  1. Der erste Abschnitt trägt den Titel „Sprachkritik, Satire und Polemik“ (S. 27-122) und ist mit 95 Seiten auch der umfangreichste Teil des Buches. Darin findet sich auch eine sehr umfassende Studie zu Karl Kraus („Eine „Sittenlehre der Sprache“ – Karl Kraus: ‚Dritte Walpurgisnacht‘“, S. 45-73), dem österreichischen Satiriker, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zeitschrift „Die Fackel“ herausgegeben hat.
  2. Im zweiten Abschnitt, der den Titel „Redner, Erzähler, Leser“ (S. 123-186) trägt, finden sich zwei bemerkenswerte Literaturstudien zu Johann Christoph Gottsched („Beredsamkeit und Reiz der Formulierung. Die Rhetorik Johann Christoph Gottscheds und die Idee der Kulturnation“, S. 123-142) und zu Alexander von Humboldt („Der „ästhetische Hauch“. Alexander von Humboldt erzählt“, S. 143-168).
  3. Im abschließenden dritten Teil „Literatursprache“ (S. 187-236) glänzt ein Aufsatz über Friedrich Schiller („Die Würde menschlicher Rede. Über Schicksal, Glück und Krankheit im Werk Friedrich Schillers“, S. 187-213).

Wie bereits erwähnt stammen die Aufsätze des Bandes aus unterschiedlichen Zeiten und waren ursprünglich auch an ein sehr unterschiedliches Publikum gerichtet (Fachpublikum, Studenten, Zeitungsleser, Zuhörer, …). Die einzelnen Aufsätze werden jeweils mit Literaturangaben beschlossen – im Buch gibt es keine gesammelte Literaturliste, und die meisten Zitate sind nicht nachvollziehbar, weil genaue Seitenangaben fehlen. Beispielhaft: Die meisten Quellen sind wie folgt angegeben: „Zitiert werden u.a. folgende Texte und Studien: … Albrecht Schöne: Säkularisation als sprachbildende Kraft. Studien zur Dichtung deutscher Pfarrersöhne. Göttingen 1958“ (S.99) – ein genaues Zitatenstudium ist daher und damit nicht möglich!

Diskussion

Das Buch bietet einen breiten Querschnitt durch interessante Themen im Bereich der Sprache – ich greife auszugsweise drei dieser Themen für eine nähere Diskussion heraus, um auf einige Stärken Schwachpunkte in der Darstellung von Wolfgang Frühwald hinzuweisen.

  • Der Werther-Effekt – Fakt und Fiktion
  • Sprache als conditio humana
  • Englisch als neue lingua franca in Wissenschaft und Gesellschaft

Die alten Leiden des jungen Werthers

Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) war ein ganz besonderes Buch – die Beschreibung der Entwicklung der unglücklichen und letztlich unerwiderten Liebe des Werthers zu der jungen Frau Lotte machte das Buch zu einem großen Erfolg. Das selbstzerstörerische Ende des Werthers – er erliegt einer Schussverletzung, die er sich selbst zugefügt hat – soll als Beispiel für viele Männer in ähnlichen Liebesbeziehungen gedient haben – die Wirkmächtigkeit eines fiktionalen Charakters soll bis ins reale Leben gereicht haben. Der sogenannte „Werther-Effekt“ wird viele Jahre hindurch postuliert: Die Imitation des literarischen Suizids des Werthers durch junge Männer fand Eingang in die literaturwissenschaftliche, wie auch psychiatrische Diskussion. Wolfgang Frühwald greift ebenfalls auf diese Deutung zurück – An zwei Stellen im Buch spricht er explizit vom „Werther-Fieber“ (S.90) und „Selbstmordwellen“, im Zuge der Werther-Lektüre (S.90 und S.179). Konkret schreibt er zu Goethes Werther, „dass der Roman nicht nur das berüchtigte „Werther„-Fieber und die ihm folgende europäische Welle von Selbsttötungen junger Menschen ausgelöst hat …“ (S. 90). An anderer Stelle spricht er davon, dass der Briefroman „am Ende des 18. Jahrhunderts eine Selbstmordwelle unter jungen Menschen ausgelöst hat, die sich rasch durch das ganze gebildete Europa ausgedehnt hat.“ (S. 178/179)

Diese Einschätzung ist bereits seit vielen Jahren als unrichtig zurückgewiesen worden – In der Suizidforschung spricht man daher auch nicht mehr von „Werther-Effekt“, wenn es um die Beschreibung des Imitationsverhaltens in Suizidfällen geht, sondern vom „Cobain-Effekt“. Auch in der Literaturforschung ist die Position von Wolfgang Frühwald umfassend wiederlegt worden: Der Literaturwissenschaftler Harald Neumeyer hat zuletzt eine eindrucksvolle Studie publiziert, die diese historische Fehleinschätzung vom „Werther-Fieber“ thematisiert[7]. Darin findet sich zum Beispiel die Konklusion, „[d]ass es diese zeitgenössisch diagnostizierte „Epidemie” von Selbstmorden in der Folge einer Werther-Lektüre gibt, … historisch nicht belegbar[ist]: Gerade einmal vierzehn Fälle von Selbstmorden, die sich mehr oder weniger deutlich auf den Werther beziehen, bei denen jedoch in keiner Weise gesichert ist, ob sie sich überhaupt zugetragen haben, lassen sich für den weiten Zeitraum von 1775 bis 1833 rekonstruieren.“[8] Es stimmt schon – die Geschichte von Werther ist die Geschichte seines Suizids und damit auch eine Geschichte über mögliche Begründungen und Erklärungen seines Tuns. Genaugenommen muss man aber sagen: “Werther präsentiert vier Werther. Mit dieser Pluralisierung der Begründungsgeschichten inszeniert der Roman die Heterogenität der Ursachen als unhintergehbares Dilemma aller literarischen wie wissenschaftlichen Versuche und Verfahren, einen Selbstmord zu plausibilisieren, und verweist darauf, dass eine solche Plausibilisierung auf die fortgesetzte Konstruktion sich immer auch widersprechender Erklärungsmodelle angewiesen ist.“[9] Harald Neumayer bezieht sich dabei auf folgende Plausibilisierungen:

  • Die Anomalie eines Krankheitsprozesses, wie sie sich für den Herausgeber der Briefe des Werthers darstellt
  • Die Normalität einer bewussten Willensentscheidung für Werther selbst
  • Die unbewusste Fixierung auf den Suizid und die unglückliche Liebe zu Lotte, wie es der Text nahelegt
  • Der Charakter des Abschiedsbriefes von Werther an Lotte

In unserem Zusammenhang ist es aber wichtig zu zeigen, dass Wolfgang Frühwald in seiner Diskussion der Bedeutung des Werthers für das Suizidverhalten junger Männer im 18.Jahrhundert leider überkommenen Ansichten anhängt, und leider wissenschaftliche Detailarbeit außer Acht lässt.

Das alte Lamento des Niedergangs der Sprache

Mit der Veröffentlichung des ersten vollständigen orthographischen Wörterbuchs der deutschen Sprache hat Konrad Duden 1880 einen wichtigen Schritt zur Schaffung einer deutschen Standardsprache gelegt. „Seit der Bundesrat des Deutschen Kaiserreichs 1902 Dudens Regeln für alle deutschen Bundesstaaten als verbindlich erklärt und sich Österreich-Ungarn sowie die deutschsprachige Schweiz angeschlossen hatten, gab es zumindest orthographisch ein einheitliches deutsches Sprachgebiet.“ (S. 74-75) Über die Bedeutung einer normierten Schriftsprache gibt es wenig Diskussion – was der französische Philosoph Voltaire über die Effizienz eines einzelnen Wortes geschrieben hat – „Verwendet nie ein neues Wort, wenn es nicht drei Eigenschaften hat: Es muss notwendig, es muss verständlich und es muss wohlklingend sein.”[10] – gilt selbstverständlich auch für eine normierte Schriftsprache: Funktionalität, Verständlichkeit und Ästhetik spielen in der Beurteilung einer Sprache eine große Rolle. Nach Wolfgang Frühwald kann das äußere Erscheinungsbild der Schriftsprache durchaus als ein Spiegelbild der Lage der Nation angesehen werden (S. 75) – denn „Sprache und ihre Kultur [gehören] zur conditio humana.“ (S. 12)

Doch diese conditio humana ist für Wolfgang Frühwald in Gefahr – die nachkommenden Generationen sind betäubt und damit ist auch die Kulturnation in einer Art Dämmerschlaf: „… die von den Möglichkeiten der Informationstechnologie betäubten jungen Menschen heute:“ (S. 13) lassen die Sprache verkommen: in Emails, in sozialen Netzen, in ihren kurzen Mitteilungen von ihrem Mobiltelefon aus – Und „dort also, wo Sprache reduziert wird auf Affektlaute, Befehle und Flüche, aber auch dort, wo sie im Schwall des Geschwätzes erstickt, entschwindet das Humanum …“ (S. 16/17) Der Griff der jungen Leute auf die Wirklichkeit wird immer schwächer – der explosionsartige Anstieg virtueller Erfahrungen führt zum realen Niedergang: “ die Grenzen zwischen Wirklichkeit und bloßer Vorstellung der Wirklichkeit [können] sich gefährlich verschieben.“ (S. 172) und all diese Entwicklungen kulminieren sich in der „schwindende[n] Autorität der Alten“ (S. 173)

Dieses Lamento ist so alt wie die menschliche Kultur – „Sie würden orientierungslos hin und her treiben, dem Niedergang preisgegeben, und schließlich ein schlimmes Ende finden.“[11], heißt es etwa über die Jugend bei dem arabischen Philosophen Ibn Tufail aus dem 12. Jahrhundert.

Doch diese Sprachkritik ist nicht ganz treffend – im Laufe der Geschichte fanden sich immer wieder neue Wege Sprache zu verwenden – schließlich ist die Sprache nichts abgeschlossenes, allen Normierungsversuchen zum Trotz. Schriftsteller wie Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek (Wolfgang Frühwald erwähnt sie in einem anderen Zusammenhang, S. 135) oder Reinhard Jirgl sind Beispiele dafür, wie lebendig Sprache außerhalb gängiger Normierungen ist und wie sehr solche Sprachspiele auch Einfluss auf die Alltagssprache haben können. Gesellschaftskritik ist selten innerhalb (bürgerlicher) Gesellschaftsnormen zu bekommen. Der Ansatz von Ernst Cassirer (siehe oben) kann dagegen aber fruchtbringender zur Beschreibung dieses Phänomens verwendet werden. Mit der Definition des Menschen als animal symbolicum steht und fällt die kulturelle Entwicklung nicht mehr nur ausschließlich mit der sprachlichen Korrektheit, wie von Wolfgang Frühwald suggeriert. Die menschliche Kreativität ist schier unerschöpflich, wenn es um die Gestaltung von Kommunikation geht – Emoticons lassen differenzierte Argumentationen nicht zu, aber sie verhelfen Millionen Menschen dazu, sich verständlich zu machen. „Sprechen heisst glauben“[12] – will heißen: Jeder Sprecher glaubt daran, dass er sich verständlich machen kann. Verständlichkeit alleine ist aber noch keine ästhetische Kategorie – sonst würden sich gute Betriebsanleitungen besser verkaufen als Bücher von Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek. Wie schrieb einst Neil Postman? - „Can we go into the future believing that gibberish is as good as any other form of language?“[13]

Das Kreuz mit der Anglomanie

Die englische Sprache ist in manchen Bereichen dominierend geworden – „Im Mittelpunkt der modernen Sprachkritik steht die nicht zu leugnende Anglisierung weiter Lebens- und Sprachbereiche.“ (S. 27) Diese Dominanz trifft auf beharrlichen Widerstand – aus gutem Grund. Wolfgang Frühwald arbeitet an verschiedenen Stellen seines Buches schön heraus, dass Sprache eine Art Instrument der Weltaneignung darstellt – „jede Sprache [hat] nämlich eine eigene Perspektive auf die Welt, eine eigene Problemsicht und eigene Lösungswege im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs“ (S. 39); [Umso bedauerlicher ist es, dass Wolfgang Frühwald nicht auch auf fremdsprachliche Studien zu Schrift und Sprache zurückgreift, in seinem Buch benennt er eine einzige nichtdeutschsprachige Quelle: Eine Studie über Alexander von Humboldt, S. 167, und auch im Text finden sich nur eine Handvoll fremdsprachiger Zitate)] Sprache konstruiert – selbst ein mentales Konstrukt – daher unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Verhalten – Warum? Weil Sprache immer nur Statthalter für Ideen und Werte ist und sein kann, die unseren Urteilen darüber, was wir sein und tun wollen, und wie wir und die Welt beschaffen sind, zugrunde liegen. „Es ist die Sprache, die dem Denken die Chancen öffnet, und ihm die Grenzen zieht.“[14]

Wolfgang Frühwald konzentriert sich in seiner Diskussion aber viel zu sehr auf einzelne Worte – „Es gibt in allen Sprachen Worte, Begriffe, Wendungen, Bilder und Sprichwörter, die nur der jeweiligen Sprache zugehören und deren Nuancen nur denen bekannt sind, die in dieser Sprache aufgewachsen sind.“ (S. 39/40) – auf die Denotationsebene. Doch Sprache ist nicht nur Benennung, sondern auch Struktur und Verwendung (Semantik, Syntax, Pragmatik) – und gerade die Struktur der verschiedenen Sprachen hat einen großen Einfluss darauf, wie wir über uns, andere und die Welt sprechen können.

Fazit

Die einzelnen Kapitel sind, was ihre Argumentationsdichte und Explikationsfähigkeit betrifft, sehr heterogen – auch wenn sich das Thema – der Mensch als Sprachtier und die Bedeutung der Sprache für die kulturelle und politische Entwicklung der Gesellschaft, sich in allen Aufsätzen wiederfindet, so fehlt eine durchgängige Argumentation. Trotz einiger Schwächen im Detail (keine Diskussion der Definition des Menschen als animal symbolicum, die historisch veraltete Position in der Werther-Frage, das Lamento vom Niedergang der deutschen Sprache), bietet das Buch eine Fülle an interessanten Einschätzungen und Beispielen dafür, welche Kraft und Macht im Beherrschen der Sprache steckt.

Die Frage nach dem quantifizierbaren Maß an Sprache, dessen wir und die Gesellschaft, in der wir leben, bedürfen, bleibt freilich unbeantwortet. Man bekommt aber beim Lesen des Buches den Eindruck, dass die Antwort darauf einfach „Wieder mehr!“ lauten müsste.

Die Fülle an literarischen Hinweisen zu Fragen der Sprache und zur Verwendung der Sprache als Mittel der Gesellschaftskritik machen das Buch aber insgesamt zu einem herausfordernden und dennoch kurzweiligen Lesevergnügen. Wolfgang Frühwald ist ein begeisterter Leser und diese Begeisterung ist in allen seinen Studien dieses Buches spürbar. Der persönlichste Absatz des Buches soll zugleich der Schlusspunkt sein – “ Warum ich gerne lese, habe ich mich oft gefragt und bin immer auf die gleiche Antwort gestoßen: Ich will Menschen kennenlernen, ihre Erfahrungen, ihre Schicksale, ihre Gedanken, ihr Tun, und nirgendwo ist das leichter zu haben als in Büchern.“ (S.169)


[1] Humboldt, W. v. (2008). Schriften zur Sprache. Frankfurt/Main (GER), Zweitausendeins, S.11

[2] Thomä, D. (2007 [1998]). Erzähle dich selbst – Lebensgeschichte als philosophisches Problem. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Taschenbuch Verlag, S.15

[3] Sanders, B. (1995[1994]). Der Verlust der Sprachkultur. Frankfurt/Main (GER), Sigmund Fischer Verlag, S.264/265

[4] Humboldt, W. v. (2008). Schriften zur Sprache. Frankfurt/Main (GER), Zweitausendeins, S.849/850

[5] Cassirer, E. (2007 [1944]). Versuch über den Menschen – Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg (GER), Felix Meiner Verlag, S.51

[6] Goodman, N. (1996 [1976]). Sprachen der Kunst – Entwurf einer Symboltheorie. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Taschenbuch Verlag, S.9

[7] Kratochvila, H. G. (2010). „Eine Rezension über Harald Neumeyer„s Buch „Anomalien, Autonomien und das Unbewusste. Selbstmord in Wissenschaft und Literatur von 1700 bis 1800“.“ Suizidprophylaxe 37(141 (2))

[8] Neumeyer, H. (2009). Anomalien, Autonomien und das Unbewusste. Selbstmord in Wissenschaft und Literatur von 1700 bis 1800. Göttingen (GER), Wallstein Verlag, S.34

[9] ibid., S. 205

[10] Zitiert nach Schneider, W. (2008). Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist. Reinbeck/Hamburg (GER), Rowohlt Verlag, S. 32

[11] Ibn Tufail, A. B. (2009 [1177-1182]). Der Philosoph als Autodidakt – Ein philosophischer Inselroman. Hamburg (GER), Felix Meiner Verlag, S. 113

[12] Certeau, M. d. (1988 [1980]). Kunst des Handelns. Berlin (GER), Merve Verlag, S. 338

[13] Postman, N. (1999). Building a Bridge to the Eighteenth Century. How the Past Can Improve Our Future. New York, NY (USA), Alfred A. Knopf, S. 81

[14] Schneider, W. (2008). Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist. Reinbeck/Hamburg (GER), Rowohlt Verlag, S. 98


Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at


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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 03.05.2010 zu: Wolfgang Frühwald: Wieviel Sprache brauchen wir? Berlin University Press (Berlin, Köln) 2010. ISBN 978-3-940432-82-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9401.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


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