socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stefan Aufenanger, Franz Hamburger u.a. (Hrsg.): Bildung in der Demokratie

Cover Stefan Aufenanger, Franz Hamburger, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Bildung in der Demokratie. Beiträge zum 22. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-86649-318-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Bildung macht demokratisch

Es ist eine Binsenweisheit – und wird doch immer wieder missachtet, ignoriert und unterschätzt – dass ein gebildeter Mensch eine andere Affinität und Überzeugungskraft für ein demokratisches Leben entwickelt, als ein ungebildeter und unaufgeklärter. Über Demokratiekompetenz wird theoretisch nachgedacht; wie auch über das Missverhältnis zwischen der durchaus vorhandenen formalen Zustimmung zur Demokratie und den in konkreten Lebenssituationen und Staatsentwürfen deutlichen Defiziten. Es ist besonders die Politische Bildung, die mit dem Begriff der „Demokratiepädagogik“ auf die deutlich vorhandene Politik- und Demokratieverdrossenheit reagiert (vgl. z. B.: die Rezension zu Wolfgang Beutel / Peter Fauser, Hrsg., Demokratiepädagogik. Lernen für die Zivilgesellschaft, 2007; sowie die Rezension zu Michael Marker, Die Schule als Staat. Demokratiekompetenz durch lernendes Handeln, 2009). Weil Demokratie die Staatsform ist, die grundsätzlich und immanent den gebildeten und aufgeklärten Bürger erfordert, muss demokratisch denken und handeln gelernt und anerzogen werden; und zwar sowohl in den institutionalisierten Bildungseinrichtungen, als auch in den Erfahrungsprozessen des alltäglichen Lebens.

Entstehungshintergrund

Demokratielernen gehört ohne Zweifel zu den vordringlichen und bedeutsamen Bildungsaufgaben in einer Welt, die sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelt und die Individuen und Gemeinschaften vor neue Herausforderungen stellt. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft ist eine Plattform, auf der sich in der Forschung und Lehre tätige Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler zusammengefunden haben. Im jeweils zweijährigen Rhythmus veranstaltet die DGfE einen Kongress mit einem Leitthema. Beim 22. Kongress vom 14. bis 17. März 2010 an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz diskutierten die TeilnehmerInnen über „Bildung in der Demokratie“. Den Sammelband mit den Beiträgen der Referentinnen und Referenten zur Thematik legen in kurzer Zeit die Herausgeber vor; es sind dies die Mainzer Erziehungswissenschaftler Stefan Aufenanger und Franz Hamburger, die als Geschäftsführerin fungierende Luise Ludwig und der Vorsitzende der DGfE, Rudolf Tippelt aus München. Bildung ist ein Menschenrecht, das, wie dies in Artikel 26/2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt, „auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung und Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten gerichtet“ ist. Somit ist die gewählte Kongressthematik eine gute und notwendige Wahl und die Kennzeichnung der (neuen) Herausforderungen, die auch in der Erziehungswissenschaft und Pädagogik theoretisch reflektiert und praktisch formuliert werden muss.

Aufbau und Inhalt

Rudolf Tippelt umreißt die Anforderungen in seinem einleitenden Beitrag, indem er den Rahmen aufzeigt, in dem sich Theorie und Praxis der Erziehungswissenschaft bewegt, angesichts der lokalen und globalen Entwicklung in der Einen Welt. Die Liste der Bedarfsforschungen reicht dabei von der „Herausbildung neuer und Zementierung alter Ungleichheitsstrukturen“ bis hin zu der sich „fortsetzenden Differenzierung von pädagogischen Institutionen und Berufsgruppen im Kontext pluraler Orientierungen“.

Der Sozialwissenschaftler Oskar Negt analysiert die Situation der politischen Bildung und der Demokratiezustände, indem er auffordert, den „Blick auf Gemeinwesenarbeit als authentische wichtige Arbeit“ zu richten, und zwar sowohl als Bedarf der Pflege der Städte, als auch der Menschen; denn der „verfügbare Mensch“ heute leidet unter der zunehmenden Ort- (und Bewusstseins-)losigkeit.

Der Kasseler Literaturwissenschaftler Stefan Greif macht sich daran, in Georg Forsters Schriften eine Antwort auf eine für die heutige Zeit gültige Bildungs- und Erziehungstheorie zu finden. Die Forstersche Entdeckung, „dass sich Gesellschaftsformen und Bildungskonzepte wechselseitig bedingen“ lässt sich getrost bis heute verlängern, ersetzt man den letztgenannten Begriff durch „Bildungssysteme“, wie etwa das dreigliedrige Schulsystem, das auf den überholten pyramidalen Strukturen von Oben nach Unten basiert.

Die Pariser Erziehungswissenschaftlerin Christine Delory-Momberger sieht im Unterrichten von Diversität eine erzieherische und politische Herausforderung auch für die Pädagogik. Es geht darum, das Gemeinsame und das Verschiedene, das Eine und das Vielfältige, das Gleiche und das Andere in eine für alle Schülerinnen und Schüler gültige Bildungs- und Erziehungsauffassung zu bringen. Die Antwort der Autorin: Es muss eine dialogische Erziehung sein, wie sie z. B. von Paulo Freire grundgelegt wurde (vgl. dazu auch die Rezension zu Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis, Waxmann-Verlag 2008; sowie Paulo Freire Kooperation und Zeitschrift „Dialogische Erziehung“, Paulo Freire Verlag, Oldenburg, www.freire.de).

Wolfgang Edelstein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung richtet den Blick bei der Suche nach „Ressourcen für die Demokratie“ auf die notwendigen Bedingungen, wie sie für eine demokratische Schulkultur unverzichtbar sind. Am Beispiel der Funktion und Wirkungsweise eines Klassenrats zeigt er Möglichkeiten des Demokratielernens in der Schule auf und stellt diese institutionalisierte Form der Mitbestimmung als „basisdemokratische Selbstregulation“ heraus.

Der Münchner Erziehungswissenschaftler Hartmut Ditton diskutiert mit seinem Beitrag die spezifisch deutsche Frage nach dem Zusammenhang von Schulerfolg und sozialer Herkunft. Er stellt die Ergebnisse von Längsschnittuntersuchungen bei Übergängen von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen vor. Dabei wird deutlich, dass die bei den bisherigen nationalen und internationalen Schulvergleichs- und –leistungsforschungen, wie z. B. bei PISA angewandten Methoden besonders zur Befundlage bei den primären und sekundären Effekten bei Bildungsverläufen, einer Überprüfung bedürfen, um „in difdferenzierten Analysen zu überprüfen, wie sich Bildungslaufbahnen konstituieren und über welche Strukturen im Einzelnen soziale Ungleichheit im Bildungssystem reproduziert wird“.

Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers gibt einen historischen Überblick über die Entwicklung der Demokratie, Globalisierung und Bildung, indem er danach fragt, wie sich Demokratie als Lebensform in Bezug auf die Schule darstellt. Weil demokratisches Denken und Handeln wedert verordnet, noch importiert oder exportiert werden kann, sondern aus dem Inneren der Gesellschaft entstehen muss, bedarf es der institutionellen und intellektuellen Aufmerksamkeit. „Wer die Demokratie als Regierungs- wie als Lebensform mit zu hohen gesellschaftlichen Diskrepanzen belastet, gefährdet sie“.

Der Hannöversche Pädagoge Martin Heinrich reflektiert das Zauberwort „Bildungsgerechtigkeit“, indem er die „meritokratisch gefasste(n) Steuerungspolitik der Leistungsgerechtigkeit“ kritisiert und dagegen setzt das Prinzip der „Bildungsgerechtigkeit als Anerkennungsgerechtigkeit“.

Roland Reichenbach von der Universität Basel setzt sich mit Metaphern auseinander, die im Demokratiediskurs verwandt werden. Im Prozess des Demokratielernens geht es darum, Begrifflichkeiten und Zuschreibungen zu erkennen und wahrhaftige und ideologische Bilder mit der Fähigkeit der „Bildhaftigkeit des Denkens“ zu identifizieren.

Die Hamburger Erwachsenenbildnerin Christine Zeuner stellt die „Aufgaben und Perspektiven der Erwachsenenbildung in einer demokratischen Gesellschaft“ zur Diskussion. Dabei setzt sie sich mit den Begriff des „lebenslangen Lernens“ auseinander und weist darauf hin, dass die gesellschaftliche Akzeptanz der Metapher auf wackeligen Beinen steht, wird die Notwendigkeit zum „Lernen im Lebenslauf“ überwiegend mit ökonomischen Argumenten begründet.

Die Professorin für Sozialpädagogik am Pädagogischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Cornelia Schweppe, beschließt den Tagungsband mit ihrer Reflexion über „Sozialpädagogik zwischen Transnationalität und methodologischem Nationalismus“. Dabei benennt sie die „Ungleichzeitigkeit zwischen der nationalen Orientierung der Sozialen Arbeit und der Transnationalisierung der Sozialen Welt als Herausforderung für die Sozialpädagogik“ und stellt sozialpädagogische Perspektiven zur Diskussion.

Fazit

Tagungs- und Sammelbände sind Markierungs-, Positions- und Diskussionsforen im wissenschaftlichen Diskurs. Sie sind unverzichtbar für kritische, offene und objektive Forschungsansätze. Dabei ist es meist wichtiger, die richtigen Fragen zu formulieren, als fertige Antworten oder gar Rezepte zu präsentieren. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft leistet dabei in den Kongressen und den 13 Sektionen (Historische Bildungsforschung, Allgemeine Erziehungswissenschaft, International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft, Empirische Bildungsforschung, Schulpädagogik, Sonderpädagogik, Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung, Pädagogische Freizeitforschung und Sportpädagogik, Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Medien- und Umweltpädagogik und Differentielle Erziehungs- und Bildungsforschung) wichtige und innovative Denk-, Forschungs- und Praxisarbeit.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1101 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.06.2010 zu: Stefan Aufenanger, Franz Hamburger, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Bildung in der Demokratie. Beiträge zum 22. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-318-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9417.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Stellenangebote

Erzieher/innen und Sozialpädagogen (w/m) für Kindergarten, Hamburg

Kita-Leiter/in, Frankfurt am Main

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!