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Stefan Meyer-Ahlen: Ethisches Lernen

Cover Stefan Meyer-Ahlen: Ethisches Lernen. Eine theologisch-ethische Herausforderung im Kontext der pluralistischen Gesellschaft. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. 185 Seiten. ISBN 978-3-506-76902-2. 26,90 EUR, CH: 59,00 sFr.
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Thema

Wie lernt man, gut zu sein und das Richtige zu tun? Oder anders formuliert: "Wie [können] Menschen im Laufe ihres Lebens zu moralisch verantwortlichen Handlungs- und Urteilsmaßstäben gelangen"? (28) Mit dieser Frage befasst sich Stefan Meyer-Ahlen in seiner Dissertation "Ethisches Lernen". Thema der Arbeit ist dabei nicht, wie Menschen unter ethischen Bedingungen oder auf ethische Weise lernen, sondern vielmehr, wie Menschen das Ethische selbst lernen. Zum einen führt der Autor verschiedene Ansätze aus Psychologie, Pädagogik, Philosophie und Soziologie an, die sich mit Ethischem Lernen befassen, und untersucht, wo sie für Religion offen sind. Zum anderen stellt er moraltheologische Positionen vor und prüft sie jeweils auf ihre Relevanz für Ethisches Lernen. So entstehen mannigfaltige wechselseitige Anknüpfungspunkte, die einen interdisziplinären Diskurs fördern.

Autor

Dr. Stefan Meyer-Ahlen (* 1977) hat in Würzburg Katholische Theologie und Germanistik studiert. Von 2004 bis 2009 war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt, zunächst am Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik der Universität Erfurt, später am Lehrstuhl für Moraltheologie der Ruhr-Universität Bochum. Seit September 2009 ist er Studienleiter an der Katholischen Akademie Domschule Würzburg und bei "Theologie im Fernkurs".

Entstehungshintergrund

Die Arbeit wurde im Sommersemester 2009 von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt als Dissertation angenommen. Für die Drucklegung hat der Autor sie geringfügig überarbeitet und um einige aktuelle Literaturangaben ergänzt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist – neben Einleitung bzw. Resümee und Ausblick – in drei Kapitel gegliedert.

Das erste Kapitel Zugänge zu ethischem Lernen und ihre Offenheit (25-104) beginnt mit "Vorbemerkungen" zur Begriffsklärung (25-29). In weiteren vier Schritten stellt Meyer-Ahlen ausgewählte Konzeptionen und Ansätze Ethischen Lernens vor, die jeweils "unterschiedliche Aspekte menschlichen Daseins betonen" (21). Jeder Ansatz wird auf seine Offenheit für die Dimension des Religiösen hin befragt.

Meyer-Ahlen führt unter der Überschrift "Formalisiertes ethisches Lernen" (30-51) den Ansatz von Immanuel Kant sowie die entwicklungspsychologischen Ansätze von Lawrence Kohlberg, Fritz Oser und Georg Lind an. Die hier zusammengefassten Konzepte befassen sich nicht mit inhaltlichen Aussagen, sondern mit den Strukturen Ethischer Lernprozesse.

Inwieweit sind nun diese Ansätze für Religion offen? Zu Kant hält Meyer-Ahlen unter anderem fest, dass Beurteilungskategorien aus der persönlichen religiösen Überzeugung resultieren und Religion gerade in pluraler Gesellschaft Inhalte zur Orientierung anbietet. In der Auseinandersetzung mit den entwicklungspsychologischen Ansätzen betont der Autor die Dilemmadiskussion als relevant für die Dimension des Religiösen. Ungeachtet des Beitrags, den Dilemma-Situationen für Ethisches Lernen leisten können, bestehe die Gefahr, dass Menschen auf diese mit Überforderung und Verzweiflung reagieren. Hier "leistet die religiöse Perspektive eine Form der Zusammenführung von disparat erscheinenden Lebensweltbereichen und Problemkontexten" (51).

Der Abschnitt "Ethisches Lernen in psychologisch-psychoanalytischen Prozessen" (52-68) stellt Konzepte vor, die davon ausgehen, "dass Menschen nicht monokausal oder eindeutig vorherbestimmbar ‚funktionieren‘" (52). Meyer-Ahlen geht auf Freuds Instanzenmodell ein, auf das Ich-Ideal sowie auf Identität nach Erikson. In diesen Ansätzen zeigen sich weitere Anknüpfungspunkte für das Religiöse: gelebter Glaube unterstützt Selbsteinschätzung und Selbstannahme. Die Kirchen sieht der Autor dabei herausgefordert, die Persönlichkeit von Menschen zu stärken. Ein besonderer Beitrag von Religion liegt nach Meyer-Ahlen "in der motivierenden Kraft, die ein grundsätzliches Angenommensein durch eine bergende Transzendenz bietet" (68).

Während es bei den bisher genannten Ansätzen um die Art und Weise der Aneignung bzw. Entwicklung ging, stehen bei den folgenden Ansätzen, die Meyer-Ahlen unter "Inhaltsorientiert-narratives ethisches Lernen" (69-98) zusammenfasst, die Inhalte Ethischen Lernens im Zentrum. Meyer-Ahlen stellt die Moralpädagogik Friedrich Wilhelm Foersters vor, das Pädagogikkonzept Wolfgang Brezinkas sowie die Narrative Ethik. Letztere geht davon aus, dass Texte befremden, verwundern und so dazu führen, dass Menschen über ihr eigenes Urteilen und Handeln nachdenken und dass das Gelernte im konkreten Handeln wirksam wird. Meyer-Ahlen betont hier das Mitgefühl "als Denkhaltung mit Veränderungspotential" (92) und führt das Compassion-Schulprojekt aus. In der Auseinandersetzung mit den Ansätzen dieser dritten Gruppe kann Religion an den Vorbildern und Tugenden anknüpfen. "Eine religiöse Haltung eröffnet zudem die Wahl einer besonderen empathischen Einstellung und ermutigt zu ihr" (98).

Die vierte Gruppe betrachtet "Ethisches Lernen als Prozess der Enkulturation" (99-104). Der Autor geht auf den Ansatz von Emile Durkheim und Auseinandersetzungen mit diesem ein. Hier bietet Religion als "Wertgröße" einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung von und Auseinandersetzung mit Werten.

Im (im Duktus der Arbeit verhältnismäßig kurzen) zweiten Kapitel Ethisches Lernen in freiheitlicher, pluralistischer Gesellschaft: Zwischen der Suche nach moralischer Sicherung differenzierter Kultur und postsäkularer religiöser Offenheit (105-114) leitet Meyer-Ahlen aus dem ersten Kapitel verschiedene Facetten Ethischen Lernens ab: Erschließung rationaler Kompetenz, Aufbau von Identität, Sicherung von Basiskonsens, Sensibilität des Narrativen und Prägung durch den gesellschaftlichen Kontext. Er bringt die Weitergabe des ethischen Fundaments mit einer neuen religiösen Offenheit in Beziehung und formuliert schließlich Ansprüche der modernen Kultur an Religion und Glaube in sechs Formeln - zur Dimension der Freiheit, der Verantwortlichkeit, der Akzeptanz, der Relation, der Orientierung sowie der Versöhnung bzw. Entlastung.

Das dritte Kapitel ist überschrieben Katholische Moraltheologie in moderner Kultur: Eine Antwort auf die Bemühungen um die Weitergabe der moralischen Ressourcen freiheitlicher Gesellschaft (115-159). Hier schildert Meyer-Ahlen "ausgewählte Positionen der Moraltheologie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil" (Untertitel) und fragt nun umgekehrt nach deren Relevanz für Ethisches Lernen.

Den Anfang macht die dialogische Beziehung zwischen Gott und Mensch (117-128), die vor allem bei Hans Rotter eine zentrale Rolle spielt. Der Ansatz wendet sich gegen Individualisierungstendenzen und betont die Verwiesenheit des Menschen auf andere. Als Beitrag für den interdisziplinären Diskurs mit Ansätzen Ethischen Lernens hält Meyer-Ahlen einen "realistische[n] Blick auf das menschliche Lebensumfeld" (127f) und den Verweis auf die vorausgehende Wirklichkeit Gottes fest.

Auf den hier denkbaren Einwand, mit diesem Konzept sei nun die Freiheit gefährdet, führt Meyer-Ahlen die Positionen von Franz Böckle und Alfons Auer an (129-147), die in der moraltheologischen Diskussion zwar einen anderen Schwerpunkt als den eben genannten haben, aber mit dem Ansatz Rotters zusammengedacht werden müssen. Freiheit und Autonomie sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass die Entwicklung von Werthaltungen gelingt. Böckle sieht den christlichen Glauben als bedeutsam für menschliche Freiheit generell. Aufgabe Ethischer Lernprozesse ist es somit, "einen Freiheitsraum zu vermitteln, der nicht nur aus sich selbst heraus entstanden ist und daher auch einen (sittlichen) Anspruch mit sich bringt" (137).

Für Alfons Auer entspricht ethisches Handeln der Grundstruktur des Menschen und führt dazu, dass der Mensch sich selbst verwirklicht. Ausgehend von der befreienden Botschaft Jesu versteht Auer Ethisches Lernen als "Kaskade, die von dem Ringen um Mündigkeit über die solidarische Verantwortlichkeit bis zum konkreten Engagement reicht" (146). Die aus der Gottesbeziehung resultierende Freiheit führt zu Gelassenheit. Ein wesentlicher Beitrag für Ethisches Lernen liegt darin, Scheitern und Schuld zu thematisieren und Reue und Vergebung als entlastende Wege anzubieten.

Daran knüpft nun die dritte Position an, die die Entlastung durch Gnade betont (148-159). Dass Menschen scheitern, ist Alltag und nicht die Ausnahme. Fehler und Versagen müssen Teil des Ethischen Lernens sein und dürfen es nicht in Frage stellen. Hier greift Meyer-Ahlen die Arbeiten Eugen Drewermanns auf, der die Situation des Einzelnen in den Blick nimmt. Nach Drewermann gehört die Tragik menschlichen Scheiterns unabdingbar zum Menschsein dazu. Aufgabe christlicher Ethik ist es dabei, Wege aus Angst und Verstrickung aufzuzeigen – nämlich Vertrauen und Gnade. Der Anknüpfungspunkt für Ethisches Lernen findet sich genau hier: "Es geht um ein Bewusstwerden, dass Gott auf der Seite des Menschen steht und den Menschen vor aller Leistung und trotz aller Schuld bejaht" (157).

Nach einem "Resümee in vier Sätzen" (161-167) schließt Meyer-Ahlen seine Dissertation mit einem Ausblick (168-173), in dem er Konsequenzen für Einzelne, für die Gesellschaft und die Theologie formuliert.

Diskussion

Mit seiner Dissertation legt Stefan Meyer-Ahlen einen umfangreichen Beitrag zum interdisziplinären wissenschaftlichen Dialog im Themenfeld "Ethisches Lernen" vor. Die komprimierte und zitatreiche Darstellung zahlreicher philosophischer, pädagogischer, psychologischer und soziologischer Positionen sowie von Ansätzen der modernen Moraltheologie verlangt den LeserInnen ein hohes Maß an Konzentration und Flexibilität ab. Gerade durch diese Fülle jedoch ermöglicht der Autor VertreterInnen verschiedener Fachrichtungen eine fundierte Information auf universitärem Niveau über die Inhalte der jeweils anderen Disziplin(en). Indem er die Positionen auf ihre wechselseitige Relevanz hinterfragt, zeigt er die Anknüpfungspunkte für den fachübergreifenden Diskurs gleich mit auf. Meyer-Ahlen selbst setzt auf die Entwicklung von Kompetenzen, nicht auf Vorgaben: "Eine ethische Haltung, die grundlegend reflektiert und aus dem gelebten christlichen Glauben heraus erworben wurde […], ist wahrscheinlich eine größere Hilfe in Entscheidungssituationen, in denen die Anwendung von ethischen Maßstäben gefragt ist, als der Versuch möglicherweise allein aus Moralhandbüchern konkretes Handeln abzuleiten" (172).

Kritisch ist anzumerken, dass die Auswahlkriterien für die im dritten Kapitel angeführten Positionen nicht ausreichend deutlich werden. Meyer-Ahlen beschränkt sich hier auf Vertreter der deutschsprachigen Moraltheologie, begründet das aber weiter nicht. Zudem bleibt die Arbeit auf dem Boden der klassischen Ansätze und berücksichtigt Beiträge von Frauen nur unzureichend. Zwar nimmt der Autor im ersten Kapitel vereinzelt Bezug auf Wissenschaftlerinnen, ausführliche Darstellungen der Ansätze von Forscherinnen fehlen jedoch. Die Moraltheologinnen Hille Haker, Angelika Walser und Regina Ammicht Quinn werden zwar im ersten Kapitel genannt, nicht jedoch im dritten und bleiben somit in ihrer moraltheologischen Kompetenz unsichtbar. Die Positionen weiterer Moraltheologinnen wie Sigrid Müller oder Christa Schnabl greift Meyer-Ahlen nicht auf. Dies verwundert umso mehr, als der Fokus im dritten Kapitel auf der "katholischen Moraltheologie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil" liegt.

Fazit

Wer unter dem Blickwinkel des Ethischen Lernens Informationen zu klassischen Ansätzen sucht, trifft auf einen reichhaltigen Fundus an Positionen, Zitaten und Literaturangaben. Das Buch ist empfehlenswert für Religions- und EthiklehrerInnen, für alle, die in der Ausbildung von LehrerInnen sowie der Erwachsenenbildung mit Wertefragen befasst sind, zudem für WissenschaftlerInnen der genannten Disziplinen Pädagogik, Philosophie, Psychologie, Soziologie und Theologie. Es regt an, wissenschaftliche Positionen weiterzuentwickeln und in den interdisziplinären Dialog einzutreten, um in den jeweiligen Arbeitsbereichen Ethisches Lernen zu unterstützen.


Rezensentin
Dr. Mechthild Herberhold
Ethik konkret, Altena (Westf.).
Homepage www.ethik-konkret.de
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Zitiervorschlag
Mechthild Herberhold. Rezension vom 16.07.2010 zu: Stefan Meyer-Ahlen: Ethisches Lernen. Eine theologisch-ethische Herausforderung im Kontext der pluralistischen Gesellschaft. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. ISBN 978-3-506-76902-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9432.php, Datum des Zugriffs 31.07.2016.


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