Andrea Friedrich: Personalarbeit in Organisationen sozialer Arbeit
Andrea Friedrich: Personalarbeit in Organisationen sozialer Arbeit. Theorie und Praxis der Professionalisierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 145 Seiten. ISBN 978-3-531-16557-8. 14,95 EUR.
Reihe: Lehrbuch.
Autorin
Dr. Andrea Friedrich, Jahrgang 1966, ist Professorin an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) der Fachhochschule Hildesheim/ Holzminden/Göttingen in Hildesheim. Ihre Lehrgebiete sind Planung und Organisation sozialer Einrichtungen, Management in der sozialen Arbeit sowie Organisationslehre.
Entstehungshintergrund
Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: es ist im Diskurs mit unterschiedlichen Menschen entstanden und obwohl nur Frau Dr. Friedrich als Autorin genannt wird, finden sich im Anhang sechs weitere Autorinnen und Autoren. Der Diskurs fand statt mit Teilnehmern des Fachforums Personalmanagement in der Sozialen Arbeit seit 2007, mit Führungskräften aus der Sozialen Arbeit bis hin zu Studierenden und zur Familie der Autorin. Die aufgeführten Coautoren und -autorinnen haben einzelne Unterkapitel in Form von Praxisbeiträgen beigesteuert. Insgesamt ist diese Publikation wohl im Rahmen ausgeprägter Diskussionen entstanden.
Aufbau
Das Buch ist in sechs Kapitel untergliedert, wobei Kapitel 3 «Ausgewählte Gestaltungsfelder des Personalmanagements» mit Abstand das quantitativ größte Gewicht hat (68 von 132 inhaltlichen Seiten). Kapitel 1 begründet kurz die Thematik und in Kapitel 2 werden die «Grundlagen des Personalmanagements» referiert. Kapitel 4 «Organisationskultur und Gesundheit» ist ein in der Sozialen Arbeit wichtiges Thema, weshalb es wohl auch ein eigenes Kapitel rechtfertigt und nicht unter Kapitel 2 subsumiert wird. Nicht ganz erschließt sich, warum Kapitel 5 «Differenzierung des Personals» nicht in Kapitel 2 integriert wurde und Kapitel 1 «Professionalisierung der Personalarbeit in der Sozialen Arbeit» nicht mit Kapitel 6 «Chancen und Risiken der Professionalisierung» zusammengefasst wurde.
Wie ausgeführt, finden sich in den Kapitel 3 bis 5 Praxisbeiträge von Coautoren. Hiermit soll dem Titel der Publikation entsprochen werden, auch die Praxis der Professionalisierung darzustellen. Die Praxis kommt auch an anderen Stellen zur Geltung: Als Praxisinterviews, wobei nicht deutlich wird, wer fragt und wer antwortet (Frage – Antwort) und auch als «Ergebnisse der Studierenden» und «Befragung von Praktikern/-innen». Kleingedruckt finden sich zahlreiche Beispiele, teilweise mit Nennung von Namen und Alter, z.B. S. 62 f.; hier ist sicherlich fraglich, ob es sinnvoll ist, derartige Daten preiszugeben.
Insgesamt sind Aufbau und Struktur der Publikation zwar ungewöhnlich, aber für die Thematik durchaus angemessen und sinnvoll.
Inhalte
Das erste Kapitel dient zur thematischen Begründung mit zwei Ausgangsthesen (S. 10 f.), der Herausarbeitung besonders wichtiger Themen (S. 11) und der Skizzierung der zukünftigen Herausforderungen (S. 12). Ähnliche Themen werden auch in Kapitel 6 «Chancen und Risiken der Professionalisierung» (S. 140-142) angesprochen. Bei einer 2. Auflage ist anzuraten, sich von den didaktischen Prinzipien, denen dieses Gliederung wohl geschuldet ist, zu verabschieden und diese Thematik in einem Kapitel grundsätzlich abzuhandeln.
Kapitel 2 lautet «Grundlagen des Personalmanagements». Hier werden die wichtigen Begriffe und die unterschiedlichen Paradigmata im Zeitablauf ab der Bürokratisierung dargestellt. Dieses ist richtig und in sich schlüssig, wenn auch die beiden Praxisinterviews bei diesen doch eher grundsätzlichen Themen nicht wirklich weiterhelfen.
Wie gesagt, liegt der quantitative Schwerpunkt auf Kapitel 3 «Ausgewählte Gestaltungsfelder des Personalmanagements». Hier werden in der üblichen prozessualen Reihenfolge alle wichtigen Instrumente des modernen Personalmanagements angesprochen: Personalplanung und Personaleinsatz, Personalbindung und Anreizsysteme, Einführung neuer Mitarbeiter/innen, Arbeitszeitgestaltung, Personalbeschaffung und -auswahl, Entgeltgestaltung und Personalkosten, Personalführung sowie Personalentwicklung. Der Umfang sowie die Art und Anzahl der Praxisbeispiele variieren in den einzelnen Unterkapiteln sehr stark. Hier wäre an einigen Stellen eine Kürzung, an anderen Stellen ein Mehr an praktischen Belegen anzuraten. Beispielsweise werden TVL/TVöD kurz referiert (S. 65 ff.), aber auf AVR und ähnliche Tarifvereinbarungen in der Sozialen Arbeit wird nicht eingegangen.
Auch beim Layout wäre etwas mehr Einheitlichkeit zu wünschen; so werden nur im Kapitel 3.8.2 «Maßnahmen der Personalentwicklung» die wichtigsten Begriffe «fett» gesetzt, sonst nicht. Und es verwirrt, wenn in Praxisbeispielen wieder andere Nummerierungen als in der Gliederung zu finden sind, beispielsweise in Kapitel 4.2 «Praxisbeitrag zur Inneren Kündigung».
Kapitel 4 beschäftigt sich mit «Organisationskultur und Gesundheit». Letztlich besteht dieses Kapitel nur aus einer kurzen Einleitung und dem genannten Praxisbeitrag Kapitel 4.2 sowie dem Praxisbeitrag 4.3 zur Psychohygiene.
Nicht ganz erschließt sich der Sinn von Kapitel 5 «Differenzierung des Personals». Im Prinzip ist es richtig, auf die besonderen Arbeitsverhältnisse in NPO einzugehen, die sich in einem Kontinuum von Erwerbsarbeit in unterschiedlichen Facetten (Voll- und Teilzeit, befristet/unbefristet etc.), Transfereinkommen (1 € bis Midi-Jobs) und ehrenamtlichen Tätigkeiten bewegen. Das Praxisbeispiel einer Werkstatt für behinderte Menschen ist anschaulich, jedoch hätte man sich hier eine umfassendere Diskussion gewünscht.
Diskussion
Auf den ersten Blick fragt man sich, was an diesem Buch neu und spezifisch ist. Schließlich werden die bekannten Themenfelder der Personalwirtschaft dargestellt, wie in vielen anderen Publikationen auch. Zudem sind die Themen nur sehr kurz und ohne eine übergreifende Theorie dargestellt. Beginnt man allerdings, die Kapitel zu lesen, dann stellt man schnell einen entscheidenden Unterschied fest: hier ist wirklich der Versuch gemacht worden, Personalmanagement unter den besonderen Bedingungen der Sozialen Arbeit darzustellen. Und dies nicht nur anhand der Praxisbeispiele, sondern auch in der vorangestellten Theorie.
Auch wenn die Kürze der Darstellungen oft auf Kosten eines fundierten wissenschaftlichen Diskurses geht, erfreut jedoch die Prägnanz der Darstellungen. Und sie entspricht der Intention der Autorin, einen Überblick über das Personalmanagement zu geben und diese Inhalte der Praxis gegenüberzustellen (S. 12).
Der Autorin gelingt es, mit einer verständlichen Sprache kurz die wichtigsten Sachverhalte zu erklären. Das ist angewandte Wissenschaft im besten Sinn, das ist die Didaktik des Personalmanagements. Die Publikation ist keine Grundlagenforschung, sondern die Anwendung von Instrumenten und Methoden des Human Resource Managements. Leider fehlt oft die inhaltliche Bindung zwischen theoretischer Einleitung und dem Praxisbeispiel/-interview. Hier hätte man sich noch einmal eine Auswertung des Praxisbeispiels gewünscht, eine Reflexion des Aufgezeigten an der vorangegangenen theoretischen Fundierung.
Fazit
Ziel der Autorin war es, Personalmanagement in der Sozialen Arbeit Studierenden und Entscheidungsträgern gleichermaßen näher zu bringen. Sie hat diese Personen dort abgeholt, wo sie standen: aus der Position als Arbeitnehmer und als weitgehend Unwissende über betriebswirtschaftliche Theorien. Daher ist es auch zu verschmerzen, dass die theoretische Fundierung nicht immer dem neuesten wissenschaftlichen Diskurs entspricht. Letztlich ist es der Autorin gelungen, ohne rezeptologisch zu werden, einen auf die Soziale Arbeit bezogenen Überblick über das Personalmanagement und anhand von Beispielen Anregungen für das eigene Handeln der Entscheidungsträger zu geben. Wenn dann noch auf dem Klappentext die Autorin in einem Satz nicht gleich zweimal derselben Fakultät zugeschlagen würde, wäre auch noch ein letzter kleiner Fehler behoben. Insgesamt ist dies eine wichtige und in dieser Form bisher auch noch nicht erschienene Publikation zum Personalmanagement in der Sozialen Arbeit, der man nur viele Leser wünschen kann.
Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
Professor für Human Resource Management an der Fachhochschule Koblenz
RheinAhrCampus Remagen
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 24.05.2010 zu: Andrea Friedrich: Personalarbeit in Organisationen sozialer Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 145 Seiten. ISBN 978-3-531-16557-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9434.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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