Bernd Wallraff: Professionelles Management von Ehrenamtlichen
Bernd Wallraff: Professionelles Management von Ehrenamtlichen. Eine empirische Studie am Beispiel von Greenpeace Deutschland. Budrich UniPress (Farmington Hills) 2010. 234 Seiten. ISBN 978-3-940755-40-7. 24,90 EUR.
Thema
Der Autor stellt in seiner Monographie das Ehrenamtsmanagement der Nichtregierungsorganisation Greenpeace detailliert vor: Dazu gibt Wallraff einen Überblick über den aktuellen Stand der Engagementforschung, zeigt die komplexe Struktur des freiwilligen Engagements bei Greenpeace Deutschland auf und präzisiert anschaulich deren einzelne Elemente. Ein wesentlicher Bestandteil des Buches ist die Präsentation der Ergebnisse einer repräsentativen Studie zu den Erfolgsfaktoren des ehrenamtlichen Engagements der Organisation. Dazu wurden etwa 1.300 freiwillige Helfer von Greenpeace Deutschland befragt. Daran anknüpfend legt der Autor Methoden des Ehrenamtsmanagements dar und analysiert die Mitglieder- und Organisationsstrukturen ehrenamtlicher Gruppen am Beispiel von Greenpeace. Abschließend führt Wallraff weiterführende Überlegungen zum Ehrenamtsmanagement an und gibt konkrete Empfehlungen für das Handlungsfeld.
Autor
Dr. Bernd Wallraff ist Referent für Organisationsentwicklung in der Stabsabteilung Strategie & Evaluation des Goethe-Instituts e. V. Er war u.a. beim Aufbau der Personalentwicklung der Volkswagen Group China in Peking tätig und berät Organisationen zum Thema Non-Profit Management. Für Greenpeace Deutschland war der Autor selbst viele Jahre unentgeltlich tätig.
Entstehungshintergrund
Mit seiner quantitativen Analyse möchte der Autor die wesentlichen Bedingungen für den Erfolg von Greenpeace Deutschland vorstellen: Eine intelligente Organisationsstruktur, die es ermöglicht ehrenamtliches Engagement professionell zu begleiten. Dazu hat sich Greenpeace e. V. für einen „Blick hinter die Kulissen“ geöffnet.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in drei übergeordnete Kapitel.
I. Forschungsstand zum Ehrenamt. In diesem Abschnitt stellt der Autor den aktuellen Forschungsstand zum Ehrenamt vor und befasst sich mit dem theoretischen Hintergrund des Themas. Dazu beschreibt er die „Dritte-Sektor-Forschung“ und geht auf das Thema „Ehrenamt“ mit seinen verschiedenen Aspekten ein. Das erste Kapitel schließt mit der Darstellung und Definition von Non-Governmental Organisations wie „Ärzte ohne Grenzen“ und Non-Profit Organisations wie zum Beispiel Stiftungen.
II. Ehrenamtliche bei Greenpeace. Im Folgenden geht der Autor kurz auf die Entstehungsgeschichte, das Ehrenamt im Allgemeinen sowie den so genannten „Bereich Netzwerk“ von Greenpeace ein. Weiterer Bestandteil dieses Kapitels ist die detaillierte Vorstellung der ehrenamtlichen Strukturen der Organisation. Darauf folgt die Präsentation der empirischen Studie zu den Erfolgsfaktoren des ehrenamtlichen Engagements bei Greenpeace.
III. Methoden des Ehrenamtsmanagements. Im letzten Kapitel analysiert der Autor die Ehrenamtsstrukturen in der Praxis. Weiterhin werden detailliert verschiedene Methoden des Ehrenamtsmanagements, wie die Gewinnung oder die Integration von Freiwilligen, vorgestellt. Im Bezug dazu stellt der Autor weiterführende Überlegungen zum Management von Ehrenamtlichen an und formuliert Handlungsempfehlungen für die Praxis. Im letzten Abschnitt fasst Wallraff die zentralen Ergebnisse der Studie und seiner Überlegungen zusammen und endet mit einer Schlussbetrachtung.
Inhalt
Den Einstieg in das Thema „Freiwilligenmanagement“ findet Wallraff durch die Darstellung des aktuellen Forschungsstandes zum Ehrenamt. Dazu geht er auf den theoretischen Hintergrund des Forschungsgegenstandes „Ehrenamt“ ein und behandelt in diesem Rahmen die Dritte-Sektor-Forschung. Folgend widmet er sich ausführlich dem Thema „Ehrenamt“: So wird u.a. der Begriff „Ehrenamt“ mit seinen verschiedenen Bereichen vorgestellt und aktuelle Entwicklungen und Forschungen erörtert. Um den theoretischen Hintergrund des Ehrenamtes weiter darzustellen, behandeln die nächsten Seiten die Vor- und Nachteile des Einsatzes von Ehrenamtlichen.
Folgend wird das Ehrenamt im Wandel erläutert. Dazu stellt der Autor u.a. das „neue“ und das „alte“ Ehrenamt gegenüber und geht auf die aktuellen Entwicklungen, wie die „Multioptionsgesellschaft“ ein. Die Hemmfaktoren für freiwilliges Engagement, wie „Anstoßmangel“ oder die Diskrepanz von unterschiedlichen Erwartungen der Haupt- und Ehrenamtlichen werden dargestellt.
Als weiterer Aspekt des theoretischen Hintergrundes werden die Motive für ehrenamtliches Engagement behandelt. Dazu geht der Autor auf die vier Grundtypen des sozialen Handelns nach Max Weber ein, welche auf das Ehrenamt übertragbar sind. Zur Darstellung der Motive bezieht sich Wallraff auch auf Ergebnisse des Freiwilligensurveys von 2004. Weiterhin wird die Notwendigkeit eines flexiblen Ehrenamtes sowie die wichtige Rolle der Qualifizierung und Humankapitalbildung betont. Letzteres stellt ein zentrales Motiv für ehrenamtliches Engagement dar und Wallraff geht auf dessen Aspekte, wie zum Beispiel „learning by doing“ oder die Vorteile für das Erwerbsleben der Engagierten, ein. Ein weiteres wichtiges Motiv für ehrenamtliches Engagement stellen soziale Leistungsanreize (Sozialkapital) dar. Hierzu erläutert er den Begriff des Sozialkapitals und stellt den Prozess dar, der zu seinem heutigen Verständnis führte. Folgend erläutert der Autor verschiedene Sichtweisen des Human- und Sozialkapitals. Das erste Kapital schließt mit einer Darstellung der Struktur von Non-Governmental Organisations (NGO) und Non-Profit Organisations. So wird der Begriff der „NGO“ definiert und die Handlungsweisen dieser Institutionen dargestellt. Des Weiteren erhält der Leser eine verständliche Ausführung von interessanten Kennzahlen (Anzahl von NGOs, Finanzierung, etc.). Daran anknüpfend widmet sich der Autor kurz der wirtschaftswissenschaftlichen Sichtweise des Dritten Sektors und damit dem Begriff der Non-Profit Organisationen.
Das zweite Kapitel des Buches beschäftigt sich mit den Ehrenamtlichen bei Greenpeace. Hierzu stellt der Autor die Entwicklung, den aktuellen Stand und die Ziele der Organisation vor. Im Anschluss erhält der Leser eine detaillierte Vorstellung des Ehrenamtes bei Greenpeace. Dazu geht der Autor auf die Strukturen der internationalen Greenpeace Büros sowie des Büros in Deutschland ein. Dessen Aufgaben und Aktivitäten werden dargestellt. Folgend werden die (für Greenpeace spezifischen) Vorteile des Einsatzes von Ehrenamtlichen sowie der sog. Bereich „Netzwerk“ erläutert, welcher innerhalb der Organisation für das Ehrenamt zuständig ist. Die ehrenamtlichen Strukturen bei Greenpeace werden vorgestellt. „Um eine altersgerechte Einbindung der Ehrenamtlichen zu gewährleisten, gibt es bei Greenpeace vier Gruppen von Engagierten, die nach Altersklassen unterteilt sind.“:
- Greenteams (Kinder bis 15 Jahre)
- Greenpeace Jugendarbeitsgruppen (JAGs) (15-20 Jahre)
- Greenpeace Gruppen (ab 18 Jahren)
- Team50plus (50 Jahre und älter)
Diese Gruppierungen werden im Buch detailliert vorgestellt. Im nächsten Abschnitt wird die standardisierte Befragung der ehrenamtlichen Mitarbeiter von Greenpeace Deutschland präsentiert. Dabei wurden in einer repräsentativen empirischen Untersuchung die Erfolgskriterien ehrenamtlicher Arbeit in der Organisation untersucht. Alle Mitglieder der oben aufgeführten Gruppen von Greenpeace Deutschland (mit Ausnahme der Greenteams) wurden mit Hilfe eines postalisch zugestellten Fragebogens befragt. Die Daten für die Greenteams wurden über eine Auswahl von Ansprechpartnern dieser Gruppierung durch Telefoninterviews erhoben. Es folgt eine Darstellung des Untersuchungsdesigns sowie des Rücklaufs. Ein wichtiger Aspekt ist die Vorstellung der verwendeten Fragebögen für die einzelnen Gruppierungen der Organisation. Diese sind im Anhang des Buches zu finden. Des Weiteren wird die Operationalisierung der Forschungsfrage erläutert. Der Autor legt dazu dar, wie der Erfolg der Arbeit der Ehrenamtlichen in der Befragung gemessen wurde. Dies geschah auf folgende Weise:
Die Ehrenamtlichen
- wurden direkt gefragt, wie erfolgreich sie die Arbeit ihrer Gruppe einschätzen.
- nahmen zu 20 Aussagen zu ihrer ehrenamtlichen Arbeit bei Greenpeace Bezug.
- wurden zu Störungen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit befragt.
Darauf aufbauend folgt die deskriptive Beschreibung der Ehrenamtlichen, welche nach den genannten Altersgruppen gegliedert ist. Als Vergleichsdaten dienen u.a. die Freiwilligensurveys von 1999 und 2004. Zur Veranschaulichung dieser und der weiteren Ergebnisse nutzt der Autor übersichtliche Grafiken und Tabellen. Wallraff liefert durch seine Studie interessante Daten zu folgenden Aspekten:
- Geschlecht, Alter, Bildung, geographische Herkunft der Ehrenamtlichen
- Engagement in anderen Gruppen oder Vereinen
- Länge der Aktivität
- Zukunft des ehrenamtlichen Engagements
- Gruppenstruktur der Ehrenamtlichen
- Schwerpunkte der freiwilligen Tätigkeit
- Informationsquellen der Ehrenamtlichen
- Zeitaufwand der Ehrenamtlichen
- Wert des ehrenamtlichen Engagements
- Fachwissen und Weiterbildung
- Vergleiche von Strukturen der Gruppierungen: JAGs, Gruppen und Team50plus
Es folgt eine Analyse der geschlechtsspezifischen Unterschiede im freiwilligen Engagement. Die Daten zu den Erfolgsfaktoren der ehrenamtlichen Arbeit werden vorgestellt: Freiwillige aus den Gruppen und den JAGs wurden direkt gefragt, wie erfolgreich sie die Aktivitäten ihrer Gruppierung einschätzen. Diese Angaben wurden dann mit Variablen wie „regelmäßige Arbeit“ oder „Weiterbildung“ in Beziehung gesetzt. Weiterhin wurden im Rahmen der Studie Daten zu den Motiven, Störungen und der Zusammenarbeit der beiden größten Altersgruppen (Grüppler und JAGs) weiterführend multivariat analysiert.
Das Buch schließt mit dem dritten Kapitel „Methoden des Ehrenamtsmanagements“. Darin analysiert der Autor Ehrenamtsstrukturen der Praxis, indem er grundlegende Werkzeuge und Strukturen des Freiwilligenmanagements behandelt. Zielführende Strukturen in der Arbeit mit Freiwilligen, Methoden des Werbens, Integrierens und dauerhaften Haltens von Ehrenamtlichen werden aufgezeigt. Schriftliche Vereinbarungen und Beispiele für Kommunikationsstrukturen werden erläutert. Es folgt die Vorstellung von Datenbanken und des Dokumentationsmanagements. Eine Auseinandersetzung mit den Treffen der Ehrenamtlichen bei Greenpeace, der Weiterbildung, dem Fundraising und der Führung von ehrenamtlichen Mitarbeitern runden die Analyse der Ehrenamtsstrukturen ab. An dieser Stelle führt der Autor weiterführende Überlegungen und Empfehlungen zum Ehrenamtsmanagement bei Greenpeace auf. Er bezieht sich auf die Gewinnung von Freiwilligen sowie das Team50plusFundraising-Konzept. Die weiterführenden Überlegungen enden mit der Auseinandersetzung der Managementmethoden im Ehrenamt sowie der Steigerung der Qualität von ehrenamtlicher Arbeit.
Es folgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse. In diesem Rahmen wird der typische Ehrenamtliche der einzelnen Gruppierung vorgestellt und die geschlechtsspezifischen Unterschiede erneut erläutert. Die Motive und Erfolgsfaktoren werden in der Zusammenfassung ebenfalls noch einmal behandelt. Das dritte Kapitel endet mit einer Schlussbetrachtung des Autors. Er weist darauf hin, dass die Praxis zunehmend moderne Konzepte und Strukturen entwickelt, welche den Rahmen für erfolgreiches Freiwilligenmanagement bilden. Professionelles Ehrenamt ist somit nicht umsonst zu haben sondern setzt seitens von Organisationen ein gewisses „finanzielles Engagement“ voraus. Für Greenpeace und andere Organisationen stellt das Ehrenamt eine große Chance dar, die es ermöglicht gesetzte Ziele durch geschulte und motivierte Mitarbeiter zu erreichen. Durch besser ausgebildete Bürger kann letztlich die gesamte Gesellschaft profitieren. Der Autor beendet sein Werk mit einem Aufruf zur weiteren Erforschung der Erfolgsfaktoren von ehrenamtlicher Tätigkeit.
Fazit
Bernd Wallraffs Monographie „Professionelles Management von Ehrenamtlichen“ ist ein gelungener Mix aus Theorie, Forschung und Praxis. Neben der Vermittlung von aktuellem theoretischem Hintergrundwissen erhält der Leser einen detaillierten Einblick in die Strukturen und Abläufe des Freiwilligenmanagements von Greenpeace Deutschland. Die Ergebnisse der empirischen Studie können auch in anderen Bereichen des freiwilligen Engagements eine gute Basis zur Optimierung des Managements bilden. Des Weiteren vermittelt die Analyse der Ehrenamtsstrukturen dem Leser in der Praxis erprobte Prozedere und gibt so wertvolle Anregungen für das eigene Freiwilligenmanagement. Die Untersuchung kann als Anreiz für weitere Forschungen auf diesem Gebiet betrachtet werden.
Rezensentin
Dipl.-Soz.päd. Brigitte Limbeck
· staatl. anerkannte Erzieherin
· Studium der Sozialen Arbeit/Schwerpunkt „Soziales Management“ an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt
· seit Mai 2009: wissenschaftliche Mitarbeiterin des BMBF-Projektes „Freiwilligenmanagement in Unterfranken“ unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Doris Rosenkranz
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Brigitte Limbeck. Rezension vom 27.08.2010 zu: Bernd Wallraff: Professionelles Management von Ehrenamtlichen. Budrich UniPress (Farmington Hills) 2010. 234 Seiten. ISBN 978-3-940755-40-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9457.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Gabriele Moos, Wolfgang Klug: Basiswissen Wohlfahrtsverbände
Sandra Eisenmann: Trainingskonzept: Nachhaltig und authentisch führen
Stellenangebote
Geschäftsführer (m/w) im Bereich Sozialdienstleistung, Rheinfelden
leitende/r Mitarbeiter/in im Rechnungswesen, Berlin
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
