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Margitta Rudolph: Nachhilfe - gekaufte Bildung?

Cover Margitta Rudolph: Nachhilfe - gekaufte Bildung? Empirische Untersuchung zur Kritik der außerschulischen Lernbegleitung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2002. 273 Seiten. ISBN 978-3-7815-1194-1. 24,80 EUR.

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Einführung in das Thema

Nachhilfeunterricht - "heißes Eisen" im schulpädagogischen Diskurs ?

Betrachtet man die Werbeanzeigen von meist privaten Anbietern, mit so wohlklingenden Namen wie "Studienkreis", "Schülerhilfe", Förder-Institut", u.a. in der lokalen, regionalen und überregionalen Presse, dann ist es leicht, tatsächliche und vermeintliche Lerndefizite von Schülerinnen und Schülern aller Altersstufen und Schulformen, zu beheben: "Durch Motivation und Leistungswillen zum Erfolg". Das versprechen die Nachhilfe-Einrichtungen. Entsprechen diese aber den Erwartungen von Eltern und SchülerInnen, die ein solches Angebot in Anspruch nehmen? Angesichts der Feststellung, dass derzeit rund ein Fünftel aller SchülerInnen der 7. bis 10. Klassen in deutschen Schulen Nachhilfeunterricht bzw. Hausaufgabenhilfe (Hurrelmann 1995) in Anspruch nehmen? Auch angesichts der stetigen Ausweitung von solchen Förderangeboten? Der private Anbieter "Schülerhilfe" unterhält mittlerweile mehr als 3.200 Filialen in Deutschland; und in der Homepage des "Studienkreises" wird informiert, dass seit rund 25 Jahren mehr als 600.000 Schülerinnen und Schülern aller Altersgruppen und Schularten bei Schulproblemen unter die Arme gegriffen werden konnte: "In bundesweit über 1.000 Schulen unterrichten engagierte und qualifizierte Lehrkräfte alle gängigen Fächer in Minigruppen von drei bis fünf Schülern". Und der Erfolg wird gleich mitgeliefert: "Je nach Verweildauer verbessern sich neun von zehn Nachhilfeschüler um eine bis drei Noten.

Aufbau und Inhalte

Die Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Hildesheim, Dr. Margitta Rudolph hat zu dieser Problematik die Ergebnisse einer bemerkenswerten Untersuchung gerade vorgelegt:

Die Autorin fragt bei ihren Grundüberlegungen: "Welche Ursachen und Faktoren haben dazu geführt, dass sich seit 1974 in unserer öffentlichen Schullandschaft außerschulische institutionelle Förderanbieter in dieser Größenordnung etablieren konnten?"; und: "Wie kommt es, dass außerschulische kommerzielle Lernbegleiter diese `bildungsökonomische Nische` erkennen und nutzen, die vom öffentlichen Bildungswesen scheinbar als Defizit gar nicht wahrgenommen wird?"

Diese Ausgangsfragen ihrer Untersuchung beinhalten die beiden wesentlichen Problembereiche des Nachhilfe-Unterrichts an deutschen Schulen: Die Unterrichtspraxis, besonders zur Hausaufgabensituation und Übungserwartung von in der Schule durchgeführten Lerninhalten, und die Tabuisierung von privater, kommerzieller Nachhilfe einerseits, andererseits, besonders bei weiterführenden Schulen, die stillschweigende Erwartung von Lehrerinnen und Lehrer, dass leistungsschwächere SchülerInnen die Defizite "irgendwie" beheben.

Für ihr Untersuchungsdesign differenziert die Autorin dabei zwischen "Hausaufgabenhilfe", die durch Familienangehörige, aber auch durch schulische und private Einrichtungen außerhalb der Unterrichtszeit erledigt werden, und "Nachhilfeunterricht" als eine den schulischen Unterricht ergänzende Form des Übens und Wiederholens und der Aufarbeitung von Wissenslücken. Der Aufweis der historischen Entwicklung zur Hausaufgaben- und Nachhilfeproblematik führt Margitta Rudolph zu einer deutlichen Kritik der derzeitigen Hausaufgabenpraxis in den überwiegend als Halbtagseinrichtungen organisierten Schulen, und zur Analyse der veränderten gesellschaftlichen Lebensformen und den dabei veränderten häuslichen und sozialen Voraussetzungen für die Erledigung der Hausaufgaben, sowohl bezogen auf die schulischen und gesellschaftlichen Situationen in der ehemaligen DDR, als auch denen in der Bundesrepublik; schließlich der Auseinandersetzung mit der Problematik auf dem Arbeitsmarkt und den dabei für Eltern entstehenden Druck, ihren Kindern durch höhere Schulabschlüsse den Zugang zum Arbeitsmarkt zu sichern. Ihr Fazit dieser Analyse ist eindeutig und für das deutsche Schulsystem niederschmetternd zugleich: "Das Schulsystem der Halbtagsschule wird aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung ... zunehmend disfunktional, da größere Übungs- und Fördersequenzen in den Vormittag nicht mehr integrierbar sind und damit das Prinzip der Chancenungleichheit in unserem Bildungswesen unterstützt wird".

Die umfang- und fassettenreichen Untersuchungsergebnisse, die durch quantifizierbare Fragebögen mit standardisierten und teilstandardisierten Fragen, sowie durch Stichproben-Interviews bei Eltern, Lehrkräften und Nachhilfe-Instituten durchgeführt wurden, bringen interessante, überraschende, nachdenkenswerte und zum Perspektivenwechsel auffordernde Ergebnisse zu Tage und münden in bildungspolitische Folgerungen und Forderungen zu einer inneren und äußeren Schulreform. Ihre fünf abschließenden Thesen warnen, wenn im Bereich der schulischen und gesellschaftlichen Bildung die Entwicklung hin zur Delegierung von genuin schulischen Lern- und Erziehungsaufgaben auf private Nachhilfe-Einrichtungen nicht gestoppt wird, vor "sozialer Apartheid" und der Verhinderung von sozialer Integration; ohne Zweifel gefährliche gesellschaftliche Entwicklungen, die es zu verhindern gilt:

¯ Die derzeitige unzulängliche Hausaufgabenpraxis begünstigt die erhöhte Nachfrage an Nachhilfeunterricht erheblich.

¯ Durch die gesellschaftlichen Veränderungen kann die Familie ihre bisherigen Kernaufgaben in der Betreuung der Kinder ... nicht mehr leisten und nimmt deshalb vermehrt - sofern finanziell tragbar - außerfamiliale Dienstleistungen in Anspruch.

¯ Durch die geringer werdende Zahl von Arbeitsplätzen und gleichzeitig gestiegenen Qualifikationsanforderungen ... versuchen Eltern über höhere Schulabschlüsse ihrer Kinder den Zugang zum Arbeitsplatz zu sichern.

¯ Das Schulsystem der Halbtagsschule schafft Chancenungleichheit.

¯ Die Übergewichtung bei der Vermittlung von kognitiven Fähigkeiten und das damit korrespondierende Bewertungssystem der Schule begünstigt die Nachfrage nach Nachhilfeunterricht.

Fazit

Margitta Rudolphs Untersuchungen sollten in die Hände von LehrerInnen, Eltern und Politikern gelangen und den durch die Pisa-Ergebnisse allzu einseitig in Richtung auf kognitive Wissens-Vermittlung und weniger auf Bildungs- und Lebenskompetenzen orientierten öffentlichen Diskurs beeinflussen und damit die Substitute der kommerziellen Nachhilfe als unwillkommene "Grauzone" der pädagogischen Alltagsrealität bewusst zu machen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.05.2003 zu: Margitta Rudolph: Nachhilfe - gekaufte Bildung? Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2002. 273 Seiten. ISBN 978-3-7815-1194-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/947.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.


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