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Friederike Alle: Kindeswohlgefährdung

Cover Friederike Alle: Kindeswohlgefährdung. Das Praxishandbuch. Lambertus Verlag (Freiburg) 2010. 272 Seiten. ISBN 978-3-7841-1961-8. 21,90 EUR, CH: 36,90 sFr.

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Autorin

Friederike Alle ist Diplomsozialarbeiterin (FH). Sie ist im Allgemeinen Sozialen Dienst / Jugendamt des Alb-Donau-Kreises tätig sowie als systemische Beraterin und in Aus- und Fortbildungen.

Thema

Kindeswohlgefährdung wird häufig dann in der Presse diskutiert, wenn ein Kind zu Tode gekommen ist. Dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes wird dann sofort Versagen vorgeworfen. Genauso schnell sehen sich diese aber auch dem Vorwurf der Überreaktion gegenüber. Der Kinderschutz ist eine fachlich anspruchsvolle Aufgabe. Die Fachkräfte haben das Bedürfnis, mehr Sicherheit zu erlangen. Ziel der Autorin ist es deswegen, einen Handwerkskoffer für die Kinderschutzarbeit von der Praxis für die Praxis zusammenzustellen.

Aufbau und Inhalt

Dieser Handwerkskoffer umfasst insgesamt zehn Fächer (Kapitel).

Im ersten Kapitel werden die Grundlagen besprochen: Kindeswohlgefährdung wird als unbestimmter Rechtsbegriff definiert, Formen der Kindesmisshandlung werden dargestellt und Menschenbild und systemisches Denken und Vorgehen diskutiert.

Der Verdacht der Kindeswohlgefährdung wird häufig als krisenhafter Zustand erlebt. Der Umgang mit Krisen und Grundsätze der Krisenintervention werden in einem mehrstufigen Handlungsmodell mit Schritten von der Kontaktaufnahme bis zur Vereinbarung weiterer Schritte thematisiert.

Wie kann das Risiko einer Kindeswohlgefährdung eingeschätzt werden? Eine erste Gefahreneinschätzung enthält auch eine Einschätzung der kindlichen Sicherheit. Es werden weiterhin Risiko- und Schutzfaktoren, das Lebenslagenkonzept, Bedürfnisse der Kinder, Erziehungsfähigkeit der Eltern und vorhandene Ressourcen diskutiert. Wichtig bei der Risikoeinschätzung ist eine sorgfältige Dokumentation.

Eine besondere Herausforderung für die pädagogischen Fachkräfte ist die Gesprächsführung bei einem Verdacht der Kindeswohlgefährdung. Die Elemente des Gesprächsablaufs werden herausgearbeitet, wobei der Auftragsklärung, der Konfrontation mit dem Verdacht und Umgang mit Widerständen bei den Eltern besondere Bedeutung beigemessen wird.

Eine besonders gefährdete Gruppe stellen Kinder psychisch kranker Eltern dar. Die vielfältigen Belastungen der Kinder werden dargestellt und im Zusammenhang mit dem Kindeswohl diskutiert. Für eine wirkungsvolle Hilfe dieser Kinder ist es notwendig, einen Krisenplan zu organisieren. Weitere Unterstützungen sollten die Eltern-, Familie- und Kindesebene berücksichtigen.

Im nächsten Kapitel geht die Autorin nochmals detailliert auf schützende Faktoren und Resilienzförderung auf individueller und Beziehungsebene ein.

Frühe Hilfen sind Bausteine der Primär- und der Sekundärprävention und dienen der Förderung der Beziehung- und Erziehungsfähigkeit der Eltern. Nach der Darstellung des kompetenten Säuglings und den Grundaussagen der Bindungstheorie wird das Konzept der Feinfühligkeit und der intuitiven Elternkompetenz erläutert sowie Möglichkeiten der Einschätzung der Feinfühligkeit, der Eltern-Kind-Interaktion und der körperlichen Befindlichkeit des Säuglings. Es werden die Leistungserbringer im Netzwerk früher Hilfen sowie konkrete Angebote wie die Entwicklungspsychologische Beratung oder STEEP kurz vorgestellt.

Gelingender umfassender und nachhaltiger Kinderschutz bedarf einer guten Kooperation und ist ohne funktionierende Netzwerkarbeit nicht möglich. Die Kooperations- und Netzwerkpartner im Kinderschutz werden vorgestellt. Netzwerkarbeit ist fallübergreifend und eine Voraussetzung für eine gelingende Kooperation im „Ernstfall“. Grundsätze für eine gelingende Kooperation sowie Ziele und Aufgaben der Netzwerkarbeit werden erläutert.

Aufgrund der besonderen Herausforderung bringt Kinderschutzarbeit große Belastung und Stress mit sich, die Gefahr des Burnout ist groß. Stress und Burnout werden erläutert. Als eine Form der Hilfe werden die Schritte des Selbstcoaching ausführlich dargestellt.

Abschließend werden Literaturempfehlungen zu den einzelnen Kapiteln gegeben: Fachliteratur, aber auch Romane, Kinder- und Jugendbücher, Internet-Adressen, …, sowie im Anhang die wichtigsten Gesetzestexte.

Die einzelnen Themen werden durch ausführliche Fallbeispiele veranschaulicht. Am Ende jedes Kapitels befinden sich einige Fragen zur eigenen Reflexion.

Diskussion

Kinderschutzarbeit ist eine sehr anspruchsvolle, verantwortungsvolle und belastende Aufgabe. Von Fragen zur Risikoeinschätzung, der konkreten Gesprächsförderung mit den Eltern bis zur Vermittlung der richtigen Hilfe werden viele Informationen und sofort umsetzbare Anregungen für konkretes Handeln gegeben; dies wird schon beim Durchblättern durch den regen Gebrauch von „Spiegelstrichen“ ersichtlich.

Alle Leistungsanbieter und Angebote sind gut zusammengefasst. Die Fallbeispiele verdeutlichen die vielen Facetten, die beachtet werden sollten.

Deutlich wird die Bedeutung der Kooperation zwischen den Hilfesystemen. Aber, das wird häufig vergessen, auch die Kooperationspartner brauchen finanzielle und zeitliche Ressourcen für die Kooperation und die Netzwerkarbeit. Sehr gut finde ich, dass die Fachkräfte, die engagierte im Kinderschutz arbeiten, nicht vergessen werden und ihre Probleme, die Gefahr des Burnout, thematisiert werden und nach Präventions- und Hilfsmöglichkeiten gesucht wird.

Zielgruppe

Alle Fachkräfte, die in der Praxis mit Kindeswohlgefährdung konfrontiert sind, besonders Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ASD und Jugendamt

Fazit

Ein wohlsortiert gepackter Koffer für den Ernstfall.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Betreuungszentrum Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 22.06.2010 zu: Friederike Alle: Kindeswohlgefährdung. Lambertus Verlag (Freiburg) 2010. 272 Seiten. ISBN 978-3-7841-1961-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9479.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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