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Mechthild Seithe: Schwarzbuch soziale Arbeit

Cover Mechthild Seithe: Schwarzbuch soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 280 Seiten. ISBN 978-3-531-15492-3. 22,95 EUR.
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Thema

Mit dem „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ hat Mechthild Seithe eine schonungslose Analyse des gegenwärtigen Zustands Sozialer Arbeit vorgelegt. Sie präsentiert eine gelungene Mischung aus persönlichen Erfahrungen, Praxisbeispielen und theoretischen Analysen und schließt damit eine Lücke, die im Kontext der so genannten kritischen Literatur seit längerem klafft: Seithe gelingt es, ihren Skandalisierungen leicht verständliche Analysen zur Seite zu stellen und konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen. Damit weist das „Schwarzbuch“ weit über ein reines Anklagen hinaus und eröffnet Möglichkeiten einer in Theorie wie Praxis realisierbaren Widerständigkeit.

Autorin

Dr. phil. Mechthild Seithe ist seit 1993 Professorin für Sozialpädagogik an der FH Jena. Als Diplom-Psychologin und Diplom-Sozialarbeiterin hat sie langjährige Berufserfahrung in unterschiedlichen Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit. Sie ist Betreiberin des Blogs “ Zukunftswerkstatt“ (http://zukunftswerkstatt-soziale-arbeit.de), der sich als Reflexionsplattform für aktuelle Entwicklungen in der Sozialen Arbeit versteht.

Entstehungshintergrund

Der Anlass eines Schwarzbuchs ist bekanntermaßen ein politischer, und auch das „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ folgt dieser Tradition: Es enthüllt kritische Entwicklungen und prangert schonungslos an. „Mit diesem Schwarzbuch wird (…) die Klage der sozialpädagogischen Profession gegen die neoliberalen sozialpolitischen Intentionen und Entwicklungen der letzten Jahre geführt, gegen die Ökonomisierung und die Sparpolitik und gegen die Ideologie des aktivierenden Sozialstaats“ (S. 15). Auch die Profession Sozialer Arbeit wird auf den Prüfstand gestellt: Eine sich neoliberalen Ideologien und Handlungslogiken andienende Soziale Arbeit trage „entscheidend dazu bei, ein Welt- und ein Menschenbild zu verbreiten (…), in dem es eine gesellschaftliche Verantwortung für soziale Problemlagen angeblich nicht mehr gibt und in dem die von der Gesellschaft als überflüssig Betrachteten nur noch verwaltet werden müssen“ (S. 15).

Das „Schwarzbuch“ ist „in Zusammenarbeit mit vielen Studierenden, KollegInnen und PraktikerInnen entstanden“ (S. 14). Seithe hat im Vorfeld zahlreiche Gespräche geführt, die in Gestalt von fast 50 (!) Praxisbeispielen den Argumentationsstrang des Buches illustrieren. Nachdenklich stimmen die Eindrücke, die Seithe bei ihrer Recherchetätigkeit gesammelt hat (S. 14 und S. 232). Nur wenige GesprächspartnerInnen seien bereit gewesen, von ihren Erfahrungen in der Praxis Sozialer Arbeit zu berichten: „Es geht eine beachtliche Angst um, seinen Arbeitsplatz zu gefährden, wenn man nicht mitmacht und nicht bereit ist, die neuen Strukturen aktiv aufzugreifen“ (S. 232). Und weiter: „Wer dennoch Kritik übt, muss aufpassen, was er sagt (…), ganz besonders dort, wo der Staat mitspielt und wo der Markt sein Spielchen treibt“ (S. 232). Was hier zunächst verharmlosend als „Spielchen“ betitelt wird, offenbart sich im Verlauf der Lektüre als knallharte Realität. Das Schwarzbuch möchte ein „Sprachrohr“ (S. 14) sein, mit dessen Hilfe die skandalisierten Missstände – in anonymisierter Form - einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen; stellvertretend für all diejenigen PraktikerInnen, die Sorge haben, ihren Arbeitsplatz beim Aussprechen ihrer kritischen Erlebnisse zu gefährden.

Zielgruppen und Gebrauchshinweise

Das „Schwarzbuch“ wendet sich an eine breite LeserInnenschaft: An erster Stelle stehen laut Seithe BerufseinsteigerInnen und erfahrene PraktikerInnen (S. 63). Aber auch an WissenschaftlerInnen und eine „über den internen Kreis der Sozialen Arbeit“ hinaus gehende Öffentlichkeit (S. 14) richtet sich das Buch. Kurz gesagt: Das Buch ist empfehlenswert für alle, die mehr tun wollen als lamentieren. Den jeweiligen Erkenntnisinteressen entsprechend empfiehlt Seithe unterschiedliche Gebrauchsweisen: Die durchlaufende Lektüre eigne sich für diejenigen, die sich die Analyse gesellschaftlicher und politischer Zusammenhänge Schritt für Schritt aneignen wollen (vgl. S. 15). Daneben habe das Buch den Charakter eines „Lesebuch[es]“ (S. 15). Insbesondere die „persönlichen Erfahrungen“ und „Beispiele“ könnten unabhängig von ihrer Einbettung gelesen und diskutiert werden (vgl. ebd.). Dem kann unter Vorbehalt zugestimmt werden: Wirkliche „Schlagkraft“ entfaltet das Buch gerade in seiner Gesamtheit. Eine isolierte Lektüre der Erfahrungsbeispiele blendet notwendigerweise sowohl Analysen als auch Handlungsstrategien aus. Dennoch eignen sich gerade die „Beispiele“ hervorragend dazu, Diskussionen anzustoßen. Ihr Einsatz ist u.a. in der Lehre Sozialer Arbeit oder in Arbeitsgruppen interessierter PraktikerInnen durchaus zu empfehlen.

Aufbau

In fünf Kapiteln schlägt Seithe den Bogen von einer Einführung in die Profession Sozialer Arbeit über kritische Analysen der aktuellen politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit hin zu einer Diskussion von Bewältigungsstrategien und Handlungsmöglichkeiten. Seithe verbindet in jedem Kapitel theoretische Analysen mit Beispielen aus der Praxis: Im ersten Kapitel dienen verdichtete „Fallbeispiele“ der exemplarischen Beschreibung von kritischen Entwicklungen sowie der Darstellung unterschiedlicher Lösungsansätze Sozialer Arbeit (S. 20ff.). Jedes Kapitel wird zudem eingeleitet durch eine Schilderung von Seithes „persönlichen Erfahrungen“ in Lehre wie Praxis Sozialer Arbeit. In die Kapitel 2 bis 4 sind insgesamt 40 anonymisierte Praxisbeispiele aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern (im Buch: „Beispiele“) eingearbeitet. Die Kapitel sind sehr kleinteilig untergliedert, Praxisbeispiele werden optisch hervorgehoben. Grundsätzlich erleichtert diese Gliederungspraxis die Orientierung in dem ansonsten sehr eng gesetzten und in kleiner Schrift gedruckten Buch. Die meisten Fachbegriffe werden im Text oder in Fußnoten erklärt, es gibt zahlreiche Literaturverweise, was eine Lektüre ohne große Vorkenntnisse, aber auch Vertiefungen ermöglicht. Viele Überschriften haben den Charakter von Thesen (z.B. Kapitel 2.2.2 „Der Alltag der Menschen gerät unter das Regime des Marktes“ oder Kapitel 4.4.1.3 „Bevormundung verdrängt die Empathie“). Dies lässt die Richtung der Argumentation erahnen und weckt Neugier auf den Inhalt.

Inhalt

Das erste Kapitel („Soziale Arbeit – was ist das eigentlich?“) erläutert in sieben Unterkapiteln Geschichte, Aufgaben, gesellschaftliche Funktion und Problemstellungen Sozialer Arbeit. Hier entwickelt Seithe ihre Vorstellung von Anspruch und Wirklichkeit Sozialer Arbeit und deutet bereits zahlreiche Konfliktlinien an: Doppeltes Mandat, Brückenfunktion Sozialer Arbeit (S. 45), Produktion eines gesellschaftskompatiblen Menschentyps (S. 46), Integration in die Arbeitswelt, Verhinderung von Abweichungen vom „Normalen“ oder Erziehung zu den Werten der Gesellschaft (alles S. 48).

Kapitel 1.4.3 ist eines der Schlüsselkapitel. Hier führt Seithe die Lebensweltorientierung als „leitende wissenschaftliche Konzeption“ (S. 241) der Sozialen Arbeit in Theorie wie Praxis ein. Entsprechend begründet sie, dass und warum eine dergestalt verortete Soziale Arbeit „sich nicht dazu hergeben [kann], gesellschaftliche Forderungen bei ihrer Klientel mit Druck und Sanktionen durchzusetzen“ (S. 42). Die Prinzipien lebensweltorientierter Sozialer Arbeit dienen auch im weiteren Verlauf des „Schwarzbuchs“ immer wieder als Gegenpart zu einer, von Seithe bewusst in Anführungszeichen gesetzten, „aktivierenden Sozialen Arbeit“ (S. 172).

Der Illustration dieses Abrisses über „die“ Soziale Arbeit dienen sieben Fallbeispiele, mit deren Hilfe „erklärt werden soll, was (…) die Aufgaben Sozialer Arbeit sind und wie Soziale Arbeit sie löst“ (S. 20). Hier beschränkt sich Seithe auf die Einzelfallarbeit und beleuchtet folgende Bereiche: Jugendamt („Fall Swen“), Jugendgerichtshilfe („Fall Tom“), Scheidungsberatung („Fall Kinder Merten“), Arbeit mit Migranten („Fall Mohammed“), Betreuung und Beratung von Behinderten („Fall Jörg P.“), Jugendberufshilfe („Fall Katharina“), Obdachlosenhilfe („Fall Martina Z.“). Anhand dieser Fälle werden unterschiedliche Lösungsansätze durchgespielt. Die zunächst plakativ wirkende Differenzierung der Interventionsmöglichkeiten in eine „autoritäre Variante“ sowie in den „lebensweltorientierten Ansatz“ (S. 53ff.) regt gerade aufgrund dieser Polarisierung zum Nachdenken an. Das erste Kapitel ist eine gute, auf den Punkt gebrachte Einführung für diejenigen LeserInnen, die sich zuvor noch nicht mit Entwicklungslinien und Problemstellungen der Sozialen Arbeit beschäftigt haben. Dennoch bleibt der Abriss in manchen Teilen holzschnittartig (z.B. das Kapitel 1.3 „Zur Geschichte Sozialer Arbeit“ – hier fehlen v.a. weiterführende Literaturhinweise) und kann, wie die Autorin eingangs auch empfiehlt, von „geschichtskundigen“ LeserInnen getrost übersprungen werden (vgl. S. 15f.).

Die Kapitel 2, 3 und 4 bilden den Hauptteil des Schwarzbuches. Hier erläutert Seithe ihre Kernthese der neoliberalen Überformung der Gesellschaft und damit zugleich der Sozialen Arbeit auf den Ebenen der Ökonomie (Kap. 2 und 3) sowie der Sozialpolitik (Kap. 4). In Kapitel 2 („Veränderte Gesellschaft: Der Markt ist alles“) zeichnet Seithe die ökonomischen Umwälzungsprozesse von der so genannten „Ersten“ zur „Zweiten Moderne“ (S. 63) nach. Dabei wirft sie Schlaglichter auf folgende Aspekte: Auflösung der „Normalarbeitsverhältnisse“, Privatisierung und Deregulierung, Wandel des wohlfahrtsstaatlichen Systems hin zum aktivierenden Sozialstaat. Seithe beschreibt die Folgen dieses Wandels für die Menschen (S. 66ff.), insbesondere für die sogenannten „Überflüssigen“ (S. 74). Arbeitslosigkeit, Flexibilisierungsanforderungen („unternehmerischer Habitus“, S. 75), Armut und Ausgrenzung werden thematisiert. Dabei spitzt Seithe ihre Argumentation auf zwei Thesen zu, die für die weiteren Überlegungen eine zentrale Rolle spielen:

  1. Der neoliberale Wandel sei kein „Naturereignis“, sondern „ein spezifisch gewolltes gesellschaftliches Modell“ (S. 65) und
  2. das, was politisch gemacht sei, könne auch politisch verändert oder aufgehalten werden (vgl. ebd.).

Damit wird die politische Stoßrichtung des Schwarzbuchs deutlich, und der Appell richtet sich insbesondere an die Soziale Arbeit. Um einwirken bzw. gegensteuern zu können, sei es notwendig, „die Zusammenhänge und Hintergründe der Entwicklungen zu verstehen und als von Menschen gemacht zu begreifen“ (S. 66). Der Erläuterung dieser Zusammenhänge dienen die folgenden Kapitel.

Das dritte Kapitel („Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit“) ist mit knapp 100 Seiten das umfangreichste dieses Buches. Seithe zeichnet eine Entwicklung nach, deren gravierende Folgen der Sozialen Arbeit in weiten Teilen die Grundlage entziehen. Oder, um die Fachkraft einer Einrichtung für Straßenkinder zu zitieren: „Man kommt sich vor, als würde man in einem Korsett stecken, das irgendjemand immer ein bisschen enger schnürt – bis wir keine Luft mehr kriegen“ (S. 91, Beispiel 5). Die – immerhin 25 – eingestreuten „Beispiele“ veranschaulichen sowohl den Prozess der Ökonomisierung als auch deren Folgen für die Soziale Arbeit eindrücklich. Um einige Aspekte zu nennen: die Monopolstellung des Kostenträgers Jugendamt (S. 86ff.), die Gefährdung fachlicher Standards der Sozialen Arbeit (S. 112ff.), die kontinuierliche Zeit-und Ressourcenverknappung (S. 119ff.), die Dominanz von Verbetriebswirtschaftlichung und Wirkungsorientierung (S. 135ff.), die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse bis hin zum schleichenden Stellenabbau (S. 143ff.) oder Burnout als Folge von Arbeitsverdichtung und Effizienzdruck (S. 127f.) – Seithe gelingt es, die zahlreichen Facetten und v.a. die Schieflagen Sozialer Arbeit verständlich zu kontextualisieren.

In Kapitel 4 („Aktivierungspolitik und Soziale Arbeit“) beschreibt Seithe den Wandel des Staates hin zum „aktivierenden Sozialstaat“ (S. 162ff.). Den Schwerpunkt legt sie auf die Verflechtungen der Sozialen Arbeit mit der in Anlehnung an Kessl (2005) als „neosozial“ bezeichneten Aktivierungspolitik. Exemplarisch verdeutlicht Seithe dies am Beispiel des Fallmanagements im Kontext von Hartz-IV (Kap. 4.1.2), das sie als „Einfallstor einer strafenden Pädagogik“ entlarvt (S. 209). Sehr eingängig sind auch die Darstellungen der Ambivalenzen, die mit der semantischen Übernahme „vormals“ sozialpädagogischer Begriffe (wie Empowerment, Aktivierung, Hilfe zur Selbsthilfe) durch aktivierende Politikstrategien verbunden sind. Die Gefahren einer unreflektierten Übernahme von neoliberalem Gedankengut sowie die damit einher gehende Mitverantwortung der Sozialen Arbeit an einer zunehmenden Paternalisierung und Entsolidarisierung der Gesellschaft werden hier, wieder treffend durch „Beispiele“ illustriert, deutlich. Interessant ist Seithes These, die Soziale Arbeit sei mit der neosozialen Wende nicht etwa apolitisch, sondern erst recht politisch geworden: „Indem sie [die Soziale Arbeit, M.S.] Konflikte entschärft und vertuscht, indem sie zur Entpolitisierung der Gesellschaft beiträgt, erfüllt sie einen politischen Auftrag des Systems.“ (S. 227).

Dass eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit einen solchen Auftrag nicht akzeptieren könne und von daher offensive Widerständigkeit vonnöten ist, verdeutlicht Seithe im abschließenden 5. Kapitel („Was wird aus der Profession Soziale Arbeit?“). Wer das Schwarzbuch bis zu diesem Kapitel gelesen hat, zieht eine niederschmetternde Bilanz: Soziale Arbeit ist verstrickt in die hegemonialen Aktivierungsideologien, sie leidet (wie auch ihre NutzerInnen) massiv an deren Auswirkungen, ordnet sich in vielen Fällen der Zweckrationalität eines menschenverachtenden Gesellschaftsbildes unter (vgl. S. 246) und treibt diese Entwicklung – und damit ihre eigene De-Professionalisierung und ihren Abbau- zugleich mit an. Die sich der Leserin zunehmend aufdrängende Frage ist: „Was tun?“ Seithe unternimmt zunächst den Versuch, unterschiedliche Bewältigungsstrategien von WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen als eine „Art Typologie der Reaktionen“ (S. 234) zu skizzieren. Sie identifiziert „geduldige HelferInnen“, „Konservative“, „schlaue Austrixer“, „unbeeindruckte Profis“, „HarmonisiererInnen“, „Realos“, „ModernisiererInnen“ und „ModernisierungsgewinnlerInnen“ (vgl. S. 234ff.). Eine zunächst skurril anmutende Kategorisierung die jedoch „funktioniert“, indem sie entscheidende Denkanstöße initiiert: Wie kann sich Soziale Arbeit, wie kann (und soll) sich jede/r Einzelne verhalten? Dass sich Soziale Arbeit politisch, d.h. vor allem öffentlich, zu Wort melden soll, betont Seithe an vielen Stellen. Konsequent plädiert sie für eine offensive Professionspolitik (S. 245ff.), der sie vier Forderungen voranstellt:

  1. Aufwertung Sozialer Arbeit durch gesellschaftliche und politische Akzeptanz,
  2. Verpflichtung der Sozialen Arbeit auf die Menschenrechte,
  3. Anerkennung der Sozialen Arbeit als fachlich autonome, wissenschaftlich fundierte Kraft,
  4. Einrichtung einer demokratischen Instanz, die über fachliche und ethische Standards wacht (vgl. S. 247ff).

Schlagkräftiger als die (teilweise deutlich hinter die Schärfe der in Kapitel 1-4 formulierten Thesen zurückfallenden) Forderungen sind jedoch die folgenden Vorschläge für eine „offensive Widerständigkeit“ (vgl. S. 255ff.):

  • Reflexivität als Voraussetzung für widerständiges Handeln
  • Beharren auf sozialpädagogischen Positionen
  • Repolitisierung der Sozialen Arbeit.

Reflexivität sei unabdingbar, um zu erkennen, dass Soziale Arbeit den vorherrschenden, scheinbar naturbedingten Entwicklungen nicht ausgeliefert ist, sondern im Ringen um Gestaltungsmacht eine aktive Rolle spielen kann (vgl. S. 256). Um von der Reflexivität zum Handeln zu kommen, plädiert Seithe für offenen Widerstand: Auf den Grundlagen der Profession beharren, Positionen beziehen und dafür eintreten, kurz: „sich mit den ‚Herrschenden‘ anlegen“ (S. 257) - die Vorschläge der Autorin sind so plausibel wie voraussetzungsvoll. Eine solche Widerständigkeit setzt ein profundes fachliches Selbstverständnis voraus und erfordert, wie die Autorin bei ihrer Recherche selber erfahren und in ihren Analysen belegt hat, eine gehörige Portion Mut. Entsprechend weist Seithe auf die Notwendigkeit kollektiver Formen des Widerstands hin (vgl. S. 260): „Schließt euch zusammen, sucht euch Bündnispartner!“ So könnte man den Imperativ des Schwarzbuches ausdrücken. Es muss also, und das ist ein eindringliches und zugleich richtungsweisendes Fazit, darauf hingewirkt werden, Zusammenschlüsse wie Arbeitskreise, Diskussionsrunden o.ä. zu initiieren oder auszubauen. Das können gewerkschaftliche oder berufsverbandliche Zusammenschlüsse sein, regionale Fachgruppen, themen- und trägerübergreifende Arbeitskreise, studentische Diskussionswerkstäten u.v.m. Haben die Fachkräfte ihre Vereinzelung überwunden, so Seithes abschließender Appell, sei der Staat in die Verantwortung zu nehmen. So könnten brisante Themen enttabuisiert werden dadurch, dass sie in Form von LeserInnenbriefen, Diskussionsveranstaltungen, Blogbeiträgen öffentlich gemacht werden (S. 264); die alles lähmende Individualisierung sozialer Problemlagen sei zurückzuweisen dadurch, dass auf ihre Konstruktivität aufmerksam gemacht werde (ebd.); Soziale Arbeit müsse zudem darauf beharren, die Soziale Frage, und letztlich auch die Systemfrage, neu und öffentlich zu diskutieren (S. 266). Entscheidend sei bei allen Strategien der Einmischung und der Widerständigkeit, sie möglichst offensiv, konkret und beharrlich zu praktizieren – nur so könne Soziale Arbeit sich aus der Umklammerung neosozialer Politikstrategien befreien und auch öffentlich für eine autonome Fachlichkeit sowie eine gerechte, solidarische, an den Menschenrechten orientierte Gesellschaft eintreten.

Diskussion

Kritische Analysen und auch „Anklageschriften“ sind im Literaturkanon Sozialer Arbeit zwar rar, aber dennoch vorhanden. Insofern wäre das „Schwarzbuch“ – zumindest inhaltlich – nichts Neues. Es sind v.a. zwei Aspekte, mit denen Seithe über das bereits Vorhandene hinausweist. Zum einen ist es die sehr gute Lesbarkeit des „Schwarzbuchs“, zum anderen der Brückenschlag von einer kritischen Analyse hin zu handlungspraktischen Vorschlägen. Insbesondere an den Kriterien Lesbarkeit und Verständlichkeit sollte sich jedes (Fach)Buch messen lassen. Die sich als kritisch verstehende (deutschsprachige) Literatur ist jedoch oft gekennzeichnet durch eine komplexe, abstrakt-„verklausulierte“ Sprache. Schwer lesbar, wenig eingängig, kurz: Für LeserInnen, die sich nicht tagtäglich mit Theorien befassen, tendenziell abschreckend (vgl. Kessl/ Lindenberg 2010). Seithe tritt mit ihrem Schwarzbuch den Beweis an, dass komplexe Zusammenhänge nicht zwangsläufig auch eine komplexe Darstellungsweise erfordern. In klarer Sprache und in enger Verzahnung mit den Erfahrungen der von ihr befragten PraktikerInnen baut sie ihre Argumentation auf und schafft so eine hohe und dichte Eingängigkeit. Für Fachbücher eher ungewöhnliche Stilmittel beleben den Lesefluss. So streut Seithe bildhafte, mit satirischen Untertönen durchsetzte Aussagen ein. Das folgende Beispiel aus Kapitel 2 möge dies stellvertretend illustrieren: „Der Staat räumt dem Markt alle Hindernisse aus dem Weg, und wenn sein Versagen offenkundig geworden ist, wie eben jetzt in der Krise, steht er an seinem Krankenbett und päppelt ihn auf, ja droht ihm sogar mit Kontrollen und Verstaatlichung, damit er möglichst bald wieder stark und kräftig ist und uns wieder all die Segnungen der freien Marktwirtschaft bescheren kann“ (S. 63). Entscheidend ist, dass es nicht bei solchen Zuspitzungen bleibt. Vielmehr gelingt es Seithe, die dahinter stehenden Wirkungsprozesse und Machtverhältnisse meist knapp, aber nachvollziehbar zu erläutern. Das ist bereits ein entscheidender Verdienst dieses Buches. Der zweite Aspekt ist die handlungspraktische Wendung im abschließenden Kapitel (S. 232). Die von Seithe aufgezeigten Missstände sind auch vor Erscheinen des „Schwarzbuchs“ zahlreich und wortgewaltig analysiert und skandalisiert worden. Das Erkennen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen ist, wie Seithe selbst betont (S. 256), ein zentraler Aspekt im Bestreben, Veränderungen anzustoßen. Entscheidend für deren Realisierung ist jedoch das Aufzeigen von Wegen und Möglichkeiten, die – auch und insbesondere – in der alltäglichen Praxis gangbar sind. Das Schwarzbuch zeigt Ideen, Möglichkeiten, Anknüpfungspunkte auf, die wertvolle Anstöße für die professionsinterne wie auch gesellschaftspolitische Diskussion geben.

Fazit

Das „Schwarzbuch“ enttarnt den Zustand einer Profession, die sich, gesellschaftliche Aufwertung ersehnend, auf eine riskante Gratwanderung begeben hat. Zahlreiche PraktikerInnen werden sich hier wiederfinden, und das ist ein großer Verdienst dieses Buches. Wer zuvor noch nichts oder nur wenig über „die“ Soziale Arbeit in Deutschland wusste, ist spätestens nach dieser Lektüre schonungslos eingeweiht. Dabei ist das Buch weit mehr als eine Anklageschrift. Die Zeilen transportieren unmissverständliche Handlungsappelle. Es sind v.a. die anonymisierten „Beispiele“, die erschüttern. Ihre Realitätsnähe geht unter die Haut. Wer als Sozialarbeiterin arbeitet oder gearbeitet hat, wer ein offenes Ohr hat für die Erfahrungen der Fachkräfte, der oder die ahnt: Hier wurde nichts erfunden, nichts übertrieben, ja, nicht einmal didaktisch zugespitzt. Die Breite und die Generalisierbarkeit der Beispiele verunmöglichen jeden Versuch, sie als Einzelfälle abzutun. Zugleich wird überdeutlich, wie dringend notwendig eine „Gegenbewegung“ ist. Daran kommt Soziale Arbeit nun nicht mehr vorbei. Dass Seithe auch hier Wege aufzeigt, rundet das „Schwarzbuch“ angenehm ab. Dass die Diskussion in Wissenschaft und Praxis fortzusetzen ist, versteht sich nach der Lektüre von selbst. Insofern ist diesem Buch eine breite LeserInnenschaft zu wünschen.

Literatur:

Kessl, Fabian; Lindenberg, Michael: Vom wissenschaftlichen Tätig-Sein oder: Wozu Schreiben? Ein Gespräch unter Mitwirkung von Hannah Arendt. In: Sozialistisches Büro (Hg.): Verstrickte Hochschule – Unternehmen Bildung. Widersprüche 115. Bielefeld 2010.

Kessl, Fabian: Der Gebrauch der eigenen Kräfte. Eine Gouvernementalität Sozialer Arbeit. Weinheim 2005.


Rezensentin
Maren Schreier
M.A. (Social Work), Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin. Freiberuflerin im Wissenschaftsbereich, u.a. Lehre und Forschung an Hochschulen in Deutschland, am Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung e.V. sowie an der FHS St. Gallen/CH.
Homepage www.bisa-bremen.de
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Zitiervorschlag
Maren Schreier. Rezension vom 13.08.2010 zu: Mechthild Seithe: Schwarzbuch soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-15492-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9482.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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