Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (Hrsg.): Rechtsextremismus - was heißt das eigentlich heute?
Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (Hrsg.): Rechtsextremismus - was heißt das eigentlich heute? Über Rechtsextremismus, Rassismus und Zivilcourage. Prävention für Schule und Bildungsarbeit. Brandes und Apsel (Frankfurt) 2003. 173 Seiten. ISBN 978-3-86099-766-6. 14,90 EUR.
Vorwort von Christoph Butterwegge.
Einführung: Auftrag und Aufforderung zum Denken und Handeln
Wenn SozialpädagogInnen, Erwachsenenbildner, JournalistInnen, PolitologInnen und PsychologInnen sich daran machen, in einem Buch ihre Konzepte und Erfahrungen in der schulischen und Jugendbildungsarbeit zu dokumentieren, dann darf man erst einmal neugierig sein; zumal wenn es um den Themenbereich "Rechtsextremismus, Rassismus und Zivilcourage" geht. Wieso, werden da einige einwenden: Dazu ist doch schon alles gesagt und geschrieben worden! Aber werfen wir einen Blick auf die meist kurzen Zeitungsmeldungen, wonach in unserem Land die rechtsextremistisch motivierten Straftaten, Übergriffe gegen ausländische MitbürgerInnen, andersaussehende, andersdenkende und anderslebende Menschen in unserer Gesellschaft und in vielen europäischen Ländern wieder zugenommen haben, dann wird klar, dass Antirassismus-Erziehung, Toleranz-Erziehung, Menschenrechts-Erziehung, kurz demokratische Erziehung, notwendig ist; nötiger denn je, sagen viele. Die "Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz" (GMS) und die "Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus" (GRA) in Zürich geben seit 1982 jährlich einmal eine vielseitige Dokumentation "Rassistische Vorfälle in der Schweiz" heraus. In der Ausgabe 2002 ist folgender Satz zu lesen: "Fakt ist: Wer eine nichtweiße Hautfarbe trägt, sich nicht an einen festen Wohnort festbinden will, einer nichtchristlichen Religionsgemeinschaft angehört oder nichtheterosexuelle Liebesverhältnisse bevorzugt, läuft in der Schweiz eine erhöhte Gefahr, in der Öffentlichkeit bedroht, beschimpft, angepöbelt oder körperlich angegriffen zu werden". Der Rechtsextremismus agiere im großen Schatten der nationalkonservativen Strömung, so die Einschätzung; nur in der Schweiz? Die auf 165 Seiten zusammengetragenen Fallbeispiele und dokumentierten rechtsextremistischen Vorfälle lassen sich auch in Deutschland wieder finden - wenn es eine solche Dokumentation gäbe.
Die Jugendbegnungsstätte Anne Frank in Frankfurt
Da gibt es in Frankfurt/M. die Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (www.jbs-anne-frank.de), die sich zum Ziel gesetzt hat, Jugendliche und Erwachsene mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu konfrontieren und die vielfältigen Bezüge zur Gegenwart darzustellen. Am Beispiel der Geschichte des jüdischen Mädchens Anne Frank und ihrem Tagebuch wollen die MitarbeiterInnen der Begegnungsstätte durch Seminare, Workshops, Projekttage, Ausstellung und eben auch Veröffentlichungen sich einmischen in die gesellschaftliche Diskussion, "was unter Rechtsextremismus zu verstehen ist, wodurch er entsteht und was man gegen seine Verbreitung unternehmen sollte":
Aufbau und Inhalte
Das Autorenteam berichtet über ein Projekt im Sommer 2001, mit dem sie sich in ihrem Haus, in Schulen und in der Öffentlichkeit mit der Titelfrage des Buches befasst und mit Jugendlichen, LehrerInnen und MultiplikatorInnen über theoretische Konzepte und praktische Arbeits- und Aufklärungsmethoden zu einem Thema "aus der Mitte unserer Gesellschaft" auseinander gesetzt haben. Die einzelnen, im o.a. Buch abgedruckten Beiträge, wie die von Holger Oppenhäuser über "Rechtsextremismus heute" und "Aus der Mitte der Gesellschaft", von Sandra Steinbach über "rechte Jugendkultur und ihre Ausdifferenzierungen", Bernd Fechlers Darstellung über "pädagogische Konzepte gegen Rechtsextremismus und Christa Kaletschs Aufsatz über "Schule und Rassismus" zeichnen sich durch lebendige und allgemeinverständliche, mit Fotos und Karikaturen versehene Ausdrucksformen aus. Verschiedene Fallbeispiele dokumentieren die Projektarbeit und ermöglichen es den LeserInnen, die konkrete Bildungs- und Aufklärungsarbeit nachzuvollziehen. Besonders wertvoll für die schulische wie außerschulische Bildungsarbeit dürfte der "Methoden-Baukasten" sein, mit dem zahlreiche Lernübungen, Spiele, Dialoge, Szenen, Rollentausche, Pinwand-Aktivitäten, Diskussionsmuster und Fallbeispiele angeboten werden. Material- und Medienhinweise und Literaturliste ermöglichen es, sich eingehender und ausführlicher mit der Thematik und Bildungsaufgabe zu befassen.
Bewertung und Fazit
Gut: Quellen-, Spiele- und Materialsammlungen gibt es bereits in einer Reihe von Publikationen zum Thema. Was den Erfahrungsbericht der Jugend- und Begegnungsstätte Anne Frank meines Erachtens besonders erwähnens- und heraushebenswert macht ist die pointierte Konzentration auf die praktische Bildungsarbeit; nicht als "Rezept", das nachgemacht werden sollte, sondern auch und gerade als Anregung für LehrerInnen und ErwachsenenbildnerInnen, die nicht gerade das Fach "Politische Bildung" studiert haben, aber in der alltäglichen Lernarbeit immer wieder sich auseinandersetzen müssen mit vielfach unbewussten Rassismen, fremdenfeindlichen Äußerungen von "ganz normalen Kids". In der Präambel der Verfassung der UNESCO steht sinngemäß der Satz: "Weil Kriege im Geiste der Menschen entstehen, müssen auch die Werte des Friedens im Geiste der Menschen errichtet werden". Umgewandelt auf unser Thema heißt das dann: Friedensfähigkeit und Empathie kann und muss man lernen. Die Kompetenz, den anderen Menschen in seinem Anderssein zu verstehen und zu akzeptieren, das ist etwas, was man auch Interkulturelles und Globales Lernen bezeichnen kann; ein Lernauftrag, der als Allgemeinbildung vermittelt werden muss. Und, das ist auch eine Erfahrung, die die "Anne-Frankler" in ihrem Buch weiter geben: Empathiefähigkeit, Toleranzkompetenz und menschenwürdiges Umgehen miteinander können die Menschen aller Altersstufen dann am besten praktizieren, wenn sie selbst sich ihrer individuellen und kulturellen Identität bewusst und sicher sind.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.06.2003 zu: Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (Hrsg.): Rechtsextremismus - was heißt das eigentlich heute? Brandes und Apsel (Frankfurt) 2003. 173 Seiten. ISBN 978-3-86099-766-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/950.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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