Heimkinder als Eltern
Sozialarbeitsforschung Projekte 2009. Teil 2 Heimkinder als Eltern. Seniorinnen und Senioren in Steyregg. Edition Pro Mente (Linz) 2009. 325 Seiten. ISBN 978-3-902724-03-8. 22,00 EUR.
Reihe: Schriften zur sozialen Arbeit - Band 14.
Entstehungshintergrund
Dieser Band umfasst die Berichte über zwei studentische Forschungsprojekte, die im Rahmen des Diplomstudiengangs Sozialarbeit unter der Leitung von HochschullehrerInnen an der Fachhochschule Linz durchgeführt worden sind. An jedem Projekt waren eine Kleingruppe von bis zu 12 Studierenden des Studienjahrgangs 2005 und bis zu drei Lehrende aus dem Fachbereich „Angewandte Methodik im Arbeitsfeld“ beteiligt.
Aufbau und Inhalt
Der erste Bericht befasst sich
mit einer sehr interessanten und selten untersuchten Frage nach den
Bedingungen gelingender Elternschaft von ehemaligen Heimkindern. Es
ist eine weitgehend beobachtete Tatsache, dass die Eltern vieler
Kinder und Jugendlichen, die heute in Einrichtungen der
Erziehungshilfe betreut werden, selbst in ihrer Jugend in Heimen
lebten. Die Hintergründe einer „transgenerationale
Weitergabe“ des Bedarfs und der Notwendigkeit von Heimerziehung
sind vielfach angedeutet, aber selten explizit untersucht worden.
Insofern trägt diese Arbeit wesentlich zur Klärung einer
wichtigen fachlichen Fragestellung bei.
Nach der Einleitung wird auf den ersten
70 Seiten ein weites Spektrum theoretischer Aspekte zum
Forschungsgegenstand erarbeitet: Kernaussagen der Bindungstheorie,
der Resilienzforschung, der Erziehungsstilforschung und des
Biografieansatzes werden erarbeitet und zur Heimerziehung in
Beziehung gesetzt.
Die empirische Basis der Studie bilden
zu einen 25 qualitative Interviews mit Eltern, die in ihrer
Kindheit/Jugend mindestens zwei Jahre in einer sozialpädagogischen
Einrichtung untergebracht waren. Zum anderen wurden 13 LeiterInnen
sozialpädagogischer Einrichtungen interviewt sowie 86
MitarbeiterInnen mit einem Fragebogen befragt.
Für
die meisten ehemaligen HeimbewohnerInnen begann die erste
Heimunterbringung nach dem 10. Lebensjahr und dauerte bis zu 8
Jahren, in 6 Fällen war der Heimaufenthalt länger. Die
befragten hatten insgesamt 59 Kinder, von denen 44 zum
Interviewzeitpunkt (noch) bei ihren Eltern lebten.
In der Auswertung wird ausführlich
auf die Äußerungen de Eltern eingegangen. Es zeigt sich
vor allem, dass die Beziehungserfahrungen im Heim, ihre
Glaubwürdigkeit und Langfristigkeit, entscheidend sind sowohl
für die Aufarbeitung früherer Bindungserfahrungen als auch
für die Gestaltung tragfähiger Beziehungen der Eltern zu
ihren Kindern.
In den Befragungen der PädagoInnen
wird deutlich, dass die Einrichtungen sehr um eine individualisierte
Betreuung und Förderung bemüht sind und dass sich
diesbezüglich in den vergangenen Jahrzehnten vieles zum
Positiven verändert hat.
Die Zweite Studie befasst sich
mit der aufsuchenden Hilfe für Senioren in einer kleinen
Gemeinde mit 5000 Einwohnern. Zielgruppe waren Personen, die keine
fachlich-pflegerische Hilfe aber ggf. dennoch Unterstützung im
Haushalt benötigten. Ziel der Studie war es, vor dem Hintergrund
einer Bestandsaufnahme bestehender Dienste die Bedarfe zu erheben und
Vorschläge für die Gemeinde zu erarbeiten.
Eingeleitet wird der Bericht mit Überlegungen und Daten zum
demografischen Wandel in Österreich sowie in der untersuchten
Gemeinde. Kern der empirischen Erhebung bildet die Auswertung von 196
Fragebögen (mit insgesamt 181 Variablen), die von einer
Zufallsauswahl von SeniorInnen in der Gemeinde im Alter über 65
Jahren ausgefüllt worden waren. Die Fragen bezogen sich sowohl
auf die Personen selbst und ihr alltägliches Leben (Gesundheit,
Haushaltszusammensetzung, Freizeitverhalten \.) als auch auf ihre
Einschätzung vorhandener Angebote (Beförderungsmittel,
Einkaufsmöglichkeiten, Gesundheitsdienste …). Auf 10
Seiten werden am Ende der Studie konkrete Empfehlungen erarbeitet,
wie die Lebens- und Versorgungsbedingungen für SeniorInnen in
der Gemeinde verbessert werden kann.
Fazit
Der Band illustriert in guter, sehr spezifischer Weise, wie durch feldnahe Forschung wichtige, anwendungsorientierte Erkenntnisse gewonnen und fachliche Maßnahmen vorbereitet werden können. Beide Berichte zeichnen sich durch theoretische Grundlegungen wie auch durch ausführliche Ergebnisdarstellungen aus. Kritisch zu beurteilen ist in der ersten Studie die Gewinnung der befragten Personen über Zeitungsanzeigen. Hier lässt sich doch eine starke Selbstselektion der Untersuchungsgruppe vermuten. In der zweiten Studie steht die theoretische Einleitung etwas isoliert da. Hier hätte man sich mehr grundlegende Einsichten in die Lebenslagen älterer Menschen in modernen Gesellschaften gewünscht. Auf jeden Fall ermutigend ist der Band für all jene, die innerhalb von Studiengängen auf empirische Forschungsansätze und -erfahrungen Wert legen.
Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen / Kinder- und Jugendhilfe.
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 30.12.2010 zu: Heimkinder als Eltern. Edition Pro Mente (Linz) 2009. 325 Seiten. ISBN 978-3-902724-03-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9509.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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