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Edgar Forster (Hrsg.): Migration und Trauma

Cover Edgar Forster (Hrsg.): Migration und Trauma. Beiträge zu einer reflexiven Flüchtlingsarbeit. Lit Verlag (Münster) 2003. 182 Seiten. ISBN 978-3-8258-6613-6. 17,90 EUR.

Pädagogik und Gesellschaft, Bd. 1.


Autorinnen und ihr Hintergrund

Die HerausgeberInnen sind Menschen, die sich seit Jahren aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Thematik theoretisch, praktisch und politisch auseinandersetzen.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich ausdrücklich an alle, die das Migrationsthema interessiert. Insbesondere aber an die, die professionell mit MigrantInnen und ihren Themen zu tun haben - Behörden, Sozialarbeiter- und TherapeutInnen, und nicht zuletzt an PolitikerInnen, damit menschenwürdige Gesetze und zugehörige Verfahren etabliert werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat eine Einleitung und drei Schwerpunktfelder:

  1. "Trauma, Traumageschäft und die psychosoziale Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen" (4 Beiträge),
  2. "Wie zwischen Mühlsteinen..." Institutionelle Spannungsfelder in der Flüchtlingsarbeit ( 3 Beiträge),
  3. "Therapie, Sozialarbeit, Politik " ( 8 Beiträge)

Einleitung

Das Buch will - theoretisch und praktisch - Beiträge zu einer reflexiven Flüchtlingsarbeit liefern, um so sowohl das Tun in den Praxisfeldern als auch fachliche, gesellschaftliche und politische Diskurse auf eine fundierte Basis zu stellen und zu qualifizieren. Drei Ziele werden im Kontext aktueller europäischer Migrationspolitik verfolgt:

  1. Trauma zu reflektieren als therapeutisches Setting und als Schlüsselbegriff im migrationspolitischen Diskurs
  2. Kompetenzen für die Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen zu entwickeln, um die Potentiale und Grenzen im eigenen Arbeitsfeld und ihre Ursachen zu erkennen
  3. die eigenen Positionen in der Flüchtlings-/MigrantInnenarbeit reflexiv aufklärend zu bestimmen.

Den Kontext dieser Ziele bilden drei Eckpfeiler

  1. die restriktive Migrationspolitik innerhalb der EU unterläuft durch die Grenzziehung zwischen "berechtigter" und ökonomisch geleiteter Flucht die in der Genfer Flüchtlingskonvention festgeschriebenen Grundsätze,
  2. Traumatisierung ist zu dem Indiz für "berechtigte" Flucht geworden, zum Entscheidungskriterium, ob jemand bleiben darf oder abgeschoben wird;
  3. Flüchtlingsarbeit wird zur politischen Drehscheibe - Rechtsberatung und Diagnostik: Welche Voraussetzungen brauchen FlüchtlingsarbeiterInnen und welche Folgen hat ihre Arbeit im Kontext einer fragwürdigen, staatlichen Menschenrechtspolitik?

Trauma, Traumageschäft und die psychosoziale Arbeit mit traumatisierten Flüchtingen

  • Migration, Flucht und Trauma. Der Trauma-Diskurs und seine politischen und gesellschaftlichen Bedeutungen (D.Becker). David Becker skizziert die inflationäre Benutzung des Traumabegriffes. Er sichtet psychologische Theorien soziohistorisch, gewichtet, hinterfragt und kritisiert ihre zunehmende Individualisierung des Problems. Er verdeutlicht, wie Bettelheim, der die sozialpolitischen Traumata, d.h. innere Zerstörung mit dem zerstörerischen Kontext zu verknüpfen, immer wieder thematisierte, im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs ignoriert, ja zur persona non grata wurde. Erst mit der Aufnahme des PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) im DSM III (Diagnostic and Statistic Manual), was eine Psychiatrisierung bedeutet, regt sich der Widerstand und es beginnt eine internationale Traumadebatte. Die Politikabstinenz der Psychoanalyse wird u.U. verstehbar, wenn er beschreibt, dass ein wichtiger Teil der Geschichte der Psychoanalyse und der PsychoanalytikerInnen der ersten Stunde die traumatische Realität von Krieg, Verfolgung und Vertreibung war und die Verfolgten nicht nur traumatisiert waren, sondern auch MigrantInnen, deren Platz und Status in den Aufnahmeländern unsicher war. Erst Keilsons (1979) Theorie der sequentiellen Traumatisierung, wobei der zentrale Inhalt der Sequenzen die jeweilige soziopolitische Realität ist, verdeutlicht, dass ein Trauma Teil des Lebens wird und jederzeit wieder virulent wird, wenn der sozio-politische Kontext erneut zerstörerisch wirkt. PTSD ist ein uramerikanisches Produkt, entstanden infolge der vielfältigen Reintegrationsprobleme von Vietnam-Veteranen. Das Dilemma der PTSD ist, einerseits Anerkennung des Leidens, Schutz und Unterstützung für betroffene Individuen zu ermöglichen, andererseits aber als Diagnosekonzept den soziopolitischen Kontext und kulturelle Unterschiede auszublenden. Dies führt(e) zur bewussten Pathologisierung und Individualisierung sozialpolitischer Verhältnisse, zur Verleugnung und Entkontextualisierung. Im Gegensatz zur USA verstand/versteht sich die Psychoanalyse - kleinianischer Prägung - in Lateinamerika - Chile, Argentinien, Uruguay - politisch. Über sozialpolitische Probleme und psychologische Strukturen wurde synchron nachgedacht. Trauma war/ist hier die Vokabel, um stattfindende Menschenrechtsverletzungen aufzuzeigen und mittels der "Testimony-Methode" Zeugenaussagen für die UNO-Menschenrechtskommision festzuhalten, weil die mögliche - rechtliche und gesellschaftliche - Verfolgung der TäterInnen und die öffentliche Anerkennung, dass den Überlebenden Unrecht geschah, deren Leben wieder einen - wenn auch fragilen - Sinn gibt. Manmade desasters werden durch soziale und politische Verhältnisse verursacht, diesen gesellschaftlichen Bezug müssen psychologische Definitionen einbeziehen, ansonsten bleiben sie irrelevant.

    Im weiteren gibt Becker einen Überblick über die Gutachterpraxis. Er zeichnet ihre ungute Geschichte im Nachkriegsdeutschland nach, in der zum einen zunächst Täter gutachteten und zum anderen "das Land der Täter" sich berechtigt fühlte, das Ausmaß des Leidens der Opfer zu ermessen. Mit Keilson plädiert er dafür, dass bei einer Klassifizierung die externen Faktoren der extremen Belastungssituation als Kriterien zu wählen sind und nicht die psychische Realität.1996 wurde in Deutschland die Begutachtung von Traumatisierung durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und der zugehörigen Flüchtlingswelle wieder hoch aktuell. Und wieder entbrannte ein Gutachterstreit zwischen spezialisierten Beratungsstellen und unabhängigen Psychiater-/PsychologInnen einerseits und behördeninternen Gutachtern wie z.B. den polizeiärztlichen Diensten andererseits. Becker referiert die von Groninger (2001) herausgearbeiteten fünf Argumentationslinien. Begutachtung ist/bleibt immer ein Politikum. Argumentiert sie politisch, ist sie für die Behörden unglaubwürdig, argumentiert sie fachlich neutral, unterschlägt sie Wesentliches und fördert die Selbstentfremdung des begutachteten Flüchtlings. Der Gutachtende befindet sich in einem Dilemma; bestätigt er/sie eine Traumatisierung, was einer Bewertung des Leidens gleichkommt, darf ein Flüchtling bleiben, so lange er/sie krank ist, dann muss er/sie zurück in die 'Heimat'. Die Entscheidung des/der gutachtenden Therapeuten/in bedeutet Aufenthalt oder Abschiebung. Diese Verwicklung belastet die notwendige Vertrauensbeziehung zwischen TherapeutIn und Flüchtling wechselseitig. Unter Asylsuchenden hat es sich herumgesprochen, dass eine Traumatisierungsbestätigung ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht ermöglicht. Für die Beratungsstellen wird es schwer zu unterscheiden, ob ein Patient um Beratung nachsucht, weil er den Schein braucht, oder weil er/sie Beratung und den Schein braucht. Die Gutachterpraxis ist grundsätzlich in Frage zu stellen, weil sie Gefahr läuft - da die soziale Realität der Bundesrepublik nicht berücksichtigt wird (werden darf) - einerseits Werkzeug einer restriktiven, Menschenrechte ignorierenden Flüchtlings- und Asylpolitik zu werden und anderseits den psychotherapeutischen Raum und den Gerichtssaal zu vermischen und Flüchtlinge wie Angeklagte zu behandeln, die ein psychiatrisch-forensisches Gutachten benötigen. Asylsuchende benötigen Übergangsräume, Anerkennungsräume, Räume, die Sicherheit geben und in denen Gesundung passieren kann, aber nicht muss, in denen es erlaubt ist, lebendig zu sein und zu leben, in denen von kompetenten HelferInnen Beziehung und Sicherheit durch "Halten" (Winnicott) angeboten wird.

  • Erfahrungsberichte aus der psychosozialen Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen (K. Ottomeyer). Ottomeyer betrachtet die Belastungen und Herausforderungen, denen FlüchtlingsarbeiterInnen und TherapeutInnen in der Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen ausgesetzt sind. Er beschreibt die Gefahren eines durch Empathiestress ausgelösten gestörten psychophysiologischen Gleichgewichts, erläutert und exemplifiziert die vier Reaktionsstile bei Empathie-Stress (Wilson& Lindy 1994). Er kommt zu dem Ergebnis, dass es keine "richtige Position" gibt, sondern in einem unterstützenden Team-Klima und einer begleitenden Supervision, die jeweils dominierende Gegenübertragungstendenz und ihre Gefahren aufzuklären und zu reflektieren sind. Helfende verstricken und überidentifizieren sich umso eher, je stärker das soziopolitische Umfeld die Realität traumatisierter Flüchtlinge abwehrt. Die gesellschaftlichen und institutionellen Abwehrmechanismen werden skizziert. Die Realität von extrem Traumatisierten in einer Gesellschaft löst eine massive Psychoseangst aus, da im Trauma das Monströse und Grausame Wirklichkeit geworden ist. Ein solcher "psychotischer Kosmos" muss und wird abgewehrt, um sich das Vertrauen in die Welt zu erhalten. In unserer Gesellschaft greifen zwei weitere Mechanismen: die Abwehr von Konkurrenten und die Abwehr des Gewissens (Über-Ich-Abwehr). So werden gegenüber der Größe und Schwere der Probleme von Traumatisierten nicht nur - entgegen dem subjektiven Erleben - die eigenen banal und bedeutungslos, sondern die Flüchtlinge werden auch als Konkurrenz bzgl. der Versorgungsansprüche der Inländer erlebt. Die Über-Ich-Abwehr funktioniert in Form der "Opfer-Täter-Umkehr", indem ein misshandelter Flüchtling z.B. in der Presse zum ausländischen Drogendealer "wird"; oder Traumatisierte zu Simulanten abgestempelt werden oder rassistische Witze Platz greifen. Im Kontext solcher kollektiven, gesellschaftlichen Abwehr ist für Helfende die Gefahr der Verstrickung und Über-Identifikation mit den Überlebenden groß, sie können in eine Kollusion mit den Klienten geraten und mit diesen gemeinsam eine reaktive Abwehrfront gegen die feindliche Umwelt bilden. Des weiteren befinden sie sich in einer Zwickmühle. Selten können sie die real erlebten Verletzungen der Menschenrechte im Aufnahmeland an die Öffentlichkeit bringen, da ihre Klienten extrem abhängig sind von den Entscheidungen der Obrigkeit. Dennoch ist es notwendig und unverzichtbar, in Kooperation mit MenschenrechtsaktivistInnen sowohl die Verletzung und Bedrohung der Menschenrechte von traumatisierten Flüchtlingen in den "aufnehmenden" Gesellschaften als auch das Wissen über die gesellschaftlichen Abwehrprozesse öffentlich zu machen.
  • Vermintes Gelände. Paradoxien des Trauma-Diskurses ( F. Lamott). Lamott erläutert die Art und Weise, wie das Trauma in Erzählungen von Betroffenen und in Expertendiskursen konstruiert wird. Trauma-Konzepte, ihre ätiologischen Vorstellungen und Behandlungsentwürfe sind untrennbar verbunden mit gesellschaftlichen Konfliktlagen - insbesondere mit der Geschichte der Kriege im 20. Jahrhundert. Im ersten Weltkrieg wurden traumatisierte Soldaten (shell-shock) hysterisiert und "verweiblicht", im zweiten wurden sie wegen ihrer wehrkraftzersetzenden Wirkung, psychiatrisiert, strafrechtlich verfolgt und ins KZ geschickt. Um das politische und ethische Versagen im Vietnamkrieg zu kaschieren, erhielten die verrohten, verstörten und nicht integrierbaren Vietnamveteranen die Diagnose "Post-Vietnam Syndrom" (später als posttraumatic stress disorder (PTSD) operationalisiert). Sie wurden dadurch zwar versicherungstechnisch entschädigt, jedoch wurde der politische Entstehungskontext individualisiert. Im Balkan-Krieg wird das Trauma zur Legitimation für invasive militärische und gesundheitspolitische Interventionen. In der Asylpolitik entscheidet derzeit der Nachweis einer Traumatisierung, ob ein Flüchtling bleiben darf, "freiwillig" zurückgeht oder abgeschoben wird. Konkret bedeutet das, Traumatisierte müssen das ihnen Zugefügte glaubwürdig (lückenlos) und überzeugend (widerspruchsfrei) für den/die Zuhörende vorstellbar und nachvollziehbar, erzählen. Er/sie will auf Vertrautes, Denk- und Vorstellbares stoßen, um das Erzählte im Realen zu verorten.

    Nur, wenn das gelingt, besteht berechtigte Hoffnung, Asyl zu erhalten. Helfende müssen sich bewusst sein, dass ihr Helfen selten nur altruistisch ist, denn zum einen strahlt die Besonderheit und moralische Integrität auf sie über, sie partizipieren an ihr, und zum anderen haben sie einen narzisstischen Gewinn dadurch, dass sie eigene Ohnmachts- und Insuffizienzgefühle, Abhängigkeiten u.ä.m. ins Gegenüber projezieren können. Der dafür zu zahlende Preis ist "Bist du nicht für mich, das unschuldige Opfer, dann bist du gegen mich und machst dich als Täter schuldig."(61).

    Der Flüchtlingsstatus im Gastland hat Ähnlichkeit mit der Vertreibung. Hier wie dort sind zentrale Erfahrungen: Passivierung, Ohnmacht, Willkür, extrem reduzierte Autonomie. Denn andere - Behörden, Gutachter, Helfende - entscheiden, was für einen gut/schlecht ist. Der Opferstatus wird stabilisiert. Lamott beschreibt dann am Beispiel des Kosovo, die gemeinschafts- und identitätsstiftende Wirkung historischer Erinnerung an kollektive Traumatisierung durch Kriege und wie die Konservierung des Traumas zur Quelle von Rache und Widerstand gegen die Unterdrückung wird, d.h. zur Verpflichtung, den Kampf nie aufzugeben. Reflexive Flüchtlingsarbeit muss sich bidimensional verstehen, zum einen empathisch sein für die Folgen des Traumas für die personale, kulturelle, religiöse oder nationale Identität und andererseits die politische Instrumentalisierung des Traumas kritisch reflektieren und öffentlich diskutieren.

  • Reise ins Meer (H. Voth, I. Amslinger). Vorgestellt und erläutert wird ein Kunstprojekt: der Transport einer eingehüllten 20 Meter langen Holzfigur, deren Gesicht eine Bleimaske bedeckt. Diese Figur wird in 10 Tagen von Ludwigshafen über Rotterdam ins Meer geflößt, dort verbrannt, wobei die Maske vorher abgenommen wurde, und dann das Holz in einem Sägewerk weiterverarbeitet. Voths versucht symbolisch Entfremdung zu überwinden, er zeigt auf die Mythen der Flusslandschaft, verknüpft mit den Bildern vom Menschen als Gefangenem und Beherrscher, auf dem Fluss treibend und das Floß steuernd.

"Wie zwischen Mühlsteinen" Institutionelle Spannungsfelder in der Flüchtlingsarbeit

  • Funktionen und Strategien der Professionalisierungsrhetorik in der Flüchtlingsarbeit (E. Forster). Forster und Bieringer leiten das Forschungsprojekt "Wie zwischen Mühlsteinen...- Identitätsverhandlungen bei FlüchtlingsarbeiterInnen". Flüchtlingsarbeit findet statt im Spannungsfeld von Omnipotenzphantasien und Ohnmachtserfahrungen. Einerseits kann ich dem Flüchtling, dem Entmachteten und Ohnmächtigem, helfen, ihn/sie vor dem Zermahlenwerden bewahren, ihm/ihr im Kampf mit den staatlichen Organen zu ihrem "Recht", zum Asyl und einer adäquaten Begleitung und Nachsorge, verhelfen (ohne mich ginge es nicht!). Andererseits erlebe ich mich als FlüchtlingsarbeiterIn hilflos bis ohnmächtig, wenn die mächtigen Behörden nicht das tun, was ich will, oder wenn die Flüchtlinge die Hilfsangebote ablehnen, ignorieren oder unterlaufen. Die Beziehung FlüchtlingsarbeiterIn und Flüchtling oszilliert zwischen dem Wunsch nach Vertrauen/Nähe und dem nach Abgrenzung/Distanz. "Engagierte Rollendistanz" als Lösung greift zu kurz. Denn im Gegensatz zur therapeutischen Arbeit mangelt es der Sozialarbeit/Sozialpädagogik an Standards professionellen Handelns.

    Forster erläutert die Auswahl des Forschungsgegenstandes "Professionalisierungsrhetorik", das wissenschaftliche Umfeld, in den die Untersuchung zu verorten ist und begründet das methodologische Herangehen. Flüchtlingsarbeit ist "Vermittlung" des Wissens und der Techniken, die Autonomie gewährleisten. FlüchtlingsarbeiterInnen haben eine doppelte Übersetzungsarbeit zu leisten: zum einen sowohl die Wünsche/Bedürfnisse der Flüchtlinge zu verstehen als auch ihnen ihren unklaren Status im Gastland verstehbar zu machen, zum anderen das eigene professionelle Selbstverständnis offen zu legen und es mit den Flüchtlingen zu verhandeln. Ein doppelter Widerspruch ist diesem Anliegen immanent. komplexe, spannungsgeladene Interaktionsbeziehungen aufgrund unterschiedlicher soziokultureller Kontexte und politisch widersprüchliche Rahmenbedingungen. Dies gilt es bewusst zu handhaben, im ersten Fall bedeutet es, die Andersartigkeit, das Fremde, respektvoll anzuerkennen im zweiten politisch wirksam - aufklärend und konfrontierend - zu arbeiten. Vier Elemente pädagogischer Kompetenz konstituieren professionelles Handeln: Gesellschaftsanalyse, Situationsdiagnose, Selbstreflexion und professionelles Handeln im engeren Sinne, d.h. Professionalität ist immer in einen soziokulturellen, gesellschaftspolitischen und institutionellen Kontext eingebettet.

    Im weiteren wird geprüft, welche Ergebnisse die Problematisierung der Flüchtlingsarbeit mittels des Professionalitätsbegriffes liefert. Forster belegt überzeugend, dass einerseits aus historischen, politischen, finanziellen und rechtlichen Gründen aus der Sicht hoheitsstaatlicher Behörden, eine Professionalisierung unerwünscht ist und andererseits Flüchtlingsarbeit die vorhandenen Spannungsfelder - Klientenorientierung vs. Eingebundensein in hoheitsstaatliche, kontrollierende Organisationen; Einzelfall vs. Administrierbarkeit von Fällen - in der Praxis über reflexive Distanz und Selbstbegrenzung ausbalanciert und in der Theorie durch das Konzept der engagierten Rollendistanz naturalisiert. Es folgen drei exemplarische Analysen, in welchen Kontexten, mehr Professionalität gefordert wird bzw. Skepsis hervorruft, wie sich Enttäuschungserfahrungen von FlüchtlingsarbeiterInnen in Professionalisierungsrhetoriken widerspiegeln, wie Professionalität als phantasmatisches Konstrukt dazu dient, Grenzziehungen gegenüber Flüchtlingen und "Behörden" zu artikulieren und zu legitimieren." Reflexive Flüchtlingsarbeit ist dann professionell, wenn sie sowohl am Begriff der Professionalität rhetorische Funktionen und Strategien transparent macht als auch eingesteht, "dass Professionalität auch ein phantasmatisches Konstrukt ist, das ein Begehren von FlüchtlingsarbeiterInnen artikuliert." (106)

  • Protagonismus in der Arbeit mit MigrantInnen und Flüchtlingen (R. Salgado). Salgado beschreibt Intention und Arbeit von maiz, eines Vereins, in dem MigrantInnen sich einen Raum geschaffen haben, in dem sie nicht länger Opfer, sondern handelnde Subjekte sind. Grundpfeiler der Arbeit sind Protagonismus und Empowerment, Ziel ist, Strategien zu entwickeln, die es Migrantinnen ermöglichen ihr Widerstandspotential proaktiv in die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen zu investieren. D.h. sowohl alternative Da-Seins-Entwürfe für MigrantInnen - weg vom Opferstatus - zu entwickeln als auch rassistische, sexistische und diskriminierende Strukturen aufzudecken. Es geht darum, sich aktiv einzumischen, theoretisches Wissen, Inhalte und Methoden der eigenen Arbeit in Austauschprozesse und Kooperationen einzubringen,
  • "Wie zwischen Mühlsteinen..." Anforderungen an `HelferInnen' zwischen Engagement, Beruf und Politik aus der Sicht des UNHCR (B. Schuler). Das UNHCR hat das Mandat, sich weltweit um Flüchtlinge und Asylsuchende zu kümmern, ihnen juristischen Schutz zu geben und für sie eine Lösung zu finden. In der Wahrnehmung dieses Mandates erlebt das UNHCR einerseits die Abwehrhaltung der Aufnahmeländer und andererseits scharfe Kritik seitens der NGO, wenn keine optimalen sondern nur pragmatische Lösungen für die Flüchtlinge ausgehandelt werden. Zu dieser Spannung addieren sich die Belastungen, die dadurch entstehen, dass Angehörige des UNHCR - wie auch der NGOs - meist fern der Heimat, in fremden Kulturen und unter Kriegs- bzw. Krisenbedingungen arbeiten, d.h. unter überfordernden Extrembedingungen. Die Gefahr eines burnouts bzw. einer Traumatisierung ist groß. Infogedessen bietet das UNHCR in den letzten Jahren, sowohl Einsatz-Vorbereitungskurse als auch ein differenziertes System der Nachbetreuung für eigene und NGO-Mitarbeitende an.

Therapie, Sozialarbeit, Politik

  • Traumatisierte Kinder und Jugendliche - Wie mit dem Unfassbaren leben lernen? (B. Lueger-Schuster). Kinder und Jugendliche sind die Gruppe mit dem höchsten Risiko unter extremen Belastungen eine PTSD zu entwickeln. Epidemiologische Untersuchungen belegen, dass das Risiko für die Entwicklung mit fortschreitendem Alter sinkt. Traumatische Erfahrungen für Kinder sind:
    • direkte Lebensgefahr,
    • schwere körperliche oder psychische Verletzungen,
    • Zeuge von Verletzungen oder Verstümmelung anderer zu sein,
    • Kenntnis des unerwarteten oder gewaltsamen Todes oder der Todesgefahr eines nahestehenden Menschen.

    Solche Erfahrungen erschüttern das Vertrauen in die Welt, das Leben und seine Verlässlichkeit. Kinder können das traumatische Geschehen weder kognitiv noch emotional verstehen. Deshalb greifen sie oft zu magischen Erklärungen und/oder bezichtigen sich als Verursacher bzw. Versager, die das Geschehene nicht haben verhindern können. Was bleibt und vorherrscht sind Schuldgefühle. Eltern sind Modelle - auch für den Umgang mit dem Trauma. Schweigen sie über das Geschehene, um das Kind zu schützen/schonen, so schweigen auch die Kinder, um ihre Eltern zu schonen. Sie reagieren mit Vermeidung, Ambivalenz und chaotischen Reaktionen. Notwendig ist es, miteinander darüber zu reden. Das "fördert Denken, und Denken modifiziert Gefühle und erhöht die Handlungsflexibilität."(121) Beschrieben werden längerfristige altersspezifische Auswirkungen eines Traumas und deren Verlauf. Möglichkeiten der Unterstützung sind Sicherheit geben, reden, Autonomie fördern, Anteil nehmen (lassen); szenisches spielen, malen und erzählen, ein vertrauensvolles, offenes Klima in den systemischen Kontexten (Klinik, Kindergarten, Schule) und eindeutige, klare Informationen über das Geschehene.

  • Migration und Flucht: Arbeit mit Betroffenen im Netzwerk (T. Wenzel). Art und Weise posttraumatischer Reaktionen werden bestimmt durch den kulturellen Kontext, die Art des traumatischen Ereignisses und persönliche, lebensgeschichtliche Faktoren. Durch die Migration werden Menschen nicht nur ihrer Heimat verlustig, sondern auch der in der eigenen Kultur üblichen Hilfs- und Genesungsangebote. Notwendig sind deshalb transkulturelle Behandlungen, die die kulturell unterschiedlichen Krankheits-, Behandlungs- und Pflegemodelle - z.B. Einbeziehung der Angehörigen bei der Pflege/Betreuung in der Klinik - integrieren.
  • Fremdheitserfahrungen in der Arbeit mit traumatisierten MigrantInnen (C. Seidl - Gevers). Aufgezeigt wird, was ein Trauma bewirkt und was es bedeutet, dass wir von (traumatisierten) MigrantInnen "normales", unserer Kultur angepasstes Verhalten erwarten, wobei für sie unsere Normalität u.U. inkompatibel mit der ihrigen ist. Das Fremde, das Anders-Sein macht Angst, stellt das eigene So-Sein in Frage - hier wie dort. Vier Grundtendenzen sind im Umgang mit dem Fremden beobachtbar: sich ihm mit vorsichtiger Neugier anzunähern, es auszugrenzen und abzulehnen, das Fremde zu exotisieren oder zu dämonisieren. MigrantInnen sind ihrer Heimat, ihres sozialen Kontextes, oft auch ihrer Angehörigen beraubt, haben Flucht-/Vertreibungserfahrungen. Das Gastland konfrontiert sie nicht nur mit einer neuen, fremden Welt - Werte, Normen, kulturelle Gepflogenheiten, Sprache, Verhaltensweisen, Nahrung, Wohnweise -, sondern verlangt auch Anpassung; insbesondere von Kindern/Jugendlichen, die beschult werden. Diese Anforderung entfremdet nicht nur von den mitgeflüchteten Erwachsenen, sondern auch von der Ursprungskultur, ohne Sicherheit im Gastland bleiben zu können. Viele der geflüchteten oder traumatisierten Menschen leiden zusätzlich an "Überlebensschuld". Unverzichtbar ist deshalb, um nicht weiter zu entmündigen, eine ressourcenorientierte Arbeit. Zwei Übungen dazu werden vorgestellt.
  • Retraumatisierung von Flüchtlingen durch Behörden im Aufnahmeland (I. Egger). Die Autorin arbeitet als Psychotherapeuten seit 6 Jahren bei ZEBRA - einem Zentrum für sozialmedizinische, psychotherapeutische, rechtliche und kulturelle Beratung für AusländerInnen in Österreich. Die Rahmenbedingungen für Flüchtlinge in Austria - und in den meisten EU-Ländern (Anm. M.S.) - sind geprägt von unsicheren und schlechten Lebensbedingungen, retraumatisierenden Situationen - z.B. verbaler und tätlicher Rassismus auf der Straße, entwürdigende behördliche Anhörungen, Befragungen, Begutachtungen und Vorgehensweisen. Von AusländerInnen wird erwartet, sich möglichst schnell anzupassen - die Sprache, Nahrung, Sitte und Kultur des Gastlandes zu praktizieren, zu übernehmen. Nahezu nichts erinnert oder knüpft an an etwas Vertrautes, Bekanntes, Beruhigendes aus der eigenen Heimat. Die individuelle und kulturelle Identität wird ignoriert, in Frage gestellt, ist gefährdet. Zentral und wesentlich für eine Stabilisierung ist, Flüchtlinge umfassend zu informieren und ihnen soviel Mitgestaltung wie möglich zuzugestehen. Um dies zu erreichen, müssen FlüchtlingsarbeiterInnen sich politisch engagieren, weil sie oft die einzigen und kompetenten FürsprecherInnen/"AnwältInnen" für das "Fremde" sind. Vorgestellt wird der Fall einer von ZEBRA betreuten Klientin.
  • Männlichkeit und Traumatisierungen (A. Sölch). Kurz und knapp beschreibt Sölch Ziel, Aufgaben und den Betreuungsansatz des Ethnologisch Psychologischen Zentrums (EPZ) für Asylsuchende in Zürich. Danach stellt er die psychodramatische Bearbeitung einer Konfliktsituation und ihrer Dynamik eines 28jährigen, von ihm betreuten Asylsuchenden vor. Offenbart werden der Tiefgang und die Tiefenwirksamkeit eines scheinbar 'normalen' Zimmerkonfliktes unter Flüchtlingen.
  • Konsequenzen für die Arbeit in Einrichtungen der Flüchtlingsbetreuung: Die therapeutische Funktion sozialer Arbeit (J. Soyer). Soyer, Sozialarbeiter im interdisziplinären Team von refugio München, beschreibt die Notwendigkeit und Wirkkraft der sozialen Begleitung von Flüchtlingen, die hilft, die äußere Welt zu ordnen und zu verstehen, was tief greifende Auswirkungen auf das "Chaos" der inneren Welt hat. Um eine Grundstabilisierung zu ermöglichen, minimiert sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten reale Nöte und reale Ängste. Sie sorgt dafür, dass die Erniedrigungen im Exilland begrenzt bleiben, indem sie die Menschen aufklärt über Gesetze, Verordnungen, Verfahren, Rechte etc. und sie darin unterstützt, handelnde Subjekte zu bleiben. Sie bietet eine tragfähige und verlässliche Beziehung an, die damit verbundenen Risiken von Überidentifizierung, Überforderung, Enttäuschungen etc. sind selbstreflexiv, im Team und in Supervisionen aufzuarbeiten. Professionelle Dolmetscher, native speaker, sind unverzichtbar, da sie die FlüchtlingsarbeiterInnen vorgängig und nachgängig auf kulturelle und religiöse Besonderheiten hinweisen können. Mittels eines Fallbeispiels illustriert Soyer seine Ausführungen.
  • menschenrechte-salzburg.at - Ein regionales Monitoring-Projekt (J.P. Mautner). Auf kommunaler Ebene - entsprechend den Erklärungen der EU - Menschrechte zu schützen ist ein noch brachliegendes Feld. menschenrechte-salzburg.at ist ein Pilotprojekt, dessen Ziel es ist, die Situation der Menschenrechte im Bundesland Salzburg zu erheben, zu dokumentieren und öffentlich zu diskutieren. Dieses Monitoring arbeitet mit drei Stufen: Überblick, Einzelfälle, Hilfe. Informationspartner und -quellen sind die Organisationen und Vereine, die in der Menschenrechts- und Flüchtlingsarbeit aktiv sind. Relevant ist jeder Fall, in dem exemplarisch die Achtung und der Schutz des Grundrechts von Einzelnen oder Personengruppen verletzt wurde. Nach einem 5-Punkte Schema werden die Fälle dokumentiert und auf der homepage veröffentlicht.
  • Schluss:"Jetzt wird es spannend und gefährlich" Spannungsverhältnisse in der Flüchtlingsarbeit reflektieren (I. Bieringer). Bieringers zentrale Thesen sind, dass 1. "Identitäten von Flüchtlingen auch wesentlich durch die Aufnahmeländer und deren Repräsentationen, die den Status "Kriegsflüchtling" verleihen, mitkonstituiert werden, 2. in der Konfrontation und Produktion des "Anderen" auch das Eigene mitkonstruiert wird." Er führt diese Thesen aus, belegt sie und kommt zu dem Resümee, dass Flüchtlingsarbeit ihre eigenen Konzepte kontinuierlich infrage stellen muss, um zu klären, in welchem Ausmaß sie in die Machtsysteme verwickelt ist, wenn sie deren eurozentristischen Praktiken, Kategorien und Konzepte benützt.

Fazit

Das Buch spannt einen weiten Bogen von Grundsatzartikeln bis zu konkreten Projekten. Es bietet einen fundierten Einblick in die Probleme der Flüchtlingsarbeit, und reflektiert kritisch nicht nur die Genese des Traumabegriffs bis hin zur PTSD, sondern verdeutlicht auch die damit einhergehende Individualisierung und Ausblendung des soziopolitischen Entstehungskontextes. Es gelingt den AutorInnen, nicht nur die Auswirkungen und Folgen des reduzierten, medizinisierten Traumabegriffs und einer restriktiven Asylpolitik für Inländer und Ausländer aufzuzeigen, sondern auch die notwendige Veränderungen und Umdenkprozesse.


Rezensentin
Dr. Michaela Schumacher
Homepage www.drmichaelaschumacher.de
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 29.06.2004 zu: Edgar Forster (Hrsg.): Migration und Trauma. Lit Verlag (Münster) 2003. 182 Seiten. ISBN 978-3-8258-6613-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/952.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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