Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Andreas Kraft, Mark Weißhaupt (Hrsg.): Generationen

Cover Andreas Kraft, Mark Weißhaupt (Hrsg.): Generationen. Erfahrung - Erzählung - Identität. UVK Verlagsgesellschaft (Konstanz) 2009. 298 Seiten. ISBN 978-3-86764-190-6. 29,00 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Historische Kulturwissenschaft - Band 14.

Besprochenes Werk kaufen


Thema, Entstehungshintergrund und Zielgruppe

Dem Begriff der „Generationen“ kommt in der aktuellen gesellschaftlichen und sozialpolitischen Diskussion zentrale Bedeutung zu, wenn es darum geht, gesellschaftliche Konflikte zwischen „Jung“ und „Alt“ und den sozialen und historischen Wandel zu rekonstruieren. Jenseits eines eng gefassten genealogischen Verständnisses, in dem der Begriff zur Kennzeichnung der (intrafamilialen) Herkunft verwendet wird, stellt sich das Konzept „Generation“ als höchst vielschichtig, komplex und unscharf dar. Zugleich wird es – nicht erst seit der wegweisenden Arbeit von Karl Mannheim zum „Problem der Generationen“ – in Sozial- und Gesellschaftswissenschaften kontrovers diskutiert.

Der interdisziplinäre Sammelband „Generationen: Erfahrung - Erzählung – Identität“ entstand in dem interdisziplinären KFK/ Sonderforschungsbereich 485 „Norm und Symbol“ an Universität Konstanz, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Die in ihm gebündelten Aufsätze thematisieren Aspekte des Generationenverhältnisses in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Sie entstammen der Soziologie, den Literatur- und Geschichtswissenschaften und vermitteln so ein Bild verschiedener Deutungsansätze des Generationenbegriffs aus kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Als Adressaten kommen in erster Linie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie fortgeschrittene Studierende der genannten Disziplinen in Frage. Darüber hinaus können einzelne Kapitel auch von Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern anderer Fächer (insbesondere Psychologie, Pädagogik) mit Gewinn gelesen werden.

Herausgeber

Dr. Andreas Kraft ist promovierter Literaturwissenschaftler und war Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Forschungsprojekt „Grenzen des Verstehens: Generationsidentitäten in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg“, geleitet von Prof. Dr. A. Assmann und Prof. Dr. B. Giesen im Sonderforschungsbereich 485 „Norm und Symbol“ an Universität Konstanz. Derzeit ist er als PostDoc-Stipendiat im FB Literaturwissenschaft/Anglistik an der Universität Konstanz beschäftigt.

Mark Weißhaupt, M. A. arbeitet seit seinem Magisterabschluss im Fach Soziologie als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Makrosoziologie (Prof. Dr. B. Giesen) an der Universität Konstanz und ist ebenfalls Mitglied im Sonderforschungsbereich 485 „Norm und Symbol“ und Mitarbeiter im Projekt „Generationsidentitäten“.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in drei Teile.

Im ersten Teil skizzieren die Herausgeber im Anschluss an ein Vorwort, welches auch Abstracts zu den einzelnen Beiträgen einschließt, in einem Einführungskapitel verschiedene Aspekte des aktuellen wissenschaftlichen Generationendiskurses. Sie arbeiten dabei ihr Verständnis des Generationenbegriffs heraus, demzufolge „Generation“ sich nicht auf eine irreale, lediglich konstruierte „bloße Erzählung“ reduzieren lässt, sondern als subjektiv gefärbte und kollektiv geprägte diskursive Darstellung von (realen) Erfahrungen zu analysieren ist. „Erfahrung“, „Erzählung“ und „Identität“ werden so zu Schlüsselbegriffen, mit deren Hilfe sich Generationen als „Prozesse“ beschreiben lassen.

Im zweiten Teil finden sich sechs literaturwissenschaftliche Beiträge, die an dieses Verständnis anknüpfen und es anhand von Fallbeispielen aus verschiedenen Literaturgattungen elaborieren.

Beispielsweise illustriert Aleida Assmann, wie in dem Genre des „Familienromans“ insbesondere generationale Erfahrungen in Familie und Gesellschaft, die ansonsten nicht kommuniziert werden, sichtbar gemacht werden, wobei Fakt und Fiktion sich oftmals vermischen.

Anne Fuchs verdeutlicht an zwei ausgewählten Romanen, wie ästhetisierende Erzählweisen von den Erzählenden zu identitätsstiftenden Zwecken eingesetzt werden können. Sie zeigt zugleich auf, dass dieses Vorgehen gerade von der jüngeren Generation als unangemessene Entlastungsstrategie interpretiert werden kann, in der sich ein Zurückschrecken vor der Einsicht in die moralische Dimension von Kriegserfahrungen ausdrückt.

Weitere Aufsätze von Elena Agazzi und Andreas Kraft befassen sich explizit mit dem Genre des „Generationenromans“ und untersuchen dessen Funktion im gesellschaftlichen Reflexionsprozess bzw. arbeiten die Verknüpfung von Erinnerungsprozessen mit bestimmten Orten des Geschehens heraus.

Die Bedeutung transgenerationeller Prozesse für die Identitätsbildung steht im Zentrum des Beitrags von Linda Shortt; sie veranschaulicht am Beispiel eines Romans über ein Flüchtlingsschicksal, wie der von der Mutter unverarbeitete Verlust ihrer Heimat die Entwicklung der individuellen und generationalen Identität ihrer Tochter beeinträchtigt.

In dem einzigen englischsprachigen Aufsatz des Bandes erläutert Ana Sobral, wie Identität generationaler Gruppen über die Abweichung von gesellschaftlichen Normen (deviance) definiert und konstituiert werden kann. Sie demonstriert dies am Beispiel der Darstellung der sog. „Baby Boomers“ und der „Generation X“ in der amerikanischen Nachkriegsliteratur.

Der dritte Teil enthält fünf Kapitel, die aus soziologischer und geschichtswissenschaftlicher Perspektive verfasst wurden.

Bernhard Giesen rekonstruiert den Generationenbegriff aus dem „Paradigma der getrennten Erinnerungen“ heraus. Er versteht Generationen als „Erfahrungsgemeinschaften“ und erläutert, wie „geteilte Erfahrung“ von Angehörigen einer Generation konstituiert wird; hierbei geht er auch auf medial vermittelte Formen der „Erinnerung“ ein, in denen symbolische Repräsentationen generationaler Erfahrungen kreiert werden.

Oliver Neun setzt sich differenziert und sehr systematisch mit der teils harschen Kritik an Mannheims klassischem Text zur Generationenproblematik auseinander. Er erarbeitet so eine Gegenposition zu Vorwürfen, wonach dem Konzept von Mannheim konservative, nationalistische oder sexistische Deutungsschemata zu Grunde liegen.

In dem Aufsatz von Jürgen Reulecke werden am Beispiel zweier Vater-Sohn-Beziehungen die engen Wechselwirkungen zwischen persönlicher, autobiographischer Erfahrung und kollektiv konstruierten Generationenbezügen von Personen verdeutlicht.

Reimer Gronemeyer diagnostiziert in seinem Beitrag ein gesellschaftliches Generationenverhältnis, das von der Obsoleszenz des Alters und seiner Erfahrung geprägt sei, und er thematisiert die „Erinnerungslosigkeit“ als Merkmal der modernen Gesellschaft. Während die materielle Situation alter Menschen überwiegend gesicherter sei als in der Vergangenheit und sie somit als Konsumenten wertvoll seien, seien ihre würdevolleren Rollen (so die Möglichkeit zur Weisheit) durch den kulturellen und technologischen Wandel zerstört; wer sich den „Imperativen der Flexibilisierung“ nicht mehr beugen könne, falle somit aus dem gesellschaftlichen System und werde als verzichtbar behandelt.

Schließlich analysiert Mark Weißkopf die Einbettung mündlicher biographischer Erzählungen in den gesellschaftlichen Generationendiskurs. Die Datenbasis hierfür bilden Interviews mit Repräsentantinnen dreier Frauengenerationen einer Familie.

Diskussion

Der Sammelband beleuchtet das hochaktuelle und brisante Thema „Generationen“ aus einer interdisziplinären Perspektive. Mit ihrem Eingangskapitel liefern die Herausgeber eine fundierte Übersicht aktueller Positionen der Generationenforschung. Die von ihnen herausgearbeitete prozessuale Sicht des Generationenbegriffs erweist sich, wie die breite Spanne der Beiträge aus der Literatur- und Geschichtswissenschaft und der Soziologie zeigt, als äußerst fruchtbar für eine Analyse von Generationendiskursen im intrafamilialen Austausch, der Literatur wie auch der (massen-)medialen Darstellung. Der Band illustriert somit die Vielschichtigkeit der theoretischen und methodischen Zugänge zur Generationenthematik auf hervorragende Art und Weise.

Weitgehend ausgespart bleiben – entsprechend der Zusammensetzung der Arbeitsgruppe, aus der der Band hervorgegangen ist – psychologische und psychodynamische Sichtweisen. Gerade dort, wo es um die Bedeutung (trans-)generationaler Diskurse für die Identitätsbildung und –sicherung geht, scheint eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Dynamik individueller Prozesse der Selbstentwicklung jedoch kaum verzichtbar.

Fazit

Der Band reflektiert zahlreiche Aspekte des aktuellen Diskurses über Generationen(-beziehungen) in differenzierter und kenntnisreicher Weise. Seine Lektüre stellt für all jene einen Gewinn dar, die sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive vertieft mit generationalen Prozessen auseinandersetzen.


Rezensentin
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Universität Trier, Fachbereich I Psychologie
Homepage www-neu.uni-trier.de/?id=8111
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Anne-Kathrin Mayer. Rezension vom 24.08.2010 zu: Andreas Kraft, Mark Weißhaupt (Hrsg.): Generationen. UVK Verlagsgesellschaft (Konstanz) 2009. 298 Seiten. ISBN 978-3-86764-190-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9520.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Thomas Eckert, Aiga von Hippel u.a. (Hrsg.): Bildung der Generationen

Friedrich Jaeger, Burkhard Liebsch u.a.: Handbuch der Kulturwissenschaften

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.