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Esteban Piñeiro (Hrsg.): Fördern und Fordern im Fokus

Cover Esteban Piñeiro (Hrsg.): Fördern und Fordern im Fokus. Leerstellen des schweizerischen Integrationsdiskurses. Seismo-Verlag (Zürich) 2009. 261 Seiten. ISBN 978-3-03-777070-2. 32,00 EUR, CH: 48,00 sFr.

Reihe: Sozialer Zusammenhalt und kultureller Pluralismus.

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Wetterleuchten“ über schweizerischem Integrationsdiskurs

Das neuerdings in integrationspolitischen Diskursen gemeinverständliche und populär gewordene sowie politisch-normativ befrachtete Begriffs-Paar „Fördern und Fordern“ entfaltet sich als Handlungsgrundsatz, der wie eine „lebensregelnde Richtlinie“ gesellschaftlichen und politischen Gefallen finden möchte. Dem Begriff „Integration“ innewohnenden Spannungsfeldern diverser Macht- und Herrschaftsverhältnisse, zeitgenössischer Diskurse und den „Leer“-Stellen dieser Debatten gingen die Herausgeber (Esteban Piñeiro, Isabelle Bopp, Georg Kreis) in kritischer Absicht bezüglich seiner theoretischen Fundierung sowie seiner Variabilität und Divergenz in (sozial)politischer, ökonomischer, kultureller und nationalstaatlicher Hinsicht nach. In besonderem Masse gewann der zum integrationspolitischen  Terminus technicus gewordenen Grundsatz „Fördern und Fordern“ wesentliche Öffentlichkeit durch das Konzept der „Basler Integrationspolitik“, das sich in jüngster Zeit der Handlungsmaxime „Fördern und Fordern“ (Piñeiro, Bopp, Kreis) verschrieben hat.

Die thematische Einflugschneise dieses Sammelbandes, „Fördern und Fordern“ des schweizerischen Integrationsdiskurses, präsentiert facettenreiches theoretisches und empirisches Material zum Gegenstand „Integration“. Den Leserinnen und Lesern werden verschiedenste Herangehensweisen angeboten, die in deutlicher und anschaulicher Weise sinngemäß die „Grimasse der Integration“ in den Blick nimmt, die in ihrer einschränkend-vereinnahmenden, nach Freiheit suchenden, pragmatischen, sachlichen und in ihrer politisch dramaturgischen Vielfalt als Strategieinstrument aufzutreten vermag. „Wetterleuchten“, metaphorisch gesprochen, kann Blitz und Donner, gelegentliche Sonneneinstrahlung, heftige und zart anmutende Winde inmitten vielfältiger Integrationsdiskurse bedeuten. In diesem Sinne skizziert der vorliegende Sammelband in eindrückliche/r Weise eine Verständnisvielfalt in Politik, Wissenschaft und Praxis zum höchst dynamischen Begriff „Integration“ und zu ihrem vertraglichen counterpart, dem in vieler Munde kontrovers diskutierten Instrument der „Integrationsvereinbarung“, mittels derer,  selektiv ausgewählte DrittstaatsbürgerInnen angesprochen werden.

Das Autorinnen- und Autorenkollektiv

Das Autorinnen- / Autorenkollektiv von vierzehn Persönlichkeiten der Wissenschaft und Praxis unterschiedlicher Universitäts- und Fachhochschulkreisen schweizerischer Provenienz, präsentiert in zwei Hauptteilen mit elf Beiträgen ein integrationspolitisches sowie theoretisches Panorama (Teil 1) und lebensweltliche Spannungsfelder, Bedingungen und Übereinkünfte (Teil 2) des Prinzips „Fördern und Fordern“.

Das Herausgeberkollektiv (Piñeiro, Bopp, Kreis, 2009) ortet in seiner einleitenden thematischen Heranführung „seismographische“ Befunde zum aktuellen Integrationsdiskurs. Dieser Text extrahiert in kritischer Sicht das Integrationsverständnis auf Basis kodifizierten Rechts und dem sozial – politischen Verständnis der Handlungsmaxime „Fördern und Fordern“, wobei der Staat „mit Transferleistungen fördert und von den Leistungsempfangenden Gegenleistungen erwartet (…)“, und damit ein kommunikatives Interface zwischen „Staat und Bürgergesellschaft“ zu erfüllen sucht (ebd., S.12 ff). Die „Leerstellen des Integrationsdiskurses“ lokalisieren die AutorInnen (ebd.: 14 ff) in den Ordnungskontroversen zu Ausschluss und Einklammerungsmechanismen in rechts-politischen, sozial-politischen und lebensweltlichen Zusammenhängen.

Das wie ein Richtsatz scheinende Prinzip „Fördern und Fordern“, mutet einerseits wie ein Axiom und andererseits, je nach Interessenslagen (migrations-, rechts- und sozial-) politischer sowie ökonomischer Anliegen, höchst unterschiedlich auslegbar an (z.B. auf kommunalpolitischer Ebene).

Blitzlichter zu den Beiträgen

Im ersten theoretisch ausgerichteten Teil des Sammelbandes docken vielperspektivische Einsichten an integrationspolitische Debatten und Entwicklungen in der Schweiz. Die Autorinnen und Autoren, Hans-Rudolf Wicker, Simone Prodolliet, Lucie von Büren und Judith Wyttenbach, Ines Mateos, Roberto Lopez, Estebano Piñeiro und Jane Haller, skizzieren eine große Spannbreite an kritisch anspruchsvollen Einflugschneisen in den mit vielen Bedeutungen unterfütterten Begriff „Integration“ und seiner integrationspolitischen Begriffsentwicklung in historischer, ausländer – und migrationspolitischer, rechtlicher und sozial-kultureller Konnotationsvielfalt. Aktuelle normative und institutionelle Integrationsdiskurse werden analytisch auf ihre diversen Umsetzungspraxen hin kritisch beleuchtet.

An die eigenen Analysen seines umfassenden und aufschlussreichen Beitrags reiht Hans Rudolf Wickers sein kritisches Fazit an der gegenwärtigen schweizerischen Ausländergesetzgebung, die die Bevölkerung ohne CH-Pass gezielt in „Parallelwelten festzuhalten“ scheint (Wicker S. 45). Simone Prodollierführt einen deutlichen „roten Faden“ durch das lenkungsfähig und taktisch anmutende Instrument der „Integrationsförderung und Forderung“. Sie bespricht die das Instrument befürwortenden und verneinenden Argumentationslinien und entgegnet eigene herausfordernde Empfehlungen für die Umsetzung – wie beispielsweise die Debatte um „Fördern und Fordern“ gesamtgesellschaftlich auszuweiten (auch an Schweizerinnen/Schweizer mit xénophoben Agitationen zu richten. Prodollier S. 59). Lucie von Büren und Judith Wyttenbachbehandeln mit großer Schärfe und akribischer Recherche die Integrationsvereinbarung aus juristischen Blickwinkeln. Im Fokus stehen vor allem Fragen zu Rechtsungleichheiten und Diskriminierungsausübungen in der Rechtspraxis (z.B. EU BürgerInnen vs Drittstaatangehörige BürgerInnen). Inés Mateosdiskutiert eingehend „Sprache“ als gesellschaftspolitisch vielfach favorisierten - allerdings vermeintlichen – „Schlüsselfaktor“ für eine „aussichtsreiche“ Integration und postuliert die Abwendung von eindimensional gedachten, vermeintlich positiv korrelierenden Zusammenhängen von Sprache und Integrationsverlauf. Mateos meint hier ausdrücklich nicht die Abkehr von „Sprache“ als integrationsrelevante Einflusskraft per se, sondern überdies die Hinwendung zu einer profunden, von Gesetzen getragenen Antidiskriminierungs – und Chancengleichheitspolitik. Hinsichtlich dieses wesentlichen Postulats, widmet sich Mateos ferner dem Begriff der „Intersektionalität“ (Schnittstelle verschiedener Diskriminierungsformen) und bespricht vergleichend, die letzten Jahrzehnte der staatlichen Gleichstellungsbemühungen der Geschlechter (Mateos S. 116-121). „Ohne Konflikt und demokratische Konfliktaustragung keine Integration“ (Roberto LopezS. 138), so die Perspektive von Lopez auf gesellschafts- und integrationspolitische Fragen hin. Das gesellschaftliche Zusammenleben basiert geradezu auf konflikthaften Konstellationen. Lopez setzt dem sogenannten „Harmonie-Modell“, das sich vielmehr auf Chancengleichheit stützt, „konflikttheoretische Ansätze“ entgegen. Das harmonieanstrebende Integrationsverständnis des „Förderns und Forderns“ würde geradezu die gesellschaftlichen Konfliktorte und -dynamiken ausblenden. Lopez diskutiert unterschiedliche Konfliktformen moderner demokratischer Systeme, die sich mit jeweils charakteristischen Integrationsaufgaben beschäftigen. Nach Lopez bietet das Prinzip „Fördern und Fordern“ „keine Lösung für die konflikthafte Integration von MigrantInnen“ (Lopez S. 126 ff); Integration müsste eine gesamtgesellschaftliche Ausrichtung haben – und sie ist kein Extrakt, das sich ausschliesslich an selektierte Bevölkerungsgruppen wenden darf. Esteban Piñeiro und Jane Hallerrichten zunächst ihre differenzierte Analyse auf den Begriff „Gouvernmentalität“, der auf Michel Foucault zurück geht. In diesem Zusammenhang setzen sich Piñeiro und Haller mit Dimensionen des Regierens sowie seinen Mitteln und Instrumenten auseinander. Politische Machtmechanismen werden gemeinsam mit dem neoliberalen Grundsätzen des „Förderns und Forderns“ kritisch dargelegt. Dabei wird, um einen Aspekt herauszuschälen, die gesellschaftspolitische Konstruktion von „riskanten Subjekten“ (MigrantInnen in prekären Lebenssituationen) erörtert, mit denen die oft gebräuchlichen Binaritäten „Bevölkerung vs. Nicht-Bevölkerung“ ein gesellschaftliches „Innen vs. Außen“ herstellen (Piñeiro, Haller S. 184 ff). Die AutorInnen plädieren dafür, dass auch die „Alteingesessenen“ dem Konzept der „unternehmerischen Selbstintegration“ unterzogen werden sollten (ebd. S. 167).

Der zweite praxisbezogene Teil des Sammelbandes vereint Beiträge zu „lebensweltlichen Spannungsfeldern des Prinzips „Fördern und Fordern“. Alle Beiträge analysieren, besprechen und beurteilen lebensweltliche und spezifische alltagsbezogene Realitäten integrationsdynamischer Fragen. Die Autorinnen und Autoren Alicia Gamboa, Zeynep Yerdelen, Eva Tov, Thomas Huonker führen dicht und bewegend an die Lebenswelten, an das Alltägliche, an die Fachtätigkeiten und Erkenntnisse sowie an die Lebenspraxen verschiedener Bevölkerungsgruppen heran. Im Zentrum der Beiträge stehen unterschiedliche (Lebens-)Praxen mit dem Fokus auf das als „Bevormundung“ bezeichnete gesellschaftspolitische Prinzip des „Förderns und Forderns“ (Gamboa) – beispielsweise zu Wirklichkeiten der gesellschaftlichen Integration ausländischer Jugendlicher (Yerdelen), zu Fragen zur Daseinsberechtigung von gesellschaftlichen „Minderheiten“ (Tov) und zur Lebenslage der nicht nur in jüngstem Zeitraum diskriminierten Bevölkerungsgruppe der Jenischen.

Alicia Gamboa, Mitarbeiterin bei der Friedensorganisation Christlicher Friedensdienst, diskutiert die Praxen mehrerer erfolgreicher Empowermentprojekte mit Migrantinnen, ein Handlungsansatz, so Gamboa, mit dem in kritischer Absicht dem vorwiegend defizit- und problemorientierten Integrationsprinzip des „Förderns und Forderns“ entgegenhalten werden möchte. Das „soziale Kapital“ (Bourdieu) von Migrantinnen kann sich kaum wirkungsvoll entfalten, wenn „sozial-ökonomische Probleme von Migrantinnen vorwiegend individualisiert werden“ (Gamboa S. 173 ff). Zeynep Yerdelenist als Lehrerin tätig und präsentiert in ihrem Beitrag sehr eindrücklich mehrere biografische Beispiele von jungen Erwachsenen ihrer Klasse, mit denen sie Gespräche über Integration, Chancengleichheit und Diskriminierungserfahrungen führte. In diesem Zusammenhang untersuchte Yerdelen Diskriminierungspraxen bei der Lehrstellensuche von Jugendlichen mit familiärem und/oder eigenem Migrationshintergrund. Sehr bemerkenswert ist die Aussage eines Jugendlichen, dessen Erzählung durchaus den Kern des Beitrags von Yerdelen trifft: „Ich will mich nicht einbürgern. Auch wenn ich gut bin, bei jedem kriminellen Fall werde ich doch auch als degradiert. Wieso soll ich dann noch Schweizer werden?“ (Yerdelen S. 200). Unter dem Titel „Integration – (k) ein Thema für die jüdische Gemeinde“, rekonstruiert und reflektiert die Autorin Eva Tov, selbst Mitglied einer jüdischen Gemeinde, Begriffbedeutungen wie „Integration“, „Kultur“, „Heimat und Exil“ vor dem Hintergrund der jüdischen Geschichte der Stadt Basel, die sich bis ins 12.,13. Jahrhundert nachzeichnen lässt und eine vielfältige sowie heterogene lebensweltliche und religiös-identifikative Bandbreite bezeugt. Um der Frage nach „Integration“ nachzugehen, so Tov, müssen Grundverständnisse des Alltagsleben - beispielsweise für eine orthodoxe jüdische Gemeinde, profund in den Blick genommen werden. Diesem Fokus geht Tov nach und diskutiert in theoretischer, empirischer und alltagsnaher Weise existentielle Bedeutungen politischer, sozialer und kultureller Integration für die orthodoxe jüdische Gemeinde. Diese Befunde unterfüttert Tov mit neueren integrationspolitischen Diskursen der Stadt Basel am Beispiel des städtischen Integrationsleitbildes. Tov stellt Parallelgesellschaften prinzipiell nicht in Frage und favorisiert die Koexistenz aller Kulturen in einer Gesellschaft, indem sie herausfordernden Überlegungen nachgeht: „(...) Warum dürfen und sollen sie kulturspezifischen Eigenarten nicht das bleiben, was sie sind ? (...) – ohne Zaungäste? Warum genügt es nicht vom Anspruch her das Soziale zu teilen ?“ (Tov S. 226). Thomas Huonkerdurchleuchtet historisch Homogenisierungs-, Ausgrenzung- und Diskriminierungsphasen/-mechanismen in der Schweiz am Beispiel der Stigmatisierungs-, Vertreibungs- und Diskriminierungsgeschichte der jenischen Bevölkerung. Die exorbitanten Diskriminierungspraxen des 1926 gegründeten schweizerischen Hilfswerks für die „Kinder der Landstrasse“ (ein damaliges Projekt der Pro Juventute), entzogen unter Zwang und mit der Unterstützung kantonaler Vormundschaftsbehörden rund 600 Kinder den jenischen Familien, um sie an das gesellschaftliche Normen- und Wertesystem der sogenannten gesellschaftlichen „Leit“-Kultur zu assimilieren. Die UN-Konvention von 1948 bezeichnet derartige Entführungen als „Völkermord“ (Artikel II e, Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, 9. Dez. 1948). Trotz der grossen Bedeutsamkeit des rechtsstaatlichen Minderheitenschutzes ist die soziale Lage der Jenischen heute immer noch prekär. Der 1975 gegründete Dachverband „Radgenossenschaft der Landstrasse“ wird in Summe nur mit sehr knappen Mittel subventioniert. Faktum ist, so Huonker, „dass die Schweiz beim Miteinbezug der Fahrenden in Entscheidungen, welche sie betreffen (…) beim Schutz und der Förderung der jenischen Sprache und in der aktiven Bekämpfung von Vorurteilen  den internationalen Erfordernissen noch nicht genügt.“ (Huonker S. 253).

Diskussion: Die Fragilität menschlicher Belange

Die theoretisch-empirischen Beiträge dieses Sammelbandes verleihen dem hochkomplexen Thema „Integration“ eine theoretisch-sachliche aber auch eine lebensweltlich-expressive Patina mit eingrenzenden, allerdings sehr profunden Blicken auf das hochkontrovers diskutierte gesellschafts-politische Verständnis von „Integration“ und seinen, so scheint es, symptomatisch anmutenden Handlungsmaximen, die der „Förder-Forder“-Formel, dem Instrument der „Integrationsvereinbarung“ und den jeweiligen städtischen Integrationsleitbildern implizit sind. Der vorliegende Sammelband überzeugt in seiner fachlichen und perspektivischen Reichweite. Theorie-, praxis- und lebensweltlichbezogene Beiträge befinden sich nahe an den Brennpunkten ihrer jeweiligen Erkenntnisinteressen. Expression und Präzision in der thematischen Herangehens- und Bearbeitungsweise zeugen deutlich von fachlicher wie persönlicher Hingabe zu diesem Thema.

Was dieses Werk auszeichnet, ist das in besonders konzentrierter Form ausgewählte, gesellschaftspolitisch höchst aktuelle Thema des Prinzips „Fördern und Fordern“ ins Blickfeld genommen zu haben. Mit stringentem Fokus durchleuchten die Beiträge ebenso den Hinterhof der „Integrationsvereinbarung“. Dieses Sammelwerk  ist vor allem empfehlenswert für den Unterricht an Fachhochschulen und Höhere Fachschulen im Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftsbereich sowie für allgemeinbildende Schulen. 

Resümierend könnte der Inhalt aller Beiträge auf das beispiellos drängende und dynamische Wort „Standorts-Recht“ gebracht werden. Auf jenen „Standort“, den Hannah Arendt folgendermassen zeichnete: "Der Verlust der Menschenrechte findet nicht dann statt, wenn dieses oder jenes Recht, das gewöhnlich unter die Menschenrechte gezählt wird, verlorengeht, sondern nur, wenn der Mensch den Standort in der Welt verliert, durch den allein er überhaupt Rechte haben kann und der die Bedingung dafür bildet, daß seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen von Belang sind." (Hannah Arendt: Kapitel über die "Aporien der Menschenrechte" in "Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft". München 1993, 3. Auflage, S. 461./ Erstausgabe 1951.

 Drei Kernthemen können diesem Sammelband extrahiert werden, die aus unterschiedlichem Erkenntnisinteresse kritisch durchleuchtet werden:

  1. Gesellschaftlich-identifikative, rechtliche Ebene: Integration (z.B. gesellschaftliche Mitgliedschaft, Staatsbürgerschaft, Stimm- und Wahlrecht)
  2. Sozial-kulturelle Ebene: Bedeutung der Zweitsprache/n und Erstsprache/n im Migrationskontext
  3. Normativ-pädagogische Lenkung: Das Instrument Integrationsvereinbarung Das Prinzip „Fördern und Fordern“.

Innerhalb der Kernthemen präsentiert sich der Begriff „Integration“ im Spannungsfeld von „Harmonie“ und „Absolutheit“. Der 1982 verstorbene Soziologe, Erving Goffman, würde vermutlich „Integration“ als mögliche „totale Institution“ besprechen und Emile Durkheim so manches Integrationsverständnis als Indikator für gesellschaftliche anomische Verhältnisse erörtern. In diesem Sinne ist die undifferenzierte Zuschreibung „Parallelgesellschaft“ für ausgewählte gesellschaftliche Bevölkerungsgruppen eine territorial gedachte Darbietung einer gewissen gesellschaftlichen Lähmung und Entkräftigung: Kaum kann ein Mensch jemals in alle gesellschaftlichen Systeme und Ordnungen „integriert“ sein. In diesem Zusammenhang sind der ausschließlich am Zweit-Spracherwerb, als erfolgreich vermuteten gesellschaftlichen Integration, die emphatischen wie präzisen Gedanken der Literaturnobelpreisträgerin, Herta Müller, entgegenzusetzen: „Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt. Auch, dass man immer in Worten denkt, ist nicht wahr“ (Herta Müller, Literaturnobelpreis 2009).

Fazit

Die theoretisch-empirischen Beiträge dieses Sammelbandes verleihen dem hochkomplexen Thema „Integration“ eine theoretisch-sachliche aber auch eine lebensweltlich-expressive Patina mit eingrenzenden, allerdings sehr profunden Blicken auf das hochkontrovers diskutierte gesellschaftspolitische Verständnis von „Integration“ und seinen, so scheint es, symptomatisch anmutenden Handlungsmaximen, die der „Förder-Forder“-Formel, dem Instrument der „Integrationsvereinbarung“ und den jeweiligen städtischen Integrationsleitbildern implizit sind. Der vorliegende Sammelband überzeugt in seiner fachlichen und perspektivischen Reichweite. Theorie- und praxisorientierte Beiträge befinden sich nahe den Brennpunkten unterschiedlicher Lebenswelten und gesellschaftlichen Diskursen. Expression und Präzision in der thematischen Herangehens- und Bearbeitungsweise zeugen deutlich von fachlicher wie persönlicher Hingabe zu diesem Thema. Was dieses Werk auszeichnet ist, das in besonders konzentrierter Form ausgewählte, gesellschaftspolitisch höchst aktuelle Thema des Prinzips „Fördern und Fordern“ ins Blickfeld genommen zu haben. Mit stringentem Fokus durchleuchten die Beiträge ebenso den impulsiven Hinterhof der „Integrationsvereinbarung“. Dieses Buch wird als gewinnbringend beurteilt für Fachpersonen, die vor allem in sozialen, rechtlichen, wirtschaftspolitischen, pädagogischen und gesundheitsbezogenen Arbeitsfeldern tätig sind.


Rezensentin
Dr. phil. Mandana Kerschbaumer
Soziologin, Akad. Supervisorin, Dipl. Erwachsenenbildnerin Schwerpunktthemen: Migration, Transmigration, Diversität, „Integration“ Lebt und arbeitet seit 1987 in der Schweiz Berufstätigkeit als Dozentin und Ausbildungssupervisorin FH und HF
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Zitiervorschlag
Mandana Kerschbaumer. Rezension vom 19.08.2010 zu: Esteban Piñeiro (Hrsg.): Fördern und Fordern im Fokus. Seismo-Verlag (Zürich) 2009. 261 Seiten. ISBN 978-3-03-777070-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9592.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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