Rosine Schulz: Kompetenz-Engagement
Rosine Schulz: Kompetenz-Engagement. Ein Weg zur Integration Arbeitsloser in die Gesellschaft ; empirische Studie zur Erwerbs- und Bürgergesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 365 Seiten. ISBN 978-3-531-17203-3. 39,95 EUR.
Reihe: VS research.
Thema
Die Fachdebatte um die Zukunft der Arbeitsgesellschaft thematisiert, vor dem Hintergrund der Arbeitslosenzahlen, eine immer notwendiger werdende Entwicklung von der Erwerbsgesellschaft hin zur Tätigkeitsgesellschaft. Dadurch sollen neue Formen der Arbeit initiiert oder weiter ausgebaut werden, um mehr Verteilungsgerechtigkeit, im Sinne von gesellschaftlicher Beteiligung und der Integration arbeitsloser Menschen in die Gesellschaft, zu schaffen. Denn obwohl die Arbeitslosenzahlen aktuell sinken, hat sich der Anteil der Langzeitarbeitslosen trotzdem um 2 Prozentpunkt im Jahr 2010 erhöht. Dem freiwilligen, bürgerschaftlichen Engagement kommt in einer solchen Tätigkeitsgesellschaft eine besondere Bedeutung zu. Rosine Schulz stellt in ihrem Buch eine Studie vor, die die Gegenwartsanalyse zur Bürgergesellschaft mit der der Arbeitsgesellschaft verknüpft und synergetisch auf einander bezieht. Dies führt im Ergebnis zum Konstrukt des Kompetenz-Engagements, das an die Erfahrungen und Kompetenzen der Erwerbsarbeit anknüpft und so eine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt darstellen kann.
Autorin
Rosine Schulz, Dr. phil, Dipl. Oec. hatte von 1998 – 2004 eine leitende Stelle in einem internationalen Unternehmensbereich der Robert Bosch GmbH. Sie unterbrach diese Tätigkeit, um zum Thema der Publikation zu promovieren. Frau Schulz ist Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen und Beraterin im Non-Profit-Bereich.
Entstehungshintergrund
Die Publikation ist das Ergebnis der Dissertationsschrift, die Rosine Schulz im Rahmen ihres Promotionsverfahrens an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster eingereicht hat und mit der sie zum Dr. phil. promovierte. Die zur Grunde liegende Studie stellt Fallanalysen zum bürgerschaftlichen Engagement Arbeitsloser in den Mittelpunkt, die zur Entwicklung des neuen Konstrukts „Kompetenz-Engagement“ führen, was auch den Titel des Buches darstellt.
Aufbau und Inhalt
Zunächst werden die gegenwärtig parallel geführten Diskurse zur Zukunft der Erwerbsgesellschaft und der Bürgergesellschaft fundiert und sehr überzeugend theoretisch entwickelt und in einem Einleitungskapitel multiperspektivisch diskutiert.
Damit skizziert die Autorin die möglichen Rahmenbedingungen für ein neues Gesellschaftsmodell, das sie im zweiten Kapitel als Themenstellung ihrer Arbeit und als Verbindung der beiden diskutierten Stränge (Erwerbs- und Bürgergesellschaft) theoretisch entfaltet. Sie nimmt dabei Bezug auf Emile Durkheim und Hannah Arendt, deren Ausführungen mit in die durchgeführte Studie einfließen und in diesem Rahmen eine Überprüfung erfahren - vor allem im Hinblick auf die Frage, in wieweit sie einen Gültigkeitsanspruch im Kontext der heutigen Herausforderungen und aktuellen Entwicklungen haben. Dies greift sie Autorin in ihrem letzten Kapitel noch einmal auf und stellt Verknüpfungen her.
Mit Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen die Herausforderungen und der Wandel der Bedingungen in der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft und ihrer Auswirkungen auf Menschen, die vor dem Hintergrund dieser Veränderungen von Arbeitslosigkeit bedroht oder betroffen sind. Die Autorin entwickelt hier, auch unter Rückgriff auf Ralf Dahrendorf und Marie Jahoda, ein Szenario der umfassenden Veränderungen in der Quantität und Qualität der modernen Erwerbsarbeit und leitet auch daraus Fragen für die eigene Studie ab.
Das vierte Kapitel nimmt die Bürgergesellschaft und den Bereich des freiwilligen Engagements kritisch in den Blick. Die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für das Individuum und die Gesellschaft, wird unter Bezug auf Bourdieus Begriff des „Sozialkapitals“ diskutiert. Dabei arbeitet die Autorin heraus, dass Arbeitslose im allgemeinen und gering qualifizierte Menschen im speziellen, nicht nur von der Erwerbsarbeit, sondern auch von Sozialkapital und der Bürgergesellschaft ausgeschlossen sind.
Diese Hypothese von der gesellschaftlichen Exklusion der Gruppe der Arbeitslosen, auch aus der Bürgergesellschaft, führt zu den drei zentralen Forschungsfragen der Studie, die im fünften Kapitel noch einmal präzisiert werden, gefolgt von der detaillierten Vorstellung des Forschungsdesigns. Im Fokus sind
- die Auswirkungen des freiwilligen Engagements Arbeitsloser auf die Gruppe der Arbeitslosen selbst sowie
- die Frage nach begünstigenden und hemmenden Bedingungen und
- nach gelingenden Strategien für die nachhaltige Förderung des freiwilligen Engagements Arbeitsloser.
Im sechsten Kapitel werden auf mehr als 100 Seiten die Ergebnisse der Studie vorgestellt. Interviewpassagen machen die Kernkategorien, die für die Auswertung gewählt wurden, plausibel und sehr nachvollziehbar.
Im siebten Kapitel werden die zentralen Ergebnisse der Studie in fünf Thesen zusammengefasst und es werden Handlungsempfehlungen formuliert.
Zielgruppe
Mit der Publikation soll eine breite Zielgruppe angesprochen werden. Die Autorin will damit Dozierende und Studierende der Politik- und Sozialwissenschaften erreichen, vor allem mit den Schwerpunkten Arbeits- und Bildungssoziologie. Sie richtet sich aber auch an VertreterInnen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, an Arbeitnehmerverbände und Gewerkschaften sowie an Organisationen des Dritten Sektors.
Diskussion
Die Autorin stellt im Rahmen ihrer Publikation eine Studie vor, die überzeugend theoretisch entwickelt und wissenschaftlich fundiert durchgeführt wurde. Ihre Gegenwartsanalysen zur Arbeits- und Bürgergesellschaft sind hervorragend recherchiert und dargestellt und es gelingt ihr gut, den Mythos des Hoffnungsträgers Bürgergesellschaft zu relativieren, indem sie nachweist, dass auch die inzwischen sehr differenzierten Strukturen der Engagementförderung im Dritten Sektor auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen, hier die Arbeitslosen, exkludierend wirken. Damit bestätigt sie auch Teilergebnisse der beiden Freiwilligensurveys 2004 und 2009, in denen ebenfalls deutlich wird, wie Einkommen, Bildung und Status mit der Beteiligung am freiwilligen Engagement korrelieren. In der Auswertung der Interviews der Studie von Rosine Schulz wird aber deutlich, dass dies in erster Linie ein strukturelles und weniger ein Problem der arbeitslosen Menschen selbst darstellt.
Kritisch ist anzumerken, dass der Publikation doch noch sehr der Charakter einer Qualifikationsarbeit anhaftet. Eine etwas stringentere Darstellung der Ergebnisse hätte sicher nicht zu weniger Einsichten für den Leser geführt.
Fazit
Die Publikation von Rosine Schulz liefert einen sehr eigenständigen und wichtigen Beitrag zu der zentralen Zukunftsfrage, wie die gesellschaftliche Exklusion arbeitsloser Menschen verhindert und wie sie mit Engagementformen, die auf Kompetenzen und Erfahrungen basieren, wieder an der gesellschaftlichen Entwicklung beteiligt werden können. Das Konstrukt des Kompetenz-Engagements ist dafür ein wichtiger Denkanstoß, der es verdient, von Politik, Wirtschaft, Organisationen und Verbänden dringend aufgegriffen und entsprechend gewürdigt zu werden. Für die weitere Debatte um das bürgerschaftliche Engagement ist das Buch sicher Gewinn bringend.
Rezensentin
Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff
Katholische Hochschule Freiburg, Fachbereich Soziale Arbeit
Forschung und Lehre in angewandter Gerontologie, mit den inhaltlichen Schwerpunkten Geragogik, offene Altenarbeit, Bürgerschaftliches Engagement, neue Wohnformen, Soziale Arbeit in Pflege und Gesundheitswesen, Hospizarbeit.
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Cornelia Kricheldorff. Rezension vom 17.01.2011 zu: Rosine Schulz: Kompetenz-Engagement. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 365 Seiten. ISBN 978-3-531-17203-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9593.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.
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