Frederike Jacob: Ess-Störungen - lösungsorientiert überwinden
Frederike Jacob: Ess-Störungen - lösungsorientiert überwinden. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2003. 224 Seiten. ISBN 978-3-86145-254-6. 17,90 EUR, CH: 31,50 sFr.
Das Thema /die Autorin
Frederike Jakob, eine in Großbritannien lebende niederländische Kollegin, ist seit Jahrzehnten in der Beratung von Menschen mit Ess-Störungen tätig. Seit einigen Jahren arbeitet sie mit ihren Klientinnen und Klienten nach einer eigenen Variante des lösungsorientierten Beratungsparadigmas, das sie in diesem Buch darstellt.
Sie möchte -so bezeichnet sie in der Einleitung ein Ziel ihres Buches - "den Mythos zerstören, dass Menschen mit Esstörungen 'schwierige Klientinnen' seien". (12)
Frederike Jacob will mit ihrem Buch vor allem Anregungen für PraktikerInnen geben, die mit KlientInnen arbeiten, die unter Ess-Störungen leiden, spricht aber in ihren einleitenden Bemerkungen durchaus auch Betroffene an.
Der Hintergrund
Woher Ess-Störungen rühren und wie sie behandelt werden können, ist seit Jahrzehnten der Gegenstand kontroverser Debatten. Während frühe systemische Ansätze in diesem Bereich (z.B. im Mailänder Modell) Teufelskreise der familiären Kommunikation betonten, hat sich im systemischen Bereich der letzten Jahre ein multifaktorieller und pragmatischer Ansatz durchgesetzt, der psychodynamische, kommunikations- und lerntheoretische sowie hypnotherapeutische Elemente enthält, wobei die Stärken und Kompetenzen der KlientInnen einen wichtigen, aber nicht den alleinigen Fokus darstellen. Ein gutes Beispiel für diese Art von Ansatz ist das im gleichen Verlag erschienene Buch von Monika Schimpf, das ich sehr schätze und KollegInnen und Betroffenen stets empfehle. Von Monika Schimpf stammt übrigens auch das Vorwort zum hier besprochenen Band.
Wenn Beraterinnen und Therapeutinnen sich in ihrer Vorgehensweise nicht breit systemisch, sondern am engeren lösungsorientierten Modell aus Milwaukee (de Shazer/Berg) orientieren wollen, übertragen sie für den Bereich der Ess-Störungen bisher einige der zahlreichen Anregungen, die Insoo Kim Berg (neben ihrem Mann Steve de Shazer die Begründerin des lösungsorientierten Modells) in ihren grundlegenden Werken zu Alkoholproblemen und zu Problemen mit illegalen Drogen gibt.
Insoo Kim Berg hat selbst Gruppen von Frauen geleitet, die unter einem hohen Gewicht litten und gibt viele dieser Erfahrungen in ihren workshops weiter. Eine eigenständige lösungsorientierte Monographie zum Umgang mit Ess-Störungen gab es bisher nicht.
Diese Lücke will Frederike Jakobs schliessen.
Der Inhalt
Zunächst stellt die Autorin das lösungsorientierte Modell dar. Mit eigenen Akzenten (lösungsorientierte Beratung als Theaterstück, dargestellt mit eigenen Zeichnungen der Autorin) versehen, findet die Leserin klassische Ausführungen zur Lösungsorientierung, die wohl für diejenigen besonders interessant sind, die den lösungsorientierten Ansatz noch nicht kennen.
Im nächsten grossen Abschnitt beschäftigt sich die Autorin mit Ess-Störungen. Genauer behandelt sie hier diejenigen Störungsbilder, die in der Medizin als Anorexia nervosa, Bulimie und zwanghafte Binge-Eating-Störung bezeichnet werden und geht am Rande auf zwanghaftes Diäten, Sporttreiben ("Athletica Nervosa") und weitere unspezifische Ess-Störungen ein.
In diesem Kapitel gelingt es Frederike Jacob, die wichtigsten zeitgenössischen wissenschaftlichen Erkenntnisse einfach und klar gefasst darzustellen, was vor allem für Betroffene hilfreich ist und eine gute Basisinformation für BeraterInnen darstellt, die seltener mit Ess-Störungen befasst sind.
Im folgenden Kapitel schildert Frederike Jacob ihren persönlichen beraterischen Ansatz:
Zunächst stellt sie 8 verschiedene Gruppen von KlientInnen dar, die jeweils ein unterschiedliches Vorgehen in der Beratung notwendig machen. Diese Typologie ergänzt Frederike Jacob durch die Berücksichtigung der Phasen der Besserung (nach Prochaska, Norcross und diClemente). Aus der Lösungsorientierung übernimmt Frederike Jacob vor allem die Wunderfrage, die Suche nach Ausnahmen, das Verbalisieren wertschätzender Anerkennung, die Arbeit mit Skalen und bestimmte Aufgaben. Viele reiche Aspekte des klassischen lösungsorientierten Modells werden vernachlässigt (z.B. vertiefende zirkuläre Fragen). Dafür übernimmt Frederike Jacob für ihr Modell von Michael White seine Form der Externalisierung. Die Ess-Störung wird zum Monster und mit kriegerischem Vokabular zieht Frederike Jacob gemeinsam mit der Klientin gegen dieses Monster ins Feld, das es zu überlisten und zu bekämpfen gilt.
Sehr einleuchtend erscheint Frederike Jacobs Anregung, den Tag der Klientin mit Ess-Störungen nicht als Ganzes zu betrachten, sondern zu dritteln und jedes Drittel neu zu bewerten und anzugehen.
Im letzten Kapitel stellt die Autorin 5 Fallstudien vor, die zum Teil aus zusammenfassenden Darstellungen, zum Teil aus wörtlichen Transkripten bestehen. In diesen Falldarstellungen lässt sich Frederike Jacobs Arbeitsansatz gut nachvollziehen. Transkripte von KollegInnen sind stets eine gute Möglichkeit, die eigene Praxis zu reflektieren, zu hinterfragen und zu bestätigen: Irritierend wirkten hier auf mich überschwänglich wirkendes Lob für die Klientin und ein immenses Tempo in der Beratung, besonders bereichernd fand ich einige Formulierungsvorschläge für das Einbringen von ExpertInnen-Wissen in die Beratung.
Fazit und Zielgruppe
Ein kompaktes Buch zum Thema, das sowohl Betroffene wie PraktikerInnen ansprechen kann. Auch wer Frederike Jacobs Beratungsstil bisweilen als penetrant optimistisch und zu straff erfolgsorientiert empfindet und für sich selbst nicht als passend erlebt, kann hier dennoch viele Anregungen für die systemisch-lösungsorientierte Praxis im Umgang mit Ess-Störungen finden. Für einen ersten Umgang mit dem Thema möchte ich empfehlen, das Buch gemeinsam mit dem Buch von Monika Schimpf zu lesen bzw. anzuschaffen.
Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 28.10.2003 zu: Frederike Jacob: Ess-Störungen - lösungsorientiert überwinden. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2003. 224 Seiten. ISBN 978-3-86145-254-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/961.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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