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Katharina Peterek: Chancengerechtigkeit und Bildung im Vorschulbereich

Cover Katharina Peterek: Chancengerechtigkeit und Bildung im Vorschulbereich. Handbuch für Pädagogen in den Kindertagesstätten. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2010. 322 Seiten. ISBN 978-3-89975-793-4. 69,90 EUR.
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Thema

Die Autorin möchte die gegenwärtige Situation im Elementarbereich darstellen und auf wichtige, sie beeinflussende Faktoren hinweisen. Sie beschreibt die organisatorischen Voraussetzungen für den Elementarbereich und stellt verschiedene Arbeitsmittel, Materialien und Anregungen vor, um Pädagogen die Förderung der Chancengleichheit und Bildung zu erleichtern.

Autorin

Katharina Peterek studierte Physik und Erziehungswissenschaften und arbeitet als Erzieherin und stellvertretende Leiterin einer Kindertagesstätte in Düsseldorf.

Entstehungshintergrund

Zu Entstehungshintergrund ist im Buch lediglich zu erfahren, dass es sich um eine Abschlussarbeit handelt, die hier veröffentlicht wird. Auf der Basis der vielfältigen Diskussionen, die sich aus den PISA-Studien entwickelt haben, beschäftigt sich die Autorin mit der Chancengerechtigkeit im Vorschulbereich, vor allem unter dem Blickwinkel der gesetzlichen und der Rahmenvorgaben des Landes Nordrhein-Westfalen.

Aufbau

Das Buch besteht aus 10 Kapiteln – inklusive Einleitung und Resümee – und einem umfangreichen Anhang mit Materialien, wie Beobachtungsbögen und Beispielen aus Trainingsprogrammen.

Inhalt

1 Einleitung. In der Einleitung werden kurz die Kompetenzen, die für die Schulfähigkeit eine Rolle spielen, und ein Bezug zu den aktuellen Diskussionen dargestellt.

2 Förderung von Chancengerechtigkeit. Zunächst umreißt die Autorin das Ziel der Bildungsgerechtigkeit. Im ersten Unterkapitel geht sie auf Bildung und soziale Ungleichheit ein und hebt die Bedeutung der Kindertageseinrichtungen hervor. Dann erklärt sie die Problematik der Ungleichheit durch das Geschlecht und Gender Mainstreaming. Sie fordert eine väterfreundliche Gestaltung der Elternarbeit. Der nachfolgende Abschnitt beinhaltet Aussagen zu Kindern mit Migrationshintergrund und deren schlechtere Ausgangmöglichkeiten beim Erwerb von Bildung. Danach folgt ein Abschnitt zur Förderung hochbegabter Kinder. Dabei macht die Autorin darauf aufmerksam, dass sich pädagogische Fachkräfte oftmals mit Begabungsdefiziten beschäftigen und dabei überdurchschnittliche Begabungen übersehen.

3 Bildung im Elementarbereich. Nach einer Erläuterung des Bildungsbegriffes folgt ein Blick auf das kindliche Lernen, anschließend wird die ausgleichende Rolle des Kindergartens beschrieben. Dabei wird als Ziel der Bildungsarbeit im Kindergarten die Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder benannt. Die Qualität der Umsetzung hängt stark vom Engagement der Fachkräfte und Träger ab. Als das am häufigsten praktizierte Kindergartenkonzept wird der Situationsansatz vorgestellt. Anhand der Gedanken zum Buch „Weltwissen der Siebenjährigen“ von Donata Elschenbroich macht die Autorin darauf aufmerksam, dass der Alltag der wichtigste Lernort der Kinder ist.

4 PISA und die Folgen für den Elementarbereich. Durch die schlechten PISA-Ergebnisse in den letzten Jahren ist die Bildungsdiskussion in Deutschland enorm beeinflusst worden. Im Kapitel werden Grundbegriffe und Vorgehensweisen knapp erläutert. Anschließend reflektiert die Autorin kurz die Auswirkungen auf die Bildungsdiskussion und die Diskussion um eine veränderte ErzieherInnenausbildung.

5 Schlüsselkompetenz Sprache im Elementarbereich/Reading Literacy. Nach einem Blick auf die Bedeutung und Entwicklung der Sprache werden Möglichkeiten und Grenzen des nordrhein-westfälischen Tests zur Sprachstandsfeststellung (Delfin 4) aufgezeigt und die Ziele der Sprachbeobachtungsverfahren sismik und seldak benannt, die die Autorin vor allem in der Sensibilisierung der Fachkräfte für den Sprachlernprozess verortet. Als Methoden der Sprachförderung werden dann das Sprachförderprogramm von Elke Schlösser und das Würzburger Trainingsprogramm erwähnt. Weitere Förderansätze sind die Bilderbuchbetrachtung, die dialogisch gestaltet sein sollte, das Theaterspiel sowie musikalische Erziehung, Rhythmik und Bewegungserziehung. Anschließend folgt ein Blick auf den Qualitätsbereich „Sprache und Kommunikation“ des Nationalen Kriterienkatalogs. Anhand dieses Bereiches stellt die Autorin die Phasen des Qualitätsentwicklungsprozesses vor.

6 Mathematische Grundbildung im Elementarbereich/Mathematical Literacy. In diesem Abschnitt wird aufgezeigt, dass zu den mathematischen Kompetenzen vielfältige Fähigkeiten zu zählen sind und wie eine interessante mathematische Umgebung in einer Kita aussehen könnte. Materialien, die Kindern den Zugang zur Welt der Zahlen ermöglichen könnten, sind multisensorische Lernhilfen, wie Montessori-Materialien. Zur Lernstandsfeststellung wird das ED-STARTTM-Material von Kirsten Maria Küpper empfohlen. Als Methoden der Mathematikförderung stellt die Autorin den Band „Mathematik: zählen, ordnen, messen“ vor und verweist auf weitere Möglichkeiten, wie „Komm mit ins Zahlenland“ u. a.

7 Naturwissenschaftliche Grundbildung im Elementarbereich/Scientific Literacy. Durch einfache Experimente sollen im Kindergarten Fragen der Kinder beantwortet und die Motivation und das Interesse für Naturwissenschaften geweckt werden. Neben der Erläuterung von Regeln beim Experimentieren werden noch andere Projekte, wie die Kinderuniversität, vorgestellt. Anschließend folgt eine Darstellung des Qualitätsbereiches „Natur-, Umgebungs- und Sachwissen“ des Nationalen Qualitätskriterienkataloges.

8 Schulfähigkeit. Zu den Basiskompetenzen, die ein Kind in der Schule benötigt, wird von der Autorin die emotionale, motorische, soziale und kognitive Schulfähigkeit gezählt. Durch Förderangebote soll bei den Kindern die Schulfähigkeit in den Bereichen gesundheitliche Voraussetzungen, Motorik, Wahrnehmung, personale/soziale Kompetenzen, Umgang mit Aufgaben, elementares Wissen/fachliche Kompetenzen gestärkt werden. Als Handreichung für die pädagogischen Fachkräfte, anhand derer die Entwicklung von Bildungskonzepten und die Planung und Organisation der pädagogischen Arbeit erleichtert werden, werden die Bildungsvereinbarung von NRW und die Rolle von Beobachtung und Dokumentation kurz dargestellt.

9 Übergang vom Kindergarten in die Schule. Durch die Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen soll den Fachkräften geholfen werden, die Kinder aufnahmefähig für die Schule zu machen, und der Schule es erleichtert werden, sich auf die Kinder vorzubereiten. Durch einen Kooperationskalender könnte die gemeinsame Arbeit kontinuierlich erfolgen, um so die Bildungschancen sozial benachteiligter Kinder zu erhöhen. Mit Hilfe eines Instrumentes zur Selbstevaluation lassen sich Transparenz und Verbindlichkeit in der Übergangsgestaltung erhöhen.

10 Resümee. Hier folgt eine kurze Zusammenfassung der Intentionen der Autorin.

Diskussion

Die gesamte Diskussion um Bildung und Erziehung im Elementarbereich unter dem Themenfokus der Chancengerechtigkeit darzustellen, war ein Ansatz, der mich neugierig gemacht hat. Die Autorin stellt in diesem Zusammenhang wesentliche Themen der frühkindlichen Bildung vor, jeweils belegt mit Zitaten aus der Literatur. Der Titel ließ für mich eine kritische Auseinandersetzung mit der Umsetzung des Bildungsanspruches im Kindergarten erwarten, aber da wurde ich enttäuscht, es werden vor allem Materialien, Tests u. ä. beschrieben. Ich hätte mir eine grundsätzliche Diskussion um Förderung, Bildungsbereiche und die Rolle der pädagogischen Fachkräfte gewünscht. Ein Beispiel: Für mich stand im Kapitel zur naturwissenschaftlichen Grundbildung das Ziel im Vordergrund, dass das Interesse für Naturwissenschaften geweckt werden soll – ein Vorgriff auf die Vorbereitung auf das Arbeitsleben, auf die Wissensgesellschaft, vor allem, wenn dann das Schulfähigkeitsprofil von NRW vorgestellt wird? Dann sollen die Kinder dabei „staunen“ und die Erzieherinnen „kinderleichte und spielerische Experimente“ durchführen (S. 138). Die Fachkräfte werden aufgefordert, den Kindern fachlich richtige Erklärungen für bestimmte Phänomene, die Kinder beschäftigen, zu geben. Mir ist die Haltung aus der Reggio-Pädagogik lieber, bei der die Erwachsenen die Theorien der Kinder als Ausdruck ihrer eigenen Kultur akzeptieren und durch Impulse und Fragen den Kindern helfen, ihre Erklärungen weiterzuentwickeln. Mich macht es auch sehr nachdenklich, wenn unkommentiert Tipps zur Schulvorbereitung zitiert werden, wie: „Üben Sie – wenn möglich täglich – spielerisch und behutsam das Stillsitzen bei kleinen kindgerechten Beschäftigungen…“ (S. 149). Hier zeigt sich, dass das Buch doch wohl eher ein Sammelsurium von verschiedenen Auffassungen ist, die nicht diskutiert, abgewogen und gegenübergestellt werden. Ich glaube nicht, dass der im Buch öfter zitierte Gerd E. Schäfer eine solche Art von Schulvorbereitung begrüßen würde.

Einige Abschnitte im Buch lassen den Bezug zu Nordrhein-Westfalen erkennen, denn es werden Veranstaltungen, Tagungen und Veröffentlichungen aus dem Bundesland erwähnt. Wohltuend waren für mich die Hinweise auf den Nationalen Qualitätskriterienkatalog, der für mich nichts an Aktualität eingebüßt hat. Die 118 Seiten Anhang sind eine Fundgrube von exemplarischen Auszügen aus Materialien, Tests, Checklisten, Beobachtungsbögen, die in der Praxis der Frühpädagogik Anwendung finden. Manchmal ist die grafische Qualität dieser Beispiele und Auszüge nicht zufrieden stellend, trotzdem kann man sich einen Eindruck von den verschiedenen Materialien verschaffen.

Mitunter werden verschiedene Auffassungen von Autoren benannt, aber nicht mit einer Quelle belegt, wie z. B. beim Abschnitt zum Situationsansatz. An anderen Stellen sind die Sätze sehr aneinandergereiht und dabei lassen sich auch fachliche Ungenauigkeiten im Buch finden, z. B. wenn die Autorin die Ergebnisse der Delphi-Studie mit dem Verweis zusammenfasst, dass das Lernen in der frühen Kindheit beginnen muss. Das passiert sowieso, denn Kinder lernen vom ersten Tag an. Oder ist hier ein schulisch geprägter Lernbegriff gemeint? In einem nachfolgenden Abschnitt wird das dann wieder richtig dargestellt. Nachdem ich das Buch ganz durchgelesen hatte, bin ich zum Schluss gekommen, dass zwar die Autorin viele Formulierungen der aktuellen Bildungsdiskussion aufgegriffen hat, sich aber nicht vom „alten Denken“ eines instruktiven Lernbegriffes lösen kann. Oder wie sonst ist eine Formulierung zu verstehen, dass die Fachkräfte die Kinder aufnahmefähig für die Schule machen sollen (S. 163)? Im Buch finden sich viele widersprüchliche Aussagen und solche, denen zu widersprechen ist.

Insgesamt gesehen ist das Buch zwar interessant, aber meines Erachtens mit 69,90 EUR zu teuer. Es bietet einen breiten Einblick in die frühpädagogische Diskussion, was auf Kosten der Vertiefung von Inhalten geht.

Fazit

Ein Buch, bei dem vielfältige Themen angerissen werden und in dem verschiedenste Materialien aus dem frühkindlichen Bereich (Test, Qualitätskriterien…) kurz vorgestellt werden.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 25.01.2011 zu: Katharina Peterek: Chancengerechtigkeit und Bildung im Vorschulbereich. Handbuch für Pädagogen in den Kindertagesstätten. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2010. ISBN 978-3-89975-793-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9620.php, Datum des Zugriffs 23.07.2016.


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