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Internationaler Bund, Lena Khuen-Belasi u.a. (Hrsg.): Integrationsgeschichten von Spätaussiedlern

Cover Internationaler Bund, Lena Khuen-Belasi, Barbara Dietz (Hrsg.): Ankunft einer Generation. Integrationsgeschichten von Spätaussiedlern. INFO Verlag (Karlsruhe) 2003. 176 Seiten. ISBN 978-3-88190-313-4. 15,00 EUR.

Fotos: Bernhard Schmitt.

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Allgemeine Charakterisierung des Buchs

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich nicht um eine der üblichen wissenschaftlichen Dar­stellungen und/ oder Diskussionen der sog. Spätaussiedlerthematik (meist pädagogisierend auch -problematik genannt). Es ist eher eine facettenreiche Dokumentation mit a) praxisnahen und -relevanten politisch-rechtlichen In­for­ma­­tionen (Gesetzesauszüge, historische Abhandlun­gen), b) erfahrungsbezogenen, nicht theoriegeleiteten, aber durchaus reflektierten Grundsatz­beiträgen zu Fragen und Aspekten des Oberthemas "Integration(sarbeit)", die meist auf Vorträge zurückgehen (überwiegend von der Heraus­geberin Lena Khuen-Belasi, ferner von Rainer Lange, Barbara Dietz und Heike Roll) und vor allem mit c) etlichen illustrativen bio­graphischen Fallbeispie­len für eine mehr oder minder "gelungene Integration" von "russlanddeutschen Spät­aussiedlern".

Aufbau und Inhalte

Der Band umfasst 43 Einzelbeiträge, darunter 23 biographische Interviews mit jungen Erwachsenen, die in der Regel in den 90er Jahren nach Deutschland auswanderten.. Die Titel der Grundsatzbeiträge lauten z.B.:

  • "Integration als Herausforderung",
  • "Der Spracherwerb ist die Voraussetzung zur Integration",
  • "Die Russlanddeutschen" (daneben wird auch kurz über "Die Deutschen in Rumänien" und "Spätaussiedler aus Polen" informiert),
  • "Sprache und bikulturelle Identität",
  • "Status und rechtliche Situation der Spätaussiedler",
  • "Männlich - weiblich im kulturellen Kontext",
  • "Was junge Spätaussiedler brauchen",
  • "Tabuthema Drogen" (!),
  • "Integration durch Kultur",
  • "Integration oder einseitige Anpassung",
  • "Integration heißt Teilhabe und Austausch" und
  • "Perspektiven der Integrationsarbeit - Entwicklung oder hausgemachte Katastrophe".

In den Grundsatzartikeln wird zwar tendenziell theoretisch argumentiert, und es werden sozialwissenschaftliche Begriffe zur Beschreibung und Erklärung benutzt, z.B. "kritische Lebensereignisse", "Fremdheit", "Anerkennung", "Sprach- und Kulturwechsel" (S. 9) oder "bikulturelle Identität" (S. 82ff), "Ethnisierung sozio-ökonomischer Konflikte" (S. 83), "Wertewandel und interkulturelles Lernen" (S. 127). Literaturverweise oder tiefere terminologisch-theoretische Diskussion sucht man allerdings vergebens. Es ist ein Buch für Praktiker - und von daher ist diese Form der Darstellung legitim und angemessen, zumal in jedem Fall m.E. Themensensibilität durch Betroffenheit (biographische Portraits) und kritische Reflexio­nen durch die in den Grundsatzbeiträgen beschriebenen Widersprüche und Probleme herge­stellt werden.

Die Wahl des Titels

Der Titel ist m.E. etwas irreführend und desinformierend und steht auch im Widerspruch zu den Inhalten und Aussagen der biographischen Interviews, die aufzeigen (vgl. dazu auch den Sechsten Familienbericht der Bundesregierung zum Thema "Familien ausländischer Her­kunft in Deutschland", Berlin 2000), dass Migration in erster Linie ein "Familienprojekt" und nicht Sache einer Generation ist (obwohl sicher das Verhältnis der Generationen zueinander in den Familien ein wesentlicher Faktor für die Bewältigung der Alltagsprobleme in der Aufnahmegesell­schaft darstellt). Und dass es sich bei den Einwanderern um "verschiedene Generatio­nen" und unterschiedliche Herkunftsländer bzw. -regionen handelt, belegen die Interviews, zu denen im Einleitungskapitel konstatiert wird: "Wie vielfältig und widerständig die Bewälti­gungs­­­­­­­­­strategien trotz erfahrener Schwierigkeiten und Rückschläge sein könne, zeigen auch die biographischen Erzählungen von Aussiedlern verschiedener Generationen (!) in diesem Band" (Dietz/ Roll vom Osteuropa-Institut, S. 9).

Zum Begriff der Integration

Der "Integrationsbegriff" durchzieht alle nicht-biographischen Beiträge und wird dadurch recht unterschiedlich verwendet. Tendenziell scheint sich eine Auffassung durchzusetzen, die "Integration" nicht nur als zu erbringende Leistung der Migranten im Sinne von "Anpassung" (bis hin zur "Assimilation") versteht, sondern ebenso als "Akzeptanz und Gestaltung von Verschiedenheit und Pluralität" in der und durch die Aufnahmegesellschaft, als "Teilhabe" an Bildung und Ausbildung, Arbeit und Beruf, Konsum und Politik, aber auch an zwei Sprachen und "Kulturen" (wobei der Terminus "Kultur" recht oberflächlich gebraucht und nicht wie der der "Integration" durchaus vielschichtig diskutiert wird). Die sensible und zu Ambivalenzen neigende Thematik macht es m.E. erforderlich, dass grundlegende Begriffe mit unterschiedlicher (sozial-)wissenschaftlicher und politisch-normativer Bedeutung (nicht nur "Integration", sondern auch "Identität", "Heimat", "Kultur", "Assimilation", "Ethnie" etc.) auch grundle­gend diskutiert werden sollten und dass auf die jeweiligen Konnotationen und Assoziationen der Begriffe verwiesen wird. Sehr schön wird dies z.B. im Beitrag "Vom âRusslanddeutschenÕ zum âDeutschrussen" illustriert, der aufzeigt, wie sich Bedeutungen und Wertungen mit den Begriffen ändern (sollen): "Mit diesem Begriffswandel werden Wahrnehmungen und Einord­nungen deutlich. Deutschrussen sind âfremderÕ und âfernerÕ als die Russ­land­deutschen" (S. 155).

Das Buch dokumentiert insgesamt die pädagogisch wohl erfolgreiche und politisch durchaus kritische Arbeit des Jugendgemeinschaftswerkes des Internationalen Bundes (IB) in Karlsruhe und vor allem seiner Gründerin und Aktivistin Lena Khuen-Belasi, die in vielen Interviews lobend und dankend von den Spätaussiedlern erwähnt wird. In vielen Interviewtexten kommt aber auch die Problematik und Widersprüchlichkeit der Auswanderung sowie die Generationen­spannung zum Ausdruck, wenn z.B. gesagt wird: "Warum sind wir überhaupt weggegan­gen?" (S. 41) "Viele hatten ja gar nicht nach Deutsch­land auswandern wollen, das war der Wunsch der Eltern oder Großeltern" (S. 43); "Damals mit der Ausreise habe ich meine Iden­tität verloren, meine Sprache, meine Freunde" (S. 63); "Ich habe eine sehr schöne Kindheit gehabt" (S. 67), "Wenn ich arbeite, werde ich auch Deutsch lernen" (S. 80); "Hier bin ich zwar der Russe, aber ich habe mich daran gewöhnt" (S. 85); "Deutschland ist unsere Heimat" (S. 87); "Ich habe deutsche und russische Freunde. Durch die beiden Kulturkreise ist mein Leben hier sehr abwechslungsreich" (S. 111).

Das Buch zeigt, bei "Integration" (egal, was man konkret darunter versteht) geht es um "Aner­kennung" und "Respekt" (nicht um Toleranz, was nur Duldung des eigentlich Abgelehnten bedeutet, worauf schon Goethe hingewiesen hatte! - vgl. dazu Forst 2000), es geht um Gleich­berechtigung und Partizipation (Chancengleichheit, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, am Alltag in den Bildungs- und Beschäftigungs­systemen) und um Akzeptanz (das Gefühl, dazu zu gehören).

Zu wenig wird aufgezeigt bzw. diskutiert, dass "Fremdheit" oder "Ethnie", "Heimat", auch "Kultur" oder "Identität", nur Konstrukte, Glaubensvorstellungen, Zuschreibungen sind (vgl. dazu Griese 2002), die auch anders ausfallen könnten und dass es oftmals Institutionen (als formale Organisationen) sind, nicht Menschen, die beruhend auf Eigeninteressen diskriminieren und ausgrenzen (vgl. dazu Gomolla/ Radtke 2002).

Fazit: Empfohlene Lektüre für politisch-administrativ Verantwortliche

Nicht zuletzt das abgedruckte Interview mit Lena Khuen-Belasi aus dem Jahre 1989 (! Thema "Integration oder einseitige Anpassung") zeigt jedoch, wie aktuell und brisant die Thematik "Integra­tionschancen und -probleme" nach wie vor ist - was aber auch bedeutet, dass sich Wesentli­ches kaum geändert hat, obwohl sich seit 1989 Wesentliches geändert hat (Zusammen­bruch des sog. "Ostblocks", deutsche Einheit", Einwanderung bzw. Wanderungsbewe­gungen usw.). Im Grunde genommen müsste man - makrotheoretisch betrachtet - resignieren oder eben mit mikrotheoretischem Blick auf das Buch oder die Arbeit des IB bzw. von Lena Khuen-Belasi und Mitarbeitern sagen: "Weiter so".

Die Problematik (nennen wir es mal so) der Spätaussiedler wird treffend aufgezeigt im Sinne des Baum-Bildes, das eine Betroffene von sich im Interview abschließend zeichnet (S. 117): "Du hast eine Wurzel, aber zwei Seelen. Wenn man einen von den beiden Stämmen abschneidet, ist es kein schöner Baum mehr".

Warum sägen immer noch so viele an den Stämmen und verunstalten die Bäume?

Ich vermute und hoffe, dass das Sägen an den Stämmen mit der Lektüre des Bandes nachlas­sen könnte - nur: wer von den (politisch-administrativ) Verantwortlichen liest schon (ein solches Buch)? Ich hoffe und wünsche - viele!?

Literaturhinweise:

Forst, Rainer (Hrsg.): Toleranz. Philosophische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis einer umstrittenen Tugend. Frankfurt 2000.

Gomolla, Mechthild und Radtke, Frank-Olaf: Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Opladen 2002.

Griese, Hartmut M.: Kritik der Interkulturellen Pädagogik. Essays gegen Kulturalismus, Ethnisierung, Entpolitisierung und einen latenten Rassismus. Münster 2002.

Sechster Familienbericht der Bundesregierung: Familien ausländischer Herkunft in Deutsch­land. Leistungen, Belastungen, Herausforderungen. Berlin 2000.


Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie


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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 16.09.2003 zu: Internationaler Bund, Lena Khuen-Belasi, Barbara Dietz (Hrsg.): Integrationsgeschichten von Spätaussiedlern. INFO Verlag (Karlsruhe) 2003. 176 Seiten. ISBN 978-3-88190-313-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/964.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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