Marianne Bosshard, Ursula Ebert u.a.: Soziale Arbeit in der Psychiatrie
Marianne Bosshard, Ursula Ebert, Horst Lazarus: Soziale Arbeit in der Psychiatrie. Lehrbuch. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2010. 4., aktualisierte Neu Auflage. 584 Seiten. ISBN 978-3-88414-498-5. 29,95 EUR, CH: 49,50 sFr.
Reihe: Fachwissen.
Zur Neuauflage
Gegenstand dieser Rezension ist die 4., vollständig überarbeitete Auflage des Lehrbuches: „Soziale Arbeit in der Psychiatrie“, welches in der ersten Auflage den Titel: „Sozialarbeit und Sozialpädagogik in der Psychiatrie“ trug. Da die 3. Auflage bereits ausführlich – wenn auch recht kritisch – bei socialnet rezensiert wurde (vgl. die Rezension), möchte ich mich in dieser Rezension besonders auf die Neuerungen und meine eigene Einschätzung des Buches konzentrieren und den Überblick über den Inhalt knapp gestalten.
Die Autorinnen
Die beiden Hauptautorinnen dieser Auflage, Marianne Bosshard (Ärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Professorin an der Fachhochschule Köln) und Ursula Ebert (Dipl. Sozialpädagogin, Coach und ebenfalls an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der FH Köln tätig) konnten für diese Auflage noch eine Reihe von Mitautoren aus den Gebieten Recht, Soziale Arbeit, Ethik, Krankenpflege und Betriebswirtschaftslehre gewinnen und eine Fachkraft mit Psychiatrieerfahrung an der Überarbeitung beteiligen.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist nach wie vor in drei Hauptabschnitte gegliedert:
- Soziale Arbeit in der Psychiatrie: Hier geht es um grundsätzliche Überlegungen zur Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie, um Paradigmen und Forschungsmethoden, um historische Aspekte, die politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingung und um ethische Reflexionen.
- Lernfälle für die Soziale Arbeit in der Psychiatrie: Hier werden Menschen mit schizophrenen und affektiven Psychosen, mit Alkohol- und mit Drogenabhängigkeit und Menschen mit Persönlichkeitsstörungen vorgestellt, wobei besonderer Wert auf die Analyse der Beziehungsaufnahme, der Ressourcen und Lebensziele, des Alltags und der Lebensführung, der Sozialen Lage und des sozialen Netzes gelegt wird. Eingeflochten werden Informationen zur Epidemiologie, zu Klassifikationen und zur medikamentösen Behandlung.
- Methoden der Sozialen Arbeit mit einem Rekurs auf Positionsbestimmungen und der Unterscheidung in personenbezogene Methoden, wichtige Lebensbereiche (Wohnen, Teilhabe am Arbeitsleben und Selbsthilfe/Trialog) und Qualitätsentwicklung.
Die Neuerungen
Seit der ersten Auflage ist das Buch im Volumen angewachsen (von 416 auf 584 Seiten) und in der Aufmachung modernisiert worden: Abschnitte wurden übersichtlicher gestaltet, Diagramme überarbeitet, beim Einband ist man – vermutlich aus Haltbarkeitsgründen – auf Plastik übergegangen.
Inhaltlich wurde die Lebensweltorientierung noch stringenter herausgearbeitet und vertieft.
Besonderer Wert wurde bei dieser Neuauflage auf die Aktualisierungen bei den rechtlichen, ökonomischen, strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen gelegt. Beispielsweise wird das Paradigma der personenbezogenen Dienstleitungen vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen nun sehr differenziert und kritisch reflektiert: Wenn es in heimlichen „Lehrplänen“ mehr um effektive Verfahrensabwicklung, Kontrolle und Kostenreduktion als um an den Bedürfnissen der Klienten ausgerichtete Hilfen geht, verkehrt sich die Personenzentrierung in einen unprofessionellen und schädigenden Ansatz, der zudem die sozialräumlichen Bedingungen ausspart. Reflektiert wird auch die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse von Fachkräften und die Gefahr der Standardisierung von Leistungsprodukten.
Im dritten Hauptabschnitt – bei den methodischen Vertiefungen - wird der Diskurs um die Vor- und Nachteile der Personenzentrierung dann in einer ausführlichen Darstellung der Hilfeplanverfahren in ihren länderspezifischen Unterschieden wieder aufgegriffen.
Das Kapitel „Geld und Gesetze“ wurde in dieser Auflage überarbeitet und mit Daten zu den gesellschaftlichen Kosten von Krankheitsgruppen und einzelnen Hilfeleistungen versehen; die rechtlichen Rahmenbedingungen wurden aktualisiert und durch eher allgemein gehaltene ethische Reflexionen ergänzt. Leider haben sich in Abbildung 10 Fehler eingeschlichen.
Die Abschnitte zur Aus- und Weiterbildung wurden auf einen aktuellen Stand gebracht, der die Veränderungen im Hochschulbereich durch die Bolognareform aufgreift und einige Entwicklungen der Klinischen Sozialarbeit thematisiert.
Diskussion
Ich würde das Buch weniger kritisch als meine Vor-Rezensentin bei socialnet bewerten. Es ist – auch durch die Zusammenarbeit der Autorinnen - auf eine konstruktive Verständigung zwischen den Berufsgruppen und zwischen Professionellen, Betroffenen und Angehörigen ausgerichtet, ohne den eigenen Zugang der Sozialen Arbeit, den lebensweltorientierten Ansatz und die spezifische Methodik der Sozialen Arbeit aus dem Blick zu verlieren; es stellt sich den aktuellen sozialpsychiatrischen Diskursen, vermittelt Ansätze von Auswegen, ohne allerdings zu einem eigenständigen Gegenentwurf der Sozialen Arbeit zu kommen. Diesen Anspruch - einen hinreichend eigenständigen theoretischen Standpunkt mit den daraus folgenden praktischen Konsequenzen herauszuarbeiten, den die Vorrezensentin an ein derartiges Lehrbuch gestellt hat, würde ich in der Breite der dargestellten Thematik und angesichts professionsübergreifender sozialpsychiatrischer Grundhaltungen und unterschiedlich gelagerter Aushandlungsprozesse zwischen Betroffenen, Angehörigen und Professionellen als zu weitreichend empfinden. Ob in einem Arbeitsfeld, in dem man leicht zu wechselseitigen Projektionen verleitetet werden kann, eine stärker berufsgruppenbezogene Abgrenzung besser auf die Anforderungen in der Praxis vorbereitet, kann zudem kontrovers diskutiert werden. Eine größere Eigenständigkeit der Standortbestimmung kann im politischen Handeln sicher hilfreich sein, für die praktische Arbeit mit Betroffenen und Angehörigen ist die Kooperationsfähigkeit zwischen den Berufsgruppen mit Einigungsprozessen, die auf gemeinsam vertretbare Paradigmen und Sichtweisen hinauslaufen, jedoch enorm wichtig.
Bezüglich des Buchaufbaus ist mir allerdings die Gliederung – insbesondere die genaue Abgrenzung zwischen dem ersten und dritten Hauptteil des Buches – nicht ganz einleuchtend.
Auch möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass sowohl Kinder- und Jugendpsychiatrische als auch Gerontopsychiatrische Themenbereiche ausgespart bleiben.
Fazit
Das Lehrbuch kann meiner Auffassung nach Studierenden der Sozialen Arbeit, die sich tiefer mit sozialpsychiatrischen Themen befassen möchten, sehr empfohlen werden. Es vernetzt methodisches und sozialpsychiatrisches Wissen, regt zur kritischen Reflexion an und thematisiert Forschungsfragen. Es ist – auch durch die neuen Co-Autoren - auf aktuellem Stand, allerdings könnte der Umfang des Buches einige Studierende abschrecken. Für bereits tätige Fachkräfte bietet das Buch die Gelegenheit, einzelne Aspekte – auch ohne das Buch in der Gesamtheit durchzuarbeiten – zum Ausloten des eigenen Standpunktes zu nutzen. Es ist weniger ein wissenslastiges Nachschlagewerk als vielmehr ein sehr anregendes Arbeitsbuch.
Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Lausitz
Homepage www.hs-lausitz.de/users/ajost.html
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 26.06.2010 zu: Marianne Bosshard, Ursula Ebert, Horst Lazarus: Soziale Arbeit in der Psychiatrie. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2010. 4., aktualisierte Neu Auflage. 584 Seiten. ISBN 978-3-88414-498-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9671.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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Silke Birgitta Gahleitner, Herbert Effinger u.a. (Hrsg.): Disziplin und Profession Sozialer Arbeit
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