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Rotraud A. Perner (Hrsg.): Missbrauch

Cover Rotraud A. Perner (Hrsg.): Missbrauch. Kirche - Täter - Opfer. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2010. 241 Seiten. ISBN 978-3-643-50163-9. 19,90 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Thema

In der vorliegenden Publikation wird der kirchliche Missbrauch thematisiert. Ein hochaktuelles und hochbrisantes Thema, das wohl in der katholischen Kirche so schnell nicht an Aktualität verliert.

Herausgeberin

Rotraud A. Perner ist 1944 geboren, promovierte Juristin, Psychotherapeutin/Psychoanalyse und systemische Sexualtherapeutin. Sie absolvierte das Studium der Soziologie und der evangelischen Theologie. Als Dozentin ist sie an der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin tätig, zuletzt als Professorin an der Donau Universität Krems. Weitere Informationen sind ihrer Homepage, welche unter der URL www.perner.info abrufbar ist, zu entnehmen.

Entstehungshintergrund

Auf der Rückseite des Buchdeckels ist zu lesen, dass das Aufdecken von sexuellen Misshandlungen in kirchlichen Einrichtungen in den letzten Jahren die Öffentlichkeit und die Kirchen verschreckten. Aktuell ist der Fall des Walter Mixa wohl in aller Munde, weil Mixa nicht nur vorgeworfen wird, als früherer Stadtpfarrer von Schrobenhausen zwischen 1975 und 1996 Heimkinder verprügelt und Gelder einer Waisenhausstiftung veruntreut zu haben, sondern weil er jetzt auch des sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen während seiner von 1996 bis 2005 andauernden Bischofszeit verdächtigt wird (vgl. Facius 2010). In SPIEGEL ONLINE ist dann aber später zu lesen, dass die Staatsanwaltschaft die Vorermittlungen gegen Walter Mixa hinsichtlich des Missbrauchvorwurfs eingestellt hat (vgl. siu/dpa/ddp 2010).

Die Entstehung des Buches passt also hervorragend in den gegenwärtigen klerikalen Zeitgeist.

Aufbau

Der zu besprechende Herausgeberband beinhaltet 17 Beiträge:

  1. Josef Haslinger: Über Pädophilie
  2. Rotraud A. Perner: Mühlsteine. Die Produktion von Abhängigkeit
  3. Rudolf Schermann: Der Pädophilie-Skandal
  4. Rudolf Schermann: Das Schweigen der Hirten
  5. Alfred Kirchmayr: Die „unheilige Dreifaltigkeit“: Autoritäts-, Reinheits- und Männlichkeitskomplex
  6. Alfred Kirchmayr: Die Spiritualität des Opus Dei. Ein lebensfeindlicher katholischer Sadomasochismus
  7. Alfred Kirchmayr: Plädoyer für eine christlich-erotische Kultur der Mündigkeit
  8. Herbert Kohlmaier: Über die Heilung eines kranken Systems
  9. Richard Picker: Das Auftauchen des archaischen Untergrunds
  10. Elisabeth Benda: Machtgelüste
  11. Christian Cerny: Inquisition und Autorität
  12. Franz Babka: Wen Gott liebt, den züchtigt er
  13. Robert Bilgeri: Denn sie wissen nicht, was sie tun … Oder wissen sie es doch?
  14. Josef Haslinger: Die plötzlichen Geschenke des Himmels
  15. Peter Paul Kaspar: Erotik in der Kirche
  16. Manfred Pawlik: Träume und Sehnsüchte einer Priesterin
  17. Rotraud A. Perner: Vom Brennen und Erkalten

Abgeschlossen wird der Band mit einem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren, die hierin ihre Beiträge veröffentlicht haben.

Inhalt

Die Besprechung konzentriert sich inhaltlich auf die ersten beiden Beiträge, die gewissermaßen ineinander übergehen.

Als Experte für Pädophilie und Pädosexualität wird immer wieder der 1955 geborene Josef Haslinger angefragt, denn: „Immer wenn in Österreich bekannt wird, dass katholische Priester wieder einmal ihren Sexualtrieb nicht in Zaum halten konnten, klingelt bei mir das Telefon“ (S. 1). An dieser Situation sei der Germanist, Philosoph und Theaterwissenschaftler nicht ganz unschuldig, weil er es als Zwölfjähriger zuließ, dass ein Priester mit seinem kleinen Penis spielte und dabei heftig atmete. Er schreibt, dass ihn diese Kontakte verstört haben, er nicht so recht wusste was er davon halten sollte und seinerzeit mit niemandem darüber gesprochen hat. „Andere konnten darüber sprechen. Und so kam mir mein erster sakraler Sexualpartner […] noch in der Klosterschule abhanden. Er wurde in ein anderes Kloster, in dem es keine Zöglinge gab, zwangsversetzt“ (S. 1). Für Verrat hielt der Autor es, wenn Mitschüler von derartigen Begebenheiten ihren Eltern berichteten.

Aber der Skandal hielt sich in Grenzen. „Ein Priester musste das Kloster wechseln. Warum, das hat die Gemeinde nie erfahren. […] Und was meine langsam erwachende Sexualität betraf, so gab es andere, die an die frei gewordene Stelle nachrückten. In mir hatte es die richtige Wahl getroffen. Ich schwieg beharrlich“ (S. 1).

Die klerikalen Sexualpartner waren dann auch durch den zwölfjährigen Haslinger erpressbar. „Nach der Entfernung meines ersten erotischen Partners, von dem mir neulich […] ein Brief in die Hände fiel, ein schüchterner Liebesbrief, den er mir, dem damals Zwölfjährigen, geschrieben hatte, war mir auch klar, dass alle, die in dieser Weise mit mir verkehrten, durch mich erpressbar waren“ (S. 2). Der gewünschte Schulabschluss war somit gesichert.

Diesem Erlebnisbericht schließt sich sehr schön die wissenschaftliche Betrachtung Rotraud A. Perners zur Produktion von Abhängigkeit an. Die Autorin zitiert Mt 18,6, wo Jesus Stellung zum rechten Umgang mit Kindern nimmt. In diesem Zusammenhang geht Perner davon aus, dass Jesus die Fragen der Jünger, wer denn eigentlich im Himmelreich der Größte ist, dazu nutzte, die Gefahr des nach dem Größten Strebens anzuprangern. „Größer sein wollen, bedeutet, die Allpräsenz Gottes im Anderen weder wahrzunehmen noch anzuerkennen. Größer sein wollen steht im Widerspruch zu Wertschätzung, Achtsamkeit und Salutogenese. Größer sein zu wollen bedeutet in Konkurrenz zu stehen, sich unterlegen fühlen und der Überkompensation anheim zu fallen. Diese betrachte ich als Wurzel von Gewalt.“ (S. 4).

Sexualität bindet. „Bindung durch sexuelle Inbesitznahme des anderen Körpers zu bewerkstelligen findet sich als kriegerische Unterwerfungsstrategie, als Versuch, Loyalität zu erzwingen beispielsweise bei Herrscherheiraten, als Treueprägung im Rahmen beruflicher Grenzüberschreitungen […], aber ebenso als komplexes Agieren aus mangelnder sozialer Einbindung und Einsamkeit heraus“ (S. 5). Die Autorin führt Rahmenbedingungen an, die als Voraussetzungen für sexuelle Übergriffe in den Lebensumständen katholischer Geistlicher zu finden sind.

So stellen sexuelle Handlungen ein verwandtschaftliches Verhältnis her (vgl. Bowlby 2006, 223-227). „Egal, wie verletzend oder auch wohltuend sexuelle Handlungen sein mögen – sie stellen Bindung – ein ‚coniugium‘ (lat. Ehe oder Joch – CR) – her“ (S. 7). Dem Psychoanalytiker und Sozialtherapeuten Harald Picker folgend, so Perner, gibt es viele Wege miteinander verwandt zu sein oder zu werden. Zunächst ist das genetisch durch Zeugung und Geburt gewährleistet. Weitergehend findet Verwandtschaft aber unbewusst in der Gleichsetzung von ‚sexuell‘ und ‚verwandt‘ radikal und primitiv statt. So schreibt Picker: „‘Mit jemandem ‚Sex‘ haben schafft Situationen, die bedeuten können, den Partner zu ‚haben‘“ (S. 8). Zuletzt Zitiertes wird vom dem zitierten Autor verständnisvoll betrachtet. Perner jedoch findet an dieser Sichtweise keinen Gefallen und blickt diesbezüglich auf ihre langjährigen juristischen und psychotherapeutischen Erfahrungen zurück. Sie kommt zu dem Schluss: „Wer sexuelles weder in ‚Gedanken, Worten, Taten‘ wahrnehmen und sprachlich einspeichern soll, weil sonst möglicherweise Körperreaktionen folgen könnten, erwirbt so keinerlei Kompetenz, anderen beratend, begleitend, lehrend, vor allem aber auch authentisch, gewaltverzichtend zur Seite, das bedeutet immer auch nahe zu stehen“ (S. 10). Der sich um die Seele Sorgende darf nicht ‚schonen‘. Im Gegensatz sollte er helfen, sich seelisch und vor allem ethisch weiterentwickeln. „Seelsorge sollte immer ‚Lichtarbeit sein; dazu zählt auch, das Dunkle, die Schattenanteile, zu erhellen“ (S. 14).

Diskussion

Gleich zu Beginn der Lektüre des Aufsatzes von Josef Haslinger über Pädophilie hatte ich den Eindruck, eine pornographische Schrift in den Händen zu halten, eine Schrift also, mit welcher der Autor versucht den Leser sexuell zu erregen, wenn es da auf Seite 1 heißt: „Ich war 12 Jahre alt, als ein Priester, mein damaliger Religionslehrer, gerne mit meinem kleinen Penis spielte und dabei heftig atmete.“ Ein anderes Beispiel finden wir dann weiter unten auf Seite 1 f., wenn der Autor aus seiner Kurzgeschichte „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“ zitiert: „Er (Pater G. – CR) legte mir sein wulstiges Fleischstück, wie eine geweihte Hostie auf die Zunge, lächelte mich an dabei, sagte, na, mach schon, trau dich nur. Ein schaler, nichts sagender Geschmack, ein wenig Ekel. Da stieß es mit einem Mal in meinen Mund hinein, zuckte hin und her, ich konnte ihm nicht mehr entkommen. Mein Kopf wurde von hinten gegen das Haarbüschel gepresst, es reckte mich, wenn der Religionslehrer auf meinen Gaumen stieß, die Speiseröhre hinabschlüpfen wollte …‘“

Zum Thema passt auch wunderbar die Abbildung auf dem Bucheinband. Es hat für mich den Anschein, dass der vor dem - mit einer göttlichen Macht ausgestatteten - Priester kniende Ministrant den Erstgenannten oral befriedigt. Einige Freunde redeten mir diese Gedanken sofort aus und meinten, dass der Priester den vor ihm Knienden segnet. Dieser Gedanke brachte mich dann zu der Annahme, dass der Priester dem Knaben seinen Segen erteilt für die Tat, die Letzterer gerade vollführt. Gemäß 5. Mose 28,1 werden diejenigen gesegnet, die der Stimme des Herrn gehorchen. Der Stellvertreter Gottes auf Erden will die sexuelle Befriedigung, bekommt sie dann von einem minderjährigen Schutzbefohlenen und die Gemeinde schaut weg, kann oder darf nichts sehen. Diesbezüglich ist 5. Mose 28,1-7 eine sehr gute Fundstelle.

Am 09. Mai 2010, dem Sonntag Rogate (aus dem Lateinischen übersetzt mit betet/bittet), predigte die Pfarrerin Birgit Steinhauer in der Johanniskirche in Witten über 1. Timotheus 2,1-6a. Beim Zuhören der Predigt war ich noch sehr mit der zu besprechenden Publikation befasst, sodass ich die Predigt, zwar nicht im Sinne der Predigerin, zu einigen zentralen Punkten wie folgt auslege:

  1. Birgit Steinhauer bezieht sich zu Beginn ihrer Predigt auf Dorothee Sölle, wonach wir mehr beten, je mehr wir lieben. Was kann das bezogen auf das von Perner herausgegebene Werk bedeuten? Bezogen auf das Cover – und der befriedigt Werdende sieht noch recht jugendlich aus – kann das eine besondere Segnung für den Befriedigenden nach der oralen Befriedigung bedeuten.
  2. Das Gebet, so Steinhauer, soll die Mächtigen bedenken. Sie, die Autoritäten, sollen mit ihrer geliehenen Macht Liebe erfahren. Das lässt den Blick auf Walter Mixa werfen – und auch dann, wenn hier der Anwalt des Staates keinen Handlungsbedarf mehr sieht -, der seine geliehene Macht – und die Leihfrist begann 1996 - dann am 21. April 2010 dem Entleiher - Papst Benedikt XVI. - wieder zurückgeben wollte. Der Verleiher nahm dann am 08. Mai 2010 die Macht wieder an sich. Bis zur endgültigen Ernennung eines Nachfolgers von Walter Mixa durch Papst Benedikt XVI., wird Weihbischof Josef Grünwald das Bistum Augsburg leiten. Da sich ein Bischof nie so sicher sein kann, wann seine Leihfrist endet, ist diese Zeit der Macht dann voll und ganz auszunutzen.
  3. Ernsthaftes Beten ist nicht das Gegenteil des Tuns. Ernsthaftes Beten ist das Gebet, welches die Welt verändern kann, so Birgit Steinhauer. Diese These auf das in der Publikation behandelte Thema bezogen meint dann wohl das die sexuell entleerte Welt des Priesters durch das Gebet verändert werden kann. Es verändert sich somit auch die Welt des befriedigten Klerikers. Rudolf Schermann stellt zur Seuche des klerikalen Missbrauchs den Fall Degollados dar, „den der verstorbene Papst JOHANNES PAUL II. beinahe ‚zur Ehre der Altäre‘ erhoben, sprich selig- und heiliggesprochen hätte. Es handelte sich um den mexikanischen Priester Marcial Maciel DEGOLLADO, Gründer des neokonservativen Ordens ‚Legionäre Christi‘. Er missbrauchte reihenweise von ihm abhängige Internatszöglinge. BENEDIKT XVI. handelte […] rasch. Eer verbot DEGOLLADO jeden priesterlichen Auftritt und befahl ihm bis zum Lebensende, in Gebet und Buße über seine Untaten nachzudenken. Wenig später […] ist DEGOLLADO 88-jährig in den USA verstorben […]. Im Zuge der Untersuchungen wurde sozusagen nebenbei bekannt, dass der Mexikaner auch Vater einer inzwischen erwachsenen jungen Frau war …“ (S. 22f.).

Fazit

Das Werk ist für jene Leserinnen und Leser lesenswert, die sich mit der von Alfred Kirchmayr so benannten Kirchenpathologie – und das ist der Autoritäts-, Reinheits- und Männlichkeitskomplex (vgl. S. 37)– kritisch auseinandersetzen wollen. Unkritisch Glaubende – und zu denen zählt sich der Rezensent nicht – sollten weiter die Publikationen der in dem besprochenen Werk kritisierten Autoren lesen.

Literatur

Bowlby, John: Bindung und Verlust. Bindung. Bd. 1, München 2006.

Facius, Gernot: Der Papst lässt Bischof Walter Mixa fallen. URL: http://www.welt.de/die-welt/politik/article7541202/Der-Papst-laesst-Bischof-Walter-Mixa-fallen.html [Download: 09.05.2010].

siu/dpa/ddp: Missbrauchsvorwurf: Staatsanwaltschaft stellt Vorermittlungen gegen Mixa ein. URL: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694803,00.html [Download: 15.05.2010].


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 02.06.2010 zu: Rotraud A. Perner (Hrsg.): Missbrauch. Kirche - Täter - Opfer. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2010. ISBN 978-3-643-50163-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9673.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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