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Mustafa Jannan: Das Anti-Mobbing-Elternheft

Cover Mustafa Jannan: Das Anti-Mobbing-Elternheft. Schüler als Mobbing-Opfer - Was Ihrem Kind wirklich hilft ; mit Zusatzmaterialien im Internet. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 2., neu ausgestattete Auflage. 31 Seiten. ISBN 978-3-407-62721-6. D: 3,95 EUR, A: 4,10 EUR, CH: 7,30 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-62946-3 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema und Hintergrund

Gewalt an Schulen ist bei den Medien zum Dauerbrenner geworden. Der Mobbing-Begriff wird häufig benutzt, auch wenn noch Unklarheit darüber herrscht, ob es sich bei einer Situation auch wirklich um Mobbing handelt oder nicht klar ist, was wirklich hinter dem Begriff steckt.

Eltern, die wissen wollen, wie sie ihrem Kind bei Mobbing helfen können, sollten sich zunächst mit den Ursachen und Hintergründen dieser Art von Gewalt beschäftigen. Erst dann können Eltern sinnvoll und erfolgreich eingreifen. Mustafa Jannan möchte mit seinem „Anti-Mobbing-Elternheft“ als Ergänzung zum „Anti-Mobbing-Buch“ Eltern und Erziehungsberechtigten dazu einige Hilfen an die Hand geben.

Autor

Mustafa Jannan, früher selbst Beratungslehrer, kennt die Situation seiner KollegInnen, hat durch seine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema selbst Handlungsstrategien entwickelt, die von vielen LehrerInnen mittlerweile mit Erfolg eingesetzt werden. Der Autor ist Gymnasiallehrer und hält Vorträge und Workshops zu den Themen „Gewaltprävention und –intervention“, „Jungenarbeit“ und „Gesprächsführung in Beratungs- und Konfliktsituationen“.

Zielgruppen

Zielgruppen sind Eltern, Bekannte und Freunde von Familien, alle Erziehungsberechtigten und am Thema Interessierten.

Aufbau

Das Anti-Mobbing-Elternheft beginnt mit dem Inhaltsverzeichnis, weist auf die Berufsbiographie des Autors hin und enthält ein kurzes Vorwort an Eltern und Erziehungsberechtigte. Das Heft enthält 31 Seiten und besteht aus zwei Teilen.

Teil 1 (S. 4ff.) benennt die wichtigsten Informationen zu Mobbing als eine Form von Gewalt für Eltern.

Teil 2 (S. 14ff.) nennt Eltern konkrete Tipps, wie sie ihr Kind unterstützen können, wenn es von Mobbing betroffen ist. Es geht dabei sowohl um Hinweise für zuhause, wie auch um Ratschläge für die Zusammenarbeit mit der Schule. Im Heft werden weiterer Informationen zum Thema Mobbing (S. 30-31) über diverse Websiten, wie auch die des Beltz-Verlages genannt, Buchtipps für Kinder und Jugendliche ab 6, 10, 12, und ab 14 Jahre empfohlen, sowie einige Quellenangaben hinterlegt.

Teil 1: Was Sie über Mobbing wissen sollten

Mustafa Jannan stellt zu Beginn zwei Situationen aus dem Schulalltag vor um zu verdeutlichen, was den Unterschied zwischen einem Konflikt der sich klären lässt und einer Mobbingsituation darstellt. Die Beispiele dienen als Erklärung dafür, was die Merkmale von Mobbing sind.

Der Autor nennt vier Kennzeichen, die zutreffen müssen:

  1. Kräfteungleichgewicht – Mobbing-Opfer stehen alleine, einem oder mehreren Tätern und Mitläufern gegenüber.
  2. Häufigkeit – mindestens einmal pro Woche.
  3. Dauer – Übergriffe erfolgen über einen längeren Zeitraum (Wochen oder Monate).
  4. Konfliktlösung – Das Opfer ist aus eigener Kraft nicht in der Lage, das Mobbing zu beenden. Dies geht nur durch Hilfe von außen.

Das Schikanieren und ständiges Beleidigen gilt als häufigste Gewaltform an Schulen. Untersuchungen zeigten, dass ca. 90% aller SchülerInnen über Mobbingfälle Bescheid wissen (Schäfer, M., „Mobbing unter Schülern“, 2007, S. 4). Mobbing wird vor allem als Jungenproblem genannt, zudem die Übergriffe zu fast 80% in der eigenen Geschlechtergruppe verlaufen, so die Aussage des Autors. Schwere Fälle von Gewalt sind laut Mustafa Jannan an den Schulen seltener, wecken jedoch die Aufmerksamkeit der Medien.

Des Weiteren geht Jannan auf einige Merkmale von Opfern ein und wendet sich schließlich der Frage zu, warum Opfer sich oft nicht an Erwachsene wenden.

Wichtig ist der Hinweis, dass Anti-Mobbing-Arbeit an Schulen nur mit Schulleitung und möglichst vielen Lehrern nach einem gemeinsam festgelegten Plan beendet werden kann.

Teil 2: Wie Sie Ihrem Kind helfen können

Die These des Autors: Mobbing kann dauerhaft und erfolgreich nur von der Schule und in der Schule beendet werden. Trotzdem zählt der Autor hier Möglichkeiten auf, wie sich Eltern außerhalb von Schule Hilfe holen können.

Acht Hinweise gibt es für Eltern, was Sie besser vermeiden sollten, darunter z.B. keine Gespräche mit den Tätern oder den Eltern der Täter zu führen und Entscheidungen immer mit dem Kind abzusprechen. Beobachtungen, die auf Mobbing dem Kind gegenüber hinweisen, werden beispielhaft aufgelistet. Sie dienen als Grundlage für hilfreiche Gespräche mit dem Kind. Hier verweist der Autor auf Kriterien wie: ruhige Atmosphäre, aufmerksames Zuhören, selbst ruhig bleiben, Informationen einholen, Notizen machen, dem Kind Mut zusprechen, kein Verhör führen. Lösungen sollten gemeinsam geplant werden.

Hilfreiche Methoden können sein:

  • Überzeugungssätze mit dem Kind einzuüben (Beispiele werden genannt)
  • ein Belohnungssystem einzuführen, das nach Wochentagen erstellt wird
  • ein Mobbing-Tagebuch zu führen
  • das Selbstvertrauen des Kindes zu stärken
  • positive Erfahrungen zu ermöglichen
  • professionelle Ansprechpartner zu mobilisieren
  • als letztes Mittel sind Anwalt, Polizei und der Schulwechsel zu sehen.

Mit einem kurzen Anriss zum Thema „Cyber-Mobbing“, guten Internetadressen und Download-Hinweisen zu der ein und anderen Materialvorlage zum Elternheft, Buchtipps für Kinder und Jugendliche und Quellenangaben endet der Autor.

Diskussion

Bei der Beschreibung Mustafa Jannans, dass Anti-Mobbing-Arbeit an Schulen nur mit Schulleitung und möglichst vielen Lehrern lösbar ist, erwähnt er im Nebensatz auch die Schulsozialarbeiter. Mir fehlt hier der Blick auf die wichtige und eigenständige Rolle und Arbeit von Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Beratungslehrern, Mediatoren (falls vorhanden, sonst extern) in diesem Zusammenhang, ebenso wie die Bedeutung der Vernetzung mit externen Partnern, aber auch die Rolle/Position der Eltern und gezielter Elternarbeit in diesem Kontext. Der Autor geht zwar auf mögliche Informationen für Eltern im Internet ein, weist jedoch leider in keiner Weise darauf hin, dass es diverse Angebote im außerschulischen Bereich gibt, die professionell und auf der Verhaltens- und Übungsebene reale Situationen bearbeiten oder auch in den Schulen mit der gesamten Klasse arbeiten.

Das Thema „Cyber-Mobbing“ wird vom Autor nur sehr oberflächlich behandelt, obwohl es einen wesentlichen Anteil an den Mobbingsituationen unter SchülerInnen darstellt. Auch fehlt hier die klare Unterscheidung zu Happy Slapping.

Kritisch anmerken möchte ich, dass der Autor hier weitgehend ein Idealbild zeichnet, das den realen Situationen des Schulleiter- und Lehrerengagements an vielen Schulen zum Thema Mobbing häufig nicht entspricht. Desinteresse, Hilflosigkeit, eigenes Ausgebrannt-Sein durch viele Schuljahre, Überdruss am Thema, bewusstes Wegsehen und das Thema lieber delegieren wollen, bilden die Realität.

Fazit

Das Anti-Mobbing-Elternheft enthält in der 2. Auflage nur wenige Änderungen zur 1. Auflage. Für die genannten Zielgruppen ist es gut geeignet, wenn eine erste Orientierung und Beschäftigung mit dem Thema gewünscht ist. Die Aufzählung der praktischen Hinweise, was Eltern tun können, sind hier sehr hilfreich.

Mir fehlt jedoch die Beschreibung, wie Eltern im Rahmen von Schule direkt einbezogen werden. Dies spiegelt die Erfahrung bei den von Seiten der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg durchgeführten Klassenentwicklungsmaßnahmen in Schule wieder, dass nämlich Eltern gerne auch vor der Tür gehalten werden, damit sie nicht zu viel Unruhe innerhalb Schule erzeugen. Dieses Verhalten macht grundsätzlich Sinn, wenn es um Angelegenheiten bzgl. der Lehrplaninhalte als Autonomieaspekt von Schule geht. Bei Mobbingsituationen von SchülerInnen ist meiner Meinung nach diese künstlich gehaltene Distanz kontraproduktiv.

Letztlich handelt es sich beim Elternheft um ein durchaus noch erweiterbares Materialheft, dass als Ergänzung zum umfassenden Anti-Mobbing-Buch zu sehen ist, das gut durchdacht und auf dem reichhaltigen Erfahrungshintergrund des Autors erstellt wurde und damit sehr empfehlenswert (auch für Eltern) ist.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz
Supervisorin, Mediatorin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Information, Beratung, Training, Moderation, Konfliktmanagement, Mediation, Kooperation mit interdisziplinärem Experten-Netzwerk. Face-to-Face- und Online-Beratung. Bereiche: Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
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Zitiervorschlag
Monika Hirsch-Sprätz. Rezension vom 05.08.2010 zu: Mustafa Jannan: Das Anti-Mobbing-Elternheft. Schüler als Mobbing-Opfer - Was Ihrem Kind wirklich hilft ; mit Zusatzmaterialien im Internet. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 2., neu ausgestattete Auflage. ISBN 978-3-407-62721-6.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-62946-3 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9692.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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