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Rita Steffes-enn, Jens Hoffmann (Hrsg.): Schwere Gewalt gegen Kinder

Cover Rita Steffes-enn, Jens Hoffmann (Hrsg.): Schwere Gewalt gegen Kinder. Risikoanalyse und Prävention. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2010. 133 Seiten. ISBN 978-3-86676-113-1. 14,80 EUR.
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Thema

Schwere Gewalttaten gegen Kinder geschehen oft durch die eigenen Eltern oder den Kindern nahe stehende Personen. Die Veröffentlichung beschäftigt sich mit den zugrunde liegenden Gewaltdynamiken in vielschichtiger Sicht. Es werden neuestes Fachwissen, aber auch Handlungsansätze für die Praxis dargestellt. Den Risikofaktoren für Kinder, Opfer schwerer Gewalt zu werden sowie ihr frühzeitiges Erkennen, sind die Beiträge schwerpunktmäßig gewidmet. Aber auch präventives Fallmanagement und interdisziplinäre Netzwerkarbeit werden thematisiert. Der Band greift sowohl bereits erfolgte Prozesse auf, weist aber auch auf bestehende Lücken in der Früherkennung von Risiken hin.

Herausgeber und Autor/innen

Die Herausgeber leiten das Institut für Psychologie & Bedrohungsmanagement (I:P:Bm). Außen ihnen sind weitere Autor/innen an der Veröffentlichung mit Beiträgen beteiligt, die über entsprechende praktische Erfahrungen im Themenfeld „Schwere Gewalt gegen Kinder“ verfügen und vor allem medizinische und psychologische Disziplinen repräsentieren.

Entstehungshintergrund

Das Institut für Psychologie & Bedrohungsmanagement führte im Februar 2010 eine interdisziplinäre Fachkonferenz in Frankfurt am Main durch. Die Autor/innen des Bandes wirkten an dieser Veranstaltung mit. Ihre Beiträge sind die verschriftlichten Vorträge der Fachkonferenz und haben den Anspruch, die Themen praxisnah, fachübergreifend und wissenschaftlich fundiert abzuhandeln. So richtet sich der Band an Fachleute unterschiedlicher Disziplinen, die mit der Risikoanalyse und der präventiven Arbeit befasst sind, um schwere Gewalttaten gegen Kinder zu verhindern.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung besteht aus 6 Beiträgen.

Risiko- und Schutzfaktoren bei Kindeswohlgefährdung/Kindesmisshandlung

lautet der erste Beitrag (1) von Günther Deegener. Er bietet einen Überblick über Häufigkeiten der verschiedenen Formen von Kindesmisshandlung (körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung, seelische Misshandlung, Partnergewalt), eine Darstellung der Risiko- und Schutzfaktoren sowie Hinweise auf die Erfassungsmöglichkeiten von Kindeswohlgefährdung.

Wenn Eltern ihre Kinder töten – Ein Überblick über den gegenwärtigen Kenntnisstand ist der Titel des zweiten Beitrages, verfasst von Justine Glaz-Ocik & Jens Hoffmann (2). Häufigkeiten, Begriffsbestimmungen, die Beziehungen zwischen Tätern und Opfern, Typologien, Risikokonstellationen, Mütter als Täterinnen sowie Ansätze der Prävention kennzeichnen den Überblick.

Frauen als Täterinnen ist ein eigenständiges Kapitel von Nahlah Saimeh (3) gewidmet. Differenziert nach Kindesmisshandlung, Münchhausen by Proxy, sexuellem Kindesmissbrauch und Kindstötung wird dargelegt, dass zwar Frauen als Täterinnen schwerer Gewaltdelikte unterrepräsentiert sind, aber ihre Täterinnenrolle im engen familiären Nahraum von erheblicher Bedeutung ist.

Im Beitrag Familizid – Kinder als weitere Opfer bei Tötungsdelikten durch Intimpartner beschäftigen sich Jens Hoffmann & Justine Glaz-Ocik (4) mit Häufigkeiten, Falldynamiken und einer differenzierten Betrachtung von Risikofaktoren. Vorgestellt wird aber auch eine Pilotstudie zu Familiziden im Unterschied zu reinen Intimiziden, ergänzt durch konkrete Falldarstellungen. Der Beitrag endet mit Schlussfolgerungen für die Praxis.

Im fünften Kapitel macht Rita Steffens-enn (5) Ausführungen zu Neutralisierung und Täterschaft. Mit den Begriffen „Bedeutung prosozialer Normakzeptanz“, die „Funktionen der Neutralisierung“ sowie „Neutralisierungstechniken“ wird erläutert, wie sich bei Täter/innen Entscheidungen zu schwerer Gewalt gegen Kinder entwickeln können sowie die Bedeutung dieser Erkenntnisse für das interdisziplinäre Fallmanagement.

Wilfried Kratzsch (6) geht im sechsten Beitrag auf das Interdisziplinäre Fallmanagement zur Frühesterkennung von Hochrisiko-Familien ein. Aus der Alltagspraxis eines sozialpädiatrischen Zentrum weist er auf Mankos in den Früherkennungsuntersuchungen hin, hebt die Bedeutung von Risikofaktoren hervor und plädiert für eine „Diagnostik so früh wie möglich“. Ein erprobtes Risiko-Erfassungsinstrument wird vorgestellt sowie die Entwicklung der perinatalen Frühesterkennung in Düsseldorf. Der Beitrag zeigt auch auf, was im Rahmen des interdisziplinären Fallmanagements verbessert werden muss und wer die Beteiligten sein sollten.

Im Anhang der Veröffentlichung findet sich ein ausführliches Autorinnen- und Autorenverzeichnis. Literaturlisten schließen die einzelnen Beiträge ab.

Diskussion

Die spektakulären Kinderschutzfälle der jüngeren Vergangenheit waren immer Fälle von schwerer innerfamiliärer Gewalt gegen Kinder, verübt von den eigenen Eltern oder Stiefeltern. In der Mehrzahl der Fälle führte die Gewalt zum Tode der Kinder. Kinder sind schutzbedürftig und sollten eigentlich darauf vertrauen können, dass ihnen die eigenen Eltern keine Schädigungen zufügen. Daher ist es bedeutsam, sich mit der Frage zu beschäftigen, welche Persönlichkeitskonstellationen und Familiendynamiken dazu führen, dass Eltern derartig gewalttätig gegen die eigenen Kinder vorgehen und ihren Tod in Kauf nehmen. Im Gegensatz zur medialen Berichterstattung über die spektakulären Kinderschutzfälle ist der Blick in dieser Veröffentlichung nicht auf die (vermeintlichen) Versäumnisse des Jugendamtes bzw. auf das Handeln der Mitarbeiter/innen der öffentlichen Jugendhilfe gerichtet. Vielmehr werden die Prozesse und Persönlichkeitsdeterminanten dargestellt, die zu einer solchen Eskalation der Gewalt in Familien führen können.

Fachkräfte sind darauf angewiesen zu wissen, was „gewichtige Anhaltspunkte“ für die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Kindeswohlgefährdung sind. Im § 8a SGB VIII „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ wird explizit die Aufgabe der Fachkräfte formuliert, das Gefährdungsrisiko betroffener Kinder abzuschätzen. Hierzu leistet die Veröffentlichung einen wertvollen Beitrag. Es geht eben nicht nur um allgemein der Fachwelt bekannte Risikofaktoren, sondern bezüglich der einzelnen Erscheinungsformen schwerer Gewalt gegen Kinder werden die jeweils „spezifischen“ Risikofaktoren herausgearbeitet. Deutlich wird, dass wir in Deutschland zu zahlreichen Aspekten noch erheblichen Forschungsbedarf haben, weshalb die Autor/innen auch auf Erkenntnisse aus internationalen Studien zurückgreifen.

Im Kontext von Kindeswohlgefährdung kommt den frühen Hilfen in Deutschland eine immer größere Bedeutung zu. Auch in diesem Zusammenhang ist die Veröffentlichung hilfreich, weil sich insbesondere ein Beitrag der Frage widmet, wie die Früherkennung von Hochrisikofamilien auch im Gesundheitsbereich gelingen kann, wenn sie mit anderen Diensten und Einrichtungen der Jugendhilfe vernetzt ist.

Fazit

Auch wenn in der Praxis der Jugendhilfe Gewalt gegen Kinder mit Todesfolge durch die eigenen Eltern bzw. nahe stehende Bezugspersonen Einzelfälle sind, so ist es dennoch wichtig, Kenntnisse über die spezifischen Faktoren und Dynamiken zu haben, die zu einer solchen Eskalation in Familien führen können. Der Tod eines Kindes, verursacht durch die eigenen Eltern, steht am Ende eines Prozesses. Die Bedeutung der frühestmöglichen Erkennung solcher Entwicklungen liegt im Interesse der Fachkräfte um schwere Gewalt gegen Kinder zu verhindern. Der Band ist daher Praktiker/innen, die mit Kinderschutzfragen konfrontiert sind, zu empfehlen. Er bietet einen guten Überblick über Erscheinungsformen, Häufigkeiten, Persönlichkeitsmerkmale und Dynamiken bei Tötungen von Kindern in der Familie. Die Beiträge sind wissenschaftlich fundiert, aber auch praxisnah verfasst.


Rezensentin
Martina Huxoll-von Ahn
Homepage www.kinderschutzbund-nrw.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 10.11.2010 zu: Rita Steffes-enn, Jens Hoffmann (Hrsg.): Schwere Gewalt gegen Kinder. Risikoanalyse und Prävention. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-86676-113-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9696.php, Datum des Zugriffs 26.05.2016.


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