Gregor Jekel, Franciska Frölich v. Bodelschwingh u.a.: Stadtpolitik und das neue Wohnen in der Innenstadt
Gregor Jekel, Franciska Frölich v. Bodelschwingh, Hasso Brühl, Claus-Peter Echter: Stadtpolitik und das neue Wohnen in der Innenstadt. Deutsches Institut für Urbanistik (Berlin) 2010. 354 Seiten. ISBN 978-3-88118-475-5. 36,45 EUR.
Reihe: Deutsches Institut für Urbanistik Berlin: Edition Difu - Stadt, Forschung, Praxis - Band 8.
Thema
Das „neue“ Wohnen in der Innenstadt, oder die „Renaissance“ der Innenstädte ist ein Konzept, das sich wachsender Beliebtheit in Fachwelt und Medien erfreut und fast schon ein Modethema geworden ist. Eine wachsende Beliebtheit innenstädtischer Wohnlagen käme den Zielen einer zukunftsorientierten Stadtpolitik entgegen. Inwieweit dieser Trend einer „Reurbanisierung“ überhaupt definiert ist und existiert, ist aber genauso unklar wie seine empirische Fundierung. Der vorliegende DifU-Band will hier ansetzen und die „empirische Basis in dieser Debatte verbreitern“. Die Entwicklung in sieben beispielhaft ausgewählten Städten soll zeigen, inwieweit die Theorie auch in der Praxis zu erkennen ist.
Herausgeber und Entstehungshintergrund
Das Deutsche Institut für Urbanistik (DifU) ist das größte Stadtforschungsinstitut in Deutschland. Bis vor kurzem war der Deutsche Städtetag an dem Institut beteiligt.
Der Band ist eine Folgestudie eines Bandes aus dem Jahr 2005, der damals für Furore sorgte, weil er, auch empirisch unterlegt, einen ersten Bedeutungswandel des Wohnens in der Innenstadt behauptete.
Aufbau
Der umfangreiche Band fünf Hauptkapitel. Vorangestellt sind das Vorwort und eine zweisprachige Zusammenfassung. Kapitel 1 bis 4 behandeln theoretische Aspekte und vergleichen die Ergebnisse miteinander, Kapitel 5 gibt detailliert die Ergebnisse für die sieben Städte wieder.
- Einführung und thematische Einordnung
- Das Forschungsdesign
- Die Innenstadt als Wohnstandort – Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Fallstudien
- Die Innenstadt als Wohnstandort – Von der Vision zur Wirklichkeit
- Fallstudien: Städteporträts – innenstadtnahes Wohnen in den sieben Auswahlstädten
Inhalt
Kapitel 1 (Einführung und thematische Einordnung) beginnt mit einer kurzen Darstellung der wesentlichen Argumentationskette. Es folgen Ausführungen über die grundsätzlichen demographischen Trends, die Aspekte des ökonomischen Strukturwandels, ordnungspolitische Veränderungen, sowie den veränderten Stellenwert der Wohnungspolitik. Alles dies sind Trends, die die Stadtentwicklung gewollt oder ungewollt bestimmen (werden) und die man bei der vorliegenden Fragestellung berücksichtigen muss.
Das Kapitel 2 (Forschungsdesign) listet nochmals die Ausgangsthesen und theoretischen Überlegungen auf und erläutert das Ziel der Studie. Anschließend werden Ansatz und Methode anhand der sieben Fallstudien beschrieben (Expertenbefragungen plus sekundärstatistische Auswertungen) sowie näher auf die Definitionsprobleme des Untersuchungsgegenstands „Innenstadt“ eingegangen.
In Kapitel 3 werden die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchungen in den sieben Städten dargestellt und miteinander verglichen. Ausgehend von der Analyse der unterschiedlichen Rahmenbedingungen wird die Bedeutung der Wohnfunktion für die jeweilige Innenstadtentwicklung diskutiert. Ebenso werden die Unterschiede in der soziodemographischen Entwicklung in ihrer räumlichen Auswirkung betrachtet – also die künftige Veränderung der Rahmenbedingungen für die Wohnsituation. Hiervon ausgehend wird im folgenden Abschnitt die Entwicklung der Nachfrageseite unter die Lupe genommen, mit Schwerpunkt auf den Familien als besonders wichtige Zielgruppe. Erhöhte Nachfrage setzt aber immer ein entsprechendes Angebot voraus – dies ist Thema des nächsten Abschnitts, in dem die Tätigkeit der privaten Akteure und die Möglichkeiten der Stadtpolitik gegenübergestellt werden. Eine vergleichende Analyse des Wohnumfeldes und seiner politischen Beeinflussung folgt, bevor das Kapitel mit einem Vergleich von Nutzungskonflikten in der Innenstadt schließt.
In Kapitel 4 wird nochmals versucht, die Ausgangsthese von der Renaissance des Innenstadt-Wohnens weiter zu unterfüttern. Es werden die Stärken der Innenstädte als Wohnstandort aufgeführt, gleichsam als Argumentationshilfen. Genauso gibt es aber auch Hemmnisse und Konflikte, die anschließend angesprochen werden. Kurze Ausführungen zum Wohnen als Faktor einer erfolgreichen Innenstadtentwicklung folgt ein Abschnitt über das innerstädtische Wohnen als Gegenstand der Stadtpolitik. Was bedeutet der neue Trend für die Politik, in welchen Bereichen könnten sich welche Änderungen ergeben, welche Bereiche, welche Wohnformen gewinnen an Bedeutung?
Kapitel 5 schließlich ist eher ein zweiter Teil. In ihm werden die sieben Fallstudien (Braunschweig, Dresden, Frankfurt//Main, Kassel, Köln, Schwäbisch Gmünd, Wetzlar) einzeln abgehandelt und detailliert die Ergebnisse der Studie dargestellt.
Diskussion
Es ist bei diesem umfangreichen Buch kaum möglich, auf alle wesentlichen Punkte einzugehen. Gut ist die thematische Einordnung am Anfang mit den wesentlichen Trends, die die Stadtentwicklung (und das innenstadtnahe Wohnen) bestimmen bzw. bestimmen werden. Hier ist alles Wichtige vorzufinden. Richtigerweise wird außerdem darauf hingewiesen, dass „eine Wiederentdeckung des Wohnens in der Innenstadt bislang nicht gleichbedeutend mit dem Wegfall der Suburbanisierung…“ (S. 32) ist.
Was das Forschungsdesign angeht, so sind mehrere Kritikpunkte anzubringen: im Gegensatz zur Vorläuferstudie umfassen die sieben Fallstudien keine Befragungen der Bewohner. Um die vorliegende Fragestellung, nämlich ein möglicher Einstellungswandel in Bezug auf das Wohnen in der Innenstadt, hinreichend untersuchen zu können, wäre eine solche Befragung von Einstellungen der Bewohner/Zugezogenen aber sehr wichtig gewesen. Stattdessen gab es lediglich je Stadt zwischen sieben und zehn Experteninterviews (Personen aus der Verwaltung, von Wohnungsunternehmen, Makler etc.). Solche Interviews sind sicherlich eine wichtige Informationsquelle; eine gründliche Befragung können sie aber kaum ersetzen.
Zweites Standbein war eine sekundärstatistische Auswertung kommunaler Daten zur Einwohner- und Haushaltsentwicklung, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt etc. Hier vermisst man tiefer gehende Analysen; vor allem eine Auswertung der Wanderungen fehlt; wenn, dann sind solche Zahlen nur sehr grob zu finden. Gerade eine Wanderungsanalyse ist aber wichtig, wenn man einen möglichen Trend zurück in die Innenstadt untersuchen will. Zudem wären hier und da längere Zeitreihen wünschenswert gewesen, zumal ja eine Trendumkehr belegt werden soll.
Schließlich ist der Analysezeitraum zu bemängeln; die Befragungen wurden zwischen November 2006 und Mai 2007 geführt, die statistischen Auswertungen enden meist mit dem Jahr 2005. Das Buch ist aber erst 2010 erschienen. Mehr Aktualität wäre hier also gut gewesen, auch gerade weil das Buch den Anspruch hat, die Datenbasis für die Reurbanisierungs-Thesen zu erweitern.
Die vergleichende Analyse in Kapitel 3 ist aufgrund der teilweise unterschiedlichen zeitlichen und methodischen Bezüge sowie der ungleichen Abgrenzung der jeweiligen Innenstädte zwangsläufig etwas heterogen. Die Zusammenfassungen nach jedem Abschnitt sind zwar gut und sinnvoll, können aber diesen Eindruck nicht ganz verwischen. Dennoch sind die Auflistung und der Vergleich der Ergebnisse sehr interessant. Vertiefend bietet der zweite Teil (Kapitel 5) mit einer lobenswert aufwändigen Auswertung der Datenquellen eine Fülle an Informationen zur Wohn- und sonstigen Situation in den Städten. Die Vielfältigkeit der Innenstadt-Prozesse in den Fallstädten kommt gut zum Ausdruck. Hier lässt sich einiges an interessantem Material finden, nicht nur in Bezug auf die vorliegende Fragestellung. Ebenfalls sehr informativ sind die Auswertungen zu einzelnen Aspekten wie etwa „Wohnen vs. Gewerbe“, „Familien in der Innenstadt“, „Probleme des innenstädtischen Wohnens“.
Wie verhält es sich nun mit den zentralen Untersuchungsergebnissen? Sie stützen sich auf die beiden Datenquellen sowie zusätzliche Literaturauswertungen. Das Ziel der Arbeit, einen Wandel der Wohnpräferenz zugunsten der Innenstadt zu zeigen, wird damit nur teilweise bestätigt. Die Ergebnisse beruhen mehr auf subjektiven Einschätzungen (z.B. der befragten Experten) denn harten Daten, oder stellen bereits bekannte Tatsachen dar (Familien bevorzugen kurze Wege, Innenstädte sind erstes Ziel von Migranten, Zuzüge sind abhängig von der Attraktivität des Wohnraums). Wirklich empirisch belegbar ist wenig, zumindest in Bezug auf die Innenstadt-Renaissance. Zweifel kommen auch im Text zum Ausdruck. So wird z.B. darauf hingewiesen, dass ein innenstadtnahes Wohnen auch davon abhängt, inwieweit überhaupt Wohnraum verfügbar ist (auch in ausreichender Größe Familien!) und gesichert wird (S. 16).
Ein zwiespältiger Eindruck bleibt also, was die Grundaussage des Buchs angeht. Es ist unklar, wie stark nun der Trend zur Wiederbelebung des Wohnens in den Innenstädten wirklich sein soll und was die Ergebnisse der Studie hergeben. Auch im Text wird die These nicht konsistent verfolgt bzw. vertreten. Mal ist von einem klaren Trend die Rede, dann heißt es, dass er sich „…nur bedingt statistisch abbilden lässt…“ (S. 54) – dabei war genau das ja ein Ziel der Arbeit.
Das zweite Ziel der Arbeit, nämlich die „stadtpolitischen Wirkungszusammenhänge und Gestaltungsmöglichkeiten“ angesichts eines solchen Trends aufzuzeigen, wurde dagegen gut und interessant dargestellt. Ohne Zweifel kann ein solcher Trend positive Effekte auf verschiedenen Ebenen für die Stadtentwicklung bewirken.
Fazit
An dieser Stelle sei angemerkt, dass das Difu zwar eine renommierte Institution ist, dass aber eine gewisse Nähe zu den Interessensverbänden der Städte nicht von der Hand zu weisen ist. Im Buch selbst wird immer wieder beschrieben, wie ein eventueller Bedeutungswandel stadtpolitisch gefördert bzw. gesteuert werden kann und welche Vorteile dies für die Städte hat. Man fragt sich unwillkürlich, ob hier ein Trend ganz im Sinne der Städte „herbei“ geschrieben werden soll?
Dass es eine mehr oder weniger klar umrissene „Vision“ des innenstadtnahen Wohnens v.a. seitens der Stadtverwaltungen, der Immobilienwirtschaft und einer „Creative Class“ gibt, ist wohl unbestritten. Alles, was darüber hinaus geht, steht dagegen immer noch auf wackligen statistischen Beinen. Abgesehen davon gibt es eine solch vielfältige Entwicklung in den Städten, dass kaum von einem Trend gesprochen werden kann. Und ein großes Problem stellt die demographische Entwicklung dar: denn die potenziellen Zuzügler in die Innenstädte werden zahlenmäßig weniger und älter. Aber unabhängig davon, ob der Trend da ist oder kommen wird: dass er vielfältige Vorteile (nicht nur für die Städte) hätte, ökonomische genauso wie ökologische, liegt auf der Hand.
Die Arbeit ist weniger ein statistischer Beleg für die These der Renaissance der Innenstädte, sondern eher ein weiterer argumentativer Baustein. Sie beschreibt viele Aspekte, die für den Trend sprechen, aber auch Konfliktpotenziale und Hemmnisse, die dem im Wege stehen könnten. Es ist nicht zuletzt eine gute Argumentationshilfe für eine zukunftsgerichtete Stadtpolitik und interessierte Fachleute. Darin liegt auch die Stärke des Buchs. Inwieweit die empirischen Ergebnisse der sieben Fallstudien verallgemeinerbar sind, bleibt unklar. Ein großes Manko ist der Verzicht auf eine Befragung der Bewohner vor Ort. Ein vielversprechender Ansatz ist dagegen die fallbezogene Abgrenzung von „Innenstadt“ im Gegensatz zur offiziellen Gebietseinteilung, was die Analyse aussagekräftiger macht. Trotz der deutlichen Tendenz „Pro Innenstadt“ ist das Buch eine interessante Arbeit zum Thema mit einer Fülle an Informationen und Auswertungen.
Rezensent
Dr. Ralf Mai
Dozent und freiberuflich tätig in den Bereichen Demographie, Regional- und Sozialforschung. Bis 2009 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. 2000-2003 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft an der Universität Bamberg tätig.
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Zitiervorschlag
Ralf Mai. Rezension vom 31.08.2010 zu: Gregor Jekel, Franciska Frölich v. Bodelschwingh, Hasso Brühl u.a.: Stadtpolitik und das neue Wohnen in der Innenstadt. Deutsches Institut für Urbanistik (Berlin) 2010. 354 Seiten. ISBN 978-3-88118-475-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9714.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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