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Marius Harring, Oliver Böhm-Kasper u.a. (Hrsg.): Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen

Cover Marius Harring, Oliver Böhm-Kasper, Carsten Rohlfs, Christian Palentien (Hrsg.): Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen. Peers als Bildungs- und Sozialisationsinstanzen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 421 Seiten. ISBN 978-3-531-16973-6. 39,95 EUR.
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Thema

Der vorliegende Sammelband gilt der Bedeutung, die Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben. Dabei soll der Band der Vielschichtigkeit der Beziehungen zwischen Gleichaltrigen Rechnung tragen und hierbei verschiedene Perspektiven einnehmen. Den einzelnen Beiträgen kommt die Aufgabe zu, jeweils einem Teilaspekt theoretisch nachzuforschen oder ihn empirisch zu untersuchen.

Herausgeber

Zwei der Herausgeber sind an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld tätig: Harring ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dr. Böhm-Kasper Professor für Methoden der Sozialforschung.

Dr. Rohlfs vertritt eine Professur für Schulpädagogik und Schulentwicklung an der Universität Jena. Und Dr. Palentien ist Professor für Bildung und Sozialisation an der Universität Bremen.

Entstehungshintergrund

Anregung für den Sammelband gibt die derzeitige Debatte um die Relevanz, die informelle außerschulische Sozialisationskontexte für die Bildungsprozesse Heranwachsender haben. Zu seinem Thema Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen will der Band eine umfassende Darstellung geben. Sie soll sowohl Studierenden als auch WissenschaftlerInnen einen interdisziplinären Überblick zum Forschungsstand anbieten.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst insgesamt 19 Beiträge, die – nach einer „Einführung“ (bestehend aus zwei Beiträgen) – vier Thementeilen zugeordnet sind.

  1. Der erste Teil befasst sich mit „Formen von Peerbeziehungen“, wie Freundschaft, Cliquen oder Szenen.
  2. Der folgende behandelt „Soziodemografische Merkmale von Peerbeziehungen“: Geschlecht, Migration, soziale Ungleichheit sowie auch höheres Lebensalter.
  3. Am umfangreichsten ist der nachfolgende Teil über „Lebensweltliche Kontexte von Peerbeziehungen“; mit 192 Seiten ist er fast so breit angelegt wie alle anderen Teile zusammen (einschließlich der Einführung). Er bezieht sich auf Erfahrungshorizonte wie Schule, Medien oder Delinquenz oder auch auf die kindliche Entwicklung, das Lesen sowie politische Einstellungen.
  4. Der abschließende Teil trägt den Titel „Peers zwischen Rivalität, Komplementarität und effektiver Nutzung“. Unter dieser Perspektive geht es zum einen um die Relation Familie und Peers, zum anderen um Peer-Education: die Weitergabe von Wissen durch Jugendliche an Jugendliche.

Der erste Beitrag stammt von den Herausgebern. Er soll in das Thema „Peers als Bildungs- und Sozialisationsinstanzen“einführen. Als Beispiel wird auf die Entwicklung und Vermittlung von Kompetenzen in Freundschaften eingegangen, unterschieden nach Sozial- und nach Sach- oder Fachkompetenzen. Mit elf Seiten zählt der Beitrag zu den kürzesten im Buch.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem, was Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit tun. Diesem Thema ist der zweite Einleitungsbeitrag gewidmet. Darin berichtet Harring über eine quantitativ-empirische Pilotstudie. Befragt wurden 520 SchülerInnen im Alter zwischen 10 und 22 Jahren, die verschiedene Schulformen besuchten. Der Beitrag soll die Heterogenität der Freizeitwelten zeigen, und er soll den Einfluss dieser Heterogenität auf den Erwerb von Kompetenzen erkennen lassen. Repräsentativität wird mit der Studie nicht beansprucht.

Zur weiteren Darstellung wähle ich die Beiträge des anschließenden Teils aus, weil sie die drei zentralen Formationen Freundschaft, Clique und Szenen beziehungsweise Jugendkulturen einführen. Diese Beiträge können zudem einen Eindruck von der Vielgestalt des Sammelbandes geben.

  • Den Beitrag über Freundschaft hat Rohlfs verfasst. Dieser Beitrag ist (neben der schon erwähnten Einführung der Herausgeber) der kürzeste im Buch. „Freundschaft und Zugehörigkeit“ werden als „Grundbedürfnis, Entwicklungsaufgabe“ sowie als „Herausforderung für die Schulpädagogik“ betrachtet (S. 61). Das Thema wird an Fallbeispielen von vier Mädchen im Alter von acht und neun Jahren aufgerollt. Auf circa fünf Seiten erfolgt eine komprimierte theoretische Rahmung und Deutung.
  • Über Cliquen oder informelle Gruppen schreibt Albert Scherr. Es geht ihm um „Strukturmerkmale, Funktionen und Potentiale“ (S. 73). Dazu bezieht er sich auf theoretische Erträge der Kleingruppenforschung, sei es aus der Soziologie oder der Sozialpsychologie. Daran arbeitet er Potentiale für Sozialisation und Bildung heraus. Scherr zeigt, wie die Forschung Jugendcliquen heute als soziale Orte betont, an denen erwünschtes informelles Lernen stattfinden kann.
  • Ronald Hitzler und Arne Niederbacher befassen sich im Beitrag über Szenen speziell mit ihrem eigenen Arbeitsumfeld: der „Dortmunder Szenen-Ethnografie“ (S. 91). In ihrem Ansatz beschreiben sie Szenen als neuartige Formen der Vergemeinschaftung. Sie seien entstanden unter den Bedingungen einer gesellschaftlichen Individualisierung. Bemerkenswert ist, dass Hitzler und Niederbacher den Szenebegriff von dem der Jugendkultur abgrenzen und damit auf eine Unschärfe in Teilen der pädagogischen Diskussion hinweisen.

Im Teil über die soziodemografischen Merkmale sticht der Beitrag von Christine Meyer heraus. Er handelt von der „Bedeutung von Peerbeziehungen im Alter“ (S. 167–185). Wie die Autorin schreibt, wurden „in Bezug auf die Lebensphase Alter und Alternsprozesse [...] Peers bzw. das Vorhandensein von Peer Groups noch überhaupt nicht entdeckt und thematisiert, vor allem auch nicht im Hinblick auf ihre mögliche Relevanz für gelingende Alternsprozesse“ (S. 167). Entsprechend wird hier Neuland markiert.

Der Teil, der den lebensweltlichen Kontexten gilt,umfasst eine Vielzahl an „Einflussfaktoren“ und „Komponenten“ (S. 16). Aus Sicht der Herausgeber handelt es sich dabei um solche, die sich positiv, aber auch solche, die sich negativ auf die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen auswirken können. Dargestellt wird das einerseits theoretisch, andererseits in empirisch ausgerichteten Beiträgen. Ein Artikel, der auch „Gefährdungspotenziale und Gefahrenquellen“ Jugendlicher beleuchtet, befasst sich zum Beispiel mit dem Kontext von „Risikoverhalten, Drogenkonsum und Peers“ (Palentien/Harring, S. 365). Auch in diesem Teil des Buches finden sich ungewöhnliche Themen wie ein Beitrag über „Gleichaltrigengruppen und Jugendkultur in evangelikalen Aussiedlergemeinden“ (Arne Schäfer).

Diskussion

Dem Sammelband wäre ein umfangreicherer Einleitungsbeitrag der Herausgeber zu wünschen. Dieser Beitrag sollte die Systematik des Themas stärker theoretisch entfalten und abgrenzen. Daran ließe sich dann besser die Einlösung des Anspruchs ermessen, mit dem Band eine umfassende Darstellung zu geben. Jetzt wirkt die Darstellung der differenzierten Facetten zwar vielfältig, aber doch auch ein Stück willkürlich.

Entsprechend sind die Beiträge untereinander momentan eher schwer zu vergleichen. Nimmt man zum Beispiel zwei der empirischen Beiträge – wie den von Uwe Altmann über „Beziehungsregulation in Kinderfreundschaften“ und den von Harring über „Freizeit, Bildung und Peers“ –, so wird im ersten Fall die Auswertung akribisch mit mehrzeiligen statistischen Formeln dokumentiert, während sich die zweite Untersuchung mit dem bloßen Hinweis auf Faktoren- und Clusteranalysen begnügt. Auf diese Weise wird ihr Vorgehen kaum nachvollziehbar.

Enttäuschend ist, wenn einer der umfangreichsten Beiträge – der von Lothar Krappmann über „Prozesse kindlicher Persönlichkeitsentwicklung im Kontext von Gleichaltrigenbeziehungen“ (36 S.) – schon „in ähnlicher Form“ (S. 187) im Jahr 2002 erschienen ist. Besonders schade ist, dass auf eine Aktualisierung verzichtet wurde: Die jüngste Literaturangabe, auf die sich die hier vorgelegte Version bezieht, stammt aus dem Jahr 1990!

Fazit

Es handelt sich um eine in thematischen Akzenten und Darstellung recht vielfältige Sammlung. Sie lässt sich für das gezielte Interesse an spezifischen Aspekten selektiv nutzen oder als eine Art weitläufiges Lesebuch zum Gesamtthema.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 11.08.2010 zu: Marius Harring, Oliver Böhm-Kasper, Carsten Rohlfs, Christian Palentien (Hrsg.): Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen. Peers als Bildungs- und Sozialisationsinstanzen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16973-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9717.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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