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Christoph Morgenthaler, Roland Hauri (Hrsg.): Rituale im Familienleben

Cover Christoph Morgenthaler, Roland Hauri (Hrsg.): Rituale im Familienleben. Inhalte, Formen und Funktionen im Verhältnis der Generationen. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 263 Seiten. ISBN 978-3-7799-1550-8. 25,00 EUR, CH: 42,90 sFr.

Reihe: Kindheiten - Neue Folge.

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Thema und Entstehungshintergrund

In diesem Sammelband werden Ergebnisse eines mehrjährigen Forschungsprojekts zur Bedeutung von Ritualen im Leben von Deutschschweizer Familien dargestellt.

Empirische Grundlage bildeten zwei Surveys in denen mehr als 3 000 Eltern und Kinder schriftlich befragt wurden. Außerdem wurden ausführliche Interviews geführt, Foto- und Videoaufnahmen von Familien ausgewertet.

Dieses Forschungsprojekt wurde von einem Team des Instituts für Praktische Theologie in Bern durchgeführt und war eines von 25 Projekten im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms „Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel.“

Aufbau

Der Band umfasst neben einer thematischen Einleitung von Christoph Morgenthaler und Roland Hauri „ Familienrituale – Fenster zu Kindern und Kindheiten“ elf Artikel, die in drei Haupteile gegliedert sind.

Der erste Teil umfasst „Theoretische und methodologische Bausteine.“

  • Kurt Schori setzt sich mit „Kinder in Familienritualen – kindheitstheoretische Zugänge auseinander.“
  • Die beiden Herausgeber umgrenzen den Aspekt „Familienrituale – theoretische Eckpunkte.“
  • Roland Hauri geht auf den methodischen Ansatz des Forschungsprojekts ein und hat einen Beitrag mit dem Thema „Qualitative und quantitative Methoden kombinieren. Mixing Methods zur Erforschung von Familienritualen“, verfasst.
  • Der systematisch-theoretische Teil schließt ab mit einem Artikel von Kurt Schori. „Kinderperspektiven rekonstruieren. Theoretische Empirie am Beispiel.“

Der zweite Teil des Bandes bezieht sich auf „Materialien und Analysen.“ Sechs Beiträge setzen sich mit einzelnen konkreten Dimensionen von Ritualen auseinander.

  • Roland Hauri und Christoph Morgenthaler umgrenzen: „Lebensstile und Familienrituale. Zur sozialstrukturellen Einbettung von Taufe, Weihnachtsfeier und Abendritual.“
  • Christoph Müller verdeutlicht den Stellenwert von „Taufe. Nicht-Reziprozität der Eltern-Kind-Beziehung und religiöse Kompetenz der Kinder.“
  • Maurice Baumann wirft einen Blick auf die „Weihnachtsfeier. Kindheitskultur der kreativen Konformismus.“
  • Christoph Morgenthaler wiederum untersucht: „Abendrituale. Wenn Kinder und Eltern gemeinsam Rituale kreieren.“
  • Sabine Zehnder und Christoph Morgenthaler wenden sich in ihrem Beitrag dem Verhältnis der Generationen zu: „Familienrituale und Religiosität im Vergleich der Generationen.“
  • Dieser Hauptteil schließt mit einem Artikel von Kurt Schori zum Thema „ Rituelles Handeln mit Gegenständen auf der Basis ihrer symbolischen Bedeutung.“

Im dritten Teil ziehen Christoph Morgenthaler und Roland Hauri Bilanz und leiten aus der Untersuchung und den einzelnen Beiträgen „Schlussfolgerungen und offene Fragen“ ab.

Zielsetzung und Methodik

Dieses Buch strebt an eine Lücke in der Familienforschung schließen. Die Autorinnen und Autoren wollten mit ihrem Band „ Inhalte, Formen und Funktionen von Familienritualen“ erfassen. Sie beanspruchen, dass mit ihren Beiträgen wichtige Rituale erfasst und „ihre Einbettung in die soziale Umgebung und in die Abfolge der Generationen untersucht und ihre Auswirkung auf die Beteiligten genauer bestimmt“ worden sei.

Ziel sei es zu erfassen, „welche Lebensperspektiven und Praxisräume Familienrituale heutigen Kindern eröffnen und welche Bedeutung solche Rituale für das Verhältnis der Generationen besitzen“ (S.11).

Es gehe auch darum, Defizite in der Sozialberichtserstattung in der Schweiz bezüglich Kindheit, Jugend und Generationenbeziehung zu schließen.

Im Grunde verfolgt dieser Band, der sich bewusst auf die Darstellung der Thematik in der Schweiz fokussiert, drei Hauptaspekte:

Zum einen sollen „innerfamiliäre Formen der Konstruktion von Kindheit in einer intergenerationellen Perspektive thematisiert werden“ und zum anderen „werden rituelle Prozesse in Familien als Kristallisationspunkte von kindlicher Aktivität, Kinderleben und Kindheitsbildern verstanden.“

Aus Sicht der Verfasserinnen und Verfasser verschränkt sich damit drittens „eng (…) eine religiöse Komponente: „ Mit den untersuchten Ritualen sind häufig auch religiösen Inhalte und Praktiken verbunden“ (S.13).

Diese Themen werden nach Auffassung der Autoren in der deutschsprachigen Kindheitsforschung bisher vernachlässigt.

Als Akzentsetzung ihres Forschungsfragestellung und der einhergehenden theoretischen Perspektive umgrenzen Morgenthaler/Hauri:

  1. Da in Familien generationelle Ordnung hergestellt, inszeniert und gelernt werden, ist der Blick auf konkrete Formen und Prozesse die das Leben der Kinder bestimmen, wichtig. Familienkindheit wird zwar in den letzten Jahren stärker thematisiert, es fehlt jedoch die dezidierte Analyse von Ritualen, die das Zusammenleben in Familien prägen. Dazu gehört auch die Betrachtung der familialen Religiosität.
  2. Die Erfassung familiärer ritueller Praktiken trägt zu einem vertieften Verständnis von Kindheit bei. Hier zeigen sich gesellschaftliche Strukturen, aber auch die Handlungsmacht von Eltern und Kindern.
  3. Rituale sind auch Ausdruck und Transportmittel von Religiosität. Trotz aller „Brechungen“ in der Moderne zwischen Religiosität und familialen Alltag beeinflusst Religiosität in „nachvollziehbarer Weise grosse[1] und kleine Ereignisse im Kinderleben“ (S.14).
  4. „In Familienritualen werden kulturelle Traditionsbestände und gesellschaftlich regulierte Interaktionsmuster greifbar“ (ebd.).
  5. Zwar entwickeln sich Kindheits- und Ritualforschung ungefähr zeitgleich, in den 1970er- und 1980er-Jahren, so werden sie bisher selten aufeinander bezogen.

Untersuchungsdesign

Insgesamt erfasst die Untersuchung drei Typen der Familienrituale:

  1. Taufen,
  2. Weihnachtsfeiern und
  3. Abendrituale.

Diese drei Dimensionen von Ritualen, die bewusst ob ihrer religiösen Bezugs gewählt wurden, „wurden vornehmlich mit qualitativen Methoden“ untersucht:

  • Interviews,
  • Feldbeobachtung,
  • Dokumentenanalyse.

Diese exemplarischen Einzelanalysen wurden durch zwei quantitativ orientierte Studien ergänzt.

Zusammen ergibt aus der Sicht der Verfasserinnen und Verfasser diese Methodenkombination als – „Mixed Methods Research“ zu verstehen - „ein mehrspektivisches Bild von Ritualen, ihrer kontextuellen Einbettung, ihrer generationellen Abfolge, ihrer familiären Inszenierung und ihrer Bedeutung für Kinder und Eltern“ und „offenbart gleichzeitig, wie begrenzt der empirische Zugriff auf die komplexe Wirklichkeit familiärer Ritualisierungen und kindlicher Lebensperspektiven ist“ ( S.17).

In einem ersten Survey wurden 1344 Familien im Herbst 2005 mit einem sechs- oder neunjährigen Kind „ zu ihrem Lebensstil sowie zu rituellen Praxisformen und Deutungsmuster bezüglich Taufe, Weihnachtsfeier und Abendritual befragt“ (S.79; 81ff). Methodisch handelte es sich um ein geschichtetes Zufallsverfahren.

In einem zweiten Survey wurden fast 400 zwölfjährige Kinder und ihre Eltern unter „dem besonderen Blick, den Kinder für die intergenerationale rituelle Praxis ihrer Familien entwickeln“ erfasst, „eine Leitfrage des ganzen Forschungsprojekts“ (S.80).

Theoretisch lehnt sich dieses Forschungsprojekt an das Lebensstilkonzept an, um die sichtbaren, alltagskulturellen Verhaltensweisen abzubilden.

Hier geht es vor allem um „eine Lebensstiltypologie von Familien“ (S.83).

Zur Analyse wird die Typologie „der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) mit den „Items zum Freizeitverhalten, Musikgeschmack und zu den Fernsehinteressen übernommen“ (S.85).

Die umgrenzten sechs Lebensstile wurden dann zu den drei Ritualdimensionen in Bezug gesetzt und die jeweilige – Bedeutung – der Taufe, der Weihnachtsfeier und der Abendrituale herausgearbeitet. Das Ergebnis überrascht nicht: Es „wird in Bezug auf die Lebensstile ersichtlich, dass sich Familien mit unterschiedlichem Lebensstil auch hinsichtlich der Ritualgestaltung voneinander unterscheiden“ (S.105).

Die Bedeutung und der Verlauf des Weihnachtsfest wurde in einer qualitativen Teilstudie anhand halb standardisierter, biografisch orientierter Einzelinterviews von insgesamt 18 Familien erfasst, „ wenn möglich mit beiden Elternteilen, je einem Großelternteil mütterlicher- und väterlicherseits sowie einem neunjährigen Kinde“ (S.141).

Hier wird u.a. deutlich, dass sich Kinder nicht nur mit einer Statistenrolle zufrieden geben, sondern, „sie möchten sich das Weihnachtsritual als eine konkrete und aussergewöhnliche Lebenssequenz aneignen“ (S. 152): Sie sind durchaus Akteure.

Im Teilprojekt Abendrituale wurden 17 ganz unterschiedliche Familien mit mindestens einem fünfjährigen Kind detailliert erfasst. Methodisch werden die Erkenntnisse aus einer inhaltsanalytischen Auswertung von Videoaufnahmen an drei aufeinander folgenden Abenden mit Elterninterviews ergänzt und auf die quantitativen Daten im Survey bezogen. Hinzu kam der spezielle Ansatz des „video-based-recalls“, d.h. eine sequentielle Befragung der Eltern zu den aufgenommenen Abendsequenzen.

Bisher wurden solche abendlichen Szenen selten empirisch untersucht.

Auch hier wird deutlich, dass die scheinbar fest gefügten Handlungsschemata auf „dem Hintergrund dieser Leitvorstellungen mit den Kindern‚“immer neu ausgehandelt werden muss“ (S.173), sie ko-konstruieren Abendrituale im Detail. Es handelt sich also hier um ein „reflexives Ritual“. Die Bedeutung der Abendrituale für den Sozialisationsprozess hier insbesondere in ihrer Bildungsfunktion betrachtet, tritt hervor und es lassen sich „familiale Beziehungen entschlüsseln“ (S.185).

In der zweiten quantitativen Untersuchung wurden 398 zwölfjährige Kinder und ihrer Eltern schriftlich befragt. Basis war hier eine Zufallsstichprobe. Die Erhebung erfolgte über Schulklassen, die nach einem Zufallsverfahren ausgewählt wurden, und enthielt Fragen zu Weihnachten, Abendessen, Geburtstagen, Wochenenden, Familienzusammenkünften und soziostrukturellen Merkmalen (S.188). Zugrunde lag der „Family Ritual Questionnaire (FRQ)“ von Fiese/Kliene (1993).

Hier ging es vor allem um die intergenerationelle Kontinuität und Differenz in der Wahrnehmung von Ritualen.

Dazu gehörte auch nach dem Verhältnis von Familienritualen und Familienreligiosität zu fragen und ob es eine mehrgenerationale Tradierung von Religiosität gäbe. Offensichtlich „korrelieren die Werte zwischen den Generationen in einem erheblichen Ausmass miteinander“ (S.204).

Diskussion

Die Autoren hoffen mit ihrer Publikation „innerhalb der Kindheitsforschung besondere Akzente gesetzt“ zu haben. „Nicht die Entgrenzung des Generationenengagements, nicht Kindheit jenseits des Generationenverhältnis (…) oder neue Institutionalisierung der Kindheit im ausserfamiliären Bereich wurde thematisiert, sondern Kindheit innerhalb jenes primären familiären Raums, in dem Kinder grundlegende Erfahrungen sammeln und der für ihre Sozialisierung und Subjektwerdung von grosser Bedeutung ist“ (S.235) wurde untersucht.

Zugleich geht es auch um die „Verschränkung von Ritual und Religiosität.“ „Es lässt sich (...) an vielen Punkten nachweisen, dass für Rituale auch in heutigen Familien ein Transzendenzbezug konstitutiv ist“ (S.240).

Die Kombination verschiedener Methoden der Analyse ist bemerkenswert. Daraus ergibt sich ein differenzierter Blick auf Formen von Kindheit und Kinderleben. Die Autoren räumen als mögliche Schwäche „eine gewisse Unterbestimmheit der theoretischen Konzepte Ritual, Religion und Kindheit“ (S.243) ein, betonen jedoch gleichzeitig, dass diese Pluralität der Zugänge den Blick auf die Vielfalt von Lebens- und Glaubensperspektiven eröffnet hat.

Der Stellenwert dieser Veröffentlichung ist für eine Betrachtung der Bedeutung von Ritualen für die Sozialisation, Bildung und Erziehung von Kindern bemerkenswert.

Auch die Erkenntnis, Kinder als Akteure innerhalb des Familiensystems zu betrachten, nicht nur als zu Erziehende, korrespondiert mit neueren Studien zu Lebenslage von Kindern. Die gerade publizierte 2. World-Vision-Studie greift deshalb auch auf den capability-Ansatz zurück, der die Handlungsbevollmächtigung von Kindern aufgreift und ihre Sicht zur Gestaltung ihres Lebens betont und erfasst. Hier zeigt sich die Aktualität der von den Autorinnen und Autoren gewählten Perspektive.

Der Blick auf die Verknüpfung von Religiosität und Ritualen ergibt sich aus der Zuordnung der Untersuchungsgruppe zum Institut für Praktische Theologie in Bern. Sicherlich wäre die Analyse von Ritualen über die drei gewählten Dimensionen hinaus sinnvoll. So z.B. Geburtstage, Mahlzeiten. Gerade letzteres würde wahrscheinlich auch Hinweise auf soziale Problemlagen eröffnen.

  • Gibt es in bestimmten Lebenslagen überhaupt Alltagsrituale?
  • Findet überhaupt ein gemeinsames Essen statt?
  • Welche Verbindung gibt es zwischen Lebenslagen und Ritualen?
  • Welchen Stellenwert haben Rituale für die Ausprägung und Einübung geschlechtsspezifischer Verhaltens- und Sichtweisen?

Die beim Taufritual angesprochene Geschwisterdifferenz wäre sicherlich ein weiteres wichtiges generelles Analysethema. Vielleicht sollte man bei der Untersuchung von Abendritualen den Blick stärker auf ihre Funktion den Tag zu beenden lenken, um einen Übergang zum Schlafen zu schaffen, also weniger den transzendentalen Aspekt zu sehen, denn den, die Ruhephase angemessen einzuleiten. (Der Rezensent weiß als Vater um die Bedeutsamkeit, ein Ende der Tagesaktivitäten der Kinder zu finden). Gerade hierbei haben Rituale einen wichtigen, entlastenden Stellenwert!

Fazit

Diese Hinweise schmälern nicht die Leistung des Sammelbandes, sich dem Forschungsthema vielschichtig angenähert zu haben und multiperspektivische Ergebnisse aufweisen zu können.



[1] In der Schweiz wird auf die ß-Schreibweise verzichtet.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 20.07.2010 zu: Christoph Morgenthaler, Roland Hauri (Hrsg.): Rituale im Familienleben. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 263 Seiten. ISBN 978-3-7799-1550-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9728.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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