Anissa Norman: "Migrationshintergrund ist halt auch irgendwie Thema"
Anissa Norman: "Migrationshintergrund ist halt auch irgendwie Thema". Eltern mit Migrationshintergrund im Kontext der stationären Kinder -und Jugendhilfe. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. 195 Seiten. ISBN 978-3-8255-0767-1. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR, CH: 38,00 sFr.
Reihe: Pädagogik - 35.
Thema
Wie der Titel schon ausdrückt, steht der Migrationshintergrund von Eltern im Kontext der stationären Jugendhilfe im Zentrum. Damit beleuchtet die Autorin ein Thema, das in der Debatte um Migration ein eher randständiges Dasein führt. Den Anspruch ihres Buches formuliert Anissa Norman, 1983 als Kind britischer Eltern geboren und zweisprachig aufgewachsen, mit den speziellen Bedingungen, Ressourcen und Erwartungen an interkulturelle Elterarbeit. Das besondere Interesse legt sie dabei auf den Umgang von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern mit dieser Thematik. Die Begründung für ihren Forschungsansatz, den sie mit qualitativen Interviews angeht, liegt in der von ihr benannten Forschungslücke an entsprechenden Forschungsarbeiten zur Sicht von Familien und Eltern mit Migrationshintergrund.
Untersuchungsanlage
Die Untersuchung zu Eltern mit Migrationshintergrund ist vor allem qualitativ angelegt und in Literaturanalysen eingebettet. Die Autorin widmet sich zu Beginn des Buches den ihre Publikation tragenden Themen, wie Migrationshintergrund, Heimerziehung, Elternarbeit, Hilfen zur Erziehung, migrationsspezifischen Faktoren in der Heimerziehung und kulturspezifischen Ansätzen des Umgangs mit Menschen und deren Migrationshintergründen. In die qualitative Befragung sind sieben Interviews mit Personen, die professionell in stationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen arbeiten sowie einer Mutter eingegangen. Sie fanden alle in Baden-Württemberg statt. Ein konfessionsspezifischer Vergleich von Trägern, der ursprünglich angestrebt war, erfolgte nicht, weil die Bereitschaft zur Teilnahme (sechs Diakonische Einrichtungen, eine von der Caritas) trägerspezifisch zu homogen ausfiel. Die Anlage der Untersuchung und die Einbettung der Ergebnisse fußen auf der aktuellen theoretischen Diskussion zum Thema.
Aufbau
Die Autorin geht mit ihrer Studie den klassischen Weg: theoretische, Vorbereitung, Forschungsdesign mit Ablauf der Studie, Inhaltsanalyse, Auswertung mit Kommentierung, Fazit. Die inhaltlich orientierte theoretische Einbettung legt die Autorin auf 39 Seiten dar, das Forschungsdesign mit Ablauf der Studie umfasst 9 Seiten, während die Inhaltsanalyse in Anlehnung an Mayring 70 Seiten umschließt. Die zusammenfassende Betrachtung mit Fazit und Schlussbetrachtung erfolgt auf 40 Seiten.
Ergebnisse
Die Ergebnisse der Studie präsentiert die Autorin mit einer Kombination von aus ihren Interviews entnommenen Aussagen und einer Kommentierung durch herangezogene Fachliteratur. Dies sei exemplarisch - aufgrund der äußerst umfangreichen Untersuchungsaspekte - anhand einiger Ergebnisse beleuchtet: Auf der Basis ihrer eigenen Forschungsarbeit stellt die Autorin zum Beispiel fest, dass, was das Eingehen auf Problemdefinitionen und Einstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund angehe, nur geringe Informationen erarbeitet werden konnten (s. S. 157). In Konfrontation mit der von ihr herangezogenen Fachliteratur stellt sie ein paar Zeilen weiter fest, dass zwar ein Respektieren der Gründe für Verhaltensweisen von Kindern und Eltern durch die Pädagogen festgestellt werden könne, doch eine daraus resultierende Haltung selten eingenommen werde (s. ebd.). Bezüglich der Eltern gegenüber den Pädagogen seien weitere Forschungen notwendig oder – wie sie es angeht – ein Rückgriff auf Literatur geboten, weil Motive für unterwürfige und defensive Haltungen nicht genügend geklärt werden konnten. Theoretische Konzepte bzw. Aufarbeitungen fänden in der Praxis der Pädagogen fast gar nicht statt, um beispielsweise „hybriden Identitäten“ mit ihrer Ressource „Mehrsprachigkeit“ adäquat begegnen zu können (s. S. 160). Die befragten Fachkräfte seien sorgsam darauf bedacht, Pauschalurteile zu vermeiden (s. S. 163), während ihnen gleichzeitig ein mangelndes Hintergrundwissen zu Diskriminierungen via Literatur zugewiesen wird (s. S. 162, 164). Die Fachkräfte aber bewegten sich damit in einem Spektrum, das nur durch einen Anstoß von außen eine interkulturell sensiblere Herangehensweise geöffnet werden könne (s. S. 164).
In der Schlussbetrachtung findet sich eine Einschätzung der Ergebnisse durch die Autorin: Die Untersuchung könne helfen, unbewusst und ungewollt wirkenden Ausgrenzungsmechanismen bewusst zu machen und weiterführende Handlungsoptionen aufzuzeigen (s. S. 166). Bezüglich der von ihr aufgenommenen Problematik schlägt Norman vor, interkulturelle Öffnungsprozesse durch finanzielle Anreize zu bestärken, wofür zunächst das Interesse der Pädagogen gefördert werden müsste (s. S. 164).
Diskussion
Zu dem Buch „Migrationshintergrund ist halt auch irgendwie Thema“. Eltern mit Migrationshintergrund im Kontext der stationären Kinder- und Jugendhilfe“ von Anissa Norman lassen sich zwei Einschätzungen anführen:
1. Aufgrund der Anlage der eigenen Untersuchung von Frau Norman, vor allem aber wegen der geringen Teilnehmerzahl, kann nur „irgendwie Thema“ im Titel auftauchen. Die Ergebnisse aus den Interviews allein geben recht wenig her, weil wahrscheinlich die Fragen in den Interviews zu direkt gestellt sind. Ein „Umweg“ über zunächst allgemeine Fragen zu sozialen, kulturellen, ökonomischen und symbolischen Kapitalien von Kindern und deren Eltern wäre wahrscheinlich erfolgreicher gewesen, um an (Vor-) Urteile gegenüber Migranten heranzukommen. Die relativ oberflächlichen Ergebnisse aus den Interviews, deren Zahl aber auch zu gering ist, um damit von „den“ Pädagogen zu sprechen haben nur durch den Kunstgriff der Kommentierung eine solch breite Würdigung verdient. Erst die erweiternde Kommentierung mit sehr guten Literaturbezügen gibt außerordentlich eindrucksvolle Einblicke in die Themenstellung.
2. Viele inhaltliche Aspekte des Buches sind als Analysekriterium zum gewählten Thema sehr wertvoll (z. B. kulturelle Kolonisierungsabsichten, allgemein kulturvergleichende Positionen, Familialismus, dynamisches Kulturverständnis, mittelschichtsorientierte Beratungsansätze, Biographiearbeit, Andersartigkeit vs. Fremdheit, Habitusstrukturen und, und, und). Insofern bietet das Buch sehr viel Positives zum Thema. Deutlich wird vor allem auch, dass das Professionsverständnis der Pädagogen gegenüber „ihren“ Kindern und Eltern mit oder ohne Migrationshintergrund zu wünschen übrig lässt. Eine allgemeine Theorieferne und ein relativ geringes Reflexionsvermögen von Pädagogen lassen sich bezüglich des Themas nicht nur zwischen den Zeilen herauslesen.
Fazit
Wer einen gut reflektierten Literatureinstieg in das Thema sucht, ist mit dem Buch gut bedient. Wer ein sich Winden der Pädagogen mitlesen möchte, macht ebenfalls keinen Fehler. Wer jedoch eine klassische empirische Studie mit eigener Aussagekraft erwartet, wird zumindest leicht enttäuscht sein. Die interviewten Personen bilden nur eine sehr kleine Gruppe, die bei voreiligen Generalisierungen zur Verzerrung von Ergebnissen beitragen kann. Die Einbettung der Interviews in theoretische Grundlagen zum Thema und deren kommentierende Einschätzung mit der herangezogenen Literatur bilden trotz der geäußerten Kritik einen gelungenen Kaufanreiz.
Rezensent
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 19.10.2010 zu: Anissa Norman: "Migrationshintergrund ist halt auch irgendwie Thema". Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. 195 Seiten. ISBN 978-3-8255-0767-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9729.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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