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Matthias Horx: Das Buch des Wandels

Cover Matthias Horx: Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2009. 380 Seiten. ISBN 978-3-421-04433-4. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Die Welt neu erfinden – der wandelbare Mensch

Beim Mix aus Euphorie, Optimismus und Pessimismus, der unser privates und öffentliches Bewusstsein kennzeichnet und sich in Stimmungen ausdrückt, wird den Deutschen oft nachgesagt, sie seien Miesepeter und Kritikaster und ließen die Portion Zuversicht vermissen, die notwendig sei, damit die Menschheit überleben und sich weiter entwickeln könne. Die „Leichtigkeit des Seins“ wird nicht selten überdeckt durch die (gefühlte und wirkliche) „Bürde der Alltagslast“. Es ist die Last und die Lust, die uns Menschen hin- und her reißt, die uns, wie Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik zum Ausdruck gebracht hat, „sich freut, woran man soll, und hasst, was man soll“. Philosophen, Anthropologen und Zukunftsforscher haben sich immer wieder an diesem Popanz gerieben und haben dafür oder dagegen ihre eigenen Fragen nach dem Sinn des Lebens der Menschen gestellt. Die vielfältigen und kontroversen Antworten jedoch bündeln eine Gewissheit, die in der Alltagsbewältigung oft genug zu kurz kommt, um pessimistische oder gar fatalistische Gedanken zu überdecken: Der Mensch ist ein wandelbares Wesen! Er ist in der Lage und fähig, sich zu (ver)ändern, körperlich, geistig und sozial. Appelle zur Veränderung gibt es genug; und Einrichtungen, wie etwa der Club of Rome, fordern immer wieder zum Wandel heraus, lokal und global. Die von den Vereinten Nationen einberufene Weltkommission für Kultur und Entwicklung hat 1995 in ihrem Bericht aufgefordert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Peter Sloterdijk stemmt diese Anforderung mit seiner direkten Ansprache: „Du musst dein Leben ändern!“ (siehe die Rezension).

Autor und Entstehungshintergrund

Der Soziologe, Schriftsteller, Zukunfts- und Trendforscher, Leiter des Zukunftsinstituts Kelkheim bei Frankfurt/M, Matthias Horx, der sich gerade daran macht, mit seiner Familie am Stadtrand von Wien ein FUTURE EVOLUTION HOUSE zu bauen, um Design und Technik für die Zukunft im realen Alltag zu leben (siehe http://www.horx.com), ist ein gefragter Berater, wenn es darum geht, wie Menschen wirtschaftlich, politisch und ökologisch ihr Leben ändern sollten und die Angst vor der Zukunft durch eine echte Wandlungsfähigkeit zu ersetzen. Dabei ist es ihm wichtig zu erkennen, dass Veränderungen, die aus äußeren, politischen, gesellschaftlichen oder auch individuellen Zwängen entstehen und zur Anpassung zwingen, nicht gleich Wandel ist, der sich „durch einen Prozess der freien Wahl, der aufsteigenden Freiheit, des wachsenden Bewusstseins uns selbst zu verändern“ darstellt: „Wandel heißt, dass wir uns mit Hilfe der vielfältigen Veränderungen der Welt auch innerlich verwandeln“. Mit insgesamt zehn Kapiteln geht der Autor diese schwierige Argumentation an, indem er sich mit den Einstellungen der „Alarmisten“ genau so auseinandersetzt, wie mit denen der „Stoiker“, und natürlich auch mit denen der „Besserwisser“. Das Bild von der (hässlichen) Raupe, die zum (wunderschönen) Schmetterling wird, dient ihm dazu, die Möglichkeiten des Wandels aufzuzeigen, aber auch die des bewussten Wollens als menschliche Eigenschaft der Zustimmung zu einem guten Leben zu verdeutlichen.

Aufbau und Inhalt

Über die Möglichkeiten, Kompetenzen, Wege und Irrwege der menschlichen Wandlungsfähigkeiten nachzudenken, erfordert einen Blick in die Geschichte der Menschheit und Zivilisation. Dazu braucht es nicht einmal groß angelegte historische Analysen. Die anthropologische Beobachtung von Völkern, die heute noch ähnlich wie die Vorfahren leben, die !Kung etwa (das Ausrufezeichen vor dem Namen des Volkes, das im kargen Buschland in Botswana, Namibia und Südafrika lebt, soll den Schnalz-Laut in der Sprache ausdrücken), gibt uns eine Ahnung davon, wie naturangepasstes, nachhaltiges Leben früher ausgesehen hat. Der Weg der Menschheit von den Jäger- und Sammlerkulturen hin zum „Big Man“, der „Macht-euch-die-Erde-untertan“ - Ideologie, der „Stadtluft-macht-frei“- Hoffnung, der Industrialisierung und Spezialisierung, bis hin zum lokalen und globalen „Immer-weiter-immer-schneller-immer-mehr-immer-höher“- Denken beschreibt der Autor nicht als Menetekel, sondern als sachliche Darstellung einer scheinbar logischen, unabwendbaren Entwicklung. Ob es die Menschenopfer waren, die von den indianischen Stammeskulturen auf der Halbinsel Yukatan zur Besänftigung der strafenden Götter dargebracht wurden, oder die mörderischen Kriege über die Jahrhunderte hinweg, immer sind es aggressive Kulturen der Angst und die Kulturen des Scheiterns, die apokalyptische Situationen herbeiführen. Gegenübergestellt werden dabei „Zyklen des Fortschritts“ als Formen eines schnellen und graduellen Wandels. Die Analyse von einer adaptiven Kultur, die basiert auf Lebensbedingungen, wie eine das Überleben der Menschen sichernde Umwelt, eine gemeinsame symbolische Sprache, sinnstiftende, angstbannende Rituale, wirksame Sanktionen und ein bewahrendes, kollektives Gedächtnis, hin zu einer dynamischen Zivilisation, mit verbindlichen sozialen Normen und als verbindlich akzeptierte Ethiken, einer adaptiven Gesetzgebung, einem funktionierenden Ordnungs- und Verwaltungssystem, Gewaltenkontrolle und –teilung, sowie einem motivierenden Leistungsethos, verdeutlicht die Spannweite von Fortschritt und Krise. Immerhin, so der Autor, es sind die Krisen und Brüche im Entwicklungsprozess, die den Wandel bewirken. Dabei werden die Krisen in der Menschheitsgeschichte, bis hin zu den aktuellen Kapitalismus-, Finanz- und Wirtschaftskrisen, erklärt als „Störungen, die dann entstehen, wenn bestimmte Steuerungs- und Selbstorganisationen nicht mehr funktionieren“. Da kommt ein erstaunlicher pessimistischer Zug in die Argumentationskette zwischen Heilung und Resilienz: „Der Mensch ist ein Krisenwesen“. Wie er damit umgeht, hat etwas zu tun mit der Psychologie des Daseins. Ob er sich den Angst- oder den Belohnungskaskaden hingibt, hängt mit den Stimmungen, Zuständen, Umständen und sozialen Bindungen ab, die Ablehnungen schaffen oder Anerkennungen bieten. Es sind die wirkenden Sog- oder Zugfaktoren, die den Wandel im Leben der Menschen verankern; Sog als Massen-, Abhängigkeits- und Mentalitätsproblem, oder Zug als individuelle und soziale Gestaltung: „Wandel fällt leichter, wenn wir ihn in überschaubaren, definierten Gruppen vollziehen, in denen jeder Einzelne Gesicht und Stimme und Präsenz aufweist“. Ein gelingender Wandel hat etwas mit Wachstum zu tun; nicht das vom Mammon getriebene, vom Ehrgeiz zerfressene und auf Egoismus aufbauende Wachstum, sondern das Wachsen und Entwickeln der Persönlichkeit. Dazu stellt Matthias Horx eine Reihe von Methoden und Strategien vor, wie der Mensch von „Wellness zu Selfness“ gelangen kann. Es sind dabei nicht die raffinierten und angepriesenen Glückseins-Ratgeber, die den Menschen Glück suggerieren, sondern Tricks, die es zu durchschauen gilt; mit dem Werkzeug, das uns Menschen zu Menschen macht: dem Denken. Wir müssen das Denken neu denken! Indem wir reflektieren und fluid denken. Am besten eben nicht in unserem stillen Kämmerlein und allein, sondern mit anderen Menschen kooperieren. Dabei spielt das Zauberwort „Empathie“ eine entscheidende Rolle, individuell und gesellschaftlich, lokal und global.

Wer über die Notwendigkeit, die Chancen und Möglichkeiten des Wandels nachdenkt, darf natürlich nicht den ökonomischen Wandel vergessen. Das Bild von der auf dem freien Spiel des Marktes funktionierenden Wirtschaft, das den an- und eingepassten produktiven Menschen erfordert und bei dem ein stetiges (hemmungsloses ) ökonomisches Wachstum grundgelegt ist, ist überholt. Die „Grenzen des Wachstums“, wie sie in den Berichten an den Club of Rome schon 1972 prognostiziert wurden, zeigen sich heute als Bedingung für die Weiterexistenz der Menschheit. Das „Ende der linearen Wertschöpfung“ ist erreicht. Mit dem Begriff der „Wissensökonomie“ wird der ökonomisch-soziale Wandel eingeläutet, mit Herausforderungen, die einen Perspektivenwechsel in allen Bereichen menschlichen Denkens und Handelns erfordern. Die Frage, „was wirklich glücklich macht“, kann und darf heute nicht mehr damit beantwortet werden, das Haben (Erich Fromm) in den Mittelpunkt zu stellen; es muss vielmehr ein nachhaltiges Bewusstsein entstehen (vgl. dazu auch: U. Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit, 2010, vgl. die Rezension) und die Bereitschaft und Fähigkeit für ein zivilgesellschaftliches Dasein der Menschen überall in der Welt entwickelt werden.

Fazit

Mit dem Obama-Slogan „Yes we can“ kennzeichnet Matthias Horx seine Vision von einem menschengerechten, nachhaltigen und gelingenden Wandel. Dass die Vision keine unerfüllbare Illusion sein muss, macht er am Beispiel des Wandels nach der Krise in Island deutlich. In den zahlreichen Beispielen, die er über gelingenden und scheiternden Wandel bringt, wird immer wieder deutlich: Es bedarf der Phantasie, der Kreativität und des aktiven Mittuns jedes Einzelnen in den nationalen und globalen Gesellschaften. Die Mauern und Todesstöße jeder Wandlungsbereitschaft und –fähigkeit sind die „Ohne-mich“ – Standpunkte und die bequemen Einstellungen: „Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht“, wie auch: „Das-haben-wir-noch-nie-so-gemacht“, und: „Da-könnte-ja-jeder-kommen“. So zeigt sich in der Aufforderung, sich den Herausforderungen zum gesellschaftlichen, ökonomischen, individuellen, kulturellen und mentalen Wandel aktiv und kreativ zu stellen, dass es möglich, sinnvoll und nützlich ist, das Leben zu lernen (vgl. dazu: Luc Ferry, Leben lernen, 2009, Rezension); denn die Angst vor dem Leben, wie die Unfähigkeit human zu leben, blockiert das wandelbare Wesen Mensch!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.07.2010 zu: Matthias Horx: Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2009. ISBN 978-3-421-04433-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9735.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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