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Jens Qvortrup (Hrsg.): Structural, Historical, and Comparative Perspectives

Cover Jens Qvortrup (Hrsg.): Structural, Historical, and Comparative Perspectives. Emerald Group Publishing Limited (Bingley BD16 1WA) 2009. 382 Seiten. ISBN 978-1-84855-732-1.

Preis: 69.95 Pound.

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Thema

Der hier zu besprechende Band erschien in einer Reihe, die sich soziologischen Studien zu Kindheit und Jugend widmet. Der Band selbst ist auf die soziologische Kindheitsforschung konzentriert. Gemeinhin werden in dieser Forschung heute drei Varianten unterschieden:

  1. eine Soziologie der Kinder,
  2. eine dekonstruktive Kinder- und Kindheitssoziologie und
  3. eine strukturelle Soziologie der Kindheit.

Die Soziologie der Kinder widmet sich der Untersuchung des Alltagslebens, der Erfahrungen und des Wissens der Kinder und rückt die Kinder als Interpreten und Akteure ins Zentrum; sie arbeitet vornehmlich mit ethnografischen Methoden. Die dekonstruktive Kinder- und Kindheitssoziologie setzt sich in ideologiekritischer Weise mit den dominierenden Vorstellungen vom Kind und entsprechenden Normsetzungen und Institutionalisierungen auseinander, die sie als historisch gebundene soziale Konstruktionen begreift, hinter denen sich bestimmte, in der Gesellschaft dominierende Interessen (von Erwachsenen) verbergen; sie arbeitet vornehmlich mit diskursiven und semiotischen Methoden. Die strukturelle Soziologie der Kindheit sieht in Kindheit ein relativ dauerhaftes Element im (modernen) Sozialleben (während dieses für individuelle Kinder eine vorübergehende Lebensphase darstellt), das sich in seiner Bedeutung für Aufrechterhaltung und Wandel gesellschaftlicher Ordnungen mit den Kategorien Klasse und Gender (soziales Geschlecht) vergleichen und parallelisieren lässt.

In der letztgenannten Variante soziologischer Kindheitsforschung, der sich der vorliegende Band widmet, stehen nicht die wirklichen, lebendigen Kinder mit ihren je spezifischen, gelebten und erfahrbaren Kindheiten im Fokus des Interesses. Es wird nicht geleugnet, dass es sie gibt, aber sie werden in der speziellen Kategorie Kindheit zusammengefasst. Ihre spezielle Aufgabe sieht die strukturelle Soziologie der Kindheit darin, das, was im gelebten Alltag der Kinder beobachtet wird, zu den gesamtgesellschaftlichen Kontexten in Beziehung zu setzen. In makrosoziologischer Analyse werden die Kinder materiell, sozial und kulturell als eine generationale Gruppe mit spezifischen kollektiven Interessen konstruiert und ans Licht gebracht.

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber des Bandes, Jens Qvortrup, in Norwegen ansässiger dänischer Soziologe, ist einer der markantesten Vertreter der strukturellen Soziologie der Kindheit. Er will mit dem Buch zu einem „breiten strukturellen, historischen und vergleichenden Verständnis von Kindheit“ (S. XV) beitragen. Diese von ihm als „Makro-Perspektive“ bezeichnete Forschungsrichtung sieht er nicht in absolutem Gegensatz zu Forschungsrichtungen, die die Kinder als kompetente und handelnde Akteure in den Blick nehmen (meist gefasst unter dem Begriff der „Agency“), aber gleichwohl in der bisherigen Kindheitsforschung zu wenig repräsentiert. Die in dem Band versammelten 12 Beiträge stammen von Autorinnen und Autoren aus den USA, Großbritannien, Norwegen, Italien und Deutschland. Der Intention des Herausgebers entsprechend folgen sie einer strukturellen Perspektive, aber etwa die Hälfte der Beiträge schließt auch die Agency-Perspektive mit ein, sei es indem sie Kinder, sei es indem sie Erwachsene als Akteure mit in den Blick nehmen.

Der Band wird eröffnet mit einem programmatischen Beitrag des Herausgebers unter dem Titel „The development of childhood: Change and continuity in generational relations“. In ihm begründet er, warum die bisher dominierenden Theorien über die Entwicklung von Kindern zumindest ergänzt werden müssten durch eine Theorie der Entwicklung von Kindheit als sozialer, im historischen Wandel begriffener Formation. Sein Blick ist auf die mit der Industrialisierung in Europa entstehende Kindheit und ihre seitdem zu beobachtenden Kontinuitäten und Brüche gerichtet. Paradigmatisch macht er diese an den „obligatorischen Tätigkeiten“ der Kinder fest, die er als Arbeit versteht (er gebraucht hierfür den englischen Begriff „child work“, vermutlich um die negativen Konnotationen zu vermeiden, die im Englischen mit dem Ausdruck „child labour“ verbunden sind und im deutschen Ausdruck „Kinderarbeit“ in undifferenzierter Weise reproduziert werden.) Wie schon in früheren (teilweise auch ins Deutsche übersetzten) Aufsätzen betrachtet er den obligatorischen Schulbesuch der Kinder als eine „moderne“ Form von „child work“, die an die Stelle der aus materiellen Gründen „obligatorische“ körperliche Arbeit von Kindern getreten sei. Während er die Kontinuität darin sieht, dass die Kinder weiterhin zu Tätigkeiten verpflichtet werden, die für die Reproduktion und Entwicklung der Gesellschaft bedeutsam sind, sieht er den Wandel darin, dass sie nun als „school work“ im Sinne der Produktion von „Humankapital“ praktiziert werden. Die Quintessenz seiner Überlegungen besteht darin, dass die Kinder, indem sie von der Gesellschaft verlangte und benötigte Leistungen erbringen, für die älteren (und nachfolgenden) Generationen einen Nutzen erbringen, ohne dass dieser die angemessene symbolische und materielle Anerkennung findet. Aus seiner Sicht läuft dies auf eine moderne Form der Ausbeutung der jüngeren durch die älteren Generationen hinaus, die grundlegende Prinzipien sozialer Gerechtigkeit verletzt.

Um einen Überblick über die in den Beiträgen des Bandes behandelten Themen zu geben, liste ich zunächst die Überschriften auf und versuche dann, den nicht leicht zu erkennenden roten Faden und die wichtigsten Unterschiede zwischen einigen Beiträgen zu skizzieren.

  • Do ideas matter? Changes in policies concerning children and families in Germany and Norway (Thomas Olk)
  • Children and distributive justice between generations (Vegard Johannsen)
  • Poverty and human resources for children in the United States and selected rich countries (Donald J. Hernandez, Nancy A. Denton, Suzanne Macartney, Victoria L. Blanchard)
  • Children’s agency in politically divided societies: The case of Northern Ireland (Madeleine Leonard)
  • Confiscated time: Are children allowed to manage their own time? (Maria Carmen Belloni)
  • Making sense of child labour in modern society (Paul Close)
  • The value of children – Fertility, personal choices and public needs (An-Magritt Jensen)
  • Children’s right to vote: The missing link in modern democracies (Luigi Campiglio)
  • Too many children left behind: The inadequacy of international human rights law vis-à-vis the child (Alison M.S. Watson)
  • Children as bearers of the dream (Richard H. de Lone)
  • Childhood: Normalization and project (Giovanni B. Sgritta)

Alle Beiträge beziehen sich ausschließlich auf die relativ wohlhabenden Länder des Nordens. Die Autorinnen und Autoren eint, dass Kinder in diesen als „modern“ oder „entwickelt“ verstandenen Gesellschaften im Verhältnis der Generationen nicht die Anerkennung finden, die sie verdienen, und nicht in einer als sozial gerecht zu verstehenden Weise an den materiellen Gütern und gesellschaftlichen Prozessen teilhaben können. Sie setzen damit einen Kontrapunkt zu der noch immer dominierenden Vorstellung, dass die moderne Kindheit die beste und am weitesten fortgeschrittene aller denkbaren Kindheiten sei.

Ein Teil der Beiträge ist stärker auf die ungerechte Verteilung der materiellen Güter bezogen, ein anderer auf die problematischen Aspekte in den Begrenzungen der persönlichen Autonomie und der politischen Teilhabe der Kinder.

In einigen Beiträgen werden Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern vorgenommen, wobei hinsichtlich der Verteilung der materiellen Güter (paradigmatisch festgemacht an „Kinderarmut“) teilweise große Unterschiede zwischen den Ländern und in (leider nur zwei) Beiträgen auch zwischen Kindern verschiedener sozialer und ethnischer Herkunft sowie verschiedenen Geschlechts konstatiert werden. Hierbei greifen die Autor/innen ausgiebig auf statistische und andere quantitative Erhebungen zurück, die allerdings – besonders im Falle amtlicher Statistiken – auch als unzulänglich für die generationenspezifische Analyse kritisiert werden. In einigen Beiträgen werden auch die Folgen der ungerechten Verteilung materieller Güter für die demographische Entwicklung angesprochen.

In den Beiträgen, die sich mit der Teilhabe der Kinder an gesellschaftlichen Prozessen befassen, wird durchgängig eine strukturelle und rechtliche Benachteiligung der Kinder konstatiert (paradigmatisch festgemacht an der Verweigerung einer ernstzunehmenden und politisch relevanten Bürgerschaft), die bis zu dem Vorwurf reicht, die Kinder auf subtile Weise zu gängeln und sogar zu versklaven. Vor allem in den Beiträgen, die sich mit politischer Partizipation befassen, wird darauf aufmerksam gemacht, dass das überkommene bürgerliche Kindheitsbild dazu beiträgt, das faktische Involviert-sein von Kindern in politische Prozesse zu übersehen und ihre Anerkennung als politische Akteure zu behindern (hier zeigen sich fließende Übergänge zur dekonstruktiven Kinder- und Kindheitssoziologie).

Die beiden den Band abschließenden Beiträge sind Nachdrucke von Veröffentlichungen aus den Jahren 1979 (de Lone) und 1987 (Sgritta). Der Herausgeber hat sie aufgenommen, weil sie wesentlich dazu beigetragen haben, die strukturelle Soziologie der Kindheit zu begründen und in umfassender Weise auf deren Sinn und Notwendigkeit aufmerksam machen. In beiden Beiträgen wird deutlich, dass die strukturelle Perspektive wichtige Einsichten nicht nur in die systemische Benachteiligung von Kindern vermitteln kann, sondern auch in die Kurzsichtigkeit einer Kinderpolitik, die mehr soziale Gerechtigkeit durch die individuelle Modellierung der Kinder erreichen will. Besonders der Beitrag von Richard de Lone macht dies (hier an der liberalen US-amerikanischen Politiktradition) auf eindrucksvolle Weise klar: „If we Americans wish children to reap the equality of opportunity that is so honored a goal of our society, we must address an issue that has, ironically, been obscured by our focus on equality of opportunity; we must attempt to create greater equality of social condition directly, not indirectly through children. (…) Many aspects of children’s policy in this country have been more an effort to use children to resolve deep-seated tensions and contradictions in adult society than a genuine effort to help children themselves.” (S. 277)

Diskussion

Der Band gibt einen relativ umfassenden Überblick über die Spannweite der strukturellen Soziologie der Kindheit und ihre Erkenntnismöglichkeiten. Dabei fällt auf, dass strukturelle Analyse in sehr verschiedener Weise verstanden werden kann.

Folgende Fragen scheinen mir besonders wichtig zu sein:

  • Wie kann vermieden werden, dass das Verständnis von Kindheit als sozialer Formation im Generationenverhältnis nicht mit einer Nivellierung der sehr unterschiedlichen Lebensverhältnisse von Kindern einhergeht?
  • Wie kann vermieden werden, dass die strukturelle Perspektive als eine Art Schicksal verstanden wird, und aus dem Blick gerät, dass diese Strukturen selber von Menschen gemacht sind und verändert werden können?
  • Schließlich, in welcher Weise sind Kinder selbst an solchen Prozessen als Akteure beteiligt und welche Voraussetzungen sind erforderlich, um eine solche Beteiligung zu ermöglichen und zu erweitern?

Nicht alle, aber die meisten Beiträge des Bandes stellen sich diesen Fragen und versuchen darauf Antworten zu finden.

Die strukturelle Analyse hat den Vorteil, dass sie die materiellen Verhältnisse und die sozialen Kontexte mit in den Blick nimmt und weder die Kinder als freischwebende Individuen, noch ihre Rechte als aus sich selbst heraus wirksam versteht. Doch sie wird darauf achten müssen, Kinder (ebenso wie Erwachsene) nicht bloß als eine Art Funktion gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse zu sehen. Einige Beiträge tappen in diese Falle, wenn sie unkritisch sozialpolitische Theorien reproduzieren, die Kinder als (potenzielles) Humankapital betrachten, wie etwa die „social investment theory“, an der die Europäische Union seit Jahren unverändert ihre auf die „Förderung“ der jungen Generationen bezogenen Politikansätze ausrichtet (ausgedrückt in der Vorstellung vom „citizen-worker of the future“).

Dieses Risiko scheint mir auch gegeben zu sein, wenn die „obligatorischen Tätigkeiten“ von Kindern umstandslos als Arbeit verstanden werden. Die entsprechenden Beiträge verfolgen damit zwar die lobenswerte Absicht, die Leistungen der Kinder, die sie in der Schule erbringen, zu würdigen und ihre Anerkennung zu erreichen. Aber es geht dabei verloren, dass Arbeit mehr ist und mehr sein kann, als eine „systemimmanente“ (Qvortrup, S. 24) und von außen erzwungene Notwendigkeit, sondern auch eine Tätigkeit, die aus freien Stücken und unter würdigen Bedingungen ausgeübt, dem eigenen Leben Sinn und Perspektiven vermittelt. Auf solche Aspekte weist nicht nur die Geschichte der Arbeiterbewegungen hin, sondern sie werden auch von den neueren Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher des globalen Südens emphatisch artikuliert.

Ein Grundproblem des Bandes besteht denn auch darin, dass er den Blick fast ausschließlich (mit Ausnahme des Beitrags von Alison Watson) auf die wohlhabenden, als modern verstandenen Gesellschaften des globalen Nordens richtet. Seine Grundintention ist zwar eine kritische, und er stellt die Vorstellungen von der „modernen Kindheit“ als beste als denkbaren Kindheiten in Frage, aber insgeheim leistet er der Illusion Vorschub, sie sei der am weitesten fortgeschrittene Ausdruck einer unausweichlichen Entwicklung. Einem Band, der zu einem breiten strukturellen, historischen und vergleichenden Verständnis von Kindheit beitragen will, hätte es gut angestanden, auch den unvoreingenommenen Vergleich mit Kindheiten des Südens anzuvisieren und die Probleme zu benennen, die sich aus der „Globalisierung“ des Musters moderner Kindheit in den Teilen der Welt ergeben, in denen die große Mehrheit der Kinder heute lebt.

Fazit

Ein informativer, zum Nachdenken anregender Überblick über verschiedene Ansätze und Forschungsergebnisse der strukturellen Soziologie der Kindheit, der sowohl ihre Erkenntnismöglichkeiten als auch (nicht immer absichtlich) ihre Beschränkungen und Risiken sichtbar werden lässt.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
European Network of Masters in Children´s Rights (ENMCR) c/o Internationale Akademie an der FU Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 20.08.2010 zu: Jens Qvortrup (Hrsg.): Structural, Historical, and Comparative Perspectives. Emerald Group Publishing Limited (Bingley BD16 1WA) 2009. 382 Seiten. ISBN 978-1-84855-732-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9738.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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