Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Michael Klassen: Was leisten Symstemtheorien in der Sozialen Arbeit?

Cover Michael Klassen: Was leisten Symstemtheorien in der Sozialen Arbeit? Ein Vergleich der systemischen Ansätze von Niklas Luhmann und Mario Bunge und deren sozialarbeiterische Anwendungen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2004. 298 Seiten. ISBN 978-3-258-06658-5. 36,00 EUR, CH: 58,00 sFr.

Besprochenes Werk kaufen


Das Thema

Das Buch beschäftigt sich mit der Fragestellung, welches die zentralen Merkmale der systemischen Paradigmen des deutschen Soziologen Niklas Luhmann und dem hierzulande wenig bekannten argentinischen Physiker und Philosophen Mario Bunge sind und versucht aufzuzeigen, wie sie Eingang in die Theorien Sozialer Arbeit gefunden haben. Es handelt sich dabei um die leicht gekürzte und überarbeitete Dissertation des Autors.

Zum Autor

Dr. Michael Klassen ist zur Zeit Leiter des FH-Studiums "Soziale Arbeit", MCI-Management Center Innsbruck, Internationale Fachhochschulgesellschaft mbH, Österreich.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel.

  1. Kapitel 1 führt sehr kurz in die Fragestellungen des Buches ein.
  2. Das große 2. Kapitel beschäftigt sich mit den systemtheoretischen Paradigmen von Luhmann und Bunge. Der Autor skizziert dafür eingangs kurz die Biografien der beiden Protagonisten, stellt kurz die historischen Entwicklungsphasen der Systemtheorien vor, um dann in einem ersten Schritt das jeweilige allgemeine Wissenschafts- und Theorieverständnis von Luhmann und Bunge zu rezipieren. Daran schließt sich eine Darstellung der jeweiligen Wirklichkeitsauffassung an. In einem nächsten Schritt arbeitet Klassen die Systemdefinitionen und die Hauptbegriffe beider Systemtheorien heraus. Für Luhmann sind dies die Unterscheidung von System und Umwelt, Soziale Systeme, Sinn und Kommunikation, funktionale Analyse sowie binäre Codierung. Bei Bunge, der eine Theorie des "Emergentistischen Systemismus" entwickelt hat, stehen die Begriffe System und Emergenz im Mittelpunkt. Abgerundet wird dieses Kapitel durch eine Betrachtung des jeweiligen Menschen- und Gesellschaftsbildes bzw. über Wertfragen in den Theorien.
  3. Das 3. Kapitel beschäftigt sich mit der Relevanz der beiden Systemtheorien für die Soziale Arbeit. Dabei wird Luhmann selbst nur kurz behandelt, im Folgenden jedoch mehr die Beiträge von Baecker, Bommes und Scherr, Eugster, Hillebrandt und Fuchs in der Nachfolge von Luhmann. Da sich Bunge selbst nicht zur Sozialen Arbeit geäußert hat, werden hier stellvertretend die Gedanken von Staub-Bernasconi aufgezeigt, die Bunge gemeinsam mit Werner Obrecht im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat.
  4. Das 4. Kapitel thematisiert die Soziologie Sozialer Probleme und damit ein zentrales Konfliktfeld zwischen dem Soziologen Luhmann und seinen Nachfolgern einerseits und der Soziologin Silvia Staub-Bernasconi andererseits. Ganz im Sinne von Staub-Bernasconi zeigt Klassen hier auf, dass das Luhmannsche Sozialarbeitstheoriemodell als ein "Abwärtsmodell" sozialarbeiterischer Theoriebildung bezeichnet werden kann, weil die gesellschaftliche Perspektive vor- und die Menschen nachrangig seien (Seite 197 ff.). Dem gegenüber steht - von Staub-Bernasconi herausgearbeitet - ein Bungesches Sozialarbeitstheoriemodell, das als "Aufwärtsmodell" skizziert werden kann, da es den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
  5. Im 5. Kapitel versucht der Autor aufzuzeigen, wie Sozialarbeitstheoretische Anwendungen in der Tradition von Luhmann und Bunge am Beispiel von Sozialen Problemen der Aussiedler in Deutschland möglich sind. Eingangs werden hier kurz Zuwanderung, Integrationsmaßnahmen und Soziale Probleme von Aussiedlern skizziert. Im nächsten Schritt werden Probleme von Aussiedlern und Lösungsansätze im Lichte der beiden Systemtheorien beleuchtet. Da Luhmann selbst zum Thema Migration nicht geforscht hat, werden hier stellvertretend die Positionen von Bommes bzw. Bommes und Scherr behandelt. Weil Gleiches für Bunge zutrifft, sind es hier die Positionen von Obrecht und Staub-Bernaconi, die behandelt werden. Es folgt dann ein exemplarisches Beispiel aus Detmold, bei dem sehr verkürzt Angaben über Aussagen einer einzelnen Sozialarbeiterin gemacht werden, bevor dann eine Analyse und Kritik des jeweiligen Zuganges auf dem Hintergrund beider Systemtheorien geleistet wird.
  6. Im 6. Kapitel zieht Michael Klassen ein Fazit, was die beiden Systemtheorien für die Soziale Arbeit und eine Sozialarbeitswissenschaft leisten können. Dabei kommt er für sich zum Ergebnis, dass der Luhmannsche Ansatz wenig Nutzen bringt, während der Ansatz von Bunge in der sozialarbeiterischen Anwendung weitaus mehr leisten kann.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für Menschen, die sich auf der Basis eines guten Grundwissens in systemischer Theorie für eine Vertiefung soziologischer Positionen im Rahmen von Systemtheorien interessieren.

Fazit

Dem Buch kommt das Verdienst zu, einen spannenden Vergleich zweiter Systemtheorien anzubieten, bei dem der eine Protagonist in der Szene relativ wenig bekannt ist. Zu bedauern ist dabei, dass speziell der zu entdeckende Bunge selbst so wenig zu Wort kommen konnte. Wenn man anerkennt, dass es das Verdienst der Schweizer Obrecht und Staub-Bernasconi ist, diesen Theoretiker bei uns eingeführt zu haben, wäre es auch denkbar gewesen, diese beiden Personen für den Bungeschen Ansatz gleich dorthin zu stellen, wo sie im Text sowieso stehen: im Mittelpunkt. Aber auch bei Luhmann gilt, dass seine Nachfolger mehr Raum einnehmen als der Meister selbst. Speziell in den Zusammenfassungen und im Fazit wird dabei Klassens Parteilichkeit überdeutlich. Dies ist legitim, wirft aber im Rahmen einer Dissertation bei Staub-Bernasconi etwas den Verdacht auf, dass das Ergebnis wohl sehr früh feststand.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Bünder
Fachhochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf. Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 07.12.2004 zu: Michael Klassen: Was leisten Symstemtheorien in der Sozialen Arbeit? Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2004. 298 Seiten. ISBN 978-3-258-06658-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/975.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Helmut Lambers: Systemtheoretische Grundlagen Sozialer Arbeit

Dieter Kreft, Ingrid Mielenz (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Erzieher/in oder Sozialpädagoge (w/m) für Kinderheim, Freising

Fachberater/in für Kindergärten, Köln

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.