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Georg Cleppien, Ulrike Lerche (Hrsg.): Soziale Arbeit und Medien

Cover Georg Cleppien, Ulrike Lerche (Hrsg.): Soziale Arbeit und Medien. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 236 Seiten. ISBN 978-3-531-16481-6. 34,95 EUR.

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Thema

Die zunehmende Bedeutung von Medien sowohl in den Lebenswelten der Adressaten als auch in der Profession der Sozialen Arbeit stellt den Anlass für diesen Sammelband dar. Er vereinigt verschiedene, durchaus heterogene Aspekte der Thematisierung von Sozialer Arbeit und Medien, deren Gemeinsamkeit im jeweiligen Blick auf Konsequenzen für die Soziale Arbeit bestehen soll. (S. 16) Im Zentrum stehen die Begriffe von Medienkompetenz und Bildung, es werden aber auch Problembereiche wie Gewaltwirkungen und exzessiver Mediengebrauch, sowie der Wandel der Profession durch den Einsatz von Medien in der Onlineberatung und bei Klientendokumentationen behandelt. Der Band „will einen Beitrag zur systematischen Auseinandersetzung mit Medien im Kontext Sozialer Arbeit leisten“ (S.16). Es wird ein breites Themenspektrum aufgezeigt, das für Soziale Arbeit relevant werden kann.

Herausgeber und Herausgeberin

Georg Cleppien vertritt eine Professur für Sozialpädagogik an der Universität Rostock und Ulrike Lerche ist eine ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin. Es ist somit nicht absehbar, dass dieser Sammelband in ein längerfristiges Veröffentlichungskonzept eingebunden wäre, das zur systematischen Erfassung des Gegenstandes führen würde, wozu sicher weitere Aufsätze folgen müssten. Den Herausgebern ist es aber gelungen, erfahrene Vertreter aus Medienpädagogik und Sozialer Arbeit aus Fachhochschulen und Universitäten sowie gefragte Nachwuchswissenschaftler hier zu versammeln.

Aufbau

Die verschiedenen Beiträge sind in einer plausiblen Struktur angeordnet, nach der das Verhältnis von Medien und Sozialer Arbeit auf vier Ebenen thematisiert wird:

  • auf gesellschaftlicher (I),
  • auf professioneller (II.),
  • auf Ebene der Adressaten (III.) und
  • auf organisatorischer Ebene (IV).

Den Bereichen werden vier Kapitel mit unterschiedlich vielen Beiträgen (2-4-6-2) zugeordnet und der Begriff „Herausforderung“ in die Überschrift genommen. Die Ebene der Adressaten erscheint dann beispielsweise als „III. Sozialpädagogische Herausforderungen Neuer Medien.

Um den Überblick zu behalten, werden die Beiträge der entsprechenden vier Kapitel hier durchnummeriert.

Inhalt

I. Gesellschaftliche Herausforderungen des Aufwachsens

Im I. Abschnitt untersucht Franz-Joseph Röll (I.1) die Rolle der Medien im Sozialisationsprozess von Kindern und Jugendlichen, wo sie längst eine „Schlüsselfunktion“ (S. 23) eingenommen haben. Er fasst das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen aus aktuellen Studien zusammen.

Gerahmt wird dies durch den Begriff der Lebenswelt, der dem sozialökologischen Ansatz von Dieter Baacke (1987) folgt und der Differenzierung nach H. Zeiher (1983). Knapp wird der Strukturwandel der Familie gestreift und vermutet, dass das Internet heute dazu dient, sich von der Familie abzunabeln. Zugleich wird in der Herkunftsfamilie das Konsummuster entscheidend geprägt. Die grundlegenden Bedürfnisse von Jugendlichen scheinen sich seit Jahrzehnten nicht verändert zu haben, heute gibt es aber vielfältige Möglichkeiten der Selbstdarstellung und Identitätssuche über das Internet und Zugehörigkeit kann in Communities gesucht und gefunden werden. Die schwachen Freundesbeziehungen werden dabei als besonders wertvoll erachtet, weil über sie auch die eigenen Kreise verlassen werden können. Weitere positive Aspekte der Mediennutzung werden im Erwerben von Schlüsselqualifikationen gesehen, die eher durch informelles Lernen mit Medien denn in Bildungsinstitutionen erworben werden. Medienkompetenz herauszubilden und nicht der Faszinationskraft von Medien zu erliegen, wird als große Herausforderung dargestellt, bei der Eltern und Pädagogen sich als „Navigatoren verstehen [sollten] die den Heranwachsenden helfen selbstgesteuert die Risiken zu bewältigen“. (S. 35) Zuvor waren die Risken als Medienmissbrauch bzw. misslungener Mediengebrauch charakterisiert worden.

Auch Ulrich Deinet (I.2 ) bezieht sich auf das sozialökologische Zonenmodell von Baacke und das Verinselungstheorem von Zeiher bei seinen Überlegungen zur „Aneignung öffentlicher und virtueller Räume durch Jugendliche“. Diese Ansätze gilt es zu aktualisieren. Mit Martina Löw (2001) wird dargestellt, dass sich „jugendliche Lebenswelten in einem Geflecht von realen physikalischen und virtuellen Räumen entfalten.“ Während Löw die Diskontinuität bei der Raumerfahrung hervorhebt, entwickelt Deinet die These, dass „auch eine Vorstellung vom Raum, die einem fließenden Netzwerk vergleichbar ist [entsteht]“. Die Überlegungen werden mit der Bezugnahme auf öffentliche Stadträume und das Aneignungskonzept (Leontjew 1973 / Holkamp 1983) fundiert. Auch virtuelle Räume werden von den Jugendlichen nach diesen Kriterien angeeignet. Raum ist hier (mit Kurt Bader 2002) mit dem Begriff Sozialraum näher bezeichnet, und bedeutet „die erschlossenen und genutzten sozialen bedeutsamen Handlungszusammenhänge“. (S. 40) Deinet muss zum Schluss offen lassen, ob die Nutzung des virtuellen etwas mit der Verdrängung von Jugendlichen aus dem öffentlichen Raum zu tun hat.

II. Professionelle Herausforderungen der Arbeit mit Neuen Medien

Der II. Abschnitt beginnt mit einer Arbeit von Bernward Hoffmann, „Medienpädagogische Kompetenz in der Sozialen Arbeit“ (II.1), die das Verhältnis beider Disziplinen bestimmt und zugleich Handlungsorientierung geben will. Zunächst wird der zentrale Begriff der Medienpädagogik, Medienkompetenz, wie er von Dieter Baacke formuliert wurde ausgeführt und durch Ausführungen aus der „Europäischen Charta für Medienkompetenz“ ergänzt. Im zweiten Schritt wird der Gegenstandsbereich von Sozialer Arbeit bestimmt: „Lebensbewältigung besonders in Risikosituationen“ (S. 57 ff) In der primären Orientierung an Problemen sieht der Autor eine Defizitorientierung der Sozialen Arbeit. Dagegen setzt er eine pädagogische Dimension Sozialer Arbeit/ Sozialpädagogik, die sich an Ressourcen orientiert und Lern-, Erziehungs- und Bildungschancen zur Lebensbewältigung heranzieht, was durch Medienpädagogik umgesetzt wird. Es folgt der kurze Versuch, die vier Dimensionen von Medienkompetenz mit Themen der Sozialen Arbeit zu füllen. Genauer und ausführlicher erfolgt dies in neun Punkten, die Thesen und Forderungen zugleich sind. Themen der Medienpädagogik werden als Aufgaben der Sozialen Arbeit bestimmt: z.B. Wahrnehmen der populären Fernsehformate durch die Berufsrollenträger, eigene kommunikative Kompetenz zur Öffentlichkeitsarbeit, Begleitung und Schutz gegenüber Risiken der Medienwelten bis hin zur ästhetischen Gestaltung, lokalen Aneignung und Projektarbeit.

Der Beitrag von Anja Hartung (II.2) ist bemüht, eine wissenschaftstheoretische Reflexion um Herkunft, Konzept und Reichweite des Begriffs „informelles Lernen“ vorzunehmen.

Einen weiteren theoretischen Anlauf der Erörterung der Ansätze von Medienkompetenz und Medienbildung unternimmt Ulrike Lerche (II.3.) Die aufgezeigten Defizite von Mediensozialisation in Familie und Schule sind inzwischen Gemeingut. Abschließend werden „Herausforderungen und Zukunftsperspektiven“ aufgeführt.

Hans-Joachim Gehrmann (II.4) zeigt den Stand und die Entwicklung der Onlineberatung, einem in den letzten Jahren mit dem veränderten Kommunikationsverhalten neu entstandenen Aufgabengebiet der Sozialen Arbeit, auf. Die Herausforderungen für die Soziale Arbeit werden darin gesehen, die Angebote noch zielgenauer und effizienter an die Personen mit den größten Bedarfen zu bringen. Gerade einkommensschwache, bildungsferne Schichten beteiligen sich wenig am Internet und können absehbar nur durch Vorortberatung versorgt werden. Onlineberatung hat bereits große Schritte zur Professionalisierung unternommen, wie der Autor ausführt, ohne dass sie bereits vollständig institutionalisiert ist und ihre Standards und Normen bereits universell anerkannt sind. Der Ausbau der bisher entwickelten Onlineberatungsangebote wird ausgeführt und die Akteure und die Nutzer werden vorgestellt. Gerade für den ländlichen Bereich bietet Onlineberatung wichtige Versorgungsfunktionen angesichts der Ausdünnung der Angebote im Zuge des Bevölkerungsschwundes und nachfolgend der Infrastruktur. Erfolgreiche Soziale Arbeit bedient sich zunehmend der Informationstechnologie, was manche Kollegen schrecken mag aber den Kommunikationsgewohnheiten der langsam älter werdenden Generationen der Internetnutzer, die zunehmend Nachfrager von Beratung werden, entgegen kommt. „Blended Counselling“ verbindet Online- mit herkömmlicher Beratung. Es bieten sich Vorteile für die Anbieter (z.B. für den effizienten Personaleinsatz) wie auch für die Nachfrager von Beratung. Offene Probleme werden mit den Bereichen Finanzierung, Datenschutz, Weiterbildung und Forschung aufgezeigt.

III. Sozialpädagogische Herausforderungen Neuer Medien

Der III. Abschnitt beginnt mit einer gerafften Zusammenfassung der Autoren Michael Kunczik und Astrid Zipfel (III.1) zum Stand der Forschung bezüglich der Wirkung von Mediengewalt. Die geläufigsten Wirkungshypothesen werden dargestellt und die entsprechenden Nachweise bewertet. Der Komplexität der zusammenspielenden Wirkfaktoren wird nach Darstellung der Autoren am ehesten die „Theorie des Beobachtungslernens“ (vgl. Bandura 1979) gerecht, die Kunczik/Zipfl getrennt nach Medieninhalten, Eigenschaften des Beobachters und situativen Bedingungen in einem Modell zusammenfassen. Insgesamt belegen empirische Studien nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Rezipientenaggressionen von höchstens 9% Erklärungspotential, was auch für Computerspiele gilt. Mediengewalt ist halt nur einer von vielen Wirkfaktoren. Aktive pädagogische Interventionsstrategien haben sich als erfolgreich erwiesen, wobei dargestellte Gewalthandlungen beim Coviewing von den Eltern eindeutig kommentiert werden sollten. Außerdem sollte eine Sensibilisierung für die Perspektive des Gewaltopfers herbeigeführt und schon bei sehr jungen Kindern begonnen werden.

Die Autoren Georg Kleppien/ Detlef Scholz (III.2) wenden sich gegen eine genaue zeitliche Bestimmung von problematischer Mediennutzung und postulieren die Bedingung, dass sie öffentlich oder privat auch als Problem wahrgenommen sein muss. Sie sprechen daher nicht von Computerspiel- oder Internetsucht, sondern von „Exzessiver Mediennutzung“. Sie erörtern Aspekte der Problemdefinition aus interaktionistischer Sicht. Die vorherrschende medizinisch-psychologische Sichtweise sowie die öffentlichen Dramatisierungsversuche zum Thema werden nachgezeichnet. Das Aufeinandertreffen bereits vorhandener Probleme mit den kommunikativen Möglichen der Neuen Medien bestimmen das Gefahrenpotential. Zusätzlich werden Aspekte des Spielens und der familialen Konflikthematisierung des Medienverhaltens betrachtet. Die personalen und die spielimmanenten Faktoren werden zusammen mit Rahmenfaktoren in einem Modell zusammengefasst, das Exzessive Mediennutzung als sozialen Konflikt erfasst.

Nadia Kutscher (III.3) hält fest, dass die soziale Ungleichheit im Zugang zum Internet mit der zunehmenden Verbreitung und Nutzung durch Jugendliche nicht mehr als Problem angesehen wird. Dagegen herrscht aber eine „Digitale Ungleichheit“ hinsichtlich von Nutzungsweisen und Beteiligungsverhalten. Verschiedene Studien werden als Belege für Unterschiede insbesondere entlang von Bildungsvoraussetzungen und damit vorhandenem „kulturellem Kapital“ herangezogen. Distinktion setzt sich aufgrund des Wahlverhaltens der Nutzer fort. Eine kurze Aufgabenbeschreibung wird angehängt. Sie besteht in der besseren Eröffnung von Teilhabechancen und der Vermeidung von bekannten Fehlern aus der medienpädagogischen Praxis.

Im selben Diskussionszusammenhang zeigt Alexandra Klein (III.4) Unterschiede in der Nutzung des Internets und insbesondere des Web 2.0 auf. Die ARD/ZDF- Onlinestudie belegt einen unterschiedlichen Zugang verschiedener Altersgruppen und eine Differenz zwischen den von Vielen geschätzten Möglichkeiten und der tatsächlichen Beteiligung von nur Wenigen am user-generated-content. Bei der effektiven Nutzung besteht ein Bildungsgefälle und auch die Kommunikationsformen in den Foren und virtuellen Communities produzieren eine Binnendifferenzierung entlang von soziodemographischen Merkmalen. In einem zweiten Teil werden die Ergebnisse auf soziale Onlineberatungsangebote bezogen. In einer methodisch nicht weiter ausgeführten, eigenen Studie sind überwiegend soziale Gründe von den Befragten benannt worden, die sie im Status der passiven Nutzer verbleiben lassen. Mit einem Plädoyer seitens einer „ungleichheitssensiblen und reflexiven Professionalität“ (Soziale Arbeit) bei der Etablierung niedrigschwelliger Arrangements die „machtschwächeren Akteure“ stärker zu berücksichtigen, schließt die Argumentation, zumindest auf dieser abstrakten Ebene, an den Beitrag zur Onlineberatung (Gehrmann) in diesem Band an.

Die folgenden zwei Beiträge fallen aus dem Rahmen, indem sie die theoretischen Erkenntnisse der Jugendmedienforschung in praktische Projekte der Jugendmedienarbeit einmünden lassen. Kati Struckmeyer (III.5) konzentriert sich auf ein Medium, das Handy - Jugendmedium Nr.1. Die Funktionen bei der Identitätsbildung von Jugendlichen sowie die Gefahren (Kostenfalle, Gewaltdarstellungen) werden an diesem Medium konkretisiert. Anschließend wird der Handyclipwettbewerb „Ohrenblick mal“ vorgestellt und die dazu gehörige Projektarbeit in Form eines Ablaufplans für sechs Schulstunden zum Nachmachen nahe gelegt.

Andere bewährte und auch originelle Video-, Foto- und Audioprojekte werden von Peter Holzwarth (III.6) vorgestellt. Er wendet sie in interkulturellen Zusammenhängen an, wo sie unterschiedliche Deutungsmuster und Werte diskutierbar machen und zur Integration beitragen können. Die Differenz- und Fremdheitserfahrungen haben dabei auch einige Fallstricke, die in der pädagogischen Arbeit berücksichtigt werden müssen.

IV. Öffentliche und organisatorische Herausforderungen der Nutzung von Medien

Der IV. Abschnitt verlässt die pädagogische Sichtweise auf Medien. Gleichwohl werden wichtige Bereiche der Sozialen Arbeit in den Blick genommen. Ute Straub (IV. 1) stellt fest: „Soziale Arbeit hat ein Imageproblem“. (S. 206) Und zwar hat sich ihr Bild in der Öffentlichkeit offenbar in den letzten 40 Jahren nicht wesentlich verändert, obwohl die Disziplin selbst einen starken Wandel vollzogen hat. Die Funktion, Konflikte zu mindern ist zwar anerkannt, es herrscht aber eine geringe Einschätzung der Professionalität in der Öffentlichkeit vor. Die wissenschaftliche Fundierung und die spezifischen Methoden werden ignoriert. Die Autorin fordert dazu auf, das „reaktiv-defensive“ (S. 206) Vorgehen abzulegen und die PR-Arbeit aufzunehmen. Dafür spricht bereits der öffentliche Auftrag der Sozialen Arbeit und die Interessensvertretung für das Klientel. Positive Tendenzen in Richtung Kommunikationsmanagement sind sowohl in Ausbildungsgängen an Fachhochschulen als auch in der Praxis einiger Jugendämter abzusehen. Das Image kann und muss durch eigene Aufklärung verbessert werden und die TV-Talk-Runden und Doku-Soaps müssen einbezogen werden.

Thomas Ley (IV.2) analysiert die in den letzten Jahren in den Ämtern (und auch bei Freien Trägern) eingeführten Dokumentationssysteme hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Organisationsvorgänge und das Verhältnis von professionell Handelndem und Adressat. Zugleich möchte er ein erweitertes Technikverständnis in der Sozialen Arbeit befördern (S. 220), in deren Methodendiskussion ein ausformulierter Technikbegriff fehle. (S. 227) Bilden legitimatorische Hintergründe den Anlass für die Mediatisierung der Dienstleistungen, so haben sich in der Arbeit vielfältige informationstechnische Systeme zu methodischen, fachlichen und evaluativen Verfahren sowie Instrumenten für Diagnostik und Screening etabliert. In techniktheoretischer Sicht wird kritisch betrachtet, ob denn der professionell Handelnde statt zum Experten nicht eher zum Assistenten der Software wird und wie der jeweilige Fall einer Normierung unterzogen wird. In wie weit die Software den Fall Co-konstruiert und zugleich normiert hat, wird als Aufgabe sozialpädagogischer, mikrologischer Forschung angesehen.

Diskussion

Die sich in Aufzählungen verlierende Einleitung der Herausgeber ist nicht dazu geeignet, eine Systematik des Zusammenhangs von Medien und Sozialer Arbeit aufzuzeigen und so bleiben die beiden Bereiche zunächst nur durch das Wörtchen „und“ verbunden. Bernward Hoffmann nimmt zunächst einen viel versprechenden Anlauf, indem er zentrale Bezugspunkte bestimmt: Medienkompetenz und den Gegenstand von Sozialer Arbeit - Lebensbewältigung. Dass letzteres besonders in Risikosituationen wichtig wird, muss nicht als Defizitorientierung interpretiert werden. Als Problemorientierung schon und dann treten die Chancen zur Problemlösung und die pädagogischen Unterstützungsmöglichkeiten in den Blick, wie vom Autor in einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit gefordert. Schade, dass er im Weiteren nur „Aspekte“ zusammenträgt und seine neun Punkte zur Aufgabenbestimmung nicht das ganze Spektrum der Sozialen Arbeit abdecken, sondern hauptsächlich die Teilbereiche Soziale Kulturarbeit und Ästhetik und Kommunikation.

Eine zusammenhängende Systematik sollte wohl mit diesem Band auch nicht geliefert werden. Seine Stärke besteht darin, fundierte Einblicke in verschiedene relevante Praxisbereiche zu geben, die von Fachleuten zusammengefasst wurden. In der Einleitung steht (zumindest) ein Satz, der zwar als vereinfacht bezeichnet wird, doch von bestechender Klarheit ist: „Es gibt Soziale Arbeit mit und ohne Medien.“ (S.9) Eine ähnliche Prägnanz und Fokussierung auf den Kern des Themas wünscht man sich manchmal bei etwas akademisch ausholenden Aufsätzen. So könnte die Digitale Ungleichheit mit dem Satz verbunden werden: Unterschiedliche Nutzer gehen mit dem differenzierten Medium Internet in unterschiedlicher Weise um. Es ist aber sicherlich verdienstvoll den empirischen Ausprägungen nachzugehen und Schlüsse daraus zu ziehen. Das ist bei den beiden Abhandlungen mit dem Bildungsschwerpunkt (II.2 und II.3) anscheinend weniger beabsichtigt. Vieles ist sicher auch eine Frage der Perspektive. Röll betont die Chancen durch die Internetnutzung die eigenen Kreise zu überschreiten, Kutscher und Klein betonen eher die segregierenden Aspekte. Es gibt noch einigen Diskussionsstoff in der wissenschaftlichen Community.

Persönlich bedauert der Rezensent, dass der Begriff „virtueller Raum“ letztlich rein metaphorisch bleibt, eine Verbindung zur Raumsoziologie ist hier jedenfalls nicht wirklich erfolgt. Deinet thematisiert zwar den öffentlichen Raum, der Begriff der Öffentlichkeit kommt aber zu kurz. Auch gab es schon vor dem Internet von anderen (lokalen) Medien geprägte öffentliche Stadträume.

Schon zu Anfang wurde erklärt, dass der Bereich der „Kommunikationskultur“ ausgespart bleibt. Rückwirkungen des Mediengebrauchs der Adressaten auf die Akteure der Sozialen Arbeit werden aber an verschiedenen Stellen thematisiert. Hier ruft der Gegenstand nach einem Fortsetzungsband.

Fazit

Der Sammelband gibt einen guten Überblick über Entwicklungen in einer medialisierten Sozialen Arbeit. Die medienpädagogische Diskussion wird auf Tätigkeitsfelder der Sozialen Arbeit fokussiert. Stärken liegen auch dort, wo Problembereiche knapp zusammengefasst werden (Gewaltwirkung) oder Medien das Tätigkeitsfeld von Sozialer Arbeit bereits nachhaltig verändert haben (Onlineberatung, Klientendokumentationssysteme). Es finden sich aber auch originelle Anregungen zu audio-visuellen Projekten (Handy, Integrationschancen).


Rezensent
Prof. Karl-Heinz Himmelmann
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Himmelmann. Rezension vom 12.08.2011 zu: Georg Cleppien, Ulrike Lerche (Hrsg.): Soziale Arbeit und Medien. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 236 Seiten. ISBN 978-3-531-16481-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9789.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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