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Fabienne Becker-Stoll, Julia Berkic u.a. (Hrsg.): Bildungsqualität für Kinder in den ersten drei Jahren

Cover Fabienne Becker-Stoll, Julia Berkic, Bernhard Kalicki (Hrsg.): Bildungsqualität für Kinder in den ersten drei Jahren. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2010. 268 Seiten. ISBN 978-3-589-24682-3. 21,95 EUR, CH: 39,50 sFr.
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Thema

Fabienne Becker-Stoll, Julia Berkic, Bernhard Kalicki präsentieren im Sammelband „Bildungsqualität für Kinder in den ersten drei Jahren“ wissenschaftliche und praktische Perspektiven sowie die Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung. Die Autoren beleuchten Hintergründe zur Bildungsqualität, aber auch Handlungskonzepte für die pädagogische Arbeit, z. B. zum Thema Spracherwerb, Altersmischung oder elterliche Erziehungskompetenz.

Herausgeber und Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Herausgeber des frühpädagogischen Werkes sind

  • PD Dr. Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstitutes für Frühpädagogik (IFP) und Privatdozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Bildungsentwicklung von der Kindheit bis zum Jugendalter, frühkindliche Bildungsprozesse, Qualitätsbedingungen frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung.
  • Dr. Julia Berkic, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am IFP und Lehrbeauftragte an der Ludwig-Maximilans-Universität in München. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Bindung in Paarbeziehung, Bindung und außerfamiliäre Betreuung, Psychologische Diagnostik und Familienpsychologie.
  • Prof. Dr. Bernhard Kalicki, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IFP und Professor für Frühkindliche Bildung an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Sozialisationsprozesse in der frühen Kindheit, Bildungsberichterstattung und Evaluation von Praxisprojekten.

In diesem Werk kommen neben dem Herausgeber der Reihe zahlreiche weitere Autoren zu Wort: Lieselotte Ahnert, Jay Belsky, Hans Bertram, Wilfried Datler, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Barbara Gasteiger-Klicpera, Wilfried Griebel, Nina Hover-Reisner, Karin Jurczyk, Astrid Kerl-Wienecke, Christa Kieferle, Edward Melhuish, Beate Minsel, Bernhard Nagel, Renate Niesel, Eva Reichert-Garschhammer, Susanne Viernickel, Petra Völkel, Sabine Walper, Monika Wertfein. Die Mehrzahl der Autoren dürften den in der Frühpädagogik Tätigen gut bekannt sein.

Entstehungshintergrund

Mit dem Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige bis zum Jahr 2013 (bundesweit wird es im Durchschnitt für jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz geben) sowie dem Rechtsanspruch zum selben Zeitpunkt für jedes Kind mit Vollendung des ersten Lebensjahres auf Förderung in einer Kindertageseinrichtung oder in der Tagespflege erfolgt ein massiver Ausbau an frühkindlichen Betreuungsplätzen. Neben diesem quantitativen Zuwachs die qualitativen Aspekte zu berücksichtigen, ist die Intention dieses Buches.

Aufbau

Der Sammelband beginnt mit einem einführenden Beitrag der Herausgeberin Fabienne Becker-Stoll, der die notwendige Bildungsqualität für Kinder unter drei Jahren aus entwicklungspsychologischer Perspektive erläutert. In ihrer ersten These stellt sie einen Zusammenhang zwischen Bildungsqualität und Bindungsqualität her und knüpft mit ihrer zweiten These, der Bedeutung der pädagogischen Fachkraft als Bindungsperson und Bildungsbegleiterin, daran an. Dies impliziert ausreichende Ressourcen (These 3) und teure Investitionen in die Qualität frühkindlicher Bildung (These 4), die sich volkswirtschaftlich lohnen, wie internationale und nationale ökonomische Studien zeigen.

Anschließend folgen drei thematische Abschnitte mit Beiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren.

Teil I: Nationale und internationale Forschungsergebnisse

Im ersten Teil wird der Stand nationaler und internationaler Forschung, d.h. zentrale Ergebnisse entwicklungspsychologischer Forschung sowie die Sozial- und Bildungsberichterstattung übersichtlich dargestellt.

Mit einer Übersicht der nationalen und internationalen Forschungsergebnisse im frühkindlichen Bereich beginnt Lieselotte Ahnert anlässlich der Diskussion über Wissensaneignung von Kindern. Ausgehend von aktuellen Ergebnissen der Entwicklungspsychologie bis zur Neurobiologie stellt die Autorin Ergebnisse der Bindungsforschung bis zur Bedeutung frühkindlicher Bildung dar.

Die Situation von Familien mit Kindern unter drei Jahren setzt Hans Bertram in Verbindung mit dem Wandel des Lebenslaufs von Männern und Frauen, insbesondere verbunden mit den ständig steigenden Anforderungen der Arbeitswelt an Mobilität und Flexibilität in einer globalisierten Wirtschaft - auch für berufstätige Eltern. Um der Fürsorge ihrer Kinder gerecht zu werden, bedürfen Eltern in Punkto Vereinbarkeit von Familie und Beruf familien-, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitische Unterstützung.

Im Spiegel der Statistik stellt Bernhard Nagel die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern unter drei Jahren dar. Der Autor verknüpft die soziodemografischen Daten der Kinder mit den aktuellen Entwicklungen der außerfamiliaren Betreuung unter Dreijähriger und fokussiert dabei die Pluralität der Einrichtungsarten.

Ergebnisse der NICHD-Studie in Bezug auf Effekte frühkindlicher Tagesbetreuung und Entwicklung im Jugendalter stellt Jay Belsky vor. Es besteht ein Zusammenhang zwischen hoher Qualität in den Kindertageseinrichtungen sowohl mit der kognitiv-sprachlichen Entwicklung als auch schulischen Leistungen, aber keiner für die sozio-emotionale Entwicklung der Kinder.

Edward Melhuish beschreibt in seinem Beitrag, wie in England die Entwicklung von Children´s Centres aus der wissenschaftlichen Erforschung frühpädagogischer Programme für sozial benachteiligte Kinder erfolgte. Anhand zahlreicher Ergebnisse der NESS- sowie der EPPE-Studie werden Zusammenhänge frühpädagogischer Bildungsqualität mit effektiver Bildung im Primarbereich dargestellt.

Teil II: Herausforderungen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung

Die Autoren im zweiten Teil des Buches skizieren Fragen der Qualifizierung für die pädagogische Arbeit mit Kindern unter drei Jahren und berücksichtigen dabei sowohl die beiden Betreuungssettings Familie und Tageseinrichtungen als auch die verschiedenen (hoch)schulischen Ausbildungen.

Karin Jurczyk und Astrid Kerl-Wienecke widmen sich der aktuellen Situation in Punkto Qualität und Qualifizierung der Kindertagespflege. Zwar ist eine hohe Elternzufriedenheit bezüglich der Kindertagespflege ihres Kindes zu verzeichnen, doch fehlen sowohl ein verbindlicher Qualifikationsrahmen für Tageseltern als auch fortlaufende Weiterqualifizierungsprogramme. Gefordert wird außerdem eine bessere Verzahnung von Kindertagespflege und institutioneller Betreuung durch ein qualitätsorientiertes Gesamtkonzept.

Klaus Fröhlich-Gildhoff und Susanne Viernickel untersuchen die Aspekte Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern unter drei Jahren in der fachschulischen Erzieherausbildung und den neuen frühpädagogischen Studiengängen. Im Anschluss an die Beschreibungen zentraler Qualifikationsanforderungen an frühpädagogische Fachkräfte ergeben die Analysen der Autoren, dass die frühkindliche Bildung wenn überhaupt, nur kursorisch in den existierenden (hoch)schulischen Ausbildungsstätten angeboten wird.

Renate Niesel stellt in ihrem Beitrag die Entwicklung des Medienpakets „Wach, neugierig, klug – Kinder unter 3“ und das Fortbildungshandbuch „Wach, neugierig, klug – Kompetente Erwachsene für Kinder unter 3“ vor, das aus dem englischen multimedialen Rahmenwerk „Birth to three matters“ entstanden ist. Zudem beschreibt sie deren Eingang in die frühpädagogische Praxis bzw. in die Fort-, Aus- und Weiterbildung.

Teil III: Von den wissenschaftlichen Grundlagen zur Umsetzung in der Praxis

Eine Sammlung von Beiträgen zur praktischen Umsetzung frühpädagogischer Erkenntnisse, wie Altersmischung, Eingewöhnung, Bildung in den ersten Lebensjahren, Spracherwerb und elterliche Erziehungskompetenz finden sich im dritten Teil der Publikation.

Petra Völkel beschreibt wissenschaftliche Grundlagen der erweiterten Altersmischung und zeigt dabei anhand ihrer Studie positive Aspekte durch vielfältige kognitive und soziale Entwicklung auf. Renate Niesel und Monika Wertfein nehmen die gelingende Altersmischung ins Visier und formulieren Voraussetzungen für deren Gelingen.

Das Kapitel von Wilfried Datler, Nina Hover-Reisner und Maria Fürstaller widmet sich der Qualität von Eingewöhnung als Thema der Transitionsforschung; Wilfried Griebel, Renate Hartmann und Patrizia Thomsen betonen, dass die gelingende Eingewöhnung in die Krippe auch für Eltern eine Entwicklungsaufgabe ist.

Susanne Viernickel setzt sich mit Bildung von Kindern in den ersten drei Lebensjahren aus wissenschaftlicher Perspektive auseinander. Aus Sicht der Praxis beschreiben Eva Reichert-Garschhammer, Annelie Gräser und Edeltraut Prokop, wie anschlussfähige Bildung anhand vernetzter Projekte zwischen Kinderkrippe und Kindergarten bzw. durch eine breite Altersmischung gestaltet werden kann.

Während sich Barbara Gasteiger-Klicpera auf die wissenschaftlichen Grundlagen des Spracherwerbs fokussiert, widmet sich Christa Kieferle der gelungenen Erzieher-Kind-Interaktion als Grundvoraussetzung für sprachliche Bildung und Literacy.

Im letzten Kapitel beschreibt Monika Wertfein die theoretischen Grundlagen zur Stärkung der Elternkompetenz durch Erziehungs- und Bildungspartnerschaft und als gemeinsame Aufgabe von Kindertageseinrichtungen und Eltern; wie die Stärkung der Erziehungskompetenz bei Eltern und pädagogischen Fachkräften in der Praxis gelingen kann, diskutieren Johanna Graf und Sabine Walper.

Ausblick

Verschiedene Perspektiven für die Forschung und Praxis früher Bildung von Bernhard Kalicki und Julia Berkic runden die vielfältigen Ausführungen ab.

Am Ende werden die Praxisstandorte, die „in besonders hervorragender Weise die hier dargestellten Aspekte der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung umsetzen“ (S.11) sowie die Autoren und Autorinnen in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt und ihre Forschungsschwerpunkte umrissen.

Diskussion

Der Sammelband bildet mit seinen unterschiedlichen Beiträgen einen vielseitigen Blick in die aktuellen Diskussionen, bietet nicht nur eine Zusammenfassung relevanter Ergebnisse aus internationalen und nationalen Studien, sondern lässt auch adäquate Wissenschaftler zu Wort kommen. Beiträge von Experten/-innen, z.B. renommierten Bildungsforschern und Entwicklungspsychologen wurden aufgenommen, die sich durch elementaren Praxisbezug und aktuellem wissenschaftlichen Forschungstand auszeichnen. Durch präzise Interpretation der wichtigsten Daten bspw. anthropologischer, neurobiologischer, psychologischer und pädagogischer Forschung kann das Buch als ein Standardwerk für frühe Bildung, Erziehung und Betreuung gesehen werden.

Es fällt auf, dass der Abschnitt der theoretischen Bezugspunkte den größten Teil einnimmt und somit der Fokus stärker auf der theoretischen Ebene liegt. Insbesondere im dritten Kapitel „Von den wissenschaftlichen Grundlagen zur Umsetzung in die Praxis“ wird ein gelungener Transfer der theoretischen Annahmen in Verbindung mit gelungenen Praxisprojekten sichtbar – ein deutlicher Gewinn an Transparenz - und damit ein Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis gefördert.

Durch die dargestellten internationalen Forschungsergebnisse wird belegt, welche Qualitätskriterien für eine entwicklungsangemessene Gestaltung von frühkindlicher Bindung, Bildung und Betreuung erfüllt sein müssen. Obwohl die Akademisierung der frühpädagogischen Ausbildung in Deutschland erst in Ansätzen erfolgt ist, zeigt dieses Werk, dass - neben der etablierten internationalen - die unerlässliche nationale Forschung in der Frühpädagogik sehr selbstbewusst sein kann und muss, da eine Innovation pädagogischer Praxis ohne eine kritische Selbstreflexion von Praktiken, Strukturen und Institutionen auf der Grundlage von Forschung und forschendem Erkennen kaum möglich sein kann.

Zu kritisieren ist allenfalls ganz am Rande, dass integrativen bzw. inklusiven Bildungsprozessen nur eine marginale Beachtung erwiesen wird. Auch wäre es wünschenswert, wenn einhergehend mit der Akademisierung der Erzieherausbildung nicht ausschließlich von „Ausbildung“, sondern nach der umfassenden Hochschul- und Studienreformdiskussion durch den Bologna-Prozess ab dem BA-Level mit dem forschungsorientierten professionellen Habitus von „Studium“ die Rede wäre.

Zielgruppe

Lehrende und Studierende der frühpädagogischen Studiengänge sowie der Sozialen Arbeit an Universitäten und Fachhochschulen, Studierende der Fachakademien und Fachschulen für Sozialpädagogik, Politiker/innen und Frühpädagogen in Bund, Ländern und Kommunen, Praktiker/innen der Frühpädagogik und Sozialen Arbeit vor allem Institutionen der Kinderbildung, -erziehung und -betreuung.

Fazit

Der Sammelband „Bildungsqualität für Kinder in den ersten drei Jahren“ bietet mit seinen 20 Beiträgen auf 271 Seiten ein fachlich kompetentes Grundlagenwerk zur Diskussion um Qualität in der Bildung von unter Dreijährigen und vermittelt aufgrund der Heterogenität der Beiträge einen Überblick über die Thematik. Das Buch ist insgesamt als ein wertvoller Diskussionsbeitrag zum qualitativen Ausbau der institutionellen Bildung von Kindern in der frühen Kindheit zu sehen. Die zitierten Untersuchungen sind anregend und geben vielfältige Denkanstöße für Einrichtungen, Träger sowie politisch Verantwortliche. Es ist eine gute Verbindung von wissenschaftlichen Diskussionen und Praxistransfer und gibt überdies spannende und richtungsweisende Einblicke in die derzeit aktuelle internationale und nationale frühkindliche Forschung. Dieses Buch ist ein Grundlagenwerk für die frühkindliche Ausbildung bzw. das Studium und für alle, die mit Kindern unter drei Jahren arbeiten.


Rezensentin
Dr. Monika Pfaller-Rott
Erzieherin, Dipl. Soz.päd., Dipl.-Päd. leitet den Studiengang „Bildung und Erziehung in Kindheit und Jugend“ an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt
Homepage www.ku-eichstaett.de/Fakultaeten/SWF/Lehrpersonal/p ...
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Zitiervorschlag
Monika Pfaller-Rott. Rezension vom 14.12.2010 zu: Fabienne Becker-Stoll, Julia Berkic, Bernhard Kalicki (Hrsg.): Bildungsqualität für Kinder in den ersten drei Jahren. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2010. ISBN 978-3-589-24682-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9825.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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