Christiane Rille-Pfeiffer: Kinder - jetzt, später oder nie?
Christiane Rille-Pfeiffer: Kinder - jetzt, später oder nie? Generatives Verhalten und Kinderwunsch in Österreich, Schweden und Spanien. Budrich UniPress (Farmington Hills) 2010. 189 Seiten. ISBN 978-3-940755-54-4. 19,90 EUR.
Reihe: Familienforschung - Band 21.
Thema und Entstehungshintergrund
Am Beispiel der Länder Österreich, Schweden und Spanien untersucht die Soziologin Dr. Christiane Rille-Pfeiffer die Themen Geburtenentwicklung und Kinderwunsch aus internationaler Perspektive. Im Mittelpunkt steht neben politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vor allem der individuelle and partnerschaftliche Entscheidungsprozess hinsichtlich der Kinderfrage.
Das Buch ist eine publizierte Forschungsarbeit (die Dissertation der Autorin), die im Rahmen einer internationaler Forschungskooperation von acht europäischen Ländern mit dem Titel „Family Impact Monitor Programme“ durchgeführt wurde. Ausgangspunkt der Autorin war die Frage, warum in einigen europäischen Ländern die Geburtenzahlen stabil sind, in anderen jedoch rückläufig. Sie verglich Österreich, Schweden und Spanien, da diese Länder in ihrer Heterogenität unterschiedliche Trends in Europa widerspiegeln.
Aufbau und Inhalt
Der Aufbau des Buches entspricht dem klassischen Aufbau einer Dissertation. Die Autorin beschreibt zunächst ihre Zielsetzung, die Fragestellung und das methodische Vorgehen. Beeindruckend ist die Entwicklung eines ebenenübergreifenden Erklärungsmodells für generatives Verhalten. Bereits zu Beginn des Buches zeigt sich hier die methodische Kompetenz der Autorin, der Komplexität von generativem Verhalten gerecht zu werden. Sie fasst in der Einleitung kurz, aber sehr verständlich die Entwicklung ihres Theoriemodells, die von ihr verwendete Datengrundlage, den Interviewleitfaden und vor allem das Auswertungskonzept zusammen.
Im nächsten Kapitel werden zunächst Begriffsdefinitionen vorgenommen. Im zweiten Schritt werden Einflussfaktoren zur Erklärung generativen Verhaltens wie die Bedeutung von Wohlfahrtsstaats und Familienpolitik, gesellschaftliche Normen und Werte, Faktoren, die den Übergang zum Erwachsenwerden und dem Familienbildungsprozess beeinflussen, Partnerschaft, Bildung und Erwerbstätigkeit sowie finanzielle und materielle Voraussetzungen analysiert. Im Anschluss werden Mehrebenenkonzepte zur Erklärung von generativem Verhalten erläutert. Die Autorin kritisiert, dass Theorien auf der Mikroebene (individuelle Faktoren) bzw. Makrotheorien (strukturelle Faktoren) unzureichend sind und zu einer eingeschränkten Sichtweise führen. Sie präferiert Mehrebenenmodelle, da diese wechselseitige Beeinflussungen von individuellen Entscheidungsprozessen und gesellschaftlichen Strukturen erklären, die im Folgenden erläutert werden.
In Kapitel 4 wird die Modellentwicklung zur Erklärung von Fertilitätsverhalten beschrieben und an aktuelle Forschungsliteratur angeknüpft.
Für Sozialwissenschaftler und Familiensoziologen sind die nächsten beiden Kapitel die aufschlussreichsten. Kapitel 5 beschreibt den Ist-Zustand für generatives Verhalten und fertilitätsbezogenen Einflussfaktoren in Österreich, Schweden und Spanien. Zunächst wird Zahlenmaterial zur Geburtenentwicklung wie Fertilitätsraten, Geburtenfolge, Kinderlosigkeit, Gebäralter dieser drei Länder dargestellt und verglichen. Anschließend werden Einflussfaktoren auf der Makroebene wie wohlfahrtsstaatliche Prinzipien, gesellschaftliche Normen und sowie die bereits erwähnten Faktoren geschildert und Differenzen und Ähnlichkeiten aufgezeigt. Kapitel 6 beschreibt zunächst die Methode der Qualitative Comparative Analysis (QCA), die es erlaubt, qualitative Fallvergleiche durchzuführen. Nach diesem eher trockenen Teil werden Ergebnisse der qualitativen Interviews von insgesamt 300 Paaren aus Österreich, Schweden und Spanien dargestellt. Dieser Teil ist mit ca. 8 Seiten relativ kurz geraten. Gerade da qualitative Interviews zu sehr reichhaltigem Material führen, hatte ich gehofft, hier detaillierte Ergebnisse der Interviews lesen zu können. Im dritten Teil werden vergleichende Analysen mit Hilfe der QCA durchgeführt, auch dieser Teil beschreibt zunächst detailliert das methodologische Vorgehen und schließt mit dem Fazit, dass Fertilitätsentscheidungen hoch komplex sind und nur multikausal erklärt werden können.
Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse der Interviews interpretiert und diskutiert. Für die Mikroebene wird dargestellt, mit welchen Argumenten Paare den Kinderwunsch diskutieren, wie die Entscheidung getroffen wird und welche Unterschiede es zwischen Österreich, Schweden und Spanien gibt. Für die Makroebene werden die Auswertungsergebnisse der vergleichenden Analyse beschrieben. Hier erläutert die Autorin, warum trotz hoher Bedeutung von Kindern die Geburtenzahlen sinken und wodurch sich die unterschiedlichen Entwicklungen in den drei Ländern erklären.
Fazit
Das Buch bietet vor allem Sozialwissenschaftlern und Familienforschern einen sehr guten Einblick in die Komplexität von Fertilitätsentscheidungen. Der ausführliche Methodenteil zeigt neue Forschungsansätze, um Fragestellungen auf der Mikroebene mit denen auf der Makroebene verbinden zu können und somit der Komplexität einer solchen Fragestellung wie der Kinderfrage gerecht zu werden. Die Methodenkompetenz der Autorin kommt hier deutlich zum Ausdruck. Interessant wäre allerdings gewesen, deutlich mehr Material aus den qualitativen Interviews lesen zu können, und zwar bezogen auf die kulturellen Unterschiede, auf Geschlechtsunterschiede und bezogen auf Paare, die noch keine Kinder haben und diejenigen, die bereits Eltern sind. Dann wäre das Buch auch für manche Fachkräfte, die in Paar- und Familienberatung und –therapie arbeiten, lesenswert.
Rezensentin
Dr. phil. Petra Thorn
Dipl. Sozialarbeiterin,Dipl. Sozialtherapeutin.
Tätig in eigener Praxis für Paar- und Familientherapie; Arbeitsschwerpunkte: Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, Familienbildung mit Spendersamen
Homepage www.pthorn.de
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Zitiervorschlag
Petra Thorn. Rezension vom 19.08.2010 zu: Christiane Rille-Pfeiffer: Kinder - jetzt, später oder nie? Budrich UniPress (Farmington Hills) 2010. 189 Seiten. ISBN 978-3-940755-54-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9830.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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