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Jörg Michael Kastl: Einführung in die Soziologie der Behinderung

Cover Jörg Michael Kastl: Einführung in die Soziologie der Behinderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 272 Seiten. ISBN 978-3-531-16042-9. 19,95 EUR.

Reihe: Lehrbuch.
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Thema

Der Autor geht der grundsätzlichen Frage nach, was unter Behinderung eigentlich zu verstehen ist und was genau die Soziologie damit zu tun hat. Zu ihrer Beantwortung streift er zunächst die Fachdiskurse in Biologie, Medizin, Heil-, Sonder- und Sozialpädagogik sowie in den Neurowissenschaften und konzentriert sich in seinen nachfolgenden Darlegungen auf eine empirisch orientierte Erschließung des Themas. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht das Verhältnis des (beschädigten) Körpers zur sozialen Bestimmung von Behinderung. Hier vermeidet er es sehr gekonnt, nicht in die Falle einer dichotomisierten Festlegung auf entweder eine naturalistische (Behinderung als reiner Defekt) oder eine sozial-konstruktivistische (Behinderung als ausschließlich sozial-kulturelles Phänomen) Position zu tappen, sondern vermag sehr überzeugend die dialektische Verwobenheit beider Momente deutlich zu machen.

Aufbau und Inhalt

Es beginnt mit einem Prolog, angeregt durch die Photographie eines weißrussischen Zwillingspaares, das während der Schwangerschaft der Mutter durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl geschädigt wurde. Der eine der beiden Brüder ist sichtbar behindert – er hat einen Hydrocephalus. Der andere ist gehörlos. Anhand der Wirkung, die dieses Photo beim Betrachter auslöst, problematisiert Kastl in einem ersten Schritt unsere Haltung zur Behinderung, die historisch gesehen – und hier besonders erschreckend im Hinblick auf die Vernichtungspolitik im Nationalsozialismus – schon immer von Mordphantasien begleitet war.

Im zweiten Kapitel setzt sich der Autor mit der erkenntnistheoretisch bedeutsamen Debatte um eine biologische und/oder gesellschaftliche Dimensionierung des Themenkomplexes auseinander. Anders als manchem Soziologen vor ihm gelingt es ihm, die Betrachtung und vor allem Bewertung in der Waage zu halten. Zwar spielen soziale Normen und Erwartungen eine überaus große Rolle, andererseits dürfen – gerade im Interesse der Betroffenen – körperliche Beschädigungen nicht verleugnet und als politisch unkorrekte Stigmatisierung verfemt werden. Hinzu kommt das Problem, dass präzise medizinische Fassungen nicht vorliegen. Gerade einer kritischen soziologischen Betrachtungsweise muss es hernach auf eine angemessene Berücksichtigung der Physis ankommen.

Dieser Aspekt wird im dritten Kapitel ausgiebig behandelt. Mit Bezug auf Goffmans Stigmatheorie, Bourdieus ethnographische Arbeiten zu klassenspezifisch geformten sozialen Wahrnehmungsmustern und Merlau-Pontys leib-phänomenologische Ausführungen wird die Decartessche Aufspaltung in Körper und Geist überkommen und deutlich gemacht, dass Subjektivität nicht in Opposition zum Körper steht, sondern dieser selbst responsiv auf die Umwelt reagiert. Dies ist nicht zuletzt durch die von Rizzolatti entdeckten Spiegelneuronen sowie Kandels Erkenntnis, dass sich das Gehirn unablässig durch Erfahrung verändert, belegt. Unser Körper ist sowohl gattungsspezifisch wie individuell in seinem So-Sein kontingent. Er ist nicht nur eine soziale Kategorie, sondern in erster Linie eine materielle Struktur. Körperliche Verletzlichkeit wird somit als grundsätzliche Erfahrungsmöglichkeit markiert – auch der behinderte Körper ist Zentrum von Erfahrung.

Damit wendet sich der Autor im vierten Kapitel der eher traditionellen Frage zu, was Behinderung denn nun beinhaltet. Er skizziert die gängigen Klassifikationsmodelle und unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit, auf fundierte soziologische Analysen der sozialen Ursachen von Schädigungen als Grundlage zur Theoriebildung zurückgreifen zu können.

Im nachfolgenden fünften Kapitel wird die soziale Produktion von Behinderungen untersucht. Dazu werden aktuelle Statistiken des statistischen Bundesamtes herangezogen, werden absolute und relative Deprivation auf der Basis vorliegender empirischer Studien gegeneinander abgegrenzt und wird die mögliche Korrelation von sozialer Ungleichheit und Behinderung untersucht. Hier wird deutlich, dass die Abgrenzung sozialer und außersozialer Ursachen methodisch nicht sauber zu leisten ist – selbst bei sogenannten angeborenen Behinderungen spielen soziale Faktoren eine erhebliche Rolle. Die diesbezügliche Schwäche der bisherigen sozialepidemiologischen Forschung wird unumwunden eingeräumt. Auf den Zusammenhang von sozialer Schicht und Behinderung gibt es eher verstreute Hinweise, wenngleich bei den leichten geistigen Behinderungen eine deutliche Überrepräsentanz von Unterschichtangehörigen zu verzeichnen ist. Dennoch hat weltweit gesehen die armutsbedingte Deprivation unbestreitbar einen großen Einfluss auf die Ausbildung von Behinderungen. Es ist nachgerade lebensgefährlich, sich am unteren Ende gleich welcher sozialen Hierarchie zu befinden. Je länger die Armutsexposition in der Kindheit war, desto größer sind später die Funktionseinbußen in der Leistungsfähigkeit.

Das sechste Kapitel nimmt die sozialen Reaktionen ins Visier. Ausgehend von drei Beispielen wird die Ambivalenz in der Beziehung zu Menschen (Kindern) mit Behinderung umschrieben, wobei hier eine Einbeziehung vorhandener Erkenntnisse aus dem heil- und sonderpädagogischen Spektrum sicher eine hilfreiche Argumentationshilfe gewesen wäre, diesen Aspekt noch differenzierter auszuleuchten. Die Debatte um den Inklusionsbegriff wird aufgenommen und erfreulicherweise mit kritischen Konnotationen zur Gefahr des damit gesetzten Verschwindens der Differenz versehen – man kann inkludiert, aber schlecht integriert sein. Ergänzt wird diese Punkt um den Streit zur Rolle der Sonderschule, wobei vor allem Wockens Kritik gewürdigt wird. Offen bleibt, ob Schulformen, die auf Etikettierungen verzichten, Lernbehinderungen zum Verschwinden bringen können, wobei dazu anzumerken ist, dass die Fokussierung auf solch monokausalen Wirkmechanismen sicher zu kurz greift. Überaus spannend erscheint der sich anschließende Rekurs auf die Bedeutung des Unheimlichen im Zusammenhang mit Behinderung. Hier verlässt Kastl seinen angestammten soziologischen, eher lerntheoretisch beeinflussten Standpunkt und wendet sich einem psychoanalytischen Verstehen zu: Die Konfrontation mit Behinderung ist unheimlich, weil der behinderte Mensch zugleich unser Doppelgänger ist.

Das siebte Kapitel ist den sozialen Konstruktionen gewidmet, die wiederum relativiert und als Aspekte unter anderen markiert werden. Ausgehend von Beispielen aus den Freak-Shows, die im 19. Jahrhundert aufkamen und bei denen Menschen mit körperlichen Besonderheiten auf Jahrmärkten als etwas Außergewöhnliches zur Schau gestellt wurden – und sich selbst als berufsmäßige „Performer“ verstanden –, wird die soziale Konstruktion von Behinderung veranschaulicht („Wie wär‘s, wenn wir einen Riesen aus Ihnen machen würden?“). Ganz im Gegensatz dazu stand die menschenverachtende Anschauung der Nationalsozialisten mit ihren eugenischen Programmen der Rassehygiene. Dem Soldatentum als wertvollem Leben wurde Behinderung als Status des unwerten Lebens entgegengesetzt. Allein die Kriegsverletzungen des 1. Weltkriegs wurden als legitime Form einer Behinderung davon ausgenommen.

Im abschließenden Epilog wird aus einer Soziologie der Behinderung eine Soziologie behinderter Menschen. An zwei Beispielen wird der Zusammenhang von Behinderung, sozialen Reaktionen und Konstruktionen bis hin zu den damit verbundenen Einwirkungen auf den Lebensweg eines Menschen sichtbar gemacht. Am Ende kommt der französische Psychoanalytiker Lacan zur Sprache, bei dem von den imaginären Phantasmen eines unbehinderbaren Körpers die Rede ist. Disen imaginären Verstrickungen gegenüber steht das Symbolische, welches ein Sich-Einlassen auf intersubjektive kulturelle Ordnungen erlaubt, weil es einen reflektierten Umgang mit den Ambivalenzerfahrungen, ein wechselseitiges Sich-Ansprechen von behinderten und nicht behinderten Menschen ermöglicht.

Diskussion

Das vorliegende Buch spannt einen weiten Bogen zur soziologischen Aufbereitung des Themas Behinderung. Es beginnt und endet mit persönlicher Betroffenheit und einer daraus abgeleiteten Notwendigkeit zur Reflexion. Vor allem entkommt der Autor der Gefahr einer rein akademischen, nämlich allein sozial-konstruktivistischen Betrachtungsweise jenseits der Berücksichtigung der körperlicher Komponente. Die Verknüpfung beider Positionen ist sehr gut geglückt. Vielleicht wäre, gerade mit Blick auf die Phänomenologie eines Merleau-Ponty, hier die Hereinnahme der erkenntnistheoretischen Unterscheidung von Körper und Leib dienlich gewesen, um der altbekannten Verkürzung der Vorstellung vom Körper als einer Maschine – mit allen fatalen Folgen für den Status behinderter Menschen – noch klarer entgegentreten zu können. Dies ist in der Heil- und Sonderpädagogik etwa von Mattner geleistet worden. Vielleicht ist es der einzige Mangel des Textes, auf diese Diskurse nicht eingegangen zu sein. Dass Behinderung ein relativer und relationaler Begriff ist, wurde beispielsweise von Lindmeier und Kobi präzise herausgearbeitet. Auch Jantzens bahnbrechende Analysen zur gesellschaftlichen Aussonderungspraxis oder die Anerkennungsdebatte, bei Katzenbach prägnant formuliert, hätten Aufnahme verdient gehabt. Gerade im Hinblick auf die Subjektgenese behinderter Menschen auf der einen und unbewusste kollektive Abwehrhaltungen auf der anderen Seite haben Niedecken oder Sinason vortreffliche Arbeiten vorgelegt, die sich geschmeidig ins Gesamtbild eingefügt hätten. Die empirisch begründete Argumentation von Kastl zu einer nach wie vor erschreckend stigmatisierenden Zuschreibungspraxis ist in ihrer Ausgewogenheit wiederum als überaus gelungen und hilfreich anzusehen.

Fazit

Das Werk von Kastl gewährt eine aktualisierte soziologische Sicht auf Behinderung und behinderte Menschen. Es nimmt wichtige Forschungsergebnisse aus benachbarten Wissenschaftsdisziplinen sowie die neueren Fachdiskurse auf und offenbart dem Leser eine differenzierte und reflektierte Haltung jenseits jeglicher dogmatischen Blickverengung.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 25.08.2010 zu: Jörg Michael Kastl: Einführung in die Soziologie der Behinderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16042-9. Reihe: Lehrbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9837.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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