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Carolin Butterwegge: Armut von Kindern mit Migrationshintergrund

Cover Carolin Butterwegge: Armut von Kindern mit Migrationshintergrund. Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 580 Seiten. ISBN 978-3-531-17176-0. 49,95 EUR.
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Thema

Kinderarmut stellt in der Bundesrepublik Deutschland ein großes soziales Problem dar, die sog. Armutsrisikoquote der Menschen, die unter 15 Jahre alt sind, wächst von Jahr zu Jahr und lag 2005 bei 26 %, so dass sich inzwischen ein ganzer Forschungsbereich zu diesem Thema herausgebildet hat. Zugleich ist die Armutsrisikoquote für MigrantInnen überproportional hoch. Dennoch so konstatiert Carolin Butterwegge zurecht, sind kaum sozialwissenschaftliche Auseinandersetzungen zum Thema Kinderarmut von MigrantInnen zu finden, im Gegenteil innerhalb der Kinderarmutsforschung wird sie, wenn überhaupt, nur marginal behandelt (vgl. S. 11 f.). Hier leistet das Buch von Carolin Butterwegge eine Pionierarbeit.

Autorin

Dr. Phil. Carolin Butterwegge ist Diplom-Sozialarbeiterin, Lehrbeauftrage an der Hochschule Fulda und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Landtag von Nordrhein-Westfalen.

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine Dissertation, die vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen angenommen wurde.

Aufbau

Obwohl an verschiedenen Stellen seit Beginn der 90er Jahre immer wieder festgestellt worden sei, dass „nichtdeutsche Kinder … zu den armutsgefährdetsten Gruppen innerhalb der Minderjährigen zählen“, ist die Forschungslage nach Carolin Butterwegge dürftig (S. 11). Dies wird an Hand ihrer breiten und detailreichen Sekundäranalyse deutlich, wenn sie nach Ausmaß, Erscheinungsformen und Gründen von Armut fragt.

Die Studie ist in vier große Teile gegliedert.

Teil I

In Teil I setzt sich Carolin Butterwegge mit Begriffen, Armutskonzepten und dem groben Forschungsstand zum Thema auseinander, wobei sie eine Differenzierung in drei Typen von Kindern mit Migrationshintergrund vornimmt, die durchgehend bei der Analyse orientierend sind und je nach Forschungslage von ihr weiter ausdifferenziert werden:

  1. Kinder der zweiten und dritten Generation aus den ehemaligen Anwerbestaaten
  2. Kinder aus Spätaussiedlerfamilien
  3. Flüchtlingskinder mit und ohne Aufenthaltsstatus.

Teil II

In Teil II „Analyse der Lebenslagen von Kindern mit Migrationshintergrund bzw. ihrer Familien“ wertet Carolin Butterwegge Berichte verschiedener staatlicher Stellen (u.v.a. Kinder- und Jugendberichte, Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung) aus (vgl. S. 108 f.). Nach einer kritischen Einordnung folgt sie dabei dem Ressourcenansatz (vgl. S. 25 f.) und dem Lebenslagenkonzept, wie z.B. im ersten und zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vorgenommen, um materielle sowie immaterielle Aspekte von Armut zu erfassen: Wohnsituationen, Gesundheit, Bildungsbeteiligung, soziale Netzwerke, Exklusionsrisiken u.a. (vgl. S. 33f.). Aufgrund der zum Teil heterogenen Lebenslage von Migrantenkindern entwickelt Carolin Butterwegge eine weitere Typisierung:

Zu Typ 1 zählt sie die „Kinder von Elitemigranten v. a. aus nordeuropäischen und anderen westlichen Herkunftsländern, die im Vergleich zur Gesamtbevölkerung der BRD durchschnittlich höhere Einkommen erzielen und im Vergleich zu anderen Gruppen von MigrantInnen oftmals rechtlich privilegiert sind, z.B. aufgrund eines Diplomatenstatus.

Mit „Typ 2: Im Inland geborene Kinder als bildungserfolgreiche Migrationsgewinner/innen“ bezeichnet sie eine Gruppe von überwiegend in Deutschland geborenen und sozialisierten Kindern mit einem relativ hohen Armutsrisiko und einer hohen „Bildungsmotivation, guten deutschen Sprachkenntnissen und „kulturellen Kompetenzen“ (S. 331).

Hohe Arbeitslosenquoten und niedrige Einkommen führen bei „ Typ 3: Deprivierte Kinder der zweiten bzw. dritten Generation der >ethnischen Unterschicht<“ dazu, dass häufig das von beiden Elternteilen eingebrachte Einkommen nicht für den Lebensunterhalt aller Haushaltsmitglieder ausreicht. Gründe liegen in fehlenden beruflichen Abschlüssen oder darin, dass ihre im Ausland erworbenen Abschlüsse nicht anerkannt werden, in „Diskriminierungen“ und in der „Familiengröße“. Carolin Butterwegge verweist zudem auf das Phänomen der verdeckten Armut, was auftritt, wenn aus Angst vor „aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen“ stattliche Transfers nicht beantragt werden. Folgen für Kinder zeigen sich vor allem in schulischen Problemen sowie in den Bereichen Gesundheit, Wohnen und Freizeitgestaltung. (Vgl. S. 332 ff.) Carolin Butterwegge hebt noch zusätzliche Problemlagen der Kinder von Aussiedlern hervor, wenn sie z.B. als Russlanddeutsche Diskriminierungen erfahren und/oder die Kinder die Entscheidung der Eltern für die Auswanderungen nicht mittragen und geringe „Schulerfolge“ den Einstieg in den Erwerbsarbeitsmarkt behindern (vgl. S. 334).

Für „Typ 4: Multipel deprivierte Flüchtlingskinder mit prekärem Aufenthaltsstatus“ gilt: „Offensichtlich ist, dass Flüchtlingsfamilien mit prekärem Status nicht nur fast ausschließlich zur Armutsbevölkerung zu zählen sind, sondern auch ihre Kinder im Migrantengruppenvergleich (mit Ausnahme illegalisierter Kinder) die größten Deprivationsrisiken im Wohnungs-, Bildungs- und Gesundheitsbereich sowie in der sozialen Teilhabe tragen.“ (S. 335)

Über die Kinder vom „Typ 5: Illegalisierte Minderjährige in der Rechtlosigkeit“ ist nach Carolin Butterwegge wenig bekannt. Indizien sprächen dafür, dass aufgrund der „gänzlichen Rechtlosigkeit“ dieser Gruppe von Kindern, wenn sie z. B. in der sogenannten Illegalität geboren werden, gesellschaftliche Teilhabe (in Bezug auf Kindertagesstätten, Schulen, medizinische Versorgung) verwehrt ist. Hinzu kämen prekäre finanzielle Verhältnisse, die zudem einem „normalen Kinderleben“ entgegenstehen (S. 335 f.)

Für Carolin Butterwegge weisen die genannten fünf Lebenslagentypen „vor allem auf strukturelle Bedingtheit der Lebenssituationen (bildungs)armutsgefährdeter Migrantenkindergruppen durch legislative, institutionelle und politische Vorgaben hin.“ (S. 336)

Teil III

Teil III „Ansätze zur Erklärung der hohen Armutsrisiken von Kindern mit Migrationshintergrund“ umfasst die Kapitel 6 bis 9.

Carolin Butterwegge geht zunächst in Kapitel 6 den Gründen für die überproportionale hohe Arbeitslosenquote von MigrantInnen nach und referiert die zahlreichen, nach Aufenthaltsstatusgruppen differenzierenden und unübersichtlichen den Zugang zum Erwerbsarbeitsmarkt regelnden Bestimmungen und Gesetze in ihren historischen Kontexten.

Im 7. Kapitel sucht Carolin Butterwegge nach weiteren Erklärungen für die hohen Armutsquoten von MigrantInnen in migrationssoziologischen Ansätzen zu Integrationsprozessen und in politischen Steuerungen. Die von Carolin Butterwegge ausführlich dargestellten Ansätze, die von einer Unterschichtung bzw. ethnischen Unterschichtung, einer „hierarchischen Ordnung“, die auf Herkunft basiert (S. 430), ausgehen, lehnt sie nachvollziehbar als unzureichend ab, um den prekären Lagen der ausdifferenzierten Gruppen von MigrantInnen gerecht zu werden. Auch Ethnisierungsprozesse und die Versuche Deutschland nicht als Einwanderungsland anzusehen tragen demnach zu Diskriminierungen und zur Reproduktion von Armutsrisiken bei. Die anschließende Auseinandersetzung mit Migrations- und Integrationspolitischen Maßnahmen zeigt u.v.a., wie es gelingen kann eine dereinst unter den MigrantInnen sozial und rechtlich privilegierte Gruppe, wie die SpätaussiedlerInnen, ähnlich zu benachteiligen wie andere MigrantInnengruppen.

Im 8. Kapitel setzt sich Carolin Butterwegge mit gesellschafttheoretischen Ansätzen auseinander, die neue Entwicklungen im Kontext von Globalisierungsprozessen (z. B. Ulrich Beck, Gerhard H. Beisenherz, Christoph Butterwegge) erklären. Mit einer zunehmenden Individualisierung und der Vergrößerung der Schere zwischen Armut und Reichtum sind es besonders alleinerziehende Frauen und Kinder, die vermehrt von Armut betroffen sind. Hinzu kommen die zunehmenden sozialstaatlichen Risiken, die die verschiedenen Gruppen von MigrantInnen unterschiedlich treffen und insgesamt das Armutsproblem für Migrantenkinder vergrößern.

Abgerundet wird die Analyse durch die Darstellung aktueller Ergebnisse in Kapitel 9 aus der Resilienzforschung und der Familiensoziologie in Bezug auf verschiedene Risiko- und Schutzfaktoren vor allem im Kontext des Eltern-Kind-Verhältnisses.

Teil IV

In Teil IV stellt Carolin Butterwegge abschließend elf Thesen zur Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund auf, die zum Teil allgemein gehalten sind, wie die Forderung nach einem branchenübergreifenden Mindestlohn oder bezogen auf einzelne Gruppen, wenn sie u.a. die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes fordert.

Diskussion

Die verschiedenen Typologisierungen von Migrantengruppen, die Carolin Butterwegge immer wieder entwickelt, ermöglichen eine differenzierende Sicht auf die Lebenslagen und Benachteiligungen der heterogenen Gruppe von MigrantInnen und ihren Kindern. Deutlich wird das Konglomerat von Benachteiligungen, denen die einzelnen Gruppen jeweils ausgesetzt sind, und das sie unterschiedlich trifft. Immer wieder stößt Carolin Butterwegge im Rahmen ihrer Analyse auf Forschungslücken, was z.T. ganze Gruppen betrifft, wie die Lebenslagen der Illegalisierten und ihrer Kinder oder wenn es um Bewältigungsstrategien von Migrantenkindern geht, die von Armut betroffen sind.

Leider stellt Carolin Butterwegge nur am Rande die Frage nach struktureller Hegemonie: Auch wenn die Lebenslagen der verschiedenen Gruppen von MigrantInnen heterogen sind, sich die strukturellen Bedingungen zum Teil unübersichtlich für Außenstehende darstellen mögen, stellt sich doch die Frage danach, wie (über Ethnisierung hinaus gehend) Einverständnis zu so tief greifenden Benachteiligungen und Diskriminierungen von MigrantInnen und Kindern hergestellt wird. An diesem Punkt gilt es weiter zu arbeiten und zu forschen – mit Ansätzen der Cultural Studies, mit Diskursanalysen und mit hermeneutischen Studien.

Fazit

Carolin Butterwegge bietet mit ihrer ausführlichen, nachvollziehbaren und genauen Analyse einen unverzichtbaren Überblick über die verschiedenen Lebenslagen von MigrantInnengruppen mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus und ihren Kindern. Vermeintliche Gewissheiten, z.B. über Familienformen türkischer MitbürgerInnen, geraten nach der Lektüre ins Wanken und werfen neue Fragen dazu auf, wie die Bundesrepublik Deutschland mit ihren MigrantInnen und ihren Kindern umgeht und wie dies verändert werden kann.


Rezensentin
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts, Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales, Abteilung Soziale Arbeit. Schwerpunkte: Armut/Erwerbslosigkeit, Geschlechterverhältnisse und empirische Sozialforschung und Leiterin des Masterstudiengangs Social Work.
Homepage www.hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 24.08.2010 zu: Carolin Butterwegge: Armut von Kindern mit Migrationshintergrund. Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17176-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9854.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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