Gillian Ruch, Danielle Turney u.a. (Hrsg.): Relationship-based Social Work: Discovering the Heart of Practice
Gillian Ruch, Danielle Turney, Adrian Ward (Hrsg.): Relationship-based Social Work: Discovering the Heart of Practice. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2010. 272 Seiten. ISBN 978-1-84905-003-6.
Preis: 19.99 Pound .
Thema
Diese Publikation widmet sich einer jahrzehntelang im Fachdiskurs vernachlässigten Dimension professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit: der Gestaltung der Beziehung zwischen Fachkräften und KlientInnen. Die Herausgeber wollen für diese, nach ihrer Überzeugung zentrale Kompetenz und Voraussetzung wirksamer Interventionen theoretische und praxisbezogene Überlegungen liefern.
Autoren
Zwei der Herausgeber lehren als Senior Lecturers an englischen Universitäten (Ruch/ Turney), einer der Herausgeber ist an der Tavistock Clinic in London tätig (Ward), die anderen Autoren des Sammelbandes lehren und forschen ebenfalls an Hochschulen, einige sind in leitenden Positionen in sozialen Organisationen beschäftigt.
Aufbau und ausgewählte Inhalte
Der Sammelband umfasst vierzehn Beiträge, in drei Sektionen:
- Historische und konzeptuelle Grundlagen,
- Praxisbezogene Berichte aus verschiedenen Praxisfeldern und Interventionsphasen, sowie zum Umgang mit starken Gefühlen (Wut, Feindseligkeit, Hoffnungslosigkeit, Liebe und Zuneigung) und Sektion
- mit Überlegungen zum Kontext und den Voraussetzungen gelingender Beziehungsarbeit (Organisation, Ausbildung, Supervision, etc.).
In der kurzen gemeinsamen Einleitung erläutern die drei Herausgeber die Idee hinter der Gliederung und Auswahl der Beiträge. Das Thema Beziehungsarbeit soll in neuem Licht erscheinen, indem es in den “shifting context” sozialpolitischer, ökonomischer, institutioneller, ideologischer und berufspolitischer Rahmenbedingungen eingeordnet und zugleich nach dem Grundlegenden und Beständigen gefragt wird. Dies geschieht unter bewusstem Verzicht auf eine Definition oder einen Vergleich verschiedener Definitionen, die als Bedrohung für die erwünschte Offenheit, Neugier und Nachdenklichkeit angesehen werden. Die Beziehungsarbeit soll jedoch “based in sound and coherent theory, rather than just being left to the intuition of the worker.” Die integrative Nutzung von drei Ansätzen soll dabei die Grundlagen liefern: Psychodynamische Theorien, Bindungstheorien und Systemtheorien – mit Offenheit für weitere Ergänzung, z.B. durch Empowermenttheorien (10).
Im ersten Beitrag zur Sektion I : “Historical Trends, Conceptual Models and Frameworks” widmet sich Gillian Ruch dem Thema “The Contemporary Context of Relationship-Based Practice”. Nach einer einleitenden Fallvignette, in der die schwierige Begegnung von KlientIn und Fachkraft vor Gericht bei einer Verhandlung zum Sorgerechtsentzug geschildert wird, bettet er interaktionsbezogene, biographische und aufgabenbezogene Anforderungen an die Beziehungsarbeit in ein Verständnis vom Auftrag, den Aufgaben und der Herangehensweise Sozialer Arbeit . Der “psychosocial approach“ ,die “connection between the personal and the social” (21 f.) und Probleme der Balance von Hilfe und Kontrolle (14 f.) kennzeichen danach diesen Beruf.
Der folgende Rückblick auf die theoretische und berufspolitische Diskussion der letzten vierzig Jahre zum Thema Beziehungsgestaltung verdeutlicht einen fatalen Hang zu konzeptuellen Polarisierungen. In den 70er Jahren grenzten sich zunächst sozialpolitische Ansätze wie das “Radical Social Work“ gegen eine „individualisierende“, „psychologisierende“ Methodenlehre ab. Sie setzten auf die Wirkung gesellschaftlicher Veränderungen und die Vermittlung materieller Ressourcen. In den 80er Jahren wurde die Beziehungsarbeit im Rahmen der Ökonomisierung Sozialer Arbeit, die im Rahmen des Qualitätsmanagement Effizienz- und Effektivitätskontrollen und eine EDV-gestützte Bürokratisierung mit sich brachte, als unwichtig angesehen - nicht zuletzt weil schwer steuerbar und überprüfbar. Gillian Ruch hält eine solche Polarisierung der Diskussion für wenig fruchtbar. Politische und ökonomische, administrative und beziehungsorientierte, psychologische Ansätze müssten sich ergänzen (17 ff., 20 f., 28). Die gesamte Publikation wird dabei von einer massiven Kritik an der zunehmenden Bürokratisierung der Sozialen Arbeit und dem damit verbundenen Zeitaufwand für Schreibtischarbeit geprägt. Bei Ruch und einigen anderen Autoren wird diese Kritik von einem Verständnis von methodischem Handeln getragen, das als „Kunst“ und damit letztlich als “not measurable” angesehen wird (24).
Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung der Beziehungsarbeit konstatiert Gillian Ruch derzeit vor allem einen Nachholbedarf in der Professionalisierung der Beziehungsgestaltung durch die Reflexion von (berufs)biographischen Erfahrungen, getragen von einer Haltung der “tolerance of complexity and uncertainty“ (23). Die größte Herausforderung sieht er dabei in der Akzeptanz des Nicht-Wissen, der “anxiety of `not knowing´“ (24), verbunden mit einem Gefühl der Bedrohung das auf Übertragungen der Ängste und Unsicherheiten beruht, die die KlientInnen in ihrem Leben erfahren. Der psychoanalytisch fundierte Begriff der “anxiety” taucht neben „Ungewissheit“ und „Unsicherheit“ nicht nur in diesem Beitrag mehrfach auf. Sowohl Personen als auch Organisationen haben mit “anxieties” (Ängsten, Beklemmungen, Beunruhigungen, Sorgen) zu kämpfen, wenn sie sich den emotionalen Belastungen der Beziehungsarbeit stellen. Oftmals schwierige, abweisende und aggressive oder auch apathische, klammernde und unterwürfige, gefährdete und gefährliche KlientInnen können bei den Fachkräften “anxieties” erzeugen. Diese können z.B. dazu führen, dass offensichtliche Signale von Misshandlung und Missbrauch nicht mehr wahrgenommen werden.
Im zweiten Beitrag dieser Sektion vertieft Gillian Ruch unter dem Titel “Theoretical Frameworks Informing Relationship-Based Practice“ diesen ersten Beitrag und die Positionen der gemeinsame Einführung der drei Herausgeber. Für Ruch ist die grundlegende Denkfigur zur Erklärung von Beziehungskompetenz und Beziehungsdefiziten (sowohl bei Fachkräften wie bei KlientInnen!) die Prägung durch starke frühkindliche Erfahrungen der Ambivalenz (Bedürfniserfüllung/ Bedürfniszurückweisung, Liebe/ Hass). Sie muss jeder Mensch durchleben. Je nachdem welche Anteile überwogen und ob auch negative Erfahrungen der Nichterfüllung von Wünschen mehr oder minder gut in ein internes Beziehungsmodell integriert wurden, das nicht zu Spaltungen, Verleugnungen, Projektionen, etc. führt, werden die Erwachsenen diese unausweichliche Ambivalenz menschlicher Beziehungen akzeptieren können. Zur Entwicklung von Beziehungsfähigkeit ist das Mittel der Wahl die gedankliche und emotionale Aufarbeitung belastender Erfahrungen im Gespräch– sowohl für KlientInnen als auch für die Fachkräfte (Supervision). Alltags- und lebensweltbezogene Formen der Beziehungsentwicklung und Generierung neuer Erfahrungen spielen dagegen für Gillian Ruch eine untergeordnete Rolle. Verhaltenstherapeutisch fundierte Trainings und Übungen, gestalttherapeutische (Gruppen) Erfahrungen oder systemische (z.B. netzwerkorientierte) Verfahren zählen nicht zu den dargestellten Methoden.
Die sieben Beiträge in der zweiten Sektion (“Working with the Relationship in Practice“) stellen sehr unterschiedliche Praxisfelder vor: Beziehungsarbeit mit drogenabhängigen Eltern als Probanden im Rahmen eines Praxisforschungsprojektes (Brynna Kroll), Kurzzeitbeziehungen in der Arbeit mit Flüchtlingsfamilien (Ravi KS Kohli) und drei Beiträge zur Aufrechterhaltung von Beziehungen trotz starker emotionaler Belastung, z.B. durch Wut und Feindseligkeit bis hin zu körperlichen Übergriffen (Martin Smith), durch Hoffnungslosigkeit, Depression und Verzweiflung (Clare Parkinson) und durch positive Gefühle wie Liebe, Freundschaft, Zuneigung, Bewunderung und Idealisierung (Danielle Turney). Die beiden letzten Beiträge dieser Sektion widmen sich den zeitlichen Dimensionen der Beziehungsarbeit, z.B. der Gestaltung längerfristiger Beziehungsarbeit in komplexen Fällen (Linnet McMahon) bzw. der Beendigung von Beziehungen (Robin Solomon).
Diese bunte Mischung an Praxiskonstellationen wird kaum durch konzeptionelle oder begriffliche Klärungen strukturiert. Offen bleibt (wie auch bei den Herausgebern) z.B. was „Freundschaft“ im Unterschied zu beruflichen Beziehungen kennzeichnet oder inwieweit Analogien zu verwandtschaftlichen Beziehungen, z.B. zur Elternrolle angemessen sind. Die Fallvignetten in allen Beiträgen tragen zur Veranschaulichung bei, illustrieren allerdings (im Unterschied zur Fallgeschichte im ersten Beitrag von Gillian Ruch) in der Regel nur einige Aspekte oder eine Dimension der folgenden Ausführungen, sind eher episodisch als exemplarisch angelegt. In allen Beiträgen wird neben der individuellen Kompetenz (z.B. im Umgang mit eigenen Gefühlen) die Bedeutung einer organisationsgestützten, vom Team getragenen Reflexionskultur betont. Vor allzu interventionsbezogenen Diskussionen, wie sie in einer “wirkungsorientierten” Sozialen Arbeit Priorität genießt, wird gewarnt und stattdessen geraten “not to plan but to think together, both about what they [the social workers, M.H.] know and what they don´t know about someone they support. Staying with a feeling of uncertainty, of not knowing, can help a team identify less conscious processes and feelings, which in turn may help make sense of complex or `difficult´ behaviours. Once the meaning behind behaviour is understood, it is more possible to find an appropriate response.” (149). Dieser verstehensorientierte,. psychodynamisch geprägte Ansatz ist für alle Beiträge des Sammelbandes kennzeichnend. Systemische Herangehensweisen, die in der theoretischen Einleitung als gleichermaßen bedeutsam bezeichnet werden, sind auch in den Praxisberichten kaum zu finden (außer bei Mark Doel, S. 206f.).
In der Sektion (III) “Sustaining, Supporting and Developing Relationship-ased Practice in a Reflective Context” werden in vier Beiträgen die Voraussetzungen für die Qualifizierung der Beziehungsgestaltung in der Sozialen Arbeit erörtert. Bezogen auf die Aus- und Weiterbildung wird ein Ausbildungskonzept vorgestellt ,das zugleich analytische und reflexionsbezogene, seminaristisch-wissensvermittelnde Lernprozesse und die Aufarbeitung biographische Erfahrungen über individuelle, teilweise selbstorganisierte und über gruppendynamische Lernprozesse ermöglicht (Adrian Ward).
Unter der Überschrift “Service – User Perspectives on Relationship” formuliert Mark Doel auf der Basis von Nutzerbefragungen einen Neun-Punkte-Katalog, der die Ingredienzien einer gelingenden Kooperation bündelt. Welche „Beziehung“ sich KlientInnen wünschen, wird dabei von den Aussagen von NutzerInnen darüber abgeleitet, was sie an ihren SozialarbeiterInnen schätzen. Beziehungen sind nach Doels Modell “purposive” (207), also keine absichtslosen Sympathien oder Wertschätzungen, sondern das erwünschte „Nebenprodukt” erfolgreicher Zusammenarbeit von KlientInnen und Fachkräften. Sie sind das Ergebnis “of doing things together, whether these things are practical and physical, or talk and discussion, or a mix of the two.“ (207). In welchem Maße man sich dabei auf das “Hier und Jetzt” beschränkt oder Beziehungserfahrungen der Vergangenheit aufarbeitet, ist für Doel keine grundsätzliche sondern eine fallbezogen zu klärende Entscheidung. Auch Fragen der Grenzziehung, z.B. bei erwünschtem Körperkontakt oder hinsichtlich des zulässigen Ausmaßes der Offenbarung privater Erfahrungen, lassen sich nach seiner Meinung nicht verallgemeinernd beantworten.
Die Reduzierung der Zeit für direkte Klientenkontakte durch eine ausufernde Dokumentationsverpflichtung ist auch für Doel aktuell das zentrale Problem. Die Tendenz des Managements aus Sicherheitsgründen persönliche Distanz zu den KlientInnen vorzuschreiben, fall- und situationsunspezifische Reglements als durchgängige professionelle Standards organisatorisch zu verankern und so die Offenheit, Flexibilität und Reziprozität von Begegnungen zu beschränken, führt seiner Meinung nach dazu, dass eine belastbare Beziehungsbasis kaum noch entstehen kann. Nur auf dieser aber könne die Fachkraft Entscheidungen treffen, die die KlientIn zwar ablehnt – aber versteht. Nur dann kann sie konfrontieren, ohne damit die weitere Zusammenarbeit selbst nach Zwangshandlungen zu gefährden. Qualitätsmanagement und wirkungsorientierte Steuerungsmechanismen aber hätten zu einer “obsession with formalised procedures” geführt (213), die gerade nicht dem Schutz der KlientInnen dienen, sondern jene sensibleren Frühwarnsysteme zerstört haben, die auf einer guten Beziehung beruhten. Formalisiertes Risikomanagement “put people at greater risk because of increased distance placed between professionals and the people with whom they work”(ebd.). Doels neun Merkposten für eine auf Vertrauen, Reziprozität und Respekt basierende Beziehungsarbeit verdeutlichen auf (allerdings schmaler) empirischer Basis, wie eine Beziehungsarbeit angelegt werden könnte, die die schwierige Balance zwischen Aufgaben- und Personenorientierung zu halten vermag – nicht zuletzt durch ihren stark lebensweltorientierten, systemischen Ansatz. Insofern unterscheidet sich dieser Beitrag konzeptionell und methodisch deutlich von den psychodynamisch ausgerichteten anderen Beiträgen und ergänzt diese hervorragend.
Der Beitrag von John Simmonds widmet sich der Beziehung von Supervisand und Supervisor und parallelisiert ambivalente Erfahrungen von Unterstützung, Absicherung und Gängelung, die SupervisorInnen und SupervisandInnen in ihrer Organisation erleben, mit ähnlichen machtabhängigen Beziehungserfahrungen von KlientInnen im Hilfeprozess. Dabei ist zu berücksichtigen, dass „Supervision“ in britischen Organisationen ein Teil der Leitungsverantwortung ist, also Kontrolle durch Vorgesetzte einschließt. Gerade im Kontext zunehmender Bürokratisierung und Ökonomisierung Sozialer Arbeit, so die Botschaft, sollte die Supervisionsbeziehung nicht derart unter Performanzdruck geraten, dass die Zeit für die Reflexion der eigenen Beziehungsgeschichte, die dabei erworbenen Arbeitsmodelle (bezogen auf das Gegenüber und die eigene Rolle) und die aktuellen Gefühle im Austausch zwischen Supervisand und Supervisor, sowie zwischen Fachkraft und Klient nicht mehr möglich ist, weil nur noch „Ergebnisse“ in der Fallarbeit referiert und beurteilt werden sollen.
Der Beitrag von Andrew Cooper in dieser Sektion stellt das Thema Beziehungsgestaltung in den Kontext der Veränderung des Wohlfahrtsstaates und der Wirkungen der Globalisierung. Wohlfahrtsstaatliche Modernisierung und Ökonomisierung gefährden danach nicht nur die professionelle Identität der Sozialen Arbeit, sondern darüber hinaus sogar das gesellschaftliche Verständnis der menschlichen Natur. Mehrdeutigkeit, Ungewissheit und Unsicherheit werden zu Gunsten eines Machbarkeitswahns geleugnet. Das Management kann Risiken nicht mehr tolerieren, ökonomische und fiskalische Sachzwänge führen zu Reflexen statt zu Reflexionen, wenn geradezu obsessiv dokumentiert, gezählt und ausgewertet wird. Während Fachkräfte früher vielleicht zu wenig gezielt und fokussiert handelten, habe nun der Managerialismus der Beziehungsarbeit - die durch die Angriffe aus der „linken Ecke“ des “radical social work” in den 70er und 80er Jahren bereits diskreditiert war - im “modernised market state” der 90er Jahre endgültig den Garaus gemacht. Seit der Finanzkrise 2008 mehren sich allerdings nach Cooper nicht nur in der politischen Arena die Stimmen, die an den Wert sozialer Werte und Güter erinnern. Auch in der Sozialen Arbeit traue man sich wieder , neben anderen „values“ auch die „Beziehungsarbeit“ als unverzichtbar zu erklären und ihre Professionalisierung zu fordern.
In der abschließenden “Conclusion” betonen die drei Herausgeber nochmals die zentrale Wirkkraft der Beziehungsarbeit und verweisen dann darauf, wieviel noch in Ausbildung, Forschung und Organisationsentwicklung zu leisten ist, um “relationship-based practice” für die Anforderungen Sozialer Arbeit im 20. Jahrhundert zu rüsten.
Ein ausführliches thematisches Stichwortverzeichnis schliesst diese Publikation ab.
Fazit
Ein wichtiges Buch zu einem wichtigen Thema, das ein primär psychodynamisches Modell von Beziehung mit einem umfassenderen, organisationsbezogene Kontexte einbeziehenden Verständnis der Reflexion von Übertragungen und Abwehrmechanismen im beruflichen Handeln verbindet. Die geforderte “reflexive” Kompetenz beim “use of self” bleibt dabei allerdings relativ unbestimmt. Trotz des Anspruchs, ein theoretisch breit aufgestelltes, dreidimensionales Modell von psychoanalytischer Theorie, Bindungstheorie und systemischer Theorie zu präsentieren, bleibt die Ausrichtung eindeutig psychodynamisch und fokussiert auf die psychische und psycho-soziale Dimensionen menschlicher Beziehungen, mit entsprechender Vernachlässigung der sozialen Dimensionen. „Beziehung“ wird auch nicht (wie aus systemischer Sicht) als interaktionsgeneriertes Ergebnis zirkulärer Prozesse gesehen. „Beziehungen“ sind in diesem Buch durch alle denkbaren „starken“ menschlichen Gefühle charakterisiert, auch wenn sie nur einer der Beteiligten empfindet. Dass soziale Beziehungen dadurch gekennzeichnet sind, dass sie durch das Zusammenwirken der Beteiligten eine eigene, gemeinsame und geteilte Form und Qualität aufweisen , wird also nicht angenommen. Entsprechend interessiert auch nicht, ob ein bestimmter (und wenn ja welcher) Ausschnitt aus der menschlichen Gefühlspalette für solche beruflichen Wechselbeziehungen besonders bedeutsam sein könnte.
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Prägung und Speicherung bestimmte Muster werden nicht rezipiert. Auch von daher stellt z.B. das Buch von F. Kron-Klees (2000: Familien wach begleiten, 3. erw. Aufl. Freiburg) im deutschen Sprachraum eine wichtige Ergänzung zu diesem Thema dar .Es verdeutlicht zugleich durch detaillierte Gesprächsführungsbeispiele, wie Fachkraft und KlientIn das immer wieder geforderte “reflecting in action” (A. Schön) alltagsnah gemeinsam leisten können. Dafür bedarf es (auch dies ein durchgängiges Thema mehrerer Beiträge der rezensierten Publikation ) unbedingt der Beziehungskontinuität und eines “unflinching personal commitment”. Nur so kann die KlientIn erleben, “that it is possible to deal with life`s crises without panic, pandemonium and despair, and that positive human relationships are what makes this possible.“ (15). Aber das braucht Zeit, Personal und Kompetenz – und damit Geld. Insofern ist dies auch ein sozialpolitisch wichtiges Buch, durch das Vorraussetzungen der „Effektivität“ und „Effizienz“ Sozialer Arbeit (z.B. im Kinderschutz) einmal ganz anders erscheinen.
Rezensentin
Prof. Dr. Maja Heiner
Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen
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Zitiervorschlag
Maja Heiner. Rezension vom 28.02.2011 zu: Gillian Ruch, Danielle Turney, Adrian Ward (Hrsg.): Relationship-based Social Work: Discovering the Heart of Practice. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2010. 272 Seiten. ISBN 978-1-84905-003-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9882.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.
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