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Katrin Schneiders: Vom Altenheim zum Seniorenservice

Cover Katrin Schneiders: Vom Altenheim zum Seniorenservice. Institutioneller Wandel und Akteurkonstellationen im sozialen Dienstleistungssektor. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. 268 Seiten. ISBN 978-3-8329-5347-8. 49,00 EUR, CH: 82,90 sFr.

Reihe: Wirtschafts- und Sozialpolitik - Band 3.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die Arbeit ist die leicht überarbeitete Fassung einer Dissertation, die im Sommersemester 2009 von der sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Ruhr-Universität Bochum angenommen wurde. Betreut wurde sie u.a. von den Sozial- und Politikwissenschaftlern Heinze und Bogumil. Theoretisch verortet sich die Arbeit im Kontext des soziologischen Neo-Institutionalismus (bzw. des Governance Konzepts). Diese seit Mitte der 1970er Jahre an Bedeutung gewinnenden Position fasst organisationssoziologischen Ansätze zusammen, die in kritischer Distanz zu Rational-Choice-Ansätzen das Handeln nicht nur auf ökonomisch rationale Entscheidungen (wie in der Spieltheorie und der Betriebswirtschaftslehre) zurückführen, sondern vielmehr die institutionelle Einbindung und die daraus resultierenden Zwänge einerseits und Handlungsoptionen andererseits für die zentralen Akteure betonen. Unter zentralen Akteuren werden vor allem die Wohlfahrtsverbände im Dienstleistungssektor (hier: Altenhilfe und Wohnungswirtschaft) verstanden.

Untersucht wird die Frage, inwiefern sich die veränderten institutionellen Rahmenbedingungen (vor allem die Ökonomisierung) auf Funktion und Rolle der etablierten Wohlfahrtsverbände und Träger der sozialen Dienstleistungen auswirken. Hierbei geht es nicht nur um rechtliche Kontexte, sondern auch um sozialstrukturelle Veränderungen und die Einführung von Marktprinzipien in einem weitgehend regulierten Wohlfahrtssektor. Erstmals sind die Wohlfahrtsverbände einer Konkurrenz ausgesetzt (vor allem der privaten Anbieter) und ist ihre Monopolstellung in Frage gestellt. Es wird die These vertreten, dass die „Vormachtstellung“ der (klassischen) Wohlfahrtsverbände zunehmend erodiert, der privat-gewerbliche Sektor an Bedeutung gewinnt und eine Differenzierung der Angebotsstruktur erkennbar wird. Das Dilemma der Wohlfahrtsverbände besteht darin, dass die aufgabenbedingten Anforderungen nicht mehr mit den institutionellen Kontexten kompatibel sind. Darauf reagieren die Wohlfahrtsverbände primär mit der Strategie der Entkoppelung (z.B. durch Ausgründungen über Tochterunternehmen und / oder Service-Gesellschaften). Zu berücksichtigen ist, dass Ausgründungen die gängigen Rationalitätsmythen bedienen. Durch die Überführung in andere Rechtsformen (und in eine andere Form des Wirtschaftens) verlieren die Organisationen an Legitimität und wird die Logik des Vertrauens erodiert. Wohlfahrtsverbände, die einer weltanschaulichen Bindung orientiert sind, werden immer stärker zu Handlungen gezwungen, die den Akteurserwartungen widersprechen. In der Konsequenz entfaltet sich eine Legitimitätsfassade, die den institutionellen Charakter der Wohlfahrtsverbände schützt, gleichzeitig aber auch brüchig werden lässt. Die für die Wahrung des institutionellen Charakters (z.B. als Caritasverband, als Diakonisches Werk, als Paritäter Wohlfahrtsverbande etc.) kontinuierliche Reproduktion durch das Handeln der Akteure (gründend auf einem gemeinsamen Leitbild) geht zunehmend verloren.

Aufbau und Inhalt

Dieses Ergebnis der profunden Analyse von Schneiders wird in sieben Hauptkapiteln entfaltet.

Die Einleitung (Kapitel 1) bringt eine Darlegung der Fragestellung und des Stands der Forschung (inklusive Datenbasis und Methoden). Das Untersuchungsdesign wird erläutert und deutlich gemacht, dass es sich um eine sekundäranalytische bzw. sekundärstatistische Arbeit handelt. Die Verfasserin war an zwei am InWIS durchgeführten Mieter- und Kundenbefragungen beteiligt, die für die Darstellung von Dienstleistungswünschen und Unterstützungsnetzwerken wichtig waren. Hinzu kommen Daten des „Altenpflegemonitors“ zu aktuellen und zukünftigen Präferenzen der Wohnwünsche und Pflegearrangements älterer Menschen. Weiterhin wird auf eine Studie rekurriert, die die Verfasserin im Auftrag der Bundesvereinigung der Spitzenverbände der Immobilienwirtschaft (BSI) zur Thematik des altersgerechten Wohnens durchgeführt hat.

Kapitel 2 referiert die Verfasserin den Kenntnisstand zu den sozialen Dienstleistungen. Interessant ist die Betrachtung des Gegenstands aus interdisziplinärer Perspektive, wobei vor allem soziologische, verwaltungswissenschaftliche und politikwissenschaftliche Ansätze berücksichtigt werden. Betont werden muss, die sozialen Dienstleistungen für Ältere (vor allem in der Altenpflege) zunehmend an Bedeutung gewonnen haben. Das erkennt man u.a. daran, dass sich die Beschäftigtenzahl verdoppelt hat. Allerdings haben die Wohlfahrtsverbände, obwohl wichtigster Anbieter für soziale Dienstleistungen für Ältere, nur unterdurchschnittlich von der Dynamik im Altenpflegesektor profitieren können – nicht zuletzt aufgrund der stärker werdenden privat-gewerblichen Konkurrenz.

Den theoretischen Bezugsrahmen (Kapitel 3) bildet, wie bereits oben erwähnt, das Konzept der Governance zum Zusammenspiel zwischen institutionellem Kontext und Akteurskonstellationen. Diese Konzept eröffnet die Möglichkeit, innerhalb eines Sektors verschiedene Steuerungs- und Koordinierungsmöglichkeiten zu identifizieren. Dabei sind komplexe Kombinationen verschiedener Handlungskoordinierungen im Blick, welche die Wohlfahrtsverbände einerseits von externen Rahmenbedingungen „abhängig“ machen, ihre Handlungsoptionen und Steuerungsmöglichkeiten aber nicht völlig negieren. Neben diesen Ausführungen werden die Charakteristika von Dienstleistungsorganisationen detailliert beschrieben.

Kapitel 4 skizziert den institutionellen Wandel im Dienstleistungssektor. Inhaltlich geht Schneiders vor allem auf rechtliche Kontexte (Pflegeversicherung, Heimgesetz, Wohnungsbauförderung), ökonomische Rahmenbedingungen (Entwicklung der Wohnungsmärkte seit Ende der 1990er Jahre) und auf technische Entwicklungen (Informations- und Medizintechnik, Ambient Assisted Living) ein.

Die Darlegung der sozialstrukturellen Wandlungsprozesse älterer Menschen (vom Hilfebedürftigen zum Kunden)erfolgt in Kapitel 5. Hier werden die größtenteils bekannten gerontologischen Befunde referiert, die zu Lebenslagen, Werten und Einstellungen sowie zu Wohnbedürfnissen empirisch arbeitet wurden. Deutlich wird, dass eine Pluralsierung der Lebenslagen fortgeschritten ist, auch bei den Hochbetagten.

Die entsprechenden Konsequenzen und Reaktionen der Wohlfahrtsverbände werden in Kapitel 6 erläutert. Neben einem Überblick über die wichtigsten Dienstleistungsorganisationen wird die Dynamik im stationären Pflegesektor auf der Grundlage von 4 Hypothesen geprüft. (im Hinblick auf Überlebensrate , Neugründungen, Expansionskraft und Verkäufe/ Austritte aus Dachverbänden). Für alle Hypothesen bezüglich der Ursachen für die Verschiebung der Marktanteile (von freigemeinnützigen Sektor auf den privat-gewerblichen Sektor) finden sich Belege. Jedoch ist zwischen den Trägertypen zu differenzieren. Aus organisationssoziologischer Perspektive bestätigt sich sowohl die Annahme der „liability of newness“ wie auch der „liability of smallness“. Generalisierende Aussagen sind jedoch aufgrund der kurzen Zeitspanne (sechs Jahre) nicht möglich. Entgegen der ursprünglichen These finden sich keine Belege dafür, dass wohlfahrtsverbandliche Akteure soziale Dienstleistungen zu niedrigeren Preisen anbieten. Im Gegenteil: Wohlfahrtsverbandliche Einrichtungen gehören eher zu den höherpreisigen Angeboten. Es bleibt festzuhalten, dass alle Organisationen Anpassungsprozesse an den institutionellen Kontext aufweisen: Prozesse der Isomorphie zeigen sich insofern, als wohlfahrtsverbandliche Anbieter Teile ihrer Dienstleistungsproduktion im Rahmen von „GmbHisierungsprozessen“ aus dem Dachverband auslagern und freigemeinnützige Betreiberorganisationen gründen.

Das abschließende Kapitel 7 ordnet die Befunde in die Governance Debatte ein. Der Welfare Mix wird als analytisches Konzept vorgestellt, in dem die unterschiedlichen Akteuren ihren Platz finden. Vor allem trifft der Wohlfahrtspluralismus auf den Pflegesektor zu, der sich durch Überlappung, Verschränkung und Koordinierung von vier Sektoren (Markt, Staat, primäre Netze [Familie] und „dritter Sektor“ [Kirchen, Wohlfahrtsverbände, bürgerschaftliche Vereinigungen]) auszeichnet.). In der Konsequenz wird die oben bereits thematisierte Legitimitätsfassade angesprochen, aber nicht pessimistisch das „Ende der freien Wohlfahrt“ eingeläutet. Im Gegenteil: Sollten es den Wohlfahrtsverbänden gelingen eine „neue Form der Legitimität“ (S. 242) aufzubauen, so sind die Negativerwartungen über ihre Zukunft zu revidieren.

Fazit

Insgesamt eine wertvolle und inhaltlich substantielle Arbeit. Interessant ist die organisationssoziologische und politikwissenschaftliche Perspektive (vor dem Hintergrund des Governance Konzepts). Der Wandel im Dienstleistungssektor der Altenhilfe wird gut und nachvollziehbar dargelegt. Eine Arbeit ist von besonderer Bedeutung für die Verantwortlichen in den Wohlfahrtsverbänden. Vor allem für jene, die an mehr als dem Überleben allein, sondern an der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung des ursprünglichen Auftrags interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 20.08.2010 zu: Katrin Schneiders: Vom Altenheim zum Seniorenservice. Institutioneller Wandel und Akteurkonstellationen im sozialen Dienstleistungssektor. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. ISBN 978-3-8329-5347-8. Reihe: Wirtschafts- und Sozialpolitik - Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9898.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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