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Sigrid Beyer, Elisabeth Reitinger (Hrsg.): Geschlechtersensible Hospiz- und Palliativkultur (Altenhilfe)

Cover Sigrid Beyer, Elisabeth Reitinger (Hrsg.): Geschlechtersensible Hospiz- und Palliativkultur in der Altenhilfe. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. 250 Seiten. ISBN 978-3-940529-68-8. 24,90 EUR.
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Entstehungshintergrund

Die Buchpublikation geht auf die Tagung „Gender Care“ zurück, die im Juni 2009 an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) – Palliative Care und OrganisationsEthik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in Wien abgehalten wurde. Initiatoren dieser Veranstaltung waren die beiden Herausgeberinnen des Buches. Fachbeiträge erfolgten von Personen mit ausgesprochener Expertise aus unterschiedlichen Praxisfeldern.

Thema

In theoretisch fundierten und praxisnahen Artikeln erörtern die AutorInnen (Gertrud Backes, Birgit Heller, Cora van der Kooij, Christof Eisl, Manfred Langehennig, Martina Wolfinger u. a.) grundsätzliche ethische Fragen in der Begleitung von Menschen am Lebensende, die Bedeutung von Geschlechterfragen in der Altenhilfe, gender- und diversity-orientierte Perspektiven bezogen auf die Betreuung und Beratung von hilfe- und pflegebedürftigen älteren Menschen.

Im Fokus steht die Beleuchtung von Geschlechterrollen, Geschlechterverhältnissen und gesellschaftlichem Geschlechtervertrag in Pflege und Betreuung von betagten und sterbenskranken Männern und Frauen. So kann die Leserin/ der Leser anhand von realistischen Bedarfslagen Orientierung in der Versorgung finden. Auf verschiedenen Ebenen und aus unterschiedlichen Blickrichtungen werden Gender und Diversitiy mit Palliative Care in Bezug gebracht.

Herausgeberinnen

Sigrid Beyer (Jg. 63) ist Pädagogin, Soziologin, Projektmanagerin und Gender-Expertin. Sie ist als Projektleiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Dachverband Hospiz Österreich tätig. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Frauen- und Geschlechterforschung sowie Versorgungsforschung.

Elisabeth Reitinger (Jg. 71) studierte Psychologie und Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Wien, war als Universitätsassistentin an der Wirtschaftsuniversität Wien beschäftigt und arbeitet derzeit an der IFF - Abteilung Palliative Care und OrganisationsEthik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in Wien als Assistenzprofessorin. Schwerpunktgebiete von ihr sind u. a. Bedürfnisorientierung in Organisation der Altenbetreuung, Versorgungsforschung, Gender in ethischen Entscheidungen.

Aufbau …

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert.

Nach der Einleitung durch die Herausgeberinnen, die einen Überblick zum Thema „Gender-Care“ und gesellschaftliche geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten aufzeigen untermauern sie ihr Anliegen, sich für ein besseres Gleichgewicht einzusetzen. Im ersten Kapitel werden ethische Grundfragen zu Care, Körper, Spiritualität und Berührung thematisiert.

Im zweiten Kapitel werden Gender-Aspekte bezogen auf vorwiegend ältere pflegebedürftige Menschen in unterschiedlichen Pflegekontexten aus der Sicht von ExpertInnen näher beleuchtet.

Im dritten Kapitel werden aktuelle Erkenntnisse aus der ForscherInnenperspektive dargestellt.

Das vierte Kapitel widmet sich Aspekten von Diversität und Organisation bezogen auf Alter, Gender und Palliative Care.

und Inhalt

In einer Bestandsaufnahme stellt Christa Schnabl fest, dass auch in unserer modernen Gesellschaft Fürsorgearbeiten größtenteils von Frauen geleistet werden. In ihrer Analyse beleuchtet sie, dass sowohl im privaten wie auch im Erwerbsleben Pflege- und Versorgungsaufgaben eine geringe soziale Anerkennung erfahren, sie nicht oder schlecht bezahlt werden und häufig an sozial schwächere Gruppen delegiert werden (u. a. auch fürsorgearbeitsbedingte Migrationswelle). Die Übernahme von Fürsorgearbeit stellt für Frauen einen Hemmschuh zur vollen Übernahme der gesellschaftlichen Partizipation dar; dieser Tatbestand bleibt politisch vielfach ungeachtet. Geleitet von der zentralen Frage, wie unter der Maßgabe von Gerechtigkeit eine Verteilung von Fürsorgearbeit als Gestaltungsaufgabe in der modernen Gesellschaft entwickelt werden kann, wird überlegt, die gegenwärtigen Lebensmuster von Frauen zum Standard für alle zu machen. Im Sinne einer gender-gerechten Gesellschaft sind Männer stärker einzubinden, sie müssen dazu gebracht werden, die gleichen Leistungen zu bringen wie Frauen. Außerdem sollte Fürsorgearbeit besser bezahlt und eine stärkere politische Priorität erhalten. Die Politik wird daher angehalten, gesellschaftlich wirkungsvolle und gerechte Konzepte zu entwickeln.

Ohne den hohen Wert der individuellen Selbstbestimmung schmälern zu wollen, beleuchtet Angelika Walser in ihrem Artikel die Bedeutung von Angewiesensein und Autonomieanspruch. Hierbei nähert sie sich dem Begriff Autonomie über feministische Konzeptionen. Sie folgert, dass Autonomiekompetenz abhängig von Fürsorge gesehen werden muss. Der Ansatz einer relationalen Autonomie bezieht das Fürsorgeprinzip mit ein und berücksichtigt die Verletzlichkeit und Abhängigkeit von pflegebedürftigen Männern und Frauen bei Krankheit und Angewiesenheit. Aber nach Walser sind auch die überwiegend tätigen weiblichen Pflegekräfte beschränkt in ihren Selbstbestimmungsmöglichkeiten (schlechte Bezahlung, häufig zu wenig Wertschätzung, hohes Burnout-Risiko, ausgeprägte Hierarchien). Care-Ethik zielt darauf ab, die Schutzbedürftigkeit und Angewiesenheit zu erfassen und dafür zu sorgen, dass die persönliche Autonomie gefördert und geschützt wird. Dafür sind politisch gerecht gestaltete Rahmenbedingungen nötig – wie auch zur Förderung persönlicher Autonomiekompetenz von Pflegerinnen in Institutionen. Von der Verfasserin werden hierzu drei generelle Ziele angesprochen: self-respect (Selbstachtung), self-trust (Selbstvertrauen) und self-esteem (Selbstwertgefühl). Beim relationalen Autonomieverständnis wird eine individuelle Selbstbestimmung mit der Angewiesenheit auf andere verbunden.

Anhand von statistischen Daten und Forschungsergebnissen zur Pflegesituation alter Menschen in Deutschland und Österreich werden von Gertrud Backes und Martina Wolfinger Unterschiede, Hierarchieverhältnisse sowie Macht- und Ungleichheitsstrukturen, die sich aus dem Zusammenwirken von Geschlecht, Altern und Körper im Altenpflegesektor ergeben, kritisch aufgezeigt. Pflege und Pflegebedürftigkeit werden geschlechtsdifferenziert erlebt. Die Forscherinnen merken an, dass derzeit noch große Forschungslücken im Zusammenhang mit Altenpflege und Geschlecht existieren. Versorgungssituationen und Bedarfe sind unterschiedlich und nach Geschlecht verschieden. Die Verfasserinnen fordern, dass gesetzliche Rahmenbedingungen die sozialpolitischen Weichen in Richtung einer gender-körpersensiblen Altenpflege ausrichten sollten und diese als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gestaltet werden sollte.

Birgit Heller stellt in ihrem Beitrag die traditionelle Bedeutung von Frauen durch ihre tragende Rolle im Umgang mit Sterben und Trauerriten in den Vordergrund. In einer umfangreichen Literaturstudie und beispielhaft anhand verschiedener Kulturen wird „Fürsorge“ als eine Frauen zugeschriebene und gesellschaftlich abgewertete Tätigkeit betrachtet, die „naturgegeben“ mit Werten wie Aufopferung, Einfühlsamkeit und Hingabe verbunden wird. Traditionell männlich besetzte Werte wie Verantwortung, Vernunft, Entscheidungskompetenz und Autorität werden ihnen dadurch eher abgesprochen. Im Weiteren erörtert sie die Bedeutung von Geschlecht, Geschlechterrollen und Spiritualität im Kontext der letzten Lebensphase. Untersuchungen belegen, dass Spiritualität und Religion für ältere Frauen eine andere Bedeutung haben als für Männer.

Die Tanztherapeutin Rebekka Hofmann setzt sich theoretisch mit dem Thema Berührungsqualität in der Begleitung von kranken und sterbenden Menschen auseinander. Dabei bezieht sie sich u. a. auf die Bewusstseinsstufen von Ken Wilber und bezieht die Quantenphysik in ihre Ausführungen mit ein. Zum praktischen Einüben werden der Leserschaft gezielte Anregungen zur Aktivierung des eigenen Körperbewusstseins gegeben. Hofmann betont die Bedeutung von nonverbalen Möglichkeiten des Kontaktes. Bewusste und eindeutige Berührungen können Kraftquellen darstellen besonders für PalliativpatientInnen.

Cora van der Kooij, die Begründerin des mäeutischen Pflegeprozesses stellt in ihrem Beitrag voran, was Professionalität nach ihrem Betreuungsmodell beinhaltet. In Bezug auf geschichtliche Perspektive der Pflege stellt sie die unterprivilegierte Rolle der Schwestern zu der männlich dominierten Ärzteschaft dar. Nach van der Kooij ist Pflege ein Talent, das jedoch einer Ausbildung bedarf, um sich entwickeln zu können. Neben medizinischem Wissen und Handeln sind für Pflegende Wahrnehmung, Intuition wesentlich (lernen „erlebnisorientiert“ zu beobachten). Die Pflege setzt eine eigene Sprache voraus. Dies ist wesentlich für eine gegenseitige Wertschätzung und einer Begegnung auf Augenhöhe im interdisziplinären Miteinander.

Im Beitrag „Demenz, Care und Gender – ein Bericht aus der Praxis der Angehörigenberatung“ von Lucia Straschil wird am Beispiel des niedrigschwellig konzipierten Projektes „aktivtreff“ in Linz die Entstehungsgeschichte und die Aufgabenfelder der Betreuungs- und Beratungsstelle vorgestellt. Aus ihren Kontakten als Koordinatorin, Beraterin und Betreuerin der Beratungsstelle für die im häuslichen Rahmen betreuten Menschen mit Demenz sowie ihren pflegenden Angehörigen erläutert die Verfasserin die Bedeutung und Wichtigkeit der Einnahme einer gender- und ressourcenorientierten Perspektive für Beratung und Begleitung. In ihrem Beitrag geht sie der Frage nach: Wie erlebt die Frau den Verlauf der Demenz bei ihrem Lebenspartner? Wie sieht in diesem Zusammenhang eine Auseinandersetzung mit gewohnten Rollenbildern und gesellschaftlich geformten Erwartungshaltungen aus? Durch Anführen von unterschiedlichen Forschungsperspektiven wird ein Erkenntnisinteresse geweckt. Blinde Flecken werden aufgezeigt. Die Themen Demenz, Palliative Care und Gender sowie Situation der pflegenden PartnerInnen werden verknüpft.

Im Beitrag von Ingrid Windisch wird aus hausärztlicher Sicht die Haltung des Sich-Einlassens aufgezeigt, geprägt von bedingungslosem Respekt vor den einmaligen Geschichten von Frauen im Alter. Sensibel richtet sie hierbei den Blick auf weibliche Lebenszusammenhänge. Für eine ganzheitliche Betreuung sieht sie den narrativen Ansatz als zentrale Kompetenz in der Begegnung, um Empfindungen, Vulnaribilität und Würde von kranken alten Patientinnen aufzuspüren. Die Bedeutung des Erzählens spielt eine große Rolle bei der Krankheitsbewältigung. Zudem ist eine Verbindung von Narrativität und Medizin nach Auffassung von Windisch ein wichtiger Beitrag für Verständnis und eine positive Arzt-PatientInnen-Beziehung.

A. Feichtner skizziert die aktuelle BewohnerInnenstruktur in Pflegeheimen. Unter anderem stellt sie heraus, dass HeimbewohnerInnen häufig kein tragfähiges soziales Netz haben und dadurch ein enormes Bedürfnis nach Zuneigung und Zuwendung aufweisen. Neben Palliativversorgung und gerontopsychiatrischem Fachwissen ist eine Orientierung an einer geschlechtersensiblen Pflege der Professionellen unabdingbar, um sich den tatsächlichen Erfordernissen von HeimbewohnerInnen anzupassen. Feichtner beschreibt die Unterschiede von Frauen und Männern in der Auseinandersetzung bezüglich eines Heimeinzuges und die geschlechtsspezifischen Bedürfnisse in der Institution Pflegeheim. Mit Rückgriff auf die vier ethischen Grundprinzipien wird die Versorgung von PflegeheimbewohnerInnen beleuchtet und analysiert.

Christof Eisl untersucht unter gender-Gesichtspunkten die palliative Versorgungslandschaft in Österreich und liefert vielfältige Einblicke in die Unterschiede im Erleben der letzten Lebenszeit und die verschieden Bewältigungsressourcen von Frauen und Männern. In seinem Buchbeitrag analysiert Eisl geschlechtsspezifische Unterschiede bei EhrenamtlerInnen, pflegenden Angehörigen und professionellen MitarbeiterInnen in der Hospiz- und Palliativbegleitung. Finden Gender-Aspekte in der Begleitung mehr Beachtung, so trägt dies zu einer Förderung der Betreuungsqualität von Schwerstkranken bei.

Theoretisch sehr fundiert werden von Katharina Gröning Argumentationslinien der Generationsforschung und sozialpolitischen Auseinandersetzung aus den letzten Jahrzehnten mit dem „Altern in der Gesellschaft“ und der „Altenfürsorge“ auseinander und ergänzt durch eigene qualitativen Forschungsarbeiten zur häuslichen familialen Pflege von erkrankten Angehörigen die Forschungsperspektive. Aufgrund des demographischen Wandels sind Analysen und Reflexionen der Geschlechterforschung für die zukünftige Ausgestaltung hin zu einer geschlechtsunabhängigen und gerechten Aushandlung und Aufgabenteilung der Fürsorgeaufgaben innerhalb der Familie nötig.

Sabine Pleschberger und Claudia Wenzel stellen in ihrem Beitrag voran, dass das Thema Gender im Palliativbereich noch nahezu unberücksichtigt ist. Vom Erkenntnisinteresse geleitet wird ein Forschungsprojekt aufgezeigt, welches die Bedeutung der Kategorie Geschlecht und Geschlechterrollen in der Versorgung von Menschen am Lebensende untersucht. Anhand eines Fallbeispiels wird einleuchtend dargelegt, welchen Stellenwert nonverbale Anteile, wie Körperlichkeit, Nähe und Berührung in der professionellen Beziehung im Alltag häuslicher Palliativversorgung innehaben. Sie sind bedeutend für die Qualität der Begleitung und Beziehungsgestaltung. Freundschaftliche Frauenbeziehungen stellen bei der Bewältigung im Sterbebeprozess eine wichtige Ressource für Frauen dar. In ihrer Conclusio fordern sie für einen breiten palliativen Zugang, dass die Kategorie Geschlecht reflektiert und sensibel in der Hospiz- und Palliativarbeit berücksichtigt werden muss.

Manfred Langehennig widmet sein Augenmerk in seinem Artikel auf pflegende männliche Angehörige, die oft zu ungenau durch die „Brille der Frauen“ betrachtet werden. Es bedarf abgesicherter Kenntnis von den Erfahrungen häuslich pflegender Männer. Untermauert durch Erkenntnisse aus diversen Interviews wird dargestellt, dass Männer die häusliche Pflege anders organisieren, als Frauen dies in der Regel tun. Der Anteil männlicher pflegender Angehöriger wird nach Aussage des Autors notorisch unterschätzt. Erst wenn die Profile und Unterschiede analysiert werden, kann eine informelle Pflegerolle von Männern entwickelt und zukünftig gefördert werden.

Mit einem differenzierten und umfassenden Blick werden von Klaus Wegleitner und Katharina Heimerl die Arbeits- und Rahmenbedingungen der mobilen Pflege dargestellt und kritische Reflexionen bezüglich der professionellen ambulanten Pflege angestellt. Mobile Pflege ist eine ausgesprochene Frauendomäne, die Minderzahl der männlichen Kollegen findet sich am ehesten in Leitungspositionen. Erörtert werden geschlechtsspezifische Rollenerwartungen, die die häusliche Pflege prägen, und spezifische Arbeitsbelastungen in diesem Bereich des Gesundheitssektors. Näher eingegangen wird u. a. auf die besonderen Dynamiken der Pflege im ländlichen Bereich (Doing Dorf) und die in sozialen Interaktionen hergestellten Geschlechtskonstruktionen (Doing Gender). „Doing gender“ beschreibt den Prozess, wie Geschlecht gelebt, gedacht, inszeniert und konstruiert wird. Verwiesen wird auf - durch alte Muster bedingte - Spannungsfelder der Leistungserbringerinnen. Angestoßen wird in der Schlussfolgerung eine Diskussion der „Ethik des Rettens und Heilens“ versus einer des „Helfens und Begleitens“

Mit der Eingangsfrage „Sterben Frauen und Männer unterschiedlich?“ skizziert Erich Lehner die Bedeutung von Gender im Erleben von Schmerz und Depression. Von ihm herangezogene Untersuchungsergebnisse bezüglich der nach Geschlecht verschieden angesetzten Diagnostikverfahren und Behandlungsmethoden zeigen erstaunliche Ergebnisse. Näher betrachtet werden die verschiedene Schmerzwahrnehmung und die verschiedenen Formen des Copingverhaltens bei Männern und Frauen. Erläutert werden die Bedeutung von biologischen Faktoren (z. B. Hormone), aber auch psychosoziale Aspekte auf die Schmerzsensitivität. Frauen sind wesentlich häufiger von einer Depression betroffen als Männer; u. a. wird die geschlechtsspezifische Sozialisation dafür verantwortlich gemacht. Die typischen klinischen Symptome einer Depression unterscheiden sich bei Frauen und Männern. Bei Männern gehören Aggressivität, Irritabilität sowie Sucht- und Risikoverhalten eher zu dem Erscheinungsbild einer Depressionssymptomatik. Die jeweiligen geschlechtspezifischen Unterschiede werden im Artikel reflektiert.

Durch Analysen von Interviews mit Leitungskräften im Palliativbereich wird von Anne-Elisabeth Höfler die Kategorie Geschlecht untersucht. Die Autorin zeichnet die Hospizbewegung von ihrer Initiationsphase bis zur Institutionalisierungsphase im heutigen Gesundheitswesen nach. Kritisch wird die Leitungsposition in Hospizarbeit und Palliative Care betrachtet; konzeptuell auf Interdisziplinarität beruhend und nicht per se zwingend von der Ärzteschaft geleitet. Von dem vor allem von Frauen getragenen bürgerschaftlichen Engagement der frühen Hospizbewegung hin zur medizinorientierten Professionalisierung von Palliativeinrichtungen, mit vielen männlichen Leitungskräften. Anhand von Interviewauswertungen werden die Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Medizinbereich und Pflege kritisch dargelegt. Es wird deutlich, dass im Palliativbereich die Aspekte „Leitung“ und „Gender“ noch recht unreflektiert sind.

Christian Hamm berichtet in seinem Beitrag von der Village-Pflegeetage, der ersten lesbischschwulen Pflegeeinrichtung in Europa, die im Jahr 2008 eröffnet wurde. Gemeinsam mit dem Pflegezentrum „Haus Asta Nielsen“ in Berlin entwickelte der Verein Village e. V. das Konzept für eine speziell auf Homosexuelle eingestellte Pflegeetage. Neben der Verwirklichung eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts (Village Haus) kooperierte der Verein mit dem Pflegeheimbetreiber, um Plätze für pflegebedürftige Schwule und Lesben einzurichten. Die Vereinsziele und die spezifischen Belange von pflegebedürftigen älteren Schwulen und Lesben werden erörtert. Weiter werden die Hürden der Umsetzung erläutert und Gründe für das vorzeitige Ende des Projekts angeführt.

Die Situation von älteren ArbeitsmigrantInnen wird von Wolfgang Trauen detailliert beschrieben. Obgleich MigrantInnen keine heterogene Bevölkerungsgruppe darstellen, sind typische Benachteiligungen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft offensichtlich, die besonders im Alter und bei Pflegebedürftigkeit zu einer „komplexen Unsicherheit“ führen. Die Notwendigkeit einer kultursensiblen Altenpflege ist angesichts wachsender Bedarfe unumstritten, um den Anforderungen und Bedürfnissen älterer MigrantInnen gerecht zu werden. Im Beitrag werden die zentralen Aspekte der interkulturellen Öffnung von Einrichtungen und einer kultursensiblen Pflege genannt. Derzeit herrscht noch weitgehend Unkenntnis über die verschiedenen soziokulturellen Konstruktionen von Krankheitsentstehungen. Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen werden geschildert und nötige Handlungskonsequenzen aufgezeigt. Zielgruppenspezifische Angebote sichern eine bedürfnis- und biografieorientierte Pflegebeziehung.

Den im Sammelband erschienene Beitrag von Bärbel Traunsteiner bringt der Leserschaft das Konzept „Diversity Management“ näher. Die Autorin erläutert flankierende Gesetzgebungen und stellt den Bezug zum Health-Care-Bereich dar. Als Grundlage zum Erkennen organisationaler Vielfalt wird das Vier-Dimensionen- Modell von Gardenswartz/ Rowe (1995) vorgestellt. Es gruppiert unterschiedliche Dimensionen von Diversity um eine Kerndimension, die „Persönlichkeit“. Diese wird erweitert durch die sechs inneren Dimensionen Alter, Geschlecht, Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung und physische Fähigkeiten und weitere äußere (veränderbaren) Dimensionen wie z. B. Familienstand, Einkommen, Religion, Elternschaft und Berufserfahrung. Zusätzlich umfasst das Modell eine organisationale Dimension, die Faktoren abbildet, welche die Arbeitssituation eines Menschen beeinflussen. Als ganzheitliches Konzept trägt Diversity-Manmagement zu Antidiskriminierung bei und ist geprägt von einer offenen, wertschätzenden und respektvollen Haltung gegenüber Verschiedenartigkeit - Heterogenität wird als Potential betrachtet.

In den weiteren Ausführungen wird eine Abgrenzung zur Intersektionalität (Frauen- und Geschlechterforschung) und zum Gender-Mainstreaming-Ansatz (durchgängige Gleichstellungsorientierung) herausgearbeitet, der ein Zusammenwirken verschiedener Differenzkategorien bezeichnet und vor allem im Zusammenhang mit der Erforschung sozialer Ungleichheit diskutiert wird. Als Querschnittaufgabe ist Gender Mainstreaming eine Strategie zur Verwirklichung des Ziels der Gleichstellung und Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern sollen erkannt und abgebaut werden.

Elisabeth Reitinger geht in ihrem Buchbeitrag „Gender: Care und palliative Kultur in Organisationen der Altenhilfe“ auf Belegungszahlen von Alten- und Pflegeheimen in Österreich und Sterbestatistiken ein. Sie zeigt auf, dass in den Einrichtungen überwiegend Frauen wohnen und arbeiten. In ihrem Beitrag richtet sie ihren Fokus auf eine geschlechtersensible palliative Kultur in den jeweiligen Organisationen. In sämtlichen Palliatve Care Bereichen wird derzeit der Geschlechterdimension noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Ausgehend von den Kernelementen der Hospiz- und Palliativkultur werden Aspekte einer geschlechtersensiblen Altenpflege erörtert. Näher eingegangen wird auf die Bedürfnisorientierung und den Aspekt der Fürsorge als tragende Elemente in der Begleitung von pflegebedürftigen älteren Menschen in Pflegeheimen. Hierbei haben Geschlechterstereotypen in der Pflegebeziehung und in der Interaktion einen bedeutenden Einfluss. Es werden gender- und hierarchische Spannungen in den Arbeitsbeziehungen beleuchtet und es werden konkrete Hinweise gegeben, wie Gender-Kompetenz in Einrichtungen der Altenhilfe einfließen kann.

Im letzten Beitrag des Buches thematisiert Sigrid Beyer eine „Gendersensibilität in Alten- und Pflegeheimen als Chance und Ressource. Fürsorge, Sorge und Zuwendung als allgegenwärtige Bestandteile der Altenhilfe werden in unsrer Gesellschaft selbstverständlich hingenommen. Beyer plädiert dafür, dass Fürsorgekompetenz als wichtiger gesellschaftlicher Aspekt und als ethischer Grundwert anzuerkennen ist. Sie tritt dafür ein, eine Fürsorgeethik als Gesellschaftsprinzip zu etablieren – hin zu einer gerechteren, menschlicheren Gesellschaft. Nach wie vor lassen sich grundlegende Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Bereichen Familie, Beruf, Öffentlichkeit und Politik machen. Die Kategorie „Geschlecht“ ist ein fundamentales Strukturelement der Gesellschaft, aus dem vielfältige Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen erwachsen. Die begrifflichen Unterscheidungen von Gender und Sex wurden getroffen, um zwischen biologisch-körperlichen und sozialen Aspekten von Geschlecht differenzieren zu können. Durch diese Kategorien können soziale Rollenzuschreibungen und symbolische Geschlechtszuordnungen erfasst und analysiert werden. Sie beruhen auf gesellschaftlichen Konstruktionen. Erst wenn die zurzeit noch unterrepräsentierten Dimensionen. Gender, Kultur, Alter, sexuelle Orientierung, soziale Herkunft, Religion usw. in die Palliativorganisation einfließen, kann sie einer ganzheitlichen Betroffenenorientierung gerecht werden.

Diskussion

Der Sammelband bietet einen Überblick zum Thema „Gender Care“ in den verschiedenen Bereichen der Gesundheitsversorgung von älteren Menschen. Die bestehenden geschlechterbezogenen und geschlechtshierarchischen Bedingungen in unserer Gesellschaft werden beleuchtet und ihre Auswirkungen auf die Altenhilfe untersucht. Die Publikation ist theoretisch sehr fundiert, die AutorInnen der diversen Beiträge sind ausschließlich von kompetenten ForscherInnen und PflegeexpertInnen verfasst. Durch konkrete Bezüge auf die verschiedenen Handlungsfelder ist das Buch praxisnah. In der Gesamtschau wird deutlich, welche Bedeutung Geschlechterkonstruktionen in der Hospiz- und Palliativkultur haben. Durch jeden einzelnen Beitrag wird der Fokus erweitert und die Leserschaft wird sensibilisiert für die geschlechtsspezifischen Bedürfnislagen von Menschen am Lebensende, Konsequenzen für die Organisation von Pflege und Betreuung. Das Buch ist übersichtlich strukturiert. Der von den beiden Herausgeberinnen ins Thema einführenden Einleitung (S. 9 – 18) schließt sich das erste Kapitel „Ethische Grundhaltungen: Care, Körper, Spiritualität, Berührung“ an. Die Thematisierung ethischer Grundfragen bezogen auf Geschlechterrollen, Geschlechtergerechtigkeit, Pflegebedürftigkeit und Rahmenbedingungen der Sterbebegleitung werden hier vorgenommen.

Die fünf Beiträge im zweiten Buchkapitel (S. 85 - 162) gehen näher auf ausgewählte Beschreibungen von ExpertInnen aus ihren jeweiligen speziellen Versorgungsbereichen, wie Hausarztpraxis, Angehörigenberatungsstelle, Pflegeheim etc., ein. Explizit wird dabei auf die Themen Gender, Würde, Care und Bedürfnisorientierung und Bewältigung eingegangen.

Das dritte Kapitel (S. 164 – 229) widmet sich dem Themenschwerpunkt der ForscherInnenperspektive. Es werden diverse Untersuchungsergebnisse zu Gender in Zusammenhang mit Pflege(beziehungen) reflektiert und diskutiert. Es wird auf Untersuchungsmethoden in der Geschlechterforschung eingegangen, und es werden noch bestehende Forschungslücken aufgezeigt.

Die Gesichtspunkte von Diversität und Organisation im Zusammenhang mit Alter(n), Gender und Palliative Care sind Gegenstand des vierten Buchkapitels (S. 241 – 326). Hinweise über die AutorInnen sind am Ende des Buches aufgelistet.

Sensibilität gegenüber der Genderfrage findet noch wenig Beachtung in der Altenhilfe. Geschlechteridentitäten sind veränderbar und haben sich historisch entwickelt. Die diversen Fachbeiträge eröffnen neue Sichtweisen und befördern so eine pflegewissenschaftliche Auseinandersetzung. Untermauert durch Forschungsergebnisse werden Fakten diskutiert, die aufzeigen, welche Faktoren für eine fürsorgliche, geschlechtersensible Hospiz- und Palliativkultur berücksichtigt werden müssen , aber auch welche Herausforderungen sie hieraus ergeben in der konkreten Ausgestaltung. Durch den Bezug auf verschiedene Praxisfelder wird eine differenzierte Wahrnehmung unter den Prämissen „Diversity Management“ und „Gender Mainstreaming“ aufgezeigt. Beide Ansätze können gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wirken. Gender Mainstreaming zielt auf Gleichstellung von Frauen und Männern in ihrer Vielfalt. In den unterschiedlichen Beiträgen setzen sich die AutorInnen für eine Geisteshaltung des Respekts, der Offenheit und der Toleranz ein, die Vielfalt anerkennt und als Reichtum würdigt und zu einer zentralen Voraussetzung für eine palliative Organisationsethik zählt. Gender-Betrachtungen leisten einen Beitrag für reflektierte Konzepte für eine bedürfnisorientierte Altenhilfe. Dies stellt meiner Ansicht nach ein besonderes Zukunftsthema dar.

Fazit

Das vorliegende Buch bietet einen vielseitigen allgemeinen Einblick in das Thema „Gender Care und Diversity“ und zeigt die besondere Bedeutung in der Begleitung von schwerstkranken und sterbenden Menschen auf. In den zahlreichen Artikeln fließen vielseitige aktuelle Forschungsergebnisse ein, wobei auch auf „blinde Flecken“ des noch jungen Forschungsgebietes hingewiesen wird. Die Publikation macht deutlich, dass die Integration von geschlechtssensiblen Fragen in allen Forschungs- und Praxisbereichen ein generelles Ziel sein sollte. Kernelemente hospizlicher Arbeit werden beschrieben. Das Buch ist breit angelegt, viele unterschiedliche Facetten zum Thema Gender und Care kommen so zum Ausdruck. Es werden sozialwissenschaftliche Fachbegriffe und Formulierungen benutzt, die sich für die breite Leserschaft nicht ganz einfach erschließen. Inhaltlich werden im Sammelband viele Blickrichtungen auf das Thema „Geschlechtersensible Palliativkultur“ von unterschiedlichen Ansätzen her betrachtet. Wird Palliative Care als ganzheitliches Versorgungsangebot verstanden, so kann festgestellt werden, dass die Dimension Gender noch wenig Aufmerksamkeit erlangt hat. Die theoretischen Ansätze und praktischen Beispiele im Buch tragen zur Beachtung bei. Erst eine kritische Auseinandersetzung ermöglicht die bedarfsgerechte Veränderung hin zur geschlechtsbewussten, gendersensiblen Fürsorge.


Rezensent
Dipl. Pflegewirt Günter Davids
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Zitiervorschlag
Günter Davids. Rezension vom 02.03.2011 zu: Sigrid Beyer, Elisabeth Reitinger (Hrsg.): Geschlechtersensible Hospiz- und Palliativkultur in der Altenhilfe. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-940529-68-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9925.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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