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Jochen Lendle: Wenn der Vater fehlt

Cover Jochen Lendle: Wenn der Vater fehlt. über die Auswirkungen abwesender Väter auf die kindliche Entwicklung im Vorschulalter. Kassel University Press (Kassel) 2010. 144 Seiten. ISBN 978-3-89958-908-5. 29,00 EUR.
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Autor

Jochen Lendle ist Diplompsychologe und Psychologischer Psychotherapeut, arbeitet in Wiesbaden in freier Praxis. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Frankfurter Präventionsstudie. Die vorliegende Arbeit wurde vom Fachbereich Erziehungswissenschaft / Humanwisssenschaften der Universität Kassel als Dissertation angenommen

Entstehungshintergrund

Die Dissertation entstand im Rahmen der Frankfurter Präventionsstudie von Leuzinger-Bohleber. Die Studie wurde von 2003 bis 2006 (oder von 2004 bis 2007, widersprüchliche Angaben im Text) durchgeführt. Ausgangspunkt war der steile Anstieg von Diagnosen ADHS / ADS und ein damit einhergehender starker Anstieg der Verordnung von Medikamenten.

Es sollte untersucht werden, ob ein 2jähriges psychoanalytisch basiertes Präventions- und Interventionsprojekt zur Verhinderung psychischer und psychosozialer Desintegration die Anzahl der Kinder verringert, die im ersten Schuljahr mit ADHS oder einer anderen psychosozialen Anpassungsstörung diagnostiziert werden.

Anliegen von Jochen Lendle war es, den Einfluss des Vaters bzw. des fehlenden Vaters auf die Entwicklung von Kindern im Vorschulalter zu thematisieren.

Aufbau

Zu Beginn führt der Autor ausführlich in die Bindungstheorie und Bindungsstile im Säuglingsalter, Kindheit und Erwachsenenalter, in das Konzept der Triangulation und das Konzept des Mentalisierens ein. Er beleuchtet diese auch kritisch und arbeitet die Bedeutung des Vaters in diesen Theorien heraus.

Im empirischen Teil werden ausgewählte Daten der Frankfurter Präventionsstudie dargestellt. Im Wesentlichen bezieht sich Lendle auf Auswertungen des Döpfner-Erzieher-Fragebogens zur Verhaltensbeurteilung eines Kindes (VBV-3-6). Dieser Fragebogen erfasst auf 4 Skalen „Sozial-emotionale Kompetenzen“, „Oppositionell-aggressives Verhalten“, „Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität vs. Spielausdauer“ und „Emotionelle Auffälligkeiten (Ängstlichkeit)“, wobei keine Daten über die erste Skala berichtet werden. Zusätzlich wurden die erfassten 114 Frankfurter Kindergärten zu Clustern zusammengefasst, orientiert an den Dimensionen Sozialstruktur (eher problematisch / eher unproblematisch) und Häufigkeit psychisch auffälliger Kinder. 14 dieser Kindergärten wurden als Präventionsgruppe ausgesucht. Die Interventionen reichten von der Erzieherinnenberatung über Elternabende bis zu Einzeltherapien.

Ein Vergleich der Veränderungen von Präventions- und Kontrollkinder, gemessen zu Beginn der Studie und nach zwei Jahren, ergibt, dass sich die durchschnittlichen Skalenwerte bei allen drei Skalen in positiver Richtung verändern, einen signifikanten Gruppenunterschied (Effekt der Interventionen) gibt es jedoch nur bei der Skala Aggressivität sowie bei Hyperaktivität nur für Mädchen.

Für die Kinder der Interventionsgruppe lagen auch Daten vor, ob ein Elternteil alleinerziehend war. Die Fragebogendaten des ersten Messzeitpunktes wurden dahingehend analysiert, ob sich die Kinder alleinerziehender Mütter (es gab nur zwei alleinerziehende Väter, deren Kinder nicht mit in die Analyse einbezogen wurden) von den anderen Kindern unterschieden. Ergebnis: Die Kinder alleinerziehender Mütter wiesen höhere Aggressionswerte auf, und zwar nur dann, wenn die Sozialstruktur des Kindergartens als problematisch eingeschätzt wurde.

Es war aufgefallen, dass die Kinder, vor allem die Jungen in den Kindergartengruppen sich anders, aggressiver verhielten, wenn männliche Besucher in der Gruppe anwesend waren. Deshalb wurde eine Gruppe zum spielerischen Kämpfen, zur körperbetonten Auseinandersetzung im Zweier-Kontext, die „Kampfgruppe“ angeboten. Zu diesen Interventionen wurden jeweils Gedächtnisprotokolle angefertigt. Es werden allgemeine Beobachtungen zur Kampfgruppe sowie Einzelbeobachtungen zu sechs Kinder (Jungen) geschildert, die durch Überlegungen zur Psychodynamik und zur Vaterrolle ergänzt werden. Zusammenfassend werden dann noch Überlegungen im Hinblick auf die einleitend dargestellten Theorien erarbeitet.

Diskussion

Die Dissertation wurde im Rahmen der Frankfurter Präventionsstudie angefertigt. Als abhängige Variablen werden hier nur die Auswertungen von drei Skalen des Döpfner-Fragebogens berichtet. Es ist zwar erfreulich, dass sich die Kinder im Laufe des Kindergartenbesuchs im Durchschnitt jeweils in Richtung der unauffälligen Pole entwickelt haben, für die Studie muss es enttäuschend sein, dass bei diesen aufwändigen Interventionen Interventionseffekte nur für die Aggressivität allgemein bzw. für die Hyperaktivität nur bei Mädchen nachgewiesen werden konnten. Der geringe Effekt bei Hyperaktivität wird auf die Skala zurückgeführt, die normale Lebendigkeit und auffällige Hyperaktivität nicht trenne bzw. normale Lebendigkeit als Ausdruck einer Störung missgedeutet werde, und die Lebendigkeit ja nicht Interventionsziel gewesen sei.

Für die Frage nach den Auswirkungen fehlender Väter sind diese Ergebnisse aber unerheblich. Für die Variable „abwesender Vater“ wurde nur erfasst, ob die Mutter des Kindes im Kindergartenbogen „alleinerziehend“ angab. Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung wurden nur zu einem Zeitpunkt, und nur anhand eines Fragebogens für Erzieherinnen mit drei Skalen erfasst. Das Ergebnis der Analyse ist auch entsprechend dürftig. Dies kann aber auch nicht verwundern, da es viele unterschiedliche Möglichkeiten abwesender Väter gibt, so auch der Autor. Es wurde nicht erfasst, inwieweit z.B. Kontakte zum Vater oder zu anderen zu anderen Männer bestanden; ein etwaiger neuer Freund der Mutter wurde nicht thematisiert.

Die Einführung der „Kampfgruppe“ war sicherlich eine richtige Maßnahme. Aber die dort erhobenen unsystematische Beobachten wurden in Fallbeispielen nur mit ebenfalls unsystematisch erhaltenen Erkenntnissen über die Familie zu Überlegungen zur Psychodynamik angereichert, wobei häufig die Formulierungen „möglicherweise“, „könnte“, „vermutlich“ gebraucht werden.

Fazit

Bei diesem Titel der Arbeit hatte ich mir wesentlich fundiertere Ergebnisse und eine umfassendere Diskussion erwartet. Mein Wissen über die Auswirkung fehlender Väter auf die kindliche Entwicklung im Vorschulalter wurde nicht wesentlich erweitert.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 29.09.2010 zu: Jochen Lendle: Wenn der Vater fehlt. über die Auswirkungen abwesender Väter auf die kindliche Entwicklung im Vorschulalter. Kassel University Press (Kassel) 2010. ISBN 978-3-89958-908-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9926.php, Datum des Zugriffs 07.12.2016.


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