Elke Becker: Stadtentwicklung, Zivilgesellschaft und [...]
Elke Becker: Stadtentwicklung, Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2010. 308 Seiten. ISBN 978-3-8282-0502-4. 49,00 EUR.
Maecenata-Schriften ; Bd. 6.
Entstehungshintergrund
Im Zeitraum Januar 2009 bis Januar 2010 wurde das vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung geförderte Projekt „Stadtentwicklung, Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement“ vom Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt Universität zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin durchgeführt. Diese Forschungsarbeit wurde zum Anlass für einen Diskurs aus unterschiedlichen, dem Forschungsgegenstand verbundenen, Fachdisziplinen genutzt. Die Veröffentlichung stellt einerseits die Ergebnisse der qualitativen Studie vor und bietet andererseits eine Reihe von Aufsätzen, die eine fachliche Rahmung zum Forschungsthema gewährleisten.
Aufbau und Inhalt
In einer ausführlichen Einführung stellt Enrico Gualini als einer der Herausgeber/innen die mit dem Thema verbundenen Forschungsfragen und inhaltlichen Kontexte dar. Er führt in den Sammelband mit dem Hinweis ein, dass damit eine „erste exploratorische Annäherung an eine komplexe Thematik“ geleistet werden soll (18). Schwierigkeiten ergeben in der „kognitive(n) Verbindung“ der Komplexe Zivilgesellschaft und Stadtentwicklung als eigenständige Welten, die in der Praxis scheinbar „miteinander kollidieren“ (19). Darüber hinaus kommt Stadtentwicklung als Gegenstand zivilgesellschaftlichen Handelns und bürgerschaftlichen Engagements sowohl eine „räumliche“ als auch eine „soziale Dimension“ zu, deren Verständnis hinsichtlich Verschränkungen und Kontexte noch weiterer Klärungen bedürfe: …einerseits stellt „kein definierter Raum eine eindeutige Referenz für zivilgesellschaftliches Handeln“ dar und andererseits kann „keine Form von zivilgesellschaftlichem Handeln und bürgerschaftlichen Engagement als soziale Realität im Zusammenhang mit einem bestimmten Raum vorausgesetzt werden…“ (19f.).
Den Aufschlag im Kapitel II machen drei „Theoretische Reflexionen“ aus unterschiedlichen Perspektiven: Stadtsoziologie (Walter Siebel), Theorie der Zivilgesellschaft (Frank Adloff) und Geographie (Tobias Federwisch).
Das Kapitel III hat die Überschrift „Kontexte in Beispielen“ und beinhaltet Beiträge zur Zivilgesellschaft unter Schrumpfungsbedingungen (Heike Liebermann) und in dörflichen Kontexten (Dierk Bostel), sowie einen Beitrag zu Bürgerstiftungen (André Christian Wolf). Es folgt die Darstellung der „Empirische(n) Befunde“ aus den qualitativen Interviews, die mit 35 an der „Schnittstelle von Zivilgesellschaft und Stadt- bzw. Raumentwicklung“ (121) tätigen Personen durchgeführt worden ist (Elke Becker und Carolin Runkel), die namentlich dokumentiert werden (306ff.)
In zwei weiteren Kapiteln werden „Handlungskontexte“ aus Kulturpolitik (Bernd Wagner) und Bildung (Heike Kahl) auf kommunaler Ebene, sowie „Handlungsansätze“ zu Bürgerbeteiligung (Detlev Ipsen), Förderung des bürgerschaftlichen Engagements (Alfred Reichwein und Martina Trauth-Koschnik) und Kommunikation in Kontext von Stadtentwicklung (Ludovica Scarpa) dargestellt.
Den Abschluss bildet ein Fazit von Rupert Graf Strachwitz, in dem noch einmal auf das Verhältnis von „Zivilgesellschaft und Stadtentwicklung“ eingegangen wird.
Diskussion
Die Vielzahl der Beiträge zwingt zu einer Auswahl inhaltsbezogener Hinweise:
Walter Siebel stellt die Entwicklung in Stadtplanung (-verwaltung) dar und zeigt Grenzen und neue Herausforderungen für diese auf dem Hintergrund sozialer und demografischer Prozesse auf. Traditionelle Stadtplanung fördert sozialräumliche Segregation, zunehmend in Form einer „kleinräumige(n) Verinselung von armen und wohlhabenden Quartieren“ (32). Eine Orientierung im Stadtumbau an den Bedürfnissen der „hochqualifizierten und einkommensstarken Arbeitskräfte“ forciert diese Verinselung. Hingegen: „Stadtpolitik, die solchen Entwicklungen entgegensteuern will, muss sich qualitativ verändern: weg von der klassischen physisch-technischen Planung, hin zu direkten, sozialpolitischen Eingriffen und einer umfassenden Gemeinwesenarbeit“ (ebenda). Im Hinblick auf die Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Akteure verweist er allerdings auch auf die Gefahren von selektiven Wirkungen, die auf den Unterschieden in den Fähigkeiten „zu tätiger Beteiligung“ gründen (35) und die Berücksichtigung finden müssen.
Frank Adloff stellt das Konzept der Zivilgesellschaft vor und geht auf die Gefahren einer Richtungsänderung durch „neue Verschränkungen von Verwaltung und Zivilgesellschaft“ (44). Mit Bezug auf den von Foucault eingeführten Begriff der „Gouvernementatilität“ warnt er vor einer Vereinnahmung der Zivilgesellschaft, die auf einer Einbindung des „guten, aktiv-zivilgesellschaftlichen Bürgers“ basiert - mit der Folge weiterer Diskriminierung anderer: „Wer bei dem Projekt einer aktiven Zivilgesellschaft, bei der geforderten Kooperation zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft nicht mitmacht, gerät schnell in den Verdacht, sich nicht gemeinsinnig zu verhalten…“(48).
Die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen von Zivilgesellschaft unter Schrumpfungsbedingungen wird von Heike Liebmann im Vergleich von „Ost- und Westdeutschland“ behandelt. Dabei geht sie konkret auf die Besonderheiten in den neuen Bundesländern ein: „Zum einen wirken Engagementtraditionen aus der Zeit der DDR, zum anderen die Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs und der Transformationsprozesse nach“ (74). Sie weist auf die Gefahren hin, die mit dem Rückzug staatlicher und zivilgesellschaftlicher Institutionen in besonders stark von Schrumpfungen bedrohten Regionen gegeben sind: Es entsteht ein Vakuum, „das einen Nährboden bildet, der gezielt von rechtspopulistischen bzw. rechtsextremen Gruppen besetzt wird“ (79). Sie fordert deshalb eine Aufrechterhaltung von Strukturen für zivilgesellschaftliches Engagement und Unterstützung der Akteure (82).
Elke Becker und Carolin Runkel haben den Forschungsbericht unter die Überschrift „Zivilgesellschaft in räumlichen Arenen“ gestellt. Nach einer grundlegenden Einführung gliedern sie die Darstellung in räumlichen Ebenen: „ländliche(r) Raum“, „Quartier“, „Stadt“, „strukturschwacher Raum“ und „Metropolregion“. Hierzu präsentieren sie eine Vielzahl von O-Tönen aus den Interviews. Es folgt einer Darstellung der „Querschnittsthemen“, die sich „wie ein roter Faden durch alle räumlichen Arenen“ ziehen (180). Dazu gehören u. a. Themen wie neue Wege in der Kooperation (zahlreiche Hinweise auf die Notwendigkeit der Veränderung des Verwaltungshandelns – 184f,) und Kommunikation als Voraussetzung für diese (Augenhöhe, Zutrauen von Fähigkeiten zur Mitwirkung – 185ff.). Der Beitrag endet in einem zusammenfassenden Kapitel mit Schlussfolgerungen und Fragestellungen für die weitere Diskussion.
Detlev Ipsen geht auf Frage nach der Bedeutung des räumlichen Kontextes der Bürgerbeteiligung „für die Art und Form der Beteiligung“ (237) anhand von Planungsprojekten in kleineren Siedlungen und Städten sowie Regionen und Landschaften ein. In einem Bespiel bezieht er sich auch auf größere Städte, Toronto und Berlin (ebenda). Seine Bespiele zeigen die Möglichkeit einer „kooperative(n) Partizipation“ auf, die Bürgerinnen und Bürger, Politiker und Verwaltung zusammen bringen (248) und die in Form eines „Wechselverhältnis von Arbeit in Arbeitsgruppen und Plenumsdiskussionen ablaufen“ (ebenda).
Fazit
Wer sich von der fachtheoretisch-abstrakten Einführung nicht ausbremsen lässt, kann sich mit dem Lesen dieser Veröffentlichung eine Vielzahl an spannenden Beiträgen im Kontext von (sozialraumbezogener) Bürgerbeteiligung, Zivilgesellschaft und Stadtentwicklung aneignen. Auch die Darstellung der Forschungsergebnisse, die noch nicht einmal ein Drittel der Veröffentlichung ausmacht, ist aufgrund der guten Strukturierung und der verständlichen Präsentation gut lesbar und gibt viele Anregungen für weitere Diskussionen. Für alle, die aus sozialräumlicher Perspektive mit dem Thema Bürgerbeteiligung befasst sind und bereit sind, sich auch auf Theorie „einzulassen“, ist dies ein empfehlenswertes Buch.
Rezensent
Dr. Reinhold Knopp
Arbeitsgemeinschaft stadt-konzept/Düsseldorf
Dozent FH Düsseldorf, Schwerpunkt Stadtsoziologie
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Zitiervorschlag
Reinhold Knopp. Rezension vom 17.11.2010 zu: Elke Becker: Stadtentwicklung, Zivilgesellschaft und [...]. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2010. 308 Seiten. ISBN 978-3-8282-0502-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9929.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.
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