socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Robert Bernhardt: Lebenslagen ehemaliger Förderschüler

Cover Robert Bernhardt: Lebenslagen ehemaliger Förderschüler. Biografische Rekonstruktionen nachschulischer Lebensläufe. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2010. 203 Seiten. ISBN 978-3-7815-1744-8. 29,90 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Frage des nachschulischen Verbleibs ehemaliger Förderschüler ist bisher weitgehend ungeklärt. Nur wenige Arbeiten beschäftigen sich mit dieser Fragestellung. Im Hinblick auf die Förderung in der Schulzeit, insbesondere die Bemühungen von Förderschulen, eine individuelle, auch nachhaltige Entwicklungsförderung zu betreiben, wären Informationen von großer Bedeutung, wie sich die nachschulischen Verlaufsprofile dieser ehemaligen Schüler gestalten, nochmals differenziert im Hinblick auf die Integration in Arbeit und Beruf als wichtigen, sinnstiftenden und unabhängige Lebensführung ermöglichenden Bereich, aber auch im Hinblick auf die Integration in und Bewältigung von alltäglichem Leben, Haushaltsführung, Freizeit usw.

Im Rahmen einer qualitativ-empirischen Studie geht dieses Buch der Frage solcher Verläufe nach. Explizit soll die Studie zu einem besseren Verständnis pädagogischer Prozesse ebenso beitragen wie zu einer Weiterentwicklung der schulischen Förderkonzepte.

Autor

Robert Bernhardt, Jahrgang 1960, ist Förderschullehrer für Erziehungshilfe und Lernhilfe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt/M. Unter anderem leitet er dort Praxisprojekte an der Arbeitsstelle für Schulentwicklung und Projektbegleitung des Instituts für Sonderpädagogik. Die Arbeit ist zugleich im Jahr 2009 als Dissertationsschrift an der Universität Frankfurt/M. angenommen worden.

Aufbau

Das Buch besteht als fünf Hauptkapiteln:

  1. Zunächst werden Theorie und Forschungsstand betrachtet. Da im Fokus der Betrachtung ehemalige Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten stehen sollen, wird der dementsprechende schulische Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung (bzw. Erziehungshilfe) dargestellt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf einer Erörterung der sozialen Situation und von Lebenslagen im Hinblick auf soziale Benachteiligung. Auch Übergangsprozesse werden bedacht.
  2. Im zweiten Hauptkapitel wird das eigene Untersuchungskonzept vorgestellt, das sich auf pädagogisch orientierte Biografieforschung stützt. Gütekriterien werden diskutiert und Methodik sowie Vorgehen der eigenen Erhebung vorgestellt.
  3. Anschließend werden, im umfangreichsten Kapitel, die erarbeiteten acht Fallstudien vorgestellt. Eine knappe Zusammenfassung schließt sich an.
  4. Die Fallstudien werden danach fallübergreifend-kontrastierend betrachtet. Als Folie hierzu dienen sechs Dimensionen des Lebenslagenansatzes: Einkommen / finanzielle Lage, Erwerbsbeteiligung, Wohnen, Gesundheit, Bildung sowie soziales Netzwerk – Dimensionen, die zunächst vorgestellt und dann zur Analyse herangezogen werden.
  5. Abschließend erfolgt eine Diskussion der herausgearbeiteten Befunde für die Weiterentwicklung schulischer Förderkonzepte. Diese bezieht sich im Kern auf drei Ebenen: die Weiterentwicklung curricularer Angebote, die Arbeit an und mit Wahrnehmungen und Einstellungen sowie die Frage begleitender Hilfestellungen.

Ausgewählte Inhalte

Der Schwerpunkt des Buches liegt in den acht biografischen Rekonstruktionen. Diese basieren insbesondere auf offenen Interviews mit den jungen Menschen, bei ergänzender Aktenanalyse. Jeweils erfolgen Informationen zur Vorgeschichte, zur konkreten Interviewsituation, zu den Selbstäußerungen sowie zur Darstellung der nachschulischen Lebensverläufe. Eine erste Bewertung schließt sich an. Die acht „Fälle“ werden in der Folge, nach bestimmten inhaltlichen Kriterien, zu Zweiergruppen zusammengefasst. Themen sind

  • „Aufopferung mit Lebensplan und verärgerter Rückzug“,
  • „Scheitern mit ‚Herzblut‘ und passive Leere“,
  • „gelassene Geradlinigkeit und Erklärungsnotwendigkeiten“ sowie
  • „Einfügung in das Unumgängliche und verzweifelte Wut“.

Ergänzend findet sich eine ausführliche Analyse ihrer Beziehungsstrukturen, auch im Hinblick auf die Betrachtung von sozialen Netzwerken; hierzu werden, inhaltlich begründet, drei Teilgruppen gebildet. Immer wieder werden die Darstellungen durch zitathafte Auszüge aus den Interviews illustriert.

Zielgruppen

Es werden keine expliziten Zielgruppen genannt. Die Schrift dürfte von Interesse sein für Sonder- und Heilpädagogen, die sowohl schulisch (als Lehrer) als auch außerschulisch tätig sind, Lernende in entsprechenden Studiengängen, Professionelle in der Benachteiligtenförderung, in der Beruflichen Rehabilitation (Lernbehinderungen, seelische Behinderungen) – aber auch grundsätzlich alle Lehrerinnen und Lehrer, die in Allgemeinen Schulen und Berufsschulen mit jungen Menschen mit Benachteiligungen arbeiten.

Diskussion

Das Buch stößt in eine erhebliche Forschungslücke und ist damit inhaltlich grundsätzlich bedeutungsvoll angesichts der sehr schwachen Befundlage zum nachschulischen Verbleib ehemaliger Förderschüler. Die große Schwäche der Arbeit liegt allerdings in dem recht knappen, an wesentlichen Punkten zu wenig in Tiefe und Breite gehenden Theorieteil. Zwar findet der Leser einige wichtige Daten und Informationen zu einschlägigen Schulformen, aber der Förderschwerpunkt bleibt insgesamt eher unzureichend beschrieben. Auch vermisst der Leser im Theorieteil einen expliziteren Bezug auf klare Konzepte von Benachteiligung, wie sie etwa im SGB III und in der „Benachteiligtenförderung“ grundgelegt sind. Hier wie insgesamt ist die zugrunde gelegte Literatur leider schmal und verengt. Auch wird der Benachteiligungsbegriff sehr stark auf situative Benachteiligungen (durch Umstände) beschränkt; es wäre bereichernd gewesen, personale Aspekte hinzuzunehmen und den Mut zu haben, im Rahmen der theoretischen Grundlegung auch ernsthafte konkrete Problematiken wie Auffälligkeiten der Persönlichkeit, Aggressivität, Gewalt, Drogenmissbrauch und soziale Defizite konkreter anzusprechen – bei aller Bedeutung, die ohne Zweifel auch den Lebenslagen und Umständen zukommt. Notgedrungen müssen die erörterten Erklärungsmuster für Problematiken immer wieder sehr einfach bleiben und drehen sich etwas im Kreis.

Auch ist anzumerken, dass aus einem Fundus von zunächst 120 ehemaligen Schülern letztlich acht Interviews resultierten, welche die Datenbasis bilden. Diese Auswahl kam offenbar recht zufällig zustande; und leider werden weder die Frage einer möglichen Spezifität dieser Stichprobe noch diejenige der Angemessenheit der Stichprobengröße recht diskutiert. Insofern ist für die durchaus beeindruckenden herausgearbeiteten Probleme unklar, inwiefern diese als repräsentativ betrachtet werden können. Allerdings stehen damit auch die gezogenen, recht weitreichenden Schlussfolgerungen für die schulische und nachschulische Förderung dieser Gruppe junger Menschen auf sehr zweifelhaftem Boden. Anzumerken ist auch, dass alle Befragten männlich waren und zu fragen ist, ob dies im Hinblick auf die Schlussfolgerungen zum Ende der Arbeit nicht hätte diskutiert werden können. Auch wenn an Schulen für Erziehungshilfe sehr stark männliche Schüler unterrichtet werden, wäre die Mitaufnahme weiblicher Untersuchungsteilnehmerinnen durchaus bereichernd gewesen.

Die acht Fallstudien sind sehr klar strukturiert und werden gut nachvollziehbar dargestellt. Hier wird auch mit vielen Zitaten aus den Interviews gearbeitet. Auch in der Folge der Arbeit werden diese Fallstudien sehr differenziert ausgewertet; es entsteht ein konkretes und zugleich facettenreich in die Tiefe gehendes Bild der betrachteten acht jungen Menschen.

Der Wert der vorgelegten Arbeit liegt sicher in einer Exemplifizierung des Lebenslagen-Ansatzes. Die Bedeutung von Herkunfts- und aktuellen Lebenslagen für nachschulische Lebensläufe wird mit viel Empathie für die Betroffenen hergeleitet, illustriert und erörtert. Auch die besonders bedeutsamen Beziehungsstrukturen und damit verbundenen sozialen Netzwerke nimmt der Verfasser genau unter die Lupe. Insbesondere die stigmatisierenden Wirkungen verschiedener Aspekte des Lebenslaufes werden deutlich. Hervorzuheben ist dabei auch die eigene (selbst-) kritische Nachdenklichkeit des Verfassers angesichts seiner Erkenntnisse.

Genau hier liegt allerdings wiederum eines der Probleme, indem die Ausführungen leider immer wieder recht einseitig bleiben. So besteht die Funktion von Förderschulen ja nicht allein in einer Stigmatisierung ihrer „Klientel“, sondern auch im Bemühen um eine gezielte, multiprofessionelle und individualisierte Förderung. Inwiefern diese Funktionen erfüllt werden und inwiefern Stigmatisierungen sie überlagern, kann man durchaus diskutieren, benötigt dazu jedoch zunächst die gesamte Breite und Tiefe zum Thema. Diese bleibt das Buch leider schuldig. Auch in der Schlussbetrachtung wird eine These (die Notwendigkeit der Abschaffung von Schulen für Erziehungshilfe) vorangestellt und prägt dann die Analyse, anstatt umgekehrt aus den empirischen Befunden selbst und direkt Konsequenzen zu ziehen. Auch bleibt dabei teilweise zu unklar, inwiefern die Schlussfolgerungen tatsächlich der eigenen Befunde bedurft hätten. Auch hier zeigt sich wiederum die Enge der Literaturrezeption, die sich sehr stark im Bereich einer spezifischen konzeptionellen „Schule“, der Reutlinger Gruppe um Hiller (mit durchaus bemerkenswerten Befunden), bewegt und weit davon entfernt ist, die Breite der einschlägigen Literatur aufzunehmen. – Wenn der Verfasser verschiedentlich von „ungeeigneten“ Professionellen bzw. Pädagogen in der Geschichte der betrachteten jungen Menschen spricht, bleibt eher unklar, ob er dies aus der Perspektive der Befragten schreibt oder so meint. Auch hier wäre zu fragen, ob eine ausreichende wissenschaftliche Distanz eingenommen wurde, denn die Lebensläufe erscheinen ja angesichts der eingesetzten Methodik als von der Perspektive der Betroffenen dominiert. Zumindest hätten ergänzend die Professionellen selbst befragen werden können.

Fazit

Im Rahmen dieser Arbeit werden acht Biographien von jungen Menschen, die aus einer Schule für Erziehungshilfe kamen, im Hinblick auf ihre nachschulischen Entwicklungswege dargestellt und untersucht. Basis ist das Lebenslagen-Konzept. Die Analysen erfolgen differenziert und zugleich sehr anschaulich. Leider ist die Arbeit allerdings nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert, was eine differenzierte Betrachtung des spezifischen Förderschwerpunktes, eigene Methodik und Vorgehen sowie eine entsprechende kritische Analyse sowie auch die Diskussion nachschulischer Förderung, insbesondere im Bereich Arbeit und Beruf, anbelangt. Es wird recht stark von einem bestimmten Standpunkt ausgegangen, der sicher seine Berechtigung hat, allerdings die Analysen auf Kosten einer wirklich sachlichen Betrachtung dominiert. Das Buch ist geeignet für alle, die einen exemplarischen Einblick in nachschulische Lebensläufe und Lebenslagen benachteiligter junger Menschen bekommen möchten. Grenzen der Heranziehung dieser Arbeit für weiterreichende Schlussfolgerungen liegen in der zu geringen wissenschaftlichen Fundierung.


Rezensent
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
E-Mail Mailformular


Alle 22 Rezensionen von Roland Stein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 12.01.2011 zu: Robert Bernhardt: Lebenslagen ehemaliger Förderschüler. Biografische Rekonstruktionen nachschulischer Lebensläufe. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2010. ISBN 978-3-7815-1744-8. Reihe: Klinkhardt Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9930.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!