Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz u.a. (Hrsg.): Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung
Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz, Jochen Haisch (Hrsg.): Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 3., vollst. überarbeitete Auflage. 420 Seiten. ISBN 978-3-456-84866-2. 29,95 EUR, CH: 49,90 sFr.
Thema
Die medizintechnisch hochentwickelten Gesundheitssysteme der meisten westlichen Länder sind hauptsächlich auf die kurative Versorgung ausgerichtet. Sie funktionieren vor allem in jenen Fällen besonders gut, in denen die zu behandelnden Krankheiten tatsächlich geheilt werden können. Anders sieht es mitunter bei den chronischen Krankheiten aus, die wesentlich in Zunahme begriffenen sind. Hier gewinnen vorbeugende Strategien ebenso an Bedeutung wie krankheitsbegleitende Förderstrategien. Nur wenn sie stärker eingesetzt würden, so die Meinung von Gesundheitsexperten, könne auch der Wettlauf mit den steigenden Kosten der Versorgung gewonnen werden.
Einen fundierten Überblick über das Thema bietet das vorliegende „Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung“, das von Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz und Jochen Haisch herausgegeben wird. In den ersten beiden Auflagen bereits bei der Ausbildung von angehenden Medizinern, Gesundheitswissenschaftlern, Pflegefachleuten und vielen anderen Gesundheitsprofessionen bewährt, liegt der Band nun in der dritten, vollständig überarbeiteten und erweiterten Auflage vor.
Herausgeber und AutorInnen
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann war langjähriger Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld, bevor er zur Hertie School of Governance in Berlin wechselte. Prof. Dr. Theodor Klotz ist Leiter der Abteilung Urologie, Andrologie und Kinderurologie am Klinikum Weiden. Und Prof. Dr. Jochen Haisch leitet die Abteilung „Prävention und Gesundheitsförderung“ am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Ulm.
Neben den Herausgebern haben an dem Lehrbuch 63 Autorinnen und Autoren mitgewirkt, allesamt namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, wobei die Medizin überproportional stark vertreten ist.
Entstehungshintergrund
Fünf Jahre nach dem Erscheinen der ersten Auflage (2004) des vorliegenden Lehrbuches war auch die zweite Auflage (2007) ausverkauft. Vor allem den Verlag, die Herausgeber sowie die Autorinnen und Autoren dürfte es gefreut haben, dass sich „Prävention und Gesundheitsförderung“ als führendes Lehrbuch etabliert hat und sowohl in medizinischen als auch in gesundheitswissenschaftlichen, pflegewissenschaftlichen, psychologischen, pädagogischen und soziologischen Studiengängen und Weiterbildungsprogrammen eingesetzt wird.
Über die Bedeutung ihres Lehrbuches, das ihm zugrunde liegende Konzept und die Auswahl der Autorinnen und Autoren schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort: „Für Herausgeber eines Lehrbuches ist es eine große Bestätigung, wenn sie das Wachstum desjenigen Wissensgebietes konstatieren können, das von diesem Buch thematisiert wird. Der Boom der eng miteinander verflochtenen Versorgungsbereiche ‚Krankheitsprävention’ und ‚Gesundheitsförderung’ ist unserer Einschätzung nach nicht zuletzt dadurch zustande gekommen, dass hiermit Ansätze und Strategien aus einem biomedizinisch-personenorientierten mit einem sozialwissenschaftlich-bevölkerungs-orientierten Paradigma zusammengeführt werden. Das vorliegende Lehrbuch hat bewusst auf die Verzahnung, möglichst sogar Integration dieser beiden unterschiedlichen, sich komplementär zueinander verhaltenden Konzepte gesetzt. Die Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge wurden sorgfältig danach ausgewählt, dass sie eine solche interdisziplinäre und zugleich intersektorale Vorgehensweise befürworten“ (S. 9).
Aufbau
Das sehr übersichtlich gegliederte Lehrbuch, das am Ende über ein ausführliches Sachregister verfügt, umfasst nach einem Vorwort der Herausgeber die folgenden 6 Teile mit insgesamt 38 Kapiteln:
- Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung (Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz und Jochen Haisch)
- Theorien der Krankheitsprävention und des Gesundheitsverhaltens (Ilse Kryspin-Exner und Nina Pintzinger)
- Konzepte und Strategien der Prävention (Anja Leppin)
- Konzepte
und Strategien der Gesundheitsförderung (Thomas
Altgeld und
Petra Kolip)
Teil 2: Prävention und Gesundheitsförderung im Lebenslauf
- Prävention und Gesundheitsförderung im Kindheitsalter (Michael Erhart, Veronika Ottova und Ulrike Ravens-Sieberer)
- Prävention und Gesundheitsförderung im Jugendalter (Martin Pinquart und Rainer K. Silbereisen)
- Prävention und Gesundheitsförderung im Erwachsenenalter (Toni Faltermaier)
- Prävention
und Gesundheitsförderung im hohen Alter (Andreas
Kruse)
Teil 3: Prävention somatischer Störungen und Krankheiten
- Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten (Nikos Werner und Michael Böhm)
- Prävention von Krebserkrankungen (Theodor Klotz)
- Prävention von Atemwegserkrankungen (Franz Petermann und Ulrike de Vries)
- Prävention durch körperliche Aktivität (Wildor Hollmann)
- Prävention muskuloskeletaler Erkrankungen (Ralf Decking, Markus Flören und Wolfhart Puhl)
- Prävention von Adipositas (Thomas Böhler und Michael Dziuk)
- Prävention von Diabetes (Andreas Icks und Wolfgang Rathmann)
- Prävention von Infektionskrankheiten (Hedwig Roggendorf, Ursula Schlipköter und Rolf Weitkunat)
- Prävention von Zahn., Mund- und Kieferkrankheiten (Harald Strippel)
- Prävention neurologischer Erkrankungen (Albert C. Ludolph und Johannes Brettschneider)
- Prävention
somatischer Krankheiten durch die Humangenetik (Stefan
Aretz und
Peter Propping)
Teil 4: Prävention psychosomatischer und psychischer Krankheiten
- Prävention chronischer Stressbelastung (Johannes Siegrist und Olaf von dem Knesebeck)
- Prävention depressiver Erkrankungen (Walter Rätzel-Kürzdörfer und Manfred Wolfersdorf)
- Prävention von Suchterkrankungen (Gerhard Bühringer und Anneke Bühler)
- Prävention von Anorexia nervosa (Alexa Franke)
- Prävention
von Suiziden (Manfred
Wolfersdorf)
Teil 5: Zielgruppen und Settings der Prävention und Gesundheitsförderung
- Prävention und Gesundheitsförderung in der Arztpraxis (Jochen Haisch)
- Prävention und Gesundheitsförderung im Krankenhaus (Jürgen M. Pelikan, Hermann Schmied und Christina Dietscher)
- Prävention und Gesundheitsförderung im Öffentlichen Gesundheitsdienst (Manfred Wildner und Uta Nennstiel-Ratzel)
- Prävention und Gesundheitsförderung in Familien und Schulen (Peter-Ernst Schnabel)
- Prävention und Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz (Uwe Lenhardt und Rolf Rosenbrock)
- Prävention und Gesundheitsförderung in Kommunen (Alf Trojan und Waldemar Süß)
- Prävention und Gesundheitsförderung bei Männern und Frauen (Martin Merbach und Elmar Brähler)
- Prävention
und Gesundheitsförderung bei Migranten (Rainer
Hornung)
Teil 6: Gesundheitspolitische Umsetzung
- Gesundheitspolitische Umsetzung von Prävention und Gesundheitsförderung (Kai Mosebach, Friedrich Wilhelm Schwartz und Ulla Walter)
- Prävention gesundheitlicher Ungleichheiten (Simone Weyers und Matthias Richter)
- Präventionspolitik im europäischen Vergleich (Christian Gerike und Reinhard Busse)
- Kosten und Finanzierung von Prävention und Gesundheitsförderung (Evelyn Plamper und Stephanie Stock)
- Neue Medien der Prävention und Gesundheitsförderung (Jacqueline Kerr und Ernesto Ramirez)
- Möglichkeiten und Grenzen der Prävention und Gesundheitsförderung (Jochen Haisch, Theodor Klotz und Klaus Hurelmann).
Teil 1: Grundlagen und Konzepte von Prävention und Gesundheitsförderung
Inhalt
Zunächst kann allgemein festgehalten werden, dass das Spektrum der behandelten Themen im vorliegenden Band sehr breit gestreut ist. So wird in den ersten beiden Teilen ein sehr guter Überblick über die Grundlagen der modernen Prävention und Gesundheitsförderung sowie die Entwicklung lebenslaufbezogener Konzepte geboten, während die beiden anschließenden Teile die spezifische Prävention bei den wichtigsten somatischen, psychosomatischen und psychischen Krankheiten behandeln. Im danach folgenden Teil wird Prävention und Gesundheitsförderung in Arztpraxen, im Krankenhaus und im Öffentlichen Gesundheitsdienst, am Arbeitsplatz, in Schulen und Kommunen sowie auch bei Migranten, Männern und Frauen behandelt, während der letzte Teil schließlich Vorschläge zur gesundheitspolitischen Umsetzung moderner Präventionsstrategien diskutiert.
Für die dritte Auflage wurde das Lehrbuch vollständig überarbeitet und erweitert. Hatte die erste Auflage aus dem Jahre 2004 – vergleiche die Rezension von Monika Köppel unter www.socialnet.de/rezensionen/1523.php – noch einen Umfang von 413 Seiten, verzeichnete die zweite Auflage von 2007 bereits 422 Seiten, während die vorliegende Auflage nun einen Umfang von 453 Seiten hat, wobei besonders Beiträge in der Rubrik „Prävention der psychosomatischen und psychologischen Störungen“ hinzugekommen sind. Daneben wurde aber auch die Rubrik „Prävention somatischer Störungen und Krankheiten“ leicht ausgebaut und die Rubriken „Grundlagen und Konzepte der Prävention und Gesundheitsförderung“ und „Zielgruppen und Settings der Prävention und Gesundheitsförderung“ ergänzt.
Bemerkenswert ist, dass sowohl das Lehrbuch insgesamt als auch die einzelnen Kapitel übersichtlich gegliedert ist. Besonders wichtige Passagen der einzelnen Beiträge sind blau unterlegt, ebenso wie Tabellen und Diagramme. Am Ende von jedem Beitrag finden sich Prüfungsfragen, die zum Lernen besonders hilfreich sind, und Hinweise auf die zitierte Literatur, ferner Leseempfehlungen, die für ein vertieftes Studium sehr nützlich sind.
Sämtliche Beiträge im Einzelnen vorzustellen, würde den Rahmen der vorliegenden Besprechung sprengen. Stellvertretend für andere sei hier nur auf das erste und letzte Kapitel verwiesen, für sich die drei Herausgeber verantwortlich zeichnen. Im 1. Kapitel „Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung“ (S. 13-23) bieten Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz und Jochen Haisch einen gelungenen Einstieg in die Thematik, indem sie zunächst die Begriffe Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung definieren, deren Wirkungsprinzip und Möglichkeiten erläutern und nach deren Bedeutung als Bestandteile der Versorgung fragen. Ihres Erachtens spielen die beiden Interventionsformen Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung trotz des Voranschreitens präventiven Denkens und Handelns in der Versorgungslandschaft der meisten westlichen Länder „bislang noch eine strukturell untergeordnete Rolle“ (S. 18). Der wesentliche Grund hierfür sehen sie in der Ausrichtung des gesamten gesundheitlichen Versorgungssystems auf die Kuration und Therapie von Krankheiten. Nach Ansicht der Autoren lassen sich dabei die Anforderungen, die sich aus der Verschiebung des Krankheitspanoramas hin zu den chronischen Erkrankungen ergeben, strukturell durch eine auf Kuration und Therapie ausgerichtete Krankheitsversorgung nicht ausreichend erfüllen. Diese verlange vielmehr „eine erheblich stärkere Verankerung von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung im Versorgungssystem“ (S. 19). Eine gesundheitspolitische Stärkung der Rolle von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung sei dabei nur im Rahmen eines umfassenden Konzepts der Sozial- und Gesellschaftspolitik zu verwirklichen, wobei neben dem Gesundheitssystem auch andere Politikbereiche wie Wirtschaft, Arbeit, Bildung, Wissenschaft, Umwelt, Städtebau, Verkehr und Verbraucherschutz berücksichtigt werden müssten. Inwieweit sich Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung im Gesundheitssystem weiter durchsetzen werde, hänge nicht zuletzt davon ab, ob es gelinge, ihren politischen und wirtschaftlichen Nutzen nachzuweisen.
Im letzten Kapitel „Möglichkeiten und Grenzen der Prävention und Gesundheitsförderung“ (S. 430-438) weisen Jochen Haisch, Theodor Klotz und Klaus Hurrelmann zunächst noch einmal auf die enorme Bandbreite der Möglichkeiten von Prävention und Gesundheitsförderung hin, die den gesamten Lebenslauf eines Individuums, seine körperlichen und seelischen Erkrankungen, umfassten. Grundlegendes Theoriekonzept sei dabei das „bio-psycho-soziale Modell“, also die Vorstellung eines dynamischen Gleichgewichts von Gesundheit und Krankheit auf der Grundlage biomedizinischer, psychosozialer und auch ökologischer Einflussfaktoren. Bislang würden aber „nur wenige Fächer der Medizin“ biopsychosozial arbeiten. Im Hinblick auf die Grenzen von Prävention und Gesundheitsförderung weisen die Autoren sodann auf Defizite der ambulanten und stationären Versorgung hin. Ihrer Meinung nach dürfe Gesundheit „nicht nur für finanziell Bessergestellte verfügbar sein“. Ebenso wenig dürfe Gesundheit „nicht staatlich verordnet oder zur staatlich kontrollierten und sanktionierten Pflicht des Einzelnen werden“. Maßnahmen von Prävention und Gesundheitsförderung sollten vielmehr „der Entscheidung des Einzelnen anheim gestellt werden“ (S. 434)
Im Hinblick auf die Zukunft werden schließlich noch die durch die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung formulierten „Forderungen an den Deutschen Bundestag zur Weiterentwicklung von Gesundheitsförderung und Prävention“ vorgestellt, ebenso wie Hinweise auf die aktuelle Situation in unseren Nachbarländern Österreich und Schweiz.
Fazit
Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz und Jochen Haisch haben ein gelungenes und daher sehr empfehlenswertes Lehrbuch zur Prävention und Gesundheitsförderung herausgegeben, das sowohl für medizinische als auch für gesundheitswissenschaftliche, pflegewissenschaftliche, psychologische, pädagogische und soziologische Studiengängen und Weiterbildungsprogrammen hervorragend geeignet ist.
Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 18.08.2010 zu: Klaus Hurrelmann, Theodor Klotz, Jochen Haisch (Hrsg.): Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 3., vollst. überarbeitete Auflage. 420 Seiten. ISBN 978-3-456-84866-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9949.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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