Karin Wilkening, Roland Kunz: Sterben im Pflegeheim
Karin Wilkening, Roland Kunz: Sterben im Pflegeheim. Perspektiven und Praxis einer neuen Abschiedskultur. Vandenhoeck und Ruprecht (Göttingen) 2003. 271 Seiten. ISBN 978-3-525-45631-6. 19,90 EUR.
Anspruch des Buchs
Karin Wilkening und Roland Kunz schreiben einen Text für "interessierte Mitmenschen und kreative Fachleute" (9), da fühlt man sich gleich doppelt angesprochen. Und es gelingt den beiden wirklich gut, diesen Selbstanspruch kompetent, verständlich und antidepressiv einzulösen.
Aufbau und Inhalte
Das Buch kontextualisiert zunächst das Thema durch Demographie, Altersstereotype und Hospizbewegung. Dann steht das wachsende Problem der demenziell veränderten Menschen und der Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen, ohne sie zu umgehen im Blickpunkt (2.Kap.). Die integrierte Versorgung ("Palliative Geriatrie"), in der vor allem ärztliche Expertise bedeutend ist - nicht wenige alte Menschen sind chronische Schmerzpatientinnen - nimmt wichtige Dimensionen der Schmerz- und Symptomkontrolle, der Lebensqualitätsdiskussion auf. Diese Analyse und das Qualitätsentwicklungsinstrument eines "Netzwerks Abschiedskultur" bilden das Herzstück des Buches. Von der Aufnahme ins Heim bis zur Aufbahrung werden wichtige multiprofessionelle Dimensionen einer menschenwürdigen Kultur des Abschieds, die in die Abläufe des Heimes zu integrieren ist, differenziert. Abschliessend werden Modellprojekte, Initiativen und Praxisbeispiele aus dem In- und Ausland vorgestellt. In einem ausführlichen kommentierten Anhang ist viel Wissen aus dem Feld versammelt: Projekte, Literatur, Weitertbildungen.etc.
Diskussion
Die multidisziplinäre Kompetenz und die gleichzeitige Praxisnähe machen dieses Buch zu einem unverzichtbaren Meilenstein für die Diskussion um eine Integration der hospizlichen und palliativen Kultur in die Pflegeheime.
Gerne würde man dieser Perspektive, die letztlich eine Optimierung des Bestehenden ist, eine Ergänzung durch Zukunftsszenarien wünschen. Die Zukunft wird zwar leicht skizziert (18), oder fokussiert angedeutet ("Heime gehören abgeschafft!" S 73), es lohnte sich mehr an einer Vision der Versorgung zu arbeiten, die der Demographie für das Jahr 2030 entspricht.
Die Autorinnen sind beide anerkannte, kompetente internationale Experten. Leidenschaftlich und optimistisch engagiert, glaubwürdig und empathisch. Da passt der ironisierende Zynismus der Karikaturen nicht in die Didaktik und die inhaltlichen Intentionen. Die beiden Grafiken (25 und 67) sollten in der zweiten Auflage verschwinden. Ebenso würde man sich wünschen, dass der etwas trivialisierte Optimismus zu den Patientenverfügungen (35,41 und im Anhang) eine stärkere Problematisierung erfährt. Die einseitige Orientierung am Konzept der Autonomie führt in der Tat zur Selbstabschaffung und zur Legitimation der assistierten Tötung. Dies hat die schweizer Akademie der Wissenschaften soeben konstatiert und legalisiert. Dem Buch entsprechen würde eine Rezeption der Menschenwürde im Spannungsfeld von Autonomie und Fürsorge, Angewiesenheit und sozialer Teilhabe, wie es vor allem Klaus Dörner (Die Gesundheitsfalle, Düsseldorf:Econ 2003) jüngst nachdrücklich formuliert hat. Auch ist der Widerspruch auffallend Palliativersorgung als interprofessionelle Expertise, als Teil einer Organisationskultur zu sehen und gleichzeitig Palliative Care lediglich als "Haltung" (87) diminuieren.
Fazit
Diese Beobachtungen stehen im Interesse der Verbereitung dieses Buches, das für die gesamte gesellschaftliche Diskussion von großer Bedeutung sein wird. Es gehört vor allem auch in die Hände von Politikerinnen, auf den Schreibtisch der Verantwortlichen in den Sozial-, Gesundheits- und Versicherungssysteme und unter das Kopfkissen aller, die in unseren Pflegeheimen für die schwachen, kranken, lobbylosen, alten Menschen da sind und dadurch die Würde von uns scheinbar Starken, Jungen und Gesunden retten.
Rezensent
Univ.-Prof. Dr. Andreas Heller
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Zitiervorschlag
Andreas Heller. Rezension vom 10.02.2004 zu: Karin Wilkening, Roland Kunz: Sterben im Pflegeheim. Vandenhoeck und Ruprecht (Göttingen) 2003. 271 Seiten. ISBN 978-3-525-45631-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/995.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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