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Udo Fr. Schmälzle: Menschen, die sich halten - Netze, die sie tragen

Cover Udo Fr. Schmälzle: Menschen, die sich halten - Netze, die sie tragen. Analysen zu Projekten der Caritas im lokalen Lebensraum. Lit Verlag (Münster) 2008. 546 Seiten. ISBN 978-3-8258-1530-1.

Reihe: Diakonik - Band 6.

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Thema

Der aus einem Forschungsprojekt des deutschen Caritasverbandes heraus entstandene Band beschäftigt sich mit dem Thema des freiwilligen Engagements im Lebensraum der Menschen. Hintergrund des Projekts sind die in den letzten Jahren beobachtbaren Umbauarbeiten am Wohlfahrtsstaatsmodell der BRD und die in diesem Zusammenhang diskutierten Ideologien einer neuen Subsidiarität und Solidarität, die wesentlich von Eigenverantwortung und Bürgerschaftlichem Engagement geprägt sind. Hierbei rückt auch die Gemeinde und deren diakonisches Profil wieder in den Mittelpunkt des Interesses, weil hier Potenziale freiwilligen Engagements vorhanden sind, deren Aktivierung sowohl auf der verbandlichen Ebene der Caritas als auch auf der kirchlichen Ebene deutliche Defizite aufweist. Der vorliegende Band dokumentiert lebensräumliche Projekte, die auf die Verbesserung der Bedingungen von Menschen im Lebensraum abzielen und zugleich die Entwicklung der Diakonie der Gemeinden im Auge haben.

Aufbau und Inhalt

Im Anschluss an eine knappe Skizzierung der wesentlichen Elemente eines aktivierenden Sozialstaats und dessen Zielsetzungen konzentriert sich der Band auf die Darstellung der zentralen Ergebnisse des Forschungsprojekts. Dem liegen insgesamt 353 Lebensraumprojekte in katholischen Kirchengemeinden zu Grunde, von denen 22 für eine detaillierte Analyse ausgewählt wurden. Diese wurden in einem zweiten Schritt differenziert untersucht, wobei insbesondere Interviews mit verschiedenen Akteuren durchgeführt wurden. Vergleichende Auswertungen bilden die Basis der im Band dargestellten Arbeitsschwerpunkte der Projekte, ihrer Zielsetzungen und Finanzierung.

Im Mittelpunkt des Bandes steht die Dokumentation der einzelnen Lebensraumprojekte in Form einer Längsschnittanalyse, wobei es sich für den Leser als vorteilhaft erweist, dass in der Darstellung versucht wurde, eine einheitliche Gliederung durchzuhalten. Auch vereinfachen schematische Zusammenfassungen die Lektüre. Im Anschluss an die Dokumentation der einzelnen Projekte wird durch eine Querschnittsanalyse eine synoptische Auswertung der Einzelprojekte vorgenommen. Dabei werden auf projektübergreifende Zielsetzungen wie die Stärkung ressourcenschwächerer Gruppen im Lebensraum der Gemeinden und die Verbesserung der materiellen und kommunikativen Situation eingegangen und die Konzepte analysiert, mit denen die Projekte versucht haben, Verbesserungen herbeizuführen. Schwerpunkte bilden hierbei die Vernetzung mit karitativen und kommunalen Institutionen, die Entwicklung von Gruppenangeboten und die Verknüpfung von sozialer und karitativer Arbeit. Es gelang aus Sicht der Autoren dabei den meisten Projekten eine Beteiligung von BewohnerInnen im Rahmen ehrenamtlichen Engagements herbei zu führen und die Beteiligung ressourcenschwächerer BewohnerInnen an den Angeboten der Projekte zu verwirklichen. Als ein bedeutsamer Faktor für die Entstehung von Konflikten stellt sich die Finanzierung der Projekte dar. Insbesondere bei Pastoralprojekten mit ausschließlicher Finanzierung durch die Pfarrgemeinde wurden Ergebnisse erwartet, die bei nachhaltiger Verfehlung kritische Nachfragen und die drohende Möglichkeit von Etatkürzungen bewirken konnten.

Auch von Konflikten zwischen ProjektmitarbeiterInnen und den universitären Experten berichtet der Band: diese entzündeten sich maßgeblich an der Frage des Einbezugs schwer aktivierbarer Bevölkerungsgruppen, da die Mitarbeiter vor Ort deren Engagementbereitschaft oft für nicht langfristig gesichert ansahen.

Ein immer wieder diskutiertes Problem bei der Aktivierung freiwilligen Engagements ist die Zusammenarbeit von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen. In der überwiegenden Anzahl der dargestellten Projekte (16 von 22) waren Ehrenamtliche aktiv, z.T. auch in leitender Funktion. Während die Ehrenamtlichen ihr Engagement zumeist auf das eigene Arbeitsumfeld begrenzten, hatten die Hauptamtlichen stärker die Erreichung der projektierten Ziele im Blick und waren auch bestrebt, die im Projekt eingesetzten Methoden mit Blick auf die Zieldimension zu reflektieren. Der Band kommt in der Querschnittanalyse zu dem Fazit, dass die Gemeinden die Ehrenamtsarbeit vernachlässigt haben und die vorhandenen Potenziale nicht ausgeschöpft worden sind. Als Ursache hierfür könnte eine Engführung des Gemeindeverständnisses genannt werden, welches sich auf liturgische Vollzüge konzentriert und die Diakonie der Gemeinden in den Hintergrund geraten lässt. Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die Konkurrenz von Gemeindecaritas und Kirche mit Blick auf das Ehrenamt, weil gerade mit Bezug auf qualifizierte Ehrenamtliche die Möglichkeiten der Gemeindecaritas weitaus größer sind als die der Kirche. Diese Differenz macht sich auch in der Bilanzierung der Projektergebnisse geltend: während beim Caritasverband die Vorteile lebensräumlicher Arbeit und die Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements die damit verbundenen Schwierigkeiten überwogen, war die Gewichtung für die Kirchengemeinden weniger eindeutig. Eine Identifikation weiter Gemeindeteile mit der Arbeit zeigte sich nur dort, wo in die Konsensarbeit auch von Seiten der Projekte besonders investiert wurde.

Diskussion

Die Diskussion um das Bürgerschaftliche Engagement und dessen Stellenwert für die Zukunft des Sozialstaats nimmt in der wissenschaftlichen und praxisbezogenen Diskussion inzwischen einen breiten Raum ein. Während einerseits eine nicht zu übersehende Idealisierung freiwilligen Engagements betrieben wird, weil sich hiermit die Hoffnung auf die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts verbindet, sind nüchterne empirische Bilanzierungen und Analysen der praktischen Umsetzung von Freiwilligenstrategien eher die Ausnahme. Der vorliegende Band zeichnet sich dadurch aus, dass er durch eine detaillierte und offene Darstellung unterschiedlicher Projekte mit ähnlicher Zielsetzung eine Fülle von Material liefert, aus der diejenigen, die an der Verwirklichung von Ehrenamtskonzepten interessiert sind, viel lernen können. Konflikte und Probleme werden offen angesprochen, Lösungsmöglichkeiten diskutiert und auch nicht erreichte Zielsetzungen sorgsam dokumentiert. In dieser Hinsicht erweist sich der von Schmälzle herausgegebene Band als eine Fundgrube für die konzeptionelle Arbeit mit Freiwilligen im Umfeld von Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbänden. Die dargestellten Ergebnisse sind darüber hinaus nicht nur für die Kooperation von Gemeinden und Caritasverband von Interesse, sondern sprechen Dimensionen der Ehrenamtsarbeit an, die für alle im sozialen Bereich Tätigen von Bedeutung sind. Deutliche Defizite weist der Band im einleitenden theoretischen Teil auf, wo der Leser teilweise den Eindruck gewinnt, die Autoren seien den Verheißungen des aktivierenden Sozialstaats selber erlegen und würden dem ideologischen Kontext eines auf Eigenverantwortung getrimmten Sozialstaats Glauben schenken. Allerdings sind diese theoretischen Schwächen an keiner Stelle maßgeblich für die empirische Analyse, die im Gegenteil auch die Schwierigkeiten der Aktivierung des sog. Bürgerschaftlichen Engagements deutlich benennt. Es wäre hilfreich gewesen, in einem abschliessenden Fazit noch einmal den in der Einleitung entwickelten Diskussionsbeitrag zum Sozialstaatsumbau aufzugreifen und vor dem Hintergrund der Projektergebnisse zu spiegeln.

Fazit

Denjenigen, die glauben, freiwilliges Engagement sei mehr als eine ergänzende Ressource der Unterstützung von Menschen in ihren Lebenswelten, und man könne mittels des bürgerschaftlichen Engagements eine ganz neue Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts konstruieren, müssten die Projektergebnisse jedenfalls irritierend ins Auge springen. Für die dienstleistungstheoretisch immer bedeutsamere Frage der Zusammenarbeit von Gemeinden und kirchlichen Verbänden allerdings bietet der Band Lernmaterial in Hülle und Fülle und kann den dort Tätigen zur Lektüre nur eindringlich empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Fachhochschule Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
Homepage www.efh-bochum.de/homepages/wohlfahrt
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 23.08.2010 zu: Udo Fr. Schmälzle: Menschen, die sich halten - Netze, die sie tragen. Lit Verlag (Münster) 2008. 546 Seiten. ISBN 978-3-8258-1530-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9972.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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