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David A. Crocker: Ethics of Global Development

Cover David A. Crocker: Ethics of Global Development. Agency, Capability and Deliberate Democracy. Cambridge University Press ( CB28RU Cambridge, U.K.) 2008. 416 Seiten. ISBN 978-0-521-88519-5.

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Autor

David A. Crocker ist Senior Research Scholar am Institut für Philosophie und öffentliche Politik an der Universität von Maryland. Er ist Begründer und früherer Präsident der „International Development Ethics Association“ (IDEA). Seine Vorstellungen zur Entwicklungsethik fußen auch auf einem einjährigen Forschungs- und Lehraufenthalt in Costa Rica: „My 1986-7 year in Costa Rica was also important for the movement and instituionalization of development ethics“ (S.15).

Entstehungshintergrund

Nach Crocker sind es fünf Plagen die die Welt heimsuchen:

  1. Armut,
  2. Ungleichheit,
  3. Gewalt,
  4. Umweltzerstörung und
  5. Tyrannei.

In diesem Buch will der Autor Ziele und Möglichkeiten auf lokaler, nationaler und globaler Ebene darstellen, diese Heimsuchungen zu überwinden. Deshalb setzte sich der Verfasser intensiv mit dem Werke Amartya Sens auseinander, dessen Entwicklungsphilosophie. Dies führte zur Revision seines bisherigen Denkens und zur Einsicht: „In the next five years or so following my return from Costa Rica, I had what I now see as a gradual intellectual conversion. I came to see the importance of Amartya Sen`s und Martha Nussbaum`s ethical based perspectives – both joint and separate – on international development” (S.16).

Er will darstellen, dass „Sen`s recent turn to robust ideals of human agency and democracy improves on both Sen`s earlier emphasis on “capability and functions” und Martha Nussbaum`s version of capability orientation” (Vorwort).

Damit will er den capability Ansatz (CA), der in Deutschland zunehmend Beachtung findet, um die Agency Perspektive und seine Bedeutung für Entwicklung erweitern. Hierbei geht es vor allem auch um die Rolle von mitwirkenden und beratenden Institutionen.

Das Buch ist „the culmination of thirty years of teaching and writing in development ethics“ (S.X).

Aufbau

Insgesamt will dieses Werk globale Entwicklungsethik darstellen. Es „explains, justifies, applies, and extends ethical reflection on development goals, policies, projects, and institutions from the local to the global level“ (S.1). Diese Monographie ist in vier Hauptkapitel gegliedert:

Part I: Development ethics

In zwei Unterkapiteln werden Übereinstimmungen, Kontroversen und Herausforderungen zur Entwicklungsethik dargestellt und die Theorie und Praxis der Entwicklung.

Part II: The capability approach: ethical foundation. Hier werden in drei Kapiteln die abschließenden, zusammenfassenden und erweiternden Betrachtungen zur Handlungsbefähigung durch die Auseinandersetzung mit dem Sen`schen und Nussbaum´schen Ansatzes des capability-approach vorbereitet. Zunächst wird dargestellt, welche alternativen theoretische Perspektiven zur Erfassung fundamentaler ethischer Fragen Sen und Nussbaum kritisieren, nämlich: „Commodity approaches, utilitarianism und basic needs“(S.109). Dem schließt sich eine Analyse an „where Sen and Nussbaum agree and where they differ with respect to the orientation´s fundamental ethical concepts of functioning, capability, and agency” (S.109). Darüber hinaus setzt sich der Verfasser das Ziel, „I evaluate the merits and weakness of these two versions of the capability orientation and begin to work out a version that retains the virtues of each without their respective shortcomings” (S. 109)

Part III: Strengthening and applying the capability approach. Hier geht es dem Autor um die Stärkung und Anwendung des capability-approachs. Er setzt sich in einem ersten Kapitel mit „agency, responsibility, and consumption“ auseinander, um dann in einem weiteren sich mit „hunger, capability, and agency-oriented development“ zu beschäftigen.

Part IV: Deliberative democracy, participation and globalisation. In drei abschließenden Kapiteln verdichtet der Autor seine Argumentation: Der capability-approach wird mit der „deliberative democracy“ in Verbindung gebracht. Es geht außerdem um die Partizipation im Bereich der lokalen Entwicklung und zum Abschluss weitet Crocker seinen Blick auf den Zusammenhang von Entwicklungsethik, Demokratie und Globalisierung. Unter „deliberative democracy“ versteht der Autor in Anlehnung an John Rawls das Modell einer Demokratie,die „emphasizes the exchange of reasons in the making of democratic decisions“ (S.309).

In diesem Sinne ist deliberative democracy „a collective device not only to solve concrete problems but also to make fair decisions. Here fairness means that each member is treated with respect in that each member has the right to make his voice heard and to contribute to the final decision” (S.311). Crocker fasst zusammen: The point of deliberation is to provide a fair way to morally free and equal group members to cooperate together and forge – through the give and take of proposals, reasons, and criticisms – a reasoned agreement about their goals, values, policies, and actions. As a result, deliberative democracy publicly “transforms” rather than merely aggregates preferences” (S.312). Crocker verwirft gleichzeitig den Anspruch von Martha Nussbaum, die eine universell gültige Liste zu Gewährleistung eines würdigen Lebens entwickelt hat. Diese Liste ist für ihn zu sehr auf „constitutionelly embodied and governementally guaranteed entitlements“ (S. 348) eingegrenzt. Alkire, der er sich argumentativ anschließt, die auch wesentlich zur Entwicklung und Ausgestaltung des CA beigetragen hat, äußert „serious reservations about outsiders or even insiders using such a list on the local level“ (S.348). Den Sen`schen Ansatz sieht Crocker als besser geeignet an, sich mit Partizipation lokal und global auseinanderzusetzen. Man muss die vielfältigen „dimensions or categories of human development“ (S.348) berücksichtigen. Auch wenn es Einwände (S. 361ff.) gegen den capability approach und die Vorstellung der „deliberative partizipation“ gäbe, so u.a. die Realisierbarkeit, der Vorzug von hierarchischen Entscheidungsstrukturen, die Unbestimmheit des Ansatzes, die Beanspruchung des Vorranges von Gleichheit und Demokratie, so kommt der Autor doch zu der Erkenntnis des großen theoretischen und praktischen Stellenwerts des „agency-focused capability plus deliberative democracy“ (abgekürzt: ACDD) approachs. Gerade im Prozess der Globalisierung käme es darauf an, diesen Prozess zu humanisieren und zu demokratisieren. Dafür gälte es Prinzipien zu entwickeln, die lokale, nationale und globale Demokratie fördern würden. Der CA-Ansatz in der von ihm erweiterten Version könne dazu einen erklärenden, aber auch handlungsorientierenden Beitrag leisten. Dies impliziert, Globalisierung als vielfältigen und vielschichtigen Prozess nicht nur auf bestimmte Aspekte wie z.B. ökonomische und technologische Aspekte zu reduzieren, nicht nur kritisch zu sehen, sondern sie auch als Transformation zu begreifen. Globalisierung ist „more or less contingent, open und multidemensional“, sie werde von Exklusion- und Inklusionsprozessen begleitet es gäbe „new winners and new losers“ (S.380). So ist es nur konsequent, dass es darum geht, entwicklungsethische Prinzipien auszugestalten: „In a globalizing world, development ethics takes on the additional task of offering an ethical appraisal of the global order and suggesting more just ways of managing new and evolving global internconnectedness“ (S.380).

Das Problem sei die Bewertung dieser ethischen Prinzipien, denn es sei nicht unbedingt klar, „which are the best future options requires the application of ethical criteria and judgements about global as well as national justice” (S381). So schließt sich für den Autor der Argumentationskreis: Der am meisten Erfolg versprechende normative Ansatz zur Ausgestaltung ethischer Prinzipien ist die „“agent-oriented“ capability perspective“, eine Konzeption, in der „the human as agent“ gesehen werden und das „human well-beeing as a plurality of capabilities and functionings“ (S.389) betrachtet wird. Denn, „agency and these valuable capabilities (or functionings) are the basic for human rights, social justice, and both individual and collective duties“ (S.390).

Erkenntnisgewinn

Das Buch bilanziert ausführlich den Sen`schen Ansatz des capability approachs, seine Ausdifferenzierung und Präzisierung im Verlaufe der Jahre und stellt ihn verstärkt in den Kontext der „deliberative democracy“. Für die Freunde des nun in Deutschland auch zunehmend stärker beachteten capability approach sicherlich ein interessantes Werk. Es ist klar geschrieben, gut aufgebaut.

Wie sich die „deliberative democracy“ faktisch realisiert, dies wäre jedoch weiter auszugestalten. Sind z.B. die Verhandlungen um Stuttgart 21, von H. Geisler moderiert, ein Indiz für die Entstehung „fairer Entscheidungen“ und den Ausbau demokratischer Mitwirkung- und Gestaltungsstrukturen?

Oder sind auch diese Teil einer vorgeblichen Partizipation, die in der Realität an den „Rändern etwas mitgestaltet“ letztlich aber doch nichts an der grundsätzlichen Entscheidungsstruktur ändert?

Ist dieser Ansatz nicht auch voluntaristisch und idealisiert die Handlungsautonomie des Einzelnen und von Gruppen, die sich in der Realität aber an vorhandenen Herrschaftsstrukturen bricht? Derzeitige politische Umbrüche in einigen Mittelmeerländern signalisieren jedoch auch die Bedeutsamkeit und Wirkung des Gemeinschaftshandelns von Menschen zur Gestaltung ihrer Lebensbedingungen. Doch wie weit reichen diese Mitwirkungsmöglichkeiten und woran brechen sie sich doch faktisch?

Hier wäre die Analyse anzusetzen und zu erweitern.

Fazit

Summa summarum: Lesenswert, kenntnisreich argumentierend, einen langen, individuellen Forschungsprozess dokumentierend und systematisch über „agency, capability und „deliberative democracy“ informierend.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 22.02.2011 zu: David A. Crocker: Ethics of Global Development. Cambridge University Press ( CB28RU Cambridge, U.K.) 2008. 416 Seiten. ISBN 978-0-521-88519-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9989.php, Datum des Zugriffs 24.05.2012.


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