Theresa Lang-Graf, Marion Huser: Co-Abhängigkeit. Familie, Kind und Alkohol
Theresa Lang-Graf, Marion Huser: Co-Abhängigkeit. Familie, Kind und Alkohol. Edition Soziothek (Rubigen) 2003. 92 Seiten. ISBN 978-3-03796-018-9. 18,00 EUR.
Zum Thema
Co-Abhängigkeit hat sich in den letzten 10 bis 20 Jahren zu einem wichtigen Thema der Suchtkrankenhilfe entwickelt. Unter Co-Abhängigkeit werden dabei alle Verhaltensweisen und Rollen von Angehörigen, Arbeitskollegen und Vorgesetzen, aber auch Suchtberatern und Suchttherapeuten zusammengefasst, die dazu beitragen, den Prozess der Suchterkrankung aufrechtzuerhalten oder sogar zu fördern. Im Mittelpunkt steht nicht der Abhängige mit seinem Suchtmittelkonsum, sondern z.B. die Familie oder der Arbeitsplatz. Nicht dem Abhängigen muss in erster Linie geholfen werden, sondern das gesamte System muss verändert werden, so die Überzeugung der Anhänger des Konzepts der Co-Abhängigkeit. Dieses Buch beschäftigt sich speziell mit der Co-Abhängigkeit in alkoholbelasteten Familien, wobei das Augenmerk besonders auf die Situation der Kinder gerichtet wird.
Zur Entstehung
Bei diesem Buch handelt es sich um eine 2002 abgeschlossene Diplomarbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern im Studiengang Sozialarbeit. Grundlage des Buches sind neben Literaturrecherchen Gespräche mit Experten und Kindern alkoholabhängiger Eltern. Außerdem verfügen die Autorinnen über eigene Erfahrungen, denn beide sind in Familien mit einem alkoholabhängigen Elternteil aufgewachsen.
Inhalt und Aufbau
Das Buch veranschaulicht, dass dem Familiensystem ein erheblicher Stellenwert bei der Entstehung und der Aufrechterhaltung einer Alkoholkrankheit zukommt. Jedes Familienmitglied einer Alkoholfamilie übernimmt Rollen und Funktionen und entwickelt Überlebensstrategien, um das dysfunktionale Gleichgewicht und die starren Familienstrukturen aufrechtzuerhalten, was wiederum zur Folge hat, dass sich die Alkoholabhängigkeit im System stabilisiert (Kapitel 3, 4). Die über Jahre unbewusst entwickelten Problemlösestrategien prägen die Kinder und beeinflussen ihr Verhalten, ihre Gefühle und ihre Persönlichkeit; dies auch dann noch, wenn sie als Erwachsene nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben (Kapitel 5). Ressourcen, die die Kinder innerhalb des Familiensystems entwickelt haben, werden als Stabilisatoren für das abhängige System missbraucht. Sie können aber dann konstruktiv eingesetzt werden, wenn die eigene Rolle in der Familie aufgearbeitet wird und die verdrängten und abgewehrten Gefühle wieder in das persönliche Leben integriert werden (Kapitel 6). Zum Schluss bieten die Autorinnen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern einen "Werkzeugkoffer" an mit einer Vielzahl von Hinweisen und Ratschlägen für den Umgang mit abhängigen und besonders mit co-abhängigen Familienmitgliedern. Mit dem professionellen Handeln sollen Impulse zur Veränderung der starren Familienstruktur gegeben werden. Das vorrangige Ziel besteht darin, die Kinder zu entlasten und zu schützen (Kapitel 7).
Zielgruppe
Vor allem Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, aber auch andere Personen, die beruflich mit Kindern aus alkoholbelasteten Familien zu tun haben.
Bewertung
Anhand vieler sehr anschaulicher Beispiele machen die Autorinnen deutlich, um was es bei dem Konzept der Co-Abhängigkeit geht und welche Konsequenzen sich daraus für das Verständnis von und den Umgang mit Suchtkranken ergeben. Die Konzentration auf die Kinder von Alkoholikern stellt sicher eine Stärke des Buches dar. Auch der konsequente Bezug auf Sozialarbeit ist positiv zu bewerten. Der "Werkzeugkoffer" stellt eine wertvolle Hilfe für die Praxis dar. Ich kann mir vorstellen, dass man ihn sehr gut in der Ausbildung von Sozialarbeitern, Suchtberatern und Suchttherapeuten verwenden kann.
Das Buch hat aber auch eine Reihe von Schwächen:
- Leider enthält das Buch keine Angaben über die den inhaltlichen Ausführungen zugrunde liegenden Gespräche mit den Experten und den Kindern alkoholabhängiger Eltern.
- Die zitierte Literatur ist teilweise überholt. Die vorhandene Literatur zu Co-Abhängigkeit wurde nur sehr rudimentär ausgewertet. Englischsprachige Literatur, und diese macht den größten Anteil zum Thema Co-Abhängigkeit aus, wurde überhaupt nicht berücksichtigt.
- Suchterkrankungen werden einseitig unter psychologischen und sozialen Aspekten betrachtet. Die moderne biologische Suchtforschung wird ignoriert.
- Die Grenzen des Konzepts der Co-Abhängigkeit werden nicht reflektiert. Gerade die empirische Überprüfung systemischer Ansätze stellt eine große Herausforderung dar.
- An einigen Stellen, insbesondere in den einleitenden Kapiteln, macht sich das enge Korsett einer Examensarbeit negativ bemerkbar.
Fazit
Ein sehr engagiert und anschaulich geschriebenes Buch, das das Konzept der Co-Abhängigkeit sehr facettenreich darstellt. Es enthält wertvolle Hinweise für den Umgang mit Alkoholikern und deren Angehörigen. Ein Buch, das primär die Erfahrungen von Betroffenen und Praktikern zusammenfasst, kein wissenschaftliches Buch.
Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Schulz
Technische Universität Braunschweig
Institut für Psychologie
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schulz. Rezension vom 30.09.2003 zu: Theresa Lang-Graf, Marion Huser: Co-Abhängigkeit. Familie, Kind und Alkohol. Edition Soziothek (Rubigen) 2003. 92 Seiten. ISBN 978-3-03796-018-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/999.php, Datum des Zugriffs 24.05.2012.
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