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Social Distancing © congerdesign Pixabay

Weitermachen, aber nicht wie bisher

20.03.2020    Christian Koch

Inhalt
  1. Vernünftige Entscheidungen in Krisensituationen
  2. Die nächste Verdrängung
  3. Konstruktive Maßnahmen
  4. Zum Weiterlesen: Informationsquellen zum Coronavirus

Vernünftige Entscheidungen in Krisensituationen

Leider fällt es Menschen schwer, in ungewohnten, krisenhaften Situationen vernünftige Entscheidungen zu treffen. Besondere Schwierigkeiten bereiten exponentielle Entwicklungen und fehlende Referenzsituationen. Beides trifft auf die Corona-Pandemie zu, mit der wir derzeit umgehen müssen.

Obwohl in Wuhan die Folgen einer zu spät bekämpften Verbreitung des Virus insbesondere in Form einer Überlastung des Gesundheitssystems überdeutlich zu sehen waren, wurde die Bedrohung in Europa noch wochenlang ignoriert. Erst Verbote haben dazu geführt, dass z.B.

  • Großveranstaltungen wie Fußballspiele abgesagt wurden
  • Skiorte geschlossen wurden, in denen Touristen üblicherweise in Gondeln und Bergbahnen besonders dicht zusammengedrängt werden.

Dass auch Politikern ein freiwilliger, auf Einsicht beruhender Verzicht schwer fällt, hat Friedrich Merz demonstriert, indem er noch am 11. März 2020 auf einer Großveranstaltung vor 700 Personen aufgetreten ist, wenige Tage bevor er positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde.

Ein Flug am 11. März 2020 von Bangkok nach Frankfurt verdeutlicht den unterschiedlichen Umgang. Obwohl in Thailand die Zahl der Infizierten je Einwohner um ein bis zwei Größenordnungen niedriger war als in Deutschland, fanden sich dort praktisch an allen öffentlichen Orten (Museen, Einkaufszentren, Hotels, Flughafen) Möglichkeiten der Händedesinfektion. In den öffentlichen Verkehrsmitteln tragen gut Dreiviertel der Fahrgäste eine Atemschutzmaske. Dies tun auch alle Personen, die viele Kontakte haben, z.B. KassiererInnen oder Flughafenbeschäftigte. Temperaturkontrollen fanden z.B. im Lebensmittelgroßmarkt, im Hotel und am Flughafen statt.

Bei der Ankunft in Frankfurt gab es keinerlei Anzeichen, dass sich Deutschland auf die Pandemie eingestellt hat: keine Schutzmaßnahmen für das Personal, keine Untersuchung oder Befragung der ankommenden Fluggäste und keine Verhaltenshinweise. Bis zum 17. März 2020 wurden selbst Fluggäste aus dem Risikogebiet Iran nicht untersucht, geschweige denn in eine 14tätige Quarantäne gesteckt.

Auf der anderen Seite führen unsinnige Aktionen wie innereuropäische Grenzschließungen, z.B. Polen/Deutschland, nur zu einer Gefährdung von Lieferketten und damit auch der Warenversorgung der Bevölkerung. Die Mobilität und insbesondere die Kontakte zwischen den Menschen müssen vorübergehend reduziert werden. Dabei ist grenzüberschreitende Mobilität als solche nicht besonders gefährlich, sondern die in Risikogebieten und zwischen Risikogebieten und ihrer Umgebung. Diese Überlegung hat zu Recht zu einer ersten Ausgangssperre in einer deutschen Kleinstadt geführt.

Erst in den letzten ein bis zwei Wochen setzt sich bei uns langsam die Erkenntnis durch, dass wir es mit einer völlig neuartigen Situation zu tun haben, die sich schnell dramatisch verschlechtern kann. Stellvertretend für viele andere Zahlen mögen hier die auf das Coronavirus zurückgehenden Todesfälle in Italien von gestern, Mittwoch dem 18. März 2020, gelten: 475 Menschen an einem Tag.

Wenn Sie also derzeit als Leitungs- oder Fachkraft in Krisensitzungen Entscheidungen zu treffen haben, versuchen Sie die völlige Andersartigkeit der Rahmenbedingungen zu akzeptieren und auch sehr weitreichende Entscheidungen als vernünftig zuzulassen.

Die nächste Verdrängung

Um zwei Wochen vorgezogene Schulferien oder auf wenige Wochen befristete Schließungen von Kindertageseinrichtungen erweckten den Eindruck, als könne die Pandemie in wenigen Wochen überstanden sein und dann gilt wieder business as usual. Dem wird wohl nicht so sein. Je eher wir dies akzeptieren, umso konstruktiver können wir uns darauf einstellen.

Je nach Quelle wird in zwei Monaten überhaupt erst der Höhepunkt der Infektionswelle in Deutschland erwartet, sofern die Maßnahmen der Ausbreitungsdämpfung ausreichend umgesetzt werden und ihre Wirksamkeit entfalten. Ein deutlicher Rückgang der Infektionszahlen wird von Experten erwartet, wenn entweder zwei Drittel der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht haben oder Impfstoffe auf breiter Basis eingesetzt werden. Letzteres wird von Optimisten - unter Missachtung bisheriger Sicherheitsstandards bei der Entwicklung und Zulassung - frühestens in sechs Monaten, ansonsten eher in einem Jahr erwartet.

Realistischerweise sollten wir uns also auf deutliche Einschränkungen im Berufs- und Privatleben über mindestens sechs, eher zwölf Monate einstellen.

Wir haben für Sie die Übersicht über wichtige Kongresse und Tagungen am Ende des Newsletters aktualisiert. Hier zeigt sich anschaulich, wie unterschiedlich auch Veranstalter die Entwicklung einschätzen. So wurden zwei Termine vom März bzw. April auf den Juni verlegt, gleichzeitig aber auch größere Veranstaltungen im Juni bereits abgesagt bzw. auf nächstes Jahr verschoben. Wir werden unseren Kongress-, Messe- und Tagungskalender wegen der aktuellen Unsicherheiten jetzt monatlich auf Aktualität überprüfen, um Ihnen eine zuverlässige Übersicht über (nicht mehr) anstehende größere Veranstaltungen zu geben.

Konstruktive Maßnahmen

Wir müssen voraussichtlich für die nächsten Monate einen vertretbaren Mittelweg zwischen funktionierender Gesellschaft inkl. Wirtschaft einerseits und für das Gesundheitssystem verträglichen Infektionsraten andererseits finden.

Kurzfristig stehen Maßnahmen wie Home Office, Videokonferenz, Onlinebildung und -beratung im Vordergrund. Im April werde ich als Dozent erste Erfahrungen mit einem Webinar sammeln. In einem Blogbeitrag bei Host Europe finden Sie eine Übersicht über Software zum Teilen des Bildschirms mit anderen NutzerInnen inkl. Videochat. Weitere Produkte werden in der anschließenden Diskussion genannt. Da viele Produkte kostenlos sind oder kostenlos getestet werden können, können Sie hier problemlos erste Erfahrungen sammeln.

Mittelfristig werden wir uns aber auch Gedanken über Organisations- und Angebotsformen machen müssen. Als Beispiel sei die offene Arbeit in der Kindertagesstätte genannt, für die es gute pädagogische Argumente gibt. So lange jedoch eine Grundimmunisierung der Bevölkerung in Bezug auf SARS-CoV-2 nicht gegeben ist, sind vielleicht kleine "abgeschottete" Gruppen besser als keine allgemeine Kinderbetreuung? So wird in vielen Einrichtungen und Angebotsformen für die nächsten Monate eine Abwägung zwischen Infektionsrisiken und sozialen und pädagogischen Ansprüchen zu treffen sein.

Die Belastung durch die aktuelle Situation zeigt vielerorts, über welche Ressourcen die Gesellschaft und die sozialen Einrichtungen verfügen: konsequentes fachkundiges Handeln, verantwortungsvolle Maßnahmen, hohe Leistungsbereitschaft und Solidarität sind immer wieder zu beobachten und können uns zuversichtlich stimmen.

Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, gute Entscheidungen und einen langen Atem im Umgang mit dem Coronavirus!

Zum Weiterlesen: Informationsquellen zum Coronavirus

  • DIE amtliche Quelle schlechthin ist selbstverständlich das Robert-Koch-Institut (RKI). Hier finden Sie insbesondere Informationen für medizinisches und pflegerisches Fachpersonal, z.B. zur Prävention und Management von Erkrankungen in Alten- und Altenpflegeheimen oder Hygienemaßnahmen für nicht-medizinische Einsatzkräfte. Da die Unterlagen laufend aktualisiert und ergänzt werden, empfiehlt sich ein regelmäßiger Blick auf die Seite bzw. ein Abonnement des RSS-Feeds.
  • Das RKI biete einen Leitfaden zur Risikobewertung von Veranstaltungen. Veranstalter sollten auf dieses Tool zurückgreifen, bevor sie sich ggf. mit dem Gesundheitsamt über die Durchführung einer Veranstaltung abstimmen.
  • Das Auffinden freier Beatmungsplätze wird durch das neue Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin erleichtert.
  • Eine gute Übersicht über die aktuelle Entwicklung der Pandemie mit rund um die Uhr aktualisierten Zahlen bietet das John Hopkins Corona Ressource Center. Die graphische Darstellung funktioniert auch sehr gut auf Mobilgeräten und sie enthält - im Gegensatz zur Statistik des RKIs - auch die inzwischen wieder genesenen Personen.
  • Für Laien gibt es Informationen von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung unter www.infektionsschutz.de, insbesondere auch Hygieneempfehlungen in mehreren Sprachen. Auf diese Seiten können Sie Ihre KlientInnen und Angehörige hinweisen.
  • Aufklärung, insbesondere von Jugendlichen, erfolgt vielleicht am besten DURCH Jugendliche, hier mit einem Video des schweizerischen Onlinemagazins Izzy "Wie man mit einem Ohrwurm einen Virus bekämpft" (oder direkt bei YouTube)
  • Die Thieme Gruppe stellt gebündelt die im Unternehmen verfügbaren relevanten Inhalte auf www.thieme.de/corona kostenfrei bereit. Dazu gehören unter anderem fundierte Patienteninformationen inklusive Symptom-Checker, ein Online-Kurs zu COVID-19, relevante Inhalte aus Thieme Fachzeitschriften und Büchern sowie aktuelle Stellungnahmen verschiedener Fachgesellschaften.

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